15. September 2020

Was tat­säch­lich dafür sprä­che, Euro­pa in den ers­ten „CO2-frei­en” oder „kli­ma­neu­tra­len” Kon­ti­nent zu ver­wan­deln: Es kämen dann bald kei­ne afri­ka­ni­schen Migran­ten mehr. 

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„Zuge­spitzt könn­te man for­mu­lie­ren: Die FAZ holt sich ihre Redak­teu­re heu­te gern von der taz, wohin­ge­gen ihre Pen­sio­nä­re in der Jun­gen Frei­heit schrei­ben.„
Aus: Peter Hoe­res, „Zei­tung für Deutsch­land. Die Geschich­te der FAZ”. 

Das beschreibt die Abwick­lung des eins­ti­gen kon­ser­va­ti­ven Leit­me­di­ums samt nach­träg­li­cher Links­schei­te­lung in einem Satz. Man­cher wird ein­wen­den, dass hier ledig­lich eine wei­te­re Varia­ti­on der Car­lo Schmid zuge­schrie­be­nen, längst klas­si­schen Sen­tenz durch­ge­spielt wer­de, wel­cher zufol­ge ein jun­ger Mensch, der nicht links ist, kein Herz besit­ze, und ein alter, der es immer noch ist, kei­nen Verstand. 

Eine etwas auf­ge­hübsch­te Ver­si­on lau­tet so:

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Um aber ein Bon­mot dar­aus zu machen: Wer mit zwan­zig kein Sozia­list ist, hat kein Herz, und wer es mit vier­zig noch ist, hat immer noch kein Geld.

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Alex­an­der Wendt schreibt mir: „Du musst noch fra­gen: und wo rekru­tiert die FAZ ihre Leser? Bei der Taz ist ja wenig zu holen.”

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Was nun wie­der­um den Kin­der­stür­mer aus Kreuz­berg angeht: Es muss eine wah­re Lust sein, heut­zu­ta­ge als pen­si­ons­na­her, noch nicht von der FAZ abge­wor­be­ner Spon­ti an den Git­ter­stä­ben sei­nes seman­ti­schen Lauf­ställ­chens zu turnen:

Klimaprimaner

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Es war fol­ge­rich­tig, dass der vor zwei Tagen hier zitier­te Deutsch­land­funk-Kom­men­tar „Brand­stif­ter gehö­ren nicht auch noch belohnt” zum Umgang mit den Men­schen im aus­ge­brann­ten grie­chi­schen Flücht­lings­la­ger Moria „Empö­rung” aus­ge­löst hat:

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Die Kom­men­ta­to­rin hat­te emp­foh­len, die Migran­ten nicht nach Deutsch­land zu holen, son­dern ihnen auf der Insel Les­bos zu hel­fen. Unter Pri­mi­ti­ven gilt Empö­rung als Argu­ment. Mehr noch als ihre Affek­te hat die­se Sor­te Empör­ter ihre Refle­xe unter Kon­trol­le, und wie geölt flutscht ihnen der Vor­wurf des Zynis­mus und der Inhu­ma­ni­tät von den zum Welt­bru­der­kuss gespit­zen Lippen. 

„Die Dis­kus­si­on erin­nert an eine ähn­li­che Debat­te um einen vor gut zwei Jah­ren in der ‚Zeit’ erschie­ne­nen Arti­kel zur pri­va­ten See­not­ret­tung von Flücht­lin­gen. Die Über­schrift ‚Oder soll man es las­sen?’ war von vie­len als men­schen­ver­ach­tend emp­fun­den wor­den”, heißt es auf der Web­sei­te des Deutsch­land­funks. Davon abge­se­hen, dass hier kei­ne Dis­kus­si­on statt­fin­det, son­dern abge­würgt wer­den soll, liegt der tat­säch­li­che Zynis­mus in der Ver­wen­dung des Wor­tes „See­not­ret­tung”.

Freund *** schick­te mir dazu die­ses sich unfrei­wil­lig selbst­de­mas­kie­ren­de Inserat:

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„Men­schen dro­hen zu ertrin­ken”, das ist, schreibt ***, „eine kla­re Dro­hung der Men­schen. Ich dro­he euch mit mei­nem Selbst­mord, wenn ihr nicht… (oder ich dro­he euch mit dem Abfa­ckeln mei­nes Lagers, wenn ihr nicht…) Heißt es aber, ‚wo Men­schen zu ertrin­ken dro­hen’, ist der Sinn ein völ­lig ande­rer und ver­weist auf Men­schen in Not. Inter­es­sant, wel­che sprach­li­che Fein­heit sich auf die­sem Pla­kat durch­ge­setzt hat.”

Apro­pos sprach­li­che Nuancen:

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So for­mu­liert sind das Fake news. Nicht einen neh­men sie auf.

                                 ***

Für die art­ge­rech­te Empö­rung auf der lin­ken Sei­te des Bun­des­ta­ges ist ver­läss­lich der Schwe­fel­par­tei­ab­ge­ord­ne­te Gott­fried Curio zustän­dig, des­sen Rede zum Umgang mit der Situa­ti­on in Moria von den übli­chen und bis­wei­len tumult­na­hen Zwi­schen­ru­fen in dis­so­nan­ter Kon­tra­punk­tik viel­stim­mig beglei­tet wur­de. Ganz am Ende mel­det sich ein alter wei­ßer Links­par­tei­ler zu Wort, des­sen in den fünf Rede­mi­nu­ten sicht­lich mit Wut sich auf­la­den­der Moral­her­ren­men­schen­leib den Ruf ent­lässt: „Die­se Rede ist der bes­te Beweis, dass Sie ver­fas­sungs­feind­lich sind!” Was er wahr­schein­lich meint, ist im klei­nen Eck­la­den aus­führ­lichst erör­tert und bewer­tet wor­den: die über­ge­schnapp­te Idee, dass der Men­schen­wür­de­pas­sus aus Art. 1 GG auf der gan­zen Welt und für alle Bewoh­ner des Pla­ne­ten gel­te, also auch in grie­chi­schen Flücht­lings­la­gern. Wor­aus döner­mes­ser­scharf folgt, dass sogar eine Gewalt­tat in Tim­buk­tu von Fein­den der deut­schen Ver­fas­sung began­gen wird, denn sie ver­letzt Art. 1 GG.

In den Wor­ten von Leser ***: „Wür­den Sie es für eine Men­schen­rechts­ver­let­zung hal­ten, wenn Sie per­sön­lich einen Unter­schied mach­ten zwi­schen ihren eige­nen Enkeln und dem Rest der Menschheit?” 

                                 ***

Unser aller Kern- und Home­land NRW hat gewählt, zwar nur kom­mu­nal, aber gera­de ein sol­ches Votum gestat­tet einen gewis­sen Ein­blick, wie das Volk sich so fühlt in sei­nen loka­len Klau­su­ren. Und sie­he: CDU und SPD kom­men auf eine abso­lu­te Mehr­heit; rech­net man die regie­ren­sam­bi­tio­nier­ten Grü­nen dazu, sind es fast 80 Pro­zent. Eine über­wäl­ti­gen­de Zustim­mung zur Poli­tik von Par­tei­en und Regie­rung! Es gibt kein Bedürf­nis nach einem Poli­tik­wech­sel, höchs­tens nach der grü­nen Ver­schär­fung des bewähr­ten Kur­ses, und das muss man wohl akzep­tie­ren. Dass nur jeder zwei­te Wahl­be­rech­tig­te sei­ne Stim­me her­schenk­te, trübt das Ergeb­nis kaum, denn ers­tens wür­den die sich auch mit zehn Pro­zent ins Amt hie­ven las­sen, zwei­tens „müs­sen wir den Wäh­lern unse­re poli­ti­sche Bot­schaft nur noch bes­ser ver­mit­teln” (Chor der Funk­tio­nä­re), drit­tens und wich­tigs­tens hat die stum­me Hälf­te wenigs­tens nicht rechts gewählt. Wenn die­je­ni­gen, denen die Poli­tik der Herr­schen­den miss­fällt, trotz­dem nicht für die Oppo­si­ti­on votie­ren, liegt das ent­we­der an der Oppo­si­ti­on sel­ber, oder es ist ein Erfolg der Pro­pa­gan­da, die mit der Ver­teu­fe­lung der Alter­na­ti­ve erfolg­reich war. Aber viel­leicht haben vie­le Bevöl­ke­rer des deut­schen Gaza­strei­fens auch bloß nicht mit­be­kom­men, dass es Wah­len gab, weil das in ihren Hei­mat­sen­dern nicht gemel­det wurde.

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„Denn mir ist ein Engel erschie­nen, der sag­te: Gehe hin und zitie­re sie. So ging ich hin und zitier­te sie” (Karl Kraus):

Schadrasse

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Es gibt in der Betrach­tung des Holo­caust unter dem Aspekt sei­ner mög­li­chen Wie­der­hol­bar­keit vier Posi­tio­nen (man ver­zei­he mir das pla­ka­ti­ve die):

  1. 1. Es war Zufall, dass die Deut­schen die Täter und die Juden die Opfer waren.
  2. 2. Es war Zufall, dass die Deut­schen die Täter, aber kein Zufall, dass die Juden die Opfer waren.
  3. 3. Es war kein Zufall, dass die Deut­schen die Täter, aber Zufall, dass die Juden die Opfer waren.
  4. 4. Es war weder Zufall, dass die Deut­schen die Täter noch dass die Juden die Opfer waren.
  5.  

Posi­ti­on 1 wird vor allem von libe­ra­len Uni­ver­sa­lis­ten – dar­un­ter vie­le Dia­spor­a­ju­den – ver­tre­ten; sie begrün­den damit ihr Stre­ben nach einer glo­ba­len Welt­ord­nung, die Wie­der­ho­lun­gen aus­schlie­ßen soll. Posi­ti­on 2 gilt vor allem unter Zio­nis­ten. Posi­ti­on 3 ist der Favo­rit der (v.a. deut­schen) Ger­ma­no­pho­bi­ker inclu­si­ve sol­cher mit Migra­ti­ons­vor­der­grund. Posi­ti­on 4 gin­ge bei den meis­ten Ver­tre­tern der Ansich­ten 2 und 3 auch mit durch, weil ihre The­se davon unbe­rührt bleibt.

Deter­mi­nis­ten jeg­li­cher Coleur ver­tre­ten Posi­ti­on vier, sonst wären sie ja kei­ne, wäh­rend sich Geschichts­pes­si­mis­ten nicht zwi­schen eins und vier ent­schei­den können.

 

 

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