4. August 2020

Elon Musk ist der Sohn eines Inge­nieurs, er hat in Phil­adel­phia VWL und Phy­sik stu­diert (kei­ne Ahnung, wie das zusam­men­geht; es muss eine Light-Ver­si­on des Phy­sik­stu­di­ums geben) und ist bekannt gewor­den als Grün­der eines pri­va­ten Raum­fahrt­un­ter­neh­mens sowie vor allem durch sei­ne Betei­li­gung an Tes­la. Ein sol­cher Mann dürf­te nicht sol­chen Unsinn behaupten:

Screenshot 2020 08 04 11.28.17

Nicht, dass man der­glei­chen nicht schon oft gehört hät­te – aber doch nicht von Leu­ten, die in Berüh­rung mit den Natur­wis­sen­schaf­ten kamen. Es gibt gegen die „The­se”, die Pyra­mi­den sei­en das Werk von Außer­ir­di­schen, zwei schla­gen­de Ein­wän­de. Ers­tens: War­um soll­ten Wesen, die geis­tig so weit sind, dass sie Gala­xien über­win­den kön­nen, eine der­art pri­mi­ti­ve Bau­tech­no­lo­gie anwen­den? Zwei­tens: Sind denn auch alle ande­ren ca. 60 ägyp­ti­schen Pyra­mi­den von Ali­ens errich­tet worden? 

Also bei­spiels­wei­se die soge­nann­te Knick­py­ra­mi­de in Dah­schur? Deren gewal­ti­ger Stumpf rag­te bereits 47 Meter über das Wüs­ten­pla­teau, als die Bau­meis­ter ein­se­hen muss­ten, dass ihr Werk miss­lin­gen wür­de; zu mäch­tig drück­ten mehr als zwei Mil­lio­nen Ton­nen Kalk­stein auf den stel­len­wei­se nach­ge­ben­den Bau­grund, bedroh­li­che Ris­se durch­zo­gen das Mau­er­werk, und das Aller­hei­ligs­te im Kalk­stein­dom, die Grab­kam­mer für den Pha­rao (bzw. das Rechen­zen­trum für den Rück­flug), droh­te ein­zu­stür­zen. Also ent­schlos­sen sich die Archi­tek­ten zu einem Schritt, der ihr Bau­werk zwar nicht ret­te­te, aber ein­zig­ar­tig wer­den ließ: Sie änder­ten sei­nen Neigungswinkel.

Knickpyramide

Die Knick­py­ra­mi­de („Schließt um 16 Uhr”; Wiki­pe­dia) ist knapp über hun­dert Meter hoch, ein Teil des Kam­mer­sys­tems befin­det sich unter der Erde, ein Teil dar­über. Noch hat­te man die Ela­bo­riert­heit und Raf­fi­nes­se des Che­ops-Grab­mals nicht erreicht, aber der Weg war beschrit­ten. Ein Werk von Ali­ens? Lachhaft. 

Typi­scher­wei­se hat die Gro­ße Pyra­mi­de von Gizeh – und nur sie – stets Zwei­fel her­vor­ge­ru­fen, ob sie über­haupt von Men­schen­hand geschaf­fen sei. An die zwei­ein­halb Mil­lio­nen ein­zel­ne Blö­cke, die kleins­ten andert­halb, die größ­ten 30 Ton­nen schwer, sie­ben Mil­lio­nen Ton­nen Stein, mil­li­me­ter­ge­nau getürmt, exakt nach den vier Welt­ge­gen­den aus­ge­rich­tet – das, so lau­tet der kleins­te gemein­sa­me Nen­ner sämt­li­cher so genann­ter Pyra­mido­lo­gen, konn­ten die alten Ägyp­ter nicht. 

Was ist der Che­ops-Pyra­mi­de nicht alles ange­dich­tet wor­den: Älter als 10 000 Jah­re sei sie, erbaut vor der Sint­flut von einem sagen­haf­ten König, der den Unter­gang der Welt vor­her­ge­ahnt habe, sämt­li­che ver­gan­ge­nen und künf­ti­gen Ereig­nis­se bis zum Ende der Welt sei­en in ihr archi­tek­to­nisch ver­schlüs­selt, sie ber­ge noch unent­deck­te Ein­wei­hungs­räu­me, wahl­wei­se auch Schatz­kam­mern, und was nicht alles. Mit­te des vori­gen Jahr­hun­derts recher­chier­te ein eng­li­scher Buch­händ­ler namens John Tay­lor, die Pyra­mi­den sei­en von einer nicht­ägyp­ti­schen Ras­se unter direk­ter Anlei­tung Got­tes geschaf­fen wor­den. „Mit sol­cher Genau­ig­keit errich­tet man kein Gebäu­de, son­dern tech­ni­sche Appa­ra­tu­ren”, echo­te der Archi­tekt Ernst W. Hei­ne bei­na­he 150 Jah­re spä­ter – und orte­te als Erbau­er die sagen­haf­ten Atlan­tier, denen die Gabe der Tele­ki­ne­se, der Fähig­keit, Gegen­stän­de mit gedank­li­chen Kräf­ten zu bewe­gen, zu Gebo­te gestan­den habe. 

Eso­te­ri­ker fabu­lie­ren von unter­ir­di­schen „Gegen­py­ra­mi­den” und emp­feh­len apa­thi­schen Men­schen, sich an der West- und Nord­sei­te der Che­ops-Pyra­mi­de mit kos­mi­scher Ener­gie „auf­zu­la­den”. Spi­ri­tis­ten kit­zelt die Lage der Pyra­mi­de nahe am Schnitt­punkt des 30. Gra­des nörd­li­cher Brei­te mit dem 30. Kreis öst­li­cher Län­ge – die Vor­zeit-Über­men­schen wuss­ten anschei­nend, wo der­mal­einst Green­wich lie­gen wür­de. Ob sie auch den Nil am 30. Meri­di­an ent­lang­ge­lei­tet haben? Ande­re pochen dar­auf, die Höhe des Che­ops-Doms in Zoll, mul­ti­pli­ziert mit 109, erge­be die Ent­fer­nung Erde-Son­ne in Mei­len, wobei kein Mensch exakt weiß, wie hoch der Bau ursprüng­lich war, und der­glei­chen Berech­nun­gen gewiss auch am Bun­des­kanz­ler­amt funk­tio­nie­ren. Beson­ders bekannt sind die auf­la­gen­star­ken Erwä­gun­gen des Erich von Däni­ken, wonach Außer­ir­di­sche hin­ter nahe­zu sämt­li­chen Rät­seln der frü­hen Hoch­kul­tu­ren stecken.

Sol­cher Stuss – Mot­to: Ein Narr kann mehr fra­gen, als hun­dert Wei­se beant­wor­ten kön­nen – ver­kauft sich gut, die tat­säch­li­chen Erbau­er aber für ziem­lich dumm. Er beschei­nigt Men­schen, die sich „in hei­li­ger Schin­de­rei” (Tho­mas Mann, „Joseph in Ägyp­ten”) das „Über-Äußers­te abpress­ten” (dito), sie könn­ten der­glei­chen unmög­lich voll­bracht haben. Doch die­se logis­ti­schen Meis­ter­leis­tun­gen sind Men­schen­werk, zutiefst bewun­ders­wer­tes und anstau­nens­wür­di­ges Men­schen­werk. Pyra­mi­den­bau war im Alten Reich eine ähn­li­che Spe­zia­lis­ten- und Rou­ti­ne­ar­beit wie heu­te der Bau von – eben­falls immer höhe­ren und raf­fi­nier­te­ren– Wol­ken­krat­zern, ver­rich­tet von eini­gen Tau­send Pro­fis, die von Bau­stel­le zu Bau­stel­le zogen und ihr Wis­sen über Genera­tio­nen ver­erb­ten. Auf eini­gen Fels­blö­cken haben die Zug­mann­schaf­ten ihre Graf­fi­tis hin­ter­las­sen. Und natür­lich war Pyra­mi­den­bau zugleich Got­tes­dienst, ein kol­lek­ti­ver Kraft­akt für das Reich, ver­tre­ten durch den Einen, Pha­rao, damit die Welt­ord­nung fortbestehe.

Vor ein paar Jah­ren hat ein natur­wis­sen­schaft­li­ches oder his­to­ri­sches Maga­zin, ich bekom­me es nicht mehr zusam­men, ein „Ran­king” der geni­als­ten Men­schen aller Zei­ten ver­öf­fent­licht. Platz eins beleg­te Leo­nar­do da Vin­ci, ihm folg­te der Bau­meis­ter der Che­ops-Pyra­mi­de. Einverstanden.

                                 ***

Wer jemals ein Fun­da­ment, und sei es nur für ein Häus­chen, gegos­sen hat, weiß, wie schwer, ja unmög­lich es ist, die Waa­ge­rech­te auf den Zen­ti­me­ter genau ein­zu­hal­ten. Die Che­ops-Pyra­mi­de ist über einem Fels­kern errich­tet wor­den, der bis zu 20 Meter hoch ist und noch auf der Höhe von acht Metern die Hälf­te der Grund­flä­che ein­nimmt. Bei einer Stein­hö­he von 1,5 Metern haben die Archi­tek­ten folg­lich erst ab der 13. oder 14. Schicht direkt kon­trol­lie­ren kön­nen, ob ihr Werk waa­ge­recht ist. Zugleich muss­ten sie Stein­la­ge für Stein­la­ge die Innen­räu­me aus­spa­ren; die Grab­kam­mer liegt auf einer Höhe von 42 Metern, dar­über befin­den sich die kolos­sa­len Gra­nit­blö­cke der Ent­las­tungs­kam­mern, zu ihr hin führt die soge­nann­te Gro­ße Gale­rie. Es ist ein wahr­haft unglaub­li­ches logis­ti­sches Meisterwerk. 

                                 ***

Noch zwei Anmer­kun­gen zum Vorigen.

Dass die Spie­gel-Leu­te hier reflex­haft von einem „Ver­schwö­rungs­my­thos” schrei­ben, den Musk mit sei­nem när­ri­schen Tweet bedie­ne, zeigt, mit was für kon­di­tio­nier­ten Pudeln (und Pudel­da­men!) man es zu tun hat; in die­sen Gehir­nen arbei­ten offen­bar Flos­kel­au­to­ma­ten. Wer mag sich wozu ver­schwo­ren haben?

Die Nach­kom­men der Pyra­mi­den­bau­er sind, vor allem sprach­lich, wenn­gleich nicht mehr kul­tu­rell, die Kop­ten (Kop­tisch ist Alt­ägyp­tisch, ver­si­chern mir Ägyp­to­lo­gen).
 

                                 ***

„Musk ist ein Meme-Lord und PR-Genie, und spielt mit der Inter­net­kul­tur wie ande­re auf einem Instru­ment. Ob er es tat­säch­lich glaubt oder nicht, ist ziem­lich neben­säch­lich. Es wird eine Flut von Memes und Kom­men­ta­ren dazu geben, im Gegen­wert von Mil­lio­nen Dol­lar an Wer­be­bud­get.”
(Leser ***)

„Musk hat einen schnor­ri­gen Humor, der oft genug das Kin­di­sche und Alber­ne zum Eye-Cat­cher macht. Soll­ten Sie Ihre Aus­füh­run­gen bier­ernst gemeint haben, sind Sie ihm oder der humo­rent­kern­ten Schnapp­at­mung der Quan­ti­täts­pres­se in Mer­kels Neu­land auf den Leim gegan­gen.”
(Leser ***)
 

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

Ein Wort pro domo

Nächster Beitrag

7. August 2020

Ebenfalls lesenswert

31. August 2020

„Die Aus­sich­ten auf eine Dozen­ten­stel­le lösen ganz ähn­li­che Ver­hal­tens­me­cha­nis­men aus wie die Andro­hung des Scheiterhaufens.” Frank Lisson ***…

6. Oktober 2020

„C’est la pro­fon­de igno­ran­ce qui inspi­re le ton dog­ma­tique.” (Es ist die tie­fe Unwis­sen­heit, die den dog­ma­ti­schen Ton…

13. April 2018

Dass man sich nicht – nie­mals – von wem auch immer distan­ziert, ist kei­ne poli­ti­sche Ent­schei­dung, son­dern eine…

15. Februar 2020

„Einem, der zu reden anfängt, bevor er gegrüßt hat, dem ant­wor­te nicht.„Moham­med (Muham­mad)                                  *** Ich fin­de, der…