4. September 2020

Mar­xis­ti­scher Grund­satz: Alles was funk­tio­niert, ist schlecht, solan­ge jemand pri­vat davon profitiert.

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Die bes­te Immu­ni­sie­rung gegen lin­ke Ideen besteht dar­in, ihnen zur Herrsch­schaft zu ver­hel­fen. Aller­dings bit­te in einem ande­ren Land.

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Es geht weiter:

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Es gibt nicht mal ein „mut­maß­lich”; der Vor­rat ist für Bahn­steigs­schub­ser, Mes­ser­ste­cher und Auto­bahn-Row­dies auf­ge­braucht worden.

„The pri­mor­di­al inte­rest of the United Sta­tes over which for a cen­tu­ry we have fought war, the first, second, and Cold War has been the rela­ti­ons­hip bet­ween Ger­ma­ny and Rus­sia, becau­se united they’re the only for­ce that could threa­ten us, and to make sure that that doesn’t happen.”

Erklär­te ganz unge­niert Geor­ge Fried­man, Grün­der und Vor­sit­zen­der des US-ame­ri­ka­ni­schen Think-Tanks „Strat­for”, am 3. Febru­ar 2015 (hier).

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Seit der Som­mer­pau­se hos­pi­tie­re ich erst­mals wie­der im Bun­des­tag und sei­nen anlie­gen­den Thron­sä­len, Keme­na­ten und Restau­rants. Etwas ist anders. Nahe­zu sämt­li­che hier Umher­lau­fen­den – also der eine oder ande­re außer­halb der Ple­nar­zeit auf­kreu­zen­de Abge­ord­ne­te, die Mit­ar­bei­ter der Frak­tio­nen und die armen Haus­an­ge­stell­ten – tra­gen eine Mas­ke. (Ich mei­ne nicht die Lar­ve, die die­ser Men­schen­schlag gewohn­heits­mä­ßig auf­setzt, son­dern das Coro­na­vi­ren­vi­sier.) Wolf­gang Schäub­le hat es näm­lich vor ein paar Tagen emp­foh­len. Auch und gera­de im Par­la­ment, so des­sen Prä­si­dent, möge sich jeder vor­bild­lich Mund und Nase bede­cken. Und hastdu­nicht­ge­se­hen schlap­pen hier alle mas­kiert her­um, mit Aus­nah­me der AfD-Leu­te natür­lich. Bis­lang war man als blo­ßer Mit­ar­bei­ter der Schwe­fel­par­tei nicht sofort zu iden­ti­fi­zie­ren, inzwi­schen kön­nen sie sagen: Die AfD hat sich demas­kiert.

Die angeb­li­che oder tat­säch­li­che Pan­de­mie brach in ‘schland Ende Janu­ar aus, sie erreich­te ihren Höhe­punkt Ende März/Anfang April – jeder erin­nert sich an die Bil­der der in Spree und Elbe trei­ben­den Lei­chen –, seit­her flacht die Kur­ve ab. Kei­ner kam damals auf die Idee, sich im Bun­des­tag eine Mas­ke auf­zu­set­zen. Nie­mand ent­schied selb­stän­dig dar­über, ob er mit die­ser Ges­te sich und ande­re zu schüt­zen ver­sucht. Erst als Schäub­le die Emp­feh­lung aus­spricht, parie­ren alle aufs Wort und ver­schlei­ern sich.

Das ist die poli­ti­sche Eli­te die­ses Lan­des. Auf Gehor­sam dressiert.

Und auf Doppelmoral.

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(Quel­le: ntv)

Bin gespannt, ob die Bun­des­re­gie­rung nächs­te Woche mas­kiert im Prä­si­di­um des Par­la­ments sitzt.

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Ein ech­tes Qua­li­täts­me­di­um stellt immer die bren­nen­den Fragen:

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Und lie­fert flugs auch die ver­blüf­fends­ten Antworten:

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Der Text geht hin­ter der Bezahl­schran­ke wei­ter, aber man weiß ja ohne­hin, was dort steht, denn es han­delt sich schließ­lich um ein Qua­li­täts­me­di­um und einen aner­kann­ten Historiker.

Sie wün­schen sich eine ande­re Ord­nung als die demo­kra­ti­sche und libe­ra­le, hum hum, und das auf den Stu­fen eines Par­la­ments, an des­sen Ent­mach­tung und Mar­gi­na­li­sie­rung die dort ver­sam­mel­ten Abge­ord­ne­ten der „Alt­par­tei­en” (Cl. Roth) seit eini­gen Jah­ren kon­se­quent, ja kon­zen­triert arbei­ten: durch die immer wei­ter gehen­de Abtre­tung von Kom­pe­ten­zen und Sou­ve­rä­ni­täts­rech­ten an die EU, die UNO und ande­re über­na­tio­na­le Gre­mi­en sowie durch die Besei­ti­gung der Gren­zen und eine auf Dau­er gestell­te grund­ge­setz­wid­ri­ge Migra­ti­on, die jenen Sou­ve­rän, der über dem Por­tal geschrie­ben steht, all­mäh­lich in eine „Bevöl­ke­rung” ver­wan­deln soll, die kein Demos mehr sein will, son­dern nur noch irgend­ein Ter­ri­to­ri­um bevöl­kert, ihre jewei­li­gen Grup­pen­in­ter­es­sen ver­tritt, ent­lang eth­nisch-kul­tu­rel­ler Bruch­li­ni­en Ver­tei­lungs­kämp­fe aus­trägt und den Modus des Zusam­men­le­bens täg­lich neu aus­han­delt. Des­we­gen voll­zieht sich die Ein­wan­de­rung auch voll­kom­men wahl­los, sie könn­te ja sonst Deutsch­land nützen.

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Im Para­dies der Pro­gres­sis­ten, der Bra­ve New One World, gibt es über­all nur noch Bevöl­ke­run­gen. „Eine Bevöl­ke­rung kann kei­ne Demo­kra­tie schul­tern”, sta­tu­iert der His­to­ri­ker Egon Flaig. „Ein Volk ist ein his­to­ri­sches Sub­jekt. Unser Grund­ge­setz macht die­ses his­to­ri­sche Sub­jekt poli­tisch hand­lungs­fä­hig, näm­lich als Sou­ve­rän einer Demo­kra­tie – ver­mit­tels sei­ner ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Orga­ne. Eine Bevöl­ke­rung dage­gen ist eine amei­sen­haf­te Agglo­me­ra­ti­on von Indi­vi­du­en, die mit­ein­an­der nichts zu tun haben. Sie ist ein rein pas­si­ves Objekt für Maß­nah­men öko­no­mi­scher und poli­ti­scher Steuerung.”

Und das ist noch opti­mis­tisch gedacht.

Doch kom­men wir zurück zum Spie­gel-Inter­view und der ban­gen Fra­ge, ob es tat­säch­lich Leu­te gibt, die Kai­ser Wil­helm wie­der­ha­ben wol­len, obwohl sie von Mer­kel regiert und von Stein­mei­er bzw. in den Kolo­nien von H. Maas reprä­sen­tiert werden.

Ich habe hier schon oft dar­über räson­niert, dass sich „das bes­te Deutsch­land, das es je gab” vor allem vom zwei­ten Kai­ser­reich in die Schran­ken gefor­dert sieht und sub spe­cie aeter­ni­ta­tis bei die­sem Ver­gleich unge­fähr so gut weg­kä­me wie der erwähn­te Herr Maas gegen­über Otto von Bis­marck bzw. Karl Lau­ter­bach gegen­über Rudolf Virchow. Oder Harald Lesch gegen Max Planck. Das Kai­ser­reich war die Epo­che, in der Deutsch­land eine wirt­schaft­li­che, wis­sen­schaft­li­che und auch eine spä­te kul­tu­rel­le Blü­te­zeit erleb­te, neben der die heu­ti­ge wirtschafts‑, wis­sen­schafts- und tech­nik­feind­li­che, poren­tief grün­ver­si­ff­te BRD wie ein gro­tes­ker Gnom wirkt – man schaue allein auf die Gale­rie der Nobel­preis­trä­ger. Die deut­sche Che­mie-Indus­trie bei­spiels­wei­se (Che­mie = Gift! Ihre Grü­nen) war der rest­li­chen Welt wei­land so weit vor­aus, dass die Entente zu den im Krieg erbeu­te­ten Che­mie-Paten­ten die deut­schen Inge­nieu­re nach­kau­fen muss­te, um sie über­haupt zu ver­ste­hen. Die Grund­la­gen der moder­ne Phy­sik enstan­den zu wesent­li­chen Tei­len im Kai­ser­reich. Fast alle gro­ßen und bis heu­te welt­be­kann­ten deut­schen Unter­neh­men wur­den im Kai­ser­reich gegrün­det. Jeder nor­ma­le Gym­na­si­ast wuss­te, wie man rech­net und schreibt, sprach Latein und Fran­zö­sisch und spiel­te ein Instrument.

Die Libe­ra­li­tät der dama­li­gen Zeit kann man sich in der ver­hetz­ten Zen­sur­stim­mung der heu­ti­gen Baum­schu­len-BRD kaum mehr vor­stel­len. Jedes poli­ti­sche Milieu hat­te sei­ne eige­nen Zei­tun­gen, Loka­le, Ver­samm­lungs­or­te, es herrsch­te tat­säch­lich Mei­nungs­viel­falt. Im Kai­ser­reich konn­ten Anton von Wer­ner und Max Lie­ber­mann trau­lich neben­ein­an­der malen und aus­stel­len, auch wenn S.M. den­je­ni­gen der bei­den deut­lich bevor­zug­te, der bes­ser malen konn­te, wäh­rend das Schi­cke­ria-Publi­kum wie zu allen Zei­ten den Ange­sag­te­ren prä­fe­rier­te. Im Ber­lin Wil­helms durf­te, anders als in Wien oder New York, die „Salo­me” von Richard Strauss unbe­an­stan­det auf­ge­führt wer­den (Majes­tät wünsch­ten ledig­lich, dass am Ende über der per­ver­sen Sze­ne­rie der Stern von Beth­le­hem auf­ge­hen möge), obwohl die­se blas­phe­mischs­te der Opern gegen alles ver­stieß, was im Reich offi­zi­ell als sitt­lich und mora­lisch gebo­ten galt.

Tho­mas Mann hielt in sei­nen „Betrach­tun­gen eines Unpo­li­ti­schen” fest (wir befin­den uns im Jahr 1914): „Ich bin vier­zig Jah­re alt gewor­den in Deutsch­land, ohne zu wis­sen, ohne es zu mer­ken, daß ich ein Knecht war unter der Faust von ‚Her­ren’. Frei­lich, ich leb­te in einem Lan­de, wo unver­folgt, unbe­an­stan­det ein Buch erschei­nen konn­te, das mit den Wor­ten schließt: ‚Ich hei­ße das Chris­ten­tum den einen unsterb­li­chen Schand­fleck der Mensch­heit.’ Ein sol­ches Land schien mir frei…”

Wohl­ge­merkt, das Kai­ser­reich war christ­lich. Heu­te wäre die­ser Fluch zwar immer noch und aus­schließ­lich gegen die christ­li­che Reli­gi­on aus­sprech­bar, aber wehe gegen eine ande­re oder gegen eines der zivil­re­li­gö­sen Ersatz­be­kennt­nis­se! Kein Main­stream­ver­lag wür­de der­glei­chen dru­cken. (Übri­gens emp­fand sich der Kai­ser als Schutz­herr der Mus­li­me, aller­dings der Mus­li­me im Ori­ent, nicht hin­ter den eige­nen ein­ge­ris­se­nen Grenzen.)

Es wäre im Kai­ser­reich schwer vor­stell­bar gewe­sen, dass an den Uni­ver­si­tä­ten ein stu­den­ti­scher Mob Dozen­ten an ihrer Arbeit hin­dert. Oder dass jemand wegen gewag­ter his­to­ri­scher The­sen von den aka­de­mi­schen Debat­ten aus­ge­schlos­sen wird, bei Stra­fe der Mit­haf­tung für jeden, der wei­ter­hin mit ihm ver­kehrt, oder dass Ver­la­ge sich aus Angst vor der Zen­sur umstrit­te­ner Autoren ent­le­di­gen. Es gab wäh­rend der Sozia­lis­ten­ge­set­ze zwar Spit­zel, die SPD-Ver­an­stal­tun­gen denun­zier­ten, und eine Poli­zei, die sie auf­lös­te, aber kei­ne Anti­fa, die Sozi­al­de­mo­kra­ten oder deren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge atta­ckier­te, ihre Häu­ser beschmier­te, Schei­ben ein­schmiss und Auto­mo­bi­le ansteck­te. In ihrer August-Bebel-Bio­gra­phie schreibt Bri­git­te See­ba­cher-Brandt: „Bebel war von 1881 bis 1890 Mit­glied der 2. Kam­mer des säch­si­schen Land­tags. Wäh­rend der gan­zen Zeit war das Sozia­lis­ten­ge­setz in Kraft. Trotz­dem kam es vor, das Anträ­ge, die Bebel stell­te, von der bür­ger­li­chen Kam­mer­mehr­heit ange­nom­men wur­den” (S. 199).

Das Kai­ser­reich war nicht nur eine Epo­che wirt­schaft­li­cher und wis­sen­schaft­li­cher Pro­spe­ri­tät, son­dern auch eine des Frie­dens. Bis­marck hat­te nach den Eini­gungs­krie­gen die Devi­se aus­ge­ge­ben, dass das Reich satu­riert sei. Ema­nu­el Nobel, der Nef­fe Alfred Nobels und einer der Grün­der der von sei­nem Onkel gewünsch­ten Stif­tung, woll­te Kai­ser Wil­helm 1912 den Frie­dens­no­bel­preis zusprechen.

Das Kai­ser­reich war unter den Betei­lig­ten des Ers­ten Welt­kriegs das ein­zi­ge Land ohne Kriegs­zie­le; sie muss­ten erst nach­träg­lich for­mu­liert wer­den. Frank­reich woll­te Elsass-Lohrin­gen zurück und die Schmach von 1871 rächen, Russ­land sah sich als pan­sla­wis­ti­sche Schutz­macht unter ande­rem Ser­bi­ens, Eng­land spiel­te sein ewi­ges poli­ti­sches Spiel: Kei­ne Vor­macht auf dem Fest­land dul­den, und außer­halb Euro­pas herrscht das Empi­re, des­halb muss­te der plötz­lich auf­ge­tauch­te und mit Über­le­gen­heit dro­hen­de deut­sche Kon­kur­rent so weit wie mög­lich gestutzt wer­den. Will­fäh­ri­ge His­to­ri­ker – heg­te ich nicht Ach­tung vor dem noblen Berufs­stand der Huren, ich wür­de sie so bezeich­nen –, allen vor­an der Nazi Fritz Fischer, haben die­se Wahr­heit jahr­zehn­te­lang bekämpft und ver­dreht, um dem Kai­ser­reich die Kriegs­schuld in die Stie­fel zu schie­ben. Auch hier ist der Lüge­n­äther zum Schnei­den dicht, zumin­dest bis Deutsch­land sich abge­schafft hat, dann wird man die Wahr­heit unbe­hel­ligt ver­kün­den dürfen.

Natür­lich, das Kai­ser­reich war bis­wei­len auto­ri­tär, chau­vi­nis­tisch, ver­klemmt, mili­ta­ris­tisch, groß­mäu­lig, es herrsch­te Geschlech­ter­tren­nung (aber nicht so sehr wie in Ara­bi­en), doch Hein­rich Manns Unter­tan war nur eine Kari­ka­tur, die Erfin­dung eines Lin­ken; die gro­ße Zeit des Typus Diede­rich Heß­ling brach erst in der Bun­des­re­pu­blik der 2000er Jah­re an, und seit­her ver­mehrt er sich wun­der­sam ganz ohne direk­te Fort­pflan­zung; kli­cken Sie nur die Autoren in den Wahr­heits- und Qua­li­täts­me­di­en an und ver­su­chen Sie, Unter­schie­de zwi­schen ihnen zu ent­de­cken (frü­her gab es in Zei­tun­gen Such­bil­der, zwi­schen denen man fünf ver­steck­te Unter­schie­de her­aus­fin­den muss­te, heu­te gibt es dafür Autorenporträts).

 

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Noch zum Vorigen.

„Ein Pho­to mit strei­ken­den Arbei­tern um 1900 zeigt eine Men­ge in schwar­zen Anzü­gen mit schwar­zen Melo­nen auf dem Kopf. Mit die­sem Typ Pro­le­ta­ri­er gedach­ten Bebel und Lenin und Mus­so­li­ni Staat zu machen. Wel­ches Staats­bild ent­spricht dem Unisex-Jogginganzug?”
Asfa-Wos­sen Asse­ra­te, „Manie­ren”.

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Immer noch zum Vorigen.

Leser *** erin­nert dar­an, dass „kaum ein Klein­gar­ten- oder Tau­ben­züch­ter­ver­ein nicht sei­ne Wur­zeln im Kai­ser­reich hat, von den Landfrauen‑, Gesangs- und Dorf­ver­schö­ne­rungs­ver­ei­nen ganz abge­se­hen. Ver­ei­ne zur Pfle­ge der schö­nen Küns­te, Sport­ver­ei­ne, kari­ta­ti­ve Orga­ni­sa­tio­nen aller Art – die meis­ten davon ent­stan­den unter Wil­lem zwo oder gelang­ten in sei­ner Epo­che zu vol­ler Blü­te. Kul­tu­rel­le Eigen­ar­ten und regio­na­le Bezü­ge aller Art wur­den sorg­sam gepflegt, und zugleich gab es kaum einen Ort, in dem die Bür­ger nicht dar­um wett­ei­fer­ten, das reprä­sen­ta­tivs­te Bis­marck-Denk­mal auf­zu­stel­len – nicht, weil sie sich davon mate­ri­el­le Vor­tei­le ver­spra­chen, son­dern um ihrem Stolz auf die geein­te Nati­on Aus­druck zu ver­lei­hen. Den Kai­ser­ge­burts­tag fei­er­ten übri­gens auch die Arbei­ter. Undenk­bar, dass der Geburts­tag der heu­te amtie­ren­den Kanz­ler­amts­heim­su­chung irgend­ei­nem ihrer Unter­ta­nen mehr als ein Gäh­nen ent­lo­cken würde.

Das Grund­prin­zip der Epo­che war die Sub­si­dia­ri­tät, die eine über­wäl­ti­gen­de Viel­falt an lokal, regio­nal, beruf­lich, stän­disch und kon­fes­sio­nell gepräg­ter Initia­ti­ve und Orga­ni­sa­ti­on her­vor­brach­te. Das Grund­ele­ment die­ser Viel­falt war der Ver­ein. Kurt Tuchol­sky schrieb noch in den zwan­zi­ger Jah­ren bis­si­ge Sati­ren – aus heu­ti­ger Sicht waren es Nach­ru­fe – auf das deut­sche Ver­eins­we­sen: Kein Ver­ein mit­tel­deut­scher Ras­se­schwein­züch­ter, der nicht auch eine orga­ni­sier­te Oppo­si­ti­on hat­te! Man ver­glei­che die­se enor­me kul­tu­rel­le, lands­mann­schaft­li­che, kon­fes­sio­nel­le, sozia­le und poli­ti­sche Vita­li­tät des Kai­ser­reichs, die vom Staat wenig, von der Eigen­in­itia­ti­ve aber umso mehr erwar­te­te, mit dem uni­for­men Ruf nach dem Nan­ny-Staat, der heu­te bei jedem Zip­per­lein ertönt, von dem irgend­je­mand sich geplagt fühlt.”

Auch alle berühm­ten deut­schen Fuß­ball­ver­ei­ne sind im Kai­ser­reich gegrün­det wor­den, wovon Ver­eins­na­men wie BVB 09 oder Schal­ke 04 zeu­gen. Der FC Bay­ern kon­sti­tu­ier­te sich übri­gens anno 1900, der Ham­bur­ger SV gar schon 1887, noch unter Wil­helm I. und vor dem deut­schen Drei-Kaiser-Jahr.

***

Und letzt­mals zum Vorigen!

Leser *** ergänzt: „Sie haben in Ihrer Wür­di­gung des Kai­ser­reichs den Aspekt der Steu­ern ver­ges­sen: Der Spit­zen­steu­er­satz lag bei 8 Pro­zent und es herrsch­te das Zen­sus­wahl­recht. Ich per­sön­lich hal­te ‚One Man, one vote’ für einen Irr­weg der Geschich­te. Mit dem urbay­ri­schen ‚Wer zahlt, schafft an’ gäbe es den gan­zen Klad­de­ra­datsch, mit dem sich die west­li­chen Zivi­li­sa­tio­nen gera­de rei­hen­wei­se selbst zer­le­gen, nicht.”

Ich habe mal nach­ge­le­sen: Der preu­ßi­sche Finanz­mi­nis­ter Johan­nes Miquel setz­te 1891 die soge­nann­te  Miquel’sche Steu­er­re­form durch und führ­te einen pro­gres­si­ven Steu­er­satz ein. Die Ein­kom­mens­steu­er fächer­te sich auf von sechs Mark für Jah­res­ein­kom­men von 900 bis 1.050 Mark (rund 0,6 Pro­zent) bis vier Pro­zent für Jah­res­ein­kom­men über 100.000 Mark. Davor galt ein ein­heit­li­cher Steu­er­satz. Das frü­he Kai­ser­reich hat­te sich noch aus­schließ­lich auf Ver­brauchs- und Ver­kehrs­steu­ern beschränkt.

***

Das angeb­li­che Zitat von Fried­rich Engels, das an die­ser Stel­le stand, stammt nicht von ihm; es war ein soge­nann­ter Fake. Man soll eben nichts unge­prüft veröffentlichen.
(Ich habe mei­ne Marx-Engels-Werk­aus­ga­be 1990 weg­ge­schmis­sen, was Veri­fi­ka­tio­nen schwie­rig macht, und ich emp­fin­de die­sen bei­den Begrün­dern eines sin­gu­lä­ren Lügen­sys­tems gegen­über jetzt kein schlech­tes Gewissen.)

***

„Das ein­zi­ge, wofür der Uni­ver­sa­lis­mus bür­gen kann, ist die Ver­wand­lung aller Krie­ge in Bürgerkriege.”
Pana­jo­tis Kondylis

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