2. September 2020

 
„Wer heu­te das Radio oder den Fern­se­her ein­schal­tet, erlebt das Sys­te­ma­ti­sche die­ses Regimes in sei­ner Voll­endung: Sämt­li­che The­men sind bis ins Detail ihrer Behand­lung hin­ein vor­her­seh­bar.„
Frank Lis­son

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Schuldig

(Netz­fund)

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Heu­te ist Sedan­tag, also ein Tag, an wel­chem ein gewis­ser nost­al­gi­scher Anlass bestün­de, schwarz-weiß-rot zu flag­gen – aber die­ses „nach Harm­lo­sig­keit gie­ren­de” (Gün­ter Masch­ke) Land oder Volk fei­ert ja lie­ber sei­ne Nie­der­la­gen (inzwi­schen sogar die von 2015, als vor­erst letzt­mals Tei­le des Staats­ge­bie­tes abge­tre­ten wur­den). Ich lese gera­de, dass sich Herr Opper­mann, SPD, dage­gen aus­ge­spro­chen habe, die Fah­ne des Kai­ser­reichs zu ver­bie­ten, obwohl sie ein „Sym­bol für Rechts­ex­tre­mis­mus” sei und am Sams­tag tem­pel­schän­de­risch auf den Par­la­ments­stu­fen geschwenkt wur­de – alles, was vor Schicht­an­tritt der Frem­den­füh­re­rin exis­tier­te, kann heu­te als Sym­bol für Rechs­t­ex­tre­mis­mus gebraucht wer­den, auch sämt­li­che CDU-Wahl­pla­ka­te und ‑Par­tei­pro­gramm­me –, aber, so Opper­mann, „alle Vari­an­ten und Spiel­ar­ten die­ser Flag­ge straf­be­wehrt zu ver­bie­ten wäre unver­hält­nis­mä­ßig und kein geeig­ne­tes Instru­ment zur Bekämp­fung rech­ten Gedan­ken­gu­tes”. Ein gön­ner­haf­ter Herr!

Ein­träch­tig und als Sym­bol künf­ti­gen schwarz-grü­nen Rei­hen­schlie­ßens for­dern par­al­lel dazu der rechts- und innen­po­li­ti­sche Spre­cher der CSU im Bun­des­tag, Vol­ker Ull­rich, sowie der Grü­nen-Frak­ti­ons­vi­ze dort­selbst, Kon­stan­tin von Notz, „eine gene­rel­le Bann­mei­le” um das Par­la­ment, inner­halb derer nim­mer­mehr, auch an Wochen­ta­gen, wäh­rend des Rama­dan bzw. Füh­rers Geburts­tag und nicht ein­mal am 8. Mai demons­triert wer­den dürfe.

Bildschirmfoto 2020 09 02 um 08.37.09

„Die Sze­nen am Reichs­tag” – gemeint ist bekannt­lich das Wedeln mit der Reichs- statt der Green­peace- oder Regen­bo­gen­fah­ne (war­um heißt der Laden eigent­lich nicht längst „Deut­scher Regen­bo­gen­tag”?) – „sind vor allem vor dem Hin­ter­grund der his­to­ri­schen Bezü­ge die­ses Gebäu­des uner­träg­lich. Sowas darf sich nicht wie­der­ho­len. Unser Rechts­staat muß sich wehr­haf­ter auf­stel­len”, twit­ter­te Notz, was ihm am Sonn­tag kurz vor dem mit­täg­li­chen Ver­dau­ungs­ni­cker­chen seman­tisch etwas ver­rum­pelt – „vor dem Hin­ter­grund der his­to­ri­schen Bezü­ge” –, aber zäpf­chen­haft ten­denz­kon­form durch die vom Nach­den­ken erschöpf­te Rübe rauschte.

Zu den his­to­ri­schen Bezü­gen die­ses schänd­li­cher­wei­se immer noch dem deut­schen Volk geweih­ten Gebäu­des, die den Grü­nen so gau­ner­fromm grau­sen, ein Anek­döt­chen. Am 29. Janu­ar 1910 – über dem Reichs­tag klirr­te die Fah­ne des Kai­ser­reichs – sprach der Abge­ord­ne­te Elard Kurt Maria Fürch­te­gott von Olden­burg-Janu­schau, kurz Elard von Olden­burg-Janu­schau, einer der Füh­rer der Deutsch­kon­ser­va­ti­ven, Sohn eines ost­el­bi­schen Rit­ter­guts­be­sit­zers und Uren­kel eines Flü­gel­ad­ju­tan­ten Fried­richs des Gro­ßen, wäh­rend der Reichs­tags­de­bat­te über den Mili­tä­re­tat die geflü­gel­ten Wor­te: „Der König von Preu­ßen und der Deut­sche Kai­ser muss jeden Moment imstan­de sein, zu einem Leut­nant zu sagen: Neh­men Sie zehn Mann und schlie­ßen Sie den Reichstag!”

Was geschah dar­auf­hin im auto­ri­tä­ren, mili­ta­ris­ti­schen, latent anti­de­mo­kra­ti­schen Kai­ser­reich? Zunächst ein­mal bra­chen im bedroh­ten Par­la­ment Tumul­te aus, als habe Olden­burg-Janu­schau die Öff­nung der Gren­zen oder eine gene­rel­le Mas­ken­pflicht bean­tragt. Reichs­weit fan­den Pro­tes­te gegen den Frev­ler statt. Der Jun­ker muss­te unter­tau­chen, er konn­te sich fort­an weder im Par­la­ment noch in der Öffent­lich­keit bli­cken las­sen. Vor dem Por­tal des Reichs­ta­ges griff eine Men­ge einen Mann an, den sie irr­tüm­li­cher­wei­se für Olden­burg-Janu­schau gehal­ten hat­te. Noch im sel­ben Jahr leg­te er sein Man­dat nieder.

Die­se Demo­kra­tie scheint aus sich her­aus viel wehr­haf­ter gewe­sen zu sein als ihre Nach­fol­ge­rin. Sie benö­tig­te weder Bann­mei­len noch Burg­grä­ben, um den Reichs­tag zu schüt­zen. Sie benö­tig­te auch kei­ne staat­lich teil­fi­nan­zier­ten und gleich­ge­schal­te­ten Medi­en, um aus allen Roh­ren mit Moral­platz­pa­tro­nen auf das Volk schie­ßen zu las­sen. Es muss­te schon ein Welt­krieg her, um sie zu erschüt­tern. Instink­tiv – his­to­risch wis­sen die­se Gestal­ten ja prak­tisch nichts mehr – tun die Stein­mei­ers und Not­zes schon gut dar­an, die Far­ben des Kai­ser­reichs ingrim­mig abzulehnen. 

PS:

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(Bernd Zel­ler)

Apro­pos Zel­ler. Der ist auch gut:

Bildschirmfoto 2020 09 02 um 11.09.55

Das ist zynisch? Nein, Sati­re. Über die Ver­ur­sa­cher der ande­ren ille­ga­len Stra­ßen­ren­nen schreibt ja nie­mand (ich mei­ne nicht die auf der Stra­ße, son­dern die in den Parlamenten).

                                 ***

„Ungläu­bi­gen Tho­mas­se zwei­feln, dass so weni­ge Poli­zis­ten zäh­ne­flet­schen­de Hun­dert­schaf­ten von zu allem ent­schlos­se­nen Nazis hät­ten auf­hal­ten kön­nen”, schreibt Leser ***. „Der eine oder ande­re spöt­telt sogar dar­über, dass die von der Wahr­heits­pres­se dar­ge­stell­te Sze­ne­rie eher an einen Bruce-Lee-Film erin­nert, in dem zwei oder drei Hel­den Hun­der­te von Fein­den nie­der­kämp­fen. Aber es gibt durch­aus Bei­spie­le von sol­chem Hel­den­mut. Hora­ti­us Cocles (der über­dies auch noch ein­äu­gig war!) ver­tei­dig­te im spä­ten 6. Jahr­hun­dert v. Chr. eine Tiber­brü­cke gegen etrus­ki­sche Angrei­fer – nur mit zwei Gefährten!
 
Und wer das für eine Legen­de hält, der soll­te sich doch ein­mal vor Augen hal­ten, zu wel­cher Gewalt ein­zel­ne fähig sind. Der Rechts­ter­ro­rist Hase (‚Hase, Du bleibst hier!’) hat schliess­lich auch ganz allein vor zwei Jah­ren in Chem­nitz eine men­schen­ver­ach­ten­de, furio­se Hetz­jagd auf völ­lig unschul­di­ge Schutz­be­dürf­ti­ge vom Zaun gebrochen.”

                                 ***

Schlim­me Nach­rich­ten kom­men von der West­front über den Gro­ßen Teich:

Bildschirmfoto 2020 09 02 um 09.26.19

                                 ***

Kann man, fragt Leser ***, den Namen „Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on” nicht auch zeitlich/konsekutiv ver­ste­hen, ähn­lich „Anti­pas­ti”? 

Ante portas

Ja. Anti­fa = Faschis­mus ante por­tas.

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