30. August 2020

Eini­ge Erkennt­nis­se aus der gest­ri­gen Demons­tra­ti­on der Ewiggestrigen.

Ers­tens. Es gibt zwar noch Rich­ter in Ber­lin, aber der smar­te Gesin­nungs­staat fin­det ande­re Wege, ein Grund­recht zu beschneiden. 

Anfrage an Sender Erewan

Die­se Absper­rung der Sei­ten­stra­ßen – in wohl­ge­merkt bei­de Rich­tun­gen – haben vie­le Zeu­gen bestä­tigt. Dass noch ande­re Sperr­maß­nah­men orga­ni­siert wur­den, ist rei­ne Spe­ku­la­ti­on bzw. ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sches Geraune: 

Zufall

 
Zwei­tens. Der Staat bzw. in die­sem Fal­le eben der Ber­li­ner Senat ist durch­aus imstan­de, eine Demons­tra­ti­on zu stop­pen und in Tei­len auf­zu­lö­sen, sofern deren Teil­neh­mer fried­lich sind, sich nicht ver­mum­men, kei­ne Geschäf­te oder Bus­hal­te­stel­len ent­gla­sen und weder Stei­ne noch Brand­sät­ze wer­fen. Man erleb­te ein Uni­kum: ein Groß­ein­satz der Ber­li­ner Poli­zei, bei dem kei­ne „Stei­ne flo­gen”; wahr­schein­lich gab es auch des­halb kei­ne Vor­wür­fe an die Bul­len, nicht dees­ka­liert zu haben. Sofern die Demons­tran­ten hin­rei­chend fried­fer­tig sind, also weder der links­ex­tre­men noch der isla­mis­ti­schen Sze­ne ange­hö­ren, lässt der Staat bzw. in die­sem Fal­le eben der Ber­li­ner Senat Was­ser­wer­fer und XS-Pan­zer­wa­gen auf­fah­ren – schwe­res Gerät, wie es gegen die Anti­fa nie­mals in Stel­lung gebracht wird – und hun­der­te Per­so­nen verhaften. 

Nach der Black-Lives-Mat­ter-Demons­tra­ti­on in Ber­lin im Juni reagier­te die Innen­ver­wal­tung auf den Vor­wurf, sie habe die Kund­ge­bung trotz mas­sen­haf­ter Ver­stö­ße gegen die Coro­na-Auf­la­gen nicht abge­bro­chen, mit den geflü­gel­ten Wor­ten: „Es ist nicht Auf­ga­be des Staa­tes, den Demons­trie­ren­den vor­zu­schrei­ben, wie sie zu demons­trie­ren haben.”

Drit­tens. 75 Jah­re nach der bis­lang letz­ten Erobe­rung Ber­lins wur­de der Reichs­tag dies­mal erfolg­reich ver­tei­digt. Drei All Cops Are Bas­tards konn­ten durch ihren heroi­schen Ein­satz einen Durch­bruch der Angriffs­kei­le des Fein­des in das Dem deut­schen Kon­strukt geweih­te Gebäu­de gera­de noch ver­hin­dern. Über den beschä­men­den Vor­fall berich­te­te zunächst der kanz­ler­amts­na­he Oppo­si­ti­ons­ka­nal „Anti­fa Zeckenbiss”.

Sturm auf den Reichstag 1

Sturm auf den Reichstag2
   

 
Dani Levy soll bereits die Film­rech­te erwor­ben haben, Marc-Uwe Kling wetzt die rhe­to­ri­sche Klin­ge für das Drehbuch.

Bei der Gele­gen­heit eine klei­ne Rück­blen­de ins Jahr 2010. Ob die Stu­fen des Reichs­ta­ges auch damals ver­tei­digt wur­den, ist nicht bekannt; wahr­schein­lich hät­te es aber Ärger gegeben. 

Gute Stürmer

 
Vier­tens. Vor drei Tagen notier­te ich: „Andre­as Gei­sel, gebo­ren 1966 in Ost­ber­lin, trat mit 18 Jah­ren in die SED ein, was ober­halb eines 100er IQs in den 1980ern prak­tisch nur noch Arsch­lö­cher taten.” Mit Sei­nes­glei­chen scheint der Mann sich aus­zu­ken­nen, wenn auch ein gewis­ser Selbst­hass her­aus­zu­le­sen ist.

Geisel Arschlöcher

Fünf­tens. Das von Gei­sel zunächst ver­füg­te und dann vom Ver­wal­tungs­ge­richt auf­ge­ho­be­ne Demons­tra­ti­ons­ver­bot ist viel­fach kri­ti­siert wor­den – aber nicht von der Kanz­le­rin; die gab zu Pro­to­koll, sie „respek­tie­re” die Ent­schei­dung ihres Mit- bzw. Miet­so­zia­lis­ten, regie­rungs­kri­ti­schen Bür­gern ein Grund­recht strei­tig zu machen. 

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Es besteht ein gro­ßer Unter­schied zwi­schen dem spon­ta­nen Ver­brei­ten von Lügen und der habi­tu­ell gewor­de­nen Verlogenheit. 

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Volks­freund­li­ches Inter­mez­zo (wo die Netz­fun­de recht haben, haben sie recht):

Super

 
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Der hoch­will­kom­me­ne Tem­pel­fre­vel erregt natür­lich die simu­lier­te Empö­rung des polit­me­dia­len Estab­lish­ments. Das Framing steht – unge­fähr wie in Chem­nitz, wo nicht der Mord, son­dern die Pro­tes­te gegen eine sol­che häu­fi­gen Ein­zel­fäl­le begüns­ti­gen­de wenn nicht beför­dern­de Ein­wan­de­rungs­po­li­tik als kri­mi­nell geframt wur­den –, und in weni­gen Tagen wird die Erin­ne­rung an die Pro­tes­te gegen die Coro­na­maß­nah­men nur­mehr noch aus von Nazis ver­an­stal­te­ten Hetz­jag­den auf Frei­trep­pen bestehen. Ein pars pro toto: 

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Das sind weder „Hun­der­te” Durch­bre­cher noch „vie­le” Reichs­flag­gen, son­dern auch hier Tau­sen­de und unüber­seh­bar vie­le. 

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Aber geschenkt. Inter­es­sant ist, dass kaum einer der zu den Mikro­pho­nen und den Twit­ter-Accounts stür­zen­den und sich „ent­setzt” zei­gen­den Poli­ti­ker ver­gaß, sei­nen Hor­ror mit der Flag­ge des Kai­ser­reichs und teil­wei­se auch der Wei­ma­rer Repu­blik zu ver­bin­den, die vor einem Gebäu­de gezeigt wur­de, wel­ches das Kai­ser­reich errich­tet hat und in dem das Par­la­ment sowohl des Kai­ser­reichs als auch der Wei­ma­rer Repu­blik tag­ten – jene des Drit­ten Rei­ches und der Bon­ner Repu­blik ja bekannt­lich nicht –, und zwar die längs­te Zeit sei­nes Bestehens. Das Prä­sen­tie­ren die­ser Fah­ne ist weder ver­bo­ten noch für Gebil­de­te anrü­chig (nicht ein­mal die Reichs­kriegs­flag­ge ist ver­bo­ten, nur die von den Nazis ver­ge­wal­tig­te Ver­si­on mit Haken­kreuz), das sub spe­cie aeter­ni­tis womög­lich bes­te Deutsch­land, das es jemals gab, flagg­te schwarz-weiß-rot. Auch die fort­schritt­lichs­ten Kräf­te, die der­zeit in Kein-schöner-’schland agie­ren, bedie­nen sich übri­gens die­ser pla­ka­ti­ven Farbkombination. 

Leider

Zu sehen waren außer­dem – hier gibt es (einst­wei­len noch) einen Video­mit­schnitt des ent­setz­li­chen Vor­falls – eine nie­der­län­di­sche, eine tür­ki­sche und eine USA-Fah­ne, außer­dem die Reichs­dienst­flag­ge des Aus­wär­ti­gen Amtes 1892 bis 1919. Wo ist das Problem?

Hier: „Reichs­flag­gen (…) vor dem Deut­schen Bun­des­tag sind ein uner­träg­li­cher Angriff auf das Herz unse­rer Demo­kra­tie”, erklär­te Bun­des­prä­si­dent Stein­mei­er. Außen­mi­nis­ter Maas twit­ter­te: „Reichs­flag­gen vorm Par­la­ment sind beschä­mend.” Und SPD-Kanz­ler­kan­di­dat Scholz twit­te­re sei­ner­seits: „Nazi­sym­bo­le, Reichs­bür­ger- & Kai­ser­reich­flag­gen haben vor dem Deut­schen Bun­des­tag rein gar nichts verloren.”

Jetzt mal Ernst bei­sei­te: Unge­ach­tet des offen­kun­di­gen Miss­brauchs der schwarz-weiß-roten Far­ben durch demons­trie­ren­de Spin­ner und Nar­ren – dass man sich von sol­chen in his­to­ri­cis psy­cho­ti­sier­ten Unge­bil­de­ten, die auf Sym­bo­le der Geschich­te des eige­nen Lan­des reagie­ren wie Poly­ne­si­er auf die Tötung ihres Totem­tie­res, volks­ver­tre­ten las­sen muss, auch wenn man sie allen­falls unter der Fol­ter wäh­len wür­de, fin­de wie­der­um ich beschä­mend und unerträglich.

Eine ande­re Fra­ge lau­tet, ob das Betre­ten der Trep­pen zum Reichs­tag­spor­tal uner­laubt war – dass die ca. 6000 zum Teil schwer­be­waff­ne­ten Angrei­fer das lee­re Gebäu­de tat­säch­lich erstür­men woll­ten, um bei­spiels­wei­se die Reichs­kriegs­flag­ge dar­auf zu his­sen, glaubt ja nicht ein­mal Georg Rest­le. Ein Jurist, dem ich die­se Fra­ge stell­te, gab zur Ant­wort, wenn kei­ne Absper­rung und kein erkenn­ba­res Betre­tens­ver­bot ange­bracht waren, dann nicht. Absper­run­gen stan­den davor, Ver­bots­schil­der wohl nicht. Ganz ein­deu­tig ist die Sach­la­ge also nicht. Hät­ten die Angrei­fer „Black lives mat­ter”-, „Refu­gees wel­co­me”- und „Nazis raus!”-Plakate sowie EU- und Regen­bo­gen­fah­nen vors Par­la­ment getra­gen, die öffent­lich bekun­de­te Empö­rung läge bei Null.

Was zuletzt die Fra­ge auf­wirft, ob der so wun­der­bar will­kom­me­nen „Erstür­mung” der Trep­pe zwecks Dis­kre­di­tie­rung einer Gesamt­ver­an­stal­tung nicht ein wenig nach­ge­hol­fen wor­den ist.

                                  ***   

Der Süd­deut­sche Beob­ach­ter stellt schon mal die künf­tig gel­ten­den Koor­di­na­ten durch: 

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Der größ­te Teil? Ach was: Alle! Da kön­nen ande­re Beob­ach­ter wie der pene­trant mit Fak­ten het­zen­de Alex­an­der Wendt erlebt haben, was sie wol­len. Und nun freue dich, Berlin! 

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