21. Oktober 2020

Als ich ges­tern Abend bis zur Coro­na-Sperr­stun­de – ab 23 Uhr wird das Virus extrem aggres­siv – mit Schnee­weiß­chen und Rosen­rot bei Tische saß, Aus­tern und Chab­lis ver­put­zend, schoss es mir wie Hei­lands- oder Sowjet­grün­der­wor­te durch den Kopf: Es ist wie 1929, du ahnst (ich duze mich ab Ein­bruch der Dun­kel­heit, obwohl Rosen­rot mich siezt), ach was, du weißt, dass es in den nächs­ten Jah­ren Erschüt­te­run­gen unge­ahn­ten Aus­ma­ßes geben wird, Frei­heits­ein­schrän­kun­gen, Ver­fol­gun­gen, blu­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen, viel­leicht einen Zusam­men­bruch der gesam­ten frei­en Welt, wie wir sie noch ken­nen­ler­nen durf­ten, und doch sitzt du da und genießt den Augen­blick, als gäbe es kein Mor­gen. Irgend­wann wer­den wir sagen: Wir haben es damals doch gewusst, und doch haben wir nicht gewusst, was wir tun sollen…

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Der per­fekt spe­zi­el­le Able­ger eines Ham­bur­ger Intel­li­genz­blatts titelt:

150 Jahre

Wis­sen die Dumm­chen dort denn nicht, dass Deutsch­land erst 71 Jah­re alt ist? 

Apro­pos Dumm­chen bei der Zeit:

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„Tot an einem Leh­rer” hing nicht mal mehr des­sen Kopf. Viel­leicht soll­te man bes­ser Per­fi­del­chen schreiben?

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Heu­te Nacht träum­te mir, im Süd­deut­schen Beob­ach­ter sei nach einer tele­fo­ni­schen Rüge der Schrift­lei­tung durch den Bun­des­prä­si­den­ten Pahl-Rugen­stein­mei­er fol­gen­der Text ver­öf­fent­licht worden:

„Pro­test der Heri­bert-Söder-Stadt München.

Nach­dem die gro­ße Trans­for­ma­ti­on Deutsch­lands fes­tes Gefü­ge ange­nom­men hat, wen­den wir uns an die Öffent­lich­keit, um das Werk der gro­ßen Meister*In Igor Levit vor Ver­un­glimp­fung zu schüt­zen. Wir emp­fin­den Levit, die „Ver­dien­te Künstler*in der Bevöl­ke­rung” und „Held*in der BRD”, als musi­ka­lisch-dra­ma­ti­schen Aus­druck tiefs­ter welt­of­fe­ner Mit­mensch­lich­keit, die wir nicht durch ästhe­ti­sie­ren­den Sno­bis­mus belei­di­gen las­sen wol­len, wie das mit so über­heb­li­cher Geschwol­len­heit in dem Arti­kel von Herrn Mau­ró geschieht. Wer sich selbst als der­ma­ßen unsach­ver­stän­dig offen­bart, hat kein Recht auf Kri­tik wert­be­stän­di­ger mul­ti­kul­tu­rel­ler Geistesries*innen.”

Als ich erwach­te, fand ich zum Glück, dass alles anders war: 

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„Schau­ri­ger, depri­mie­ren­der und erre­gen­der Ein­druck von dem redu­zier­ten, ver­wil­der­ten und gemein­be­droh­li­chen Geis­tes­zu­stand in Deutsch­land”, notier­te Tho­mas Mann am 16. April 1933 in sein Tagebuch.

Gott, wie ich die­se Ver­glei­che liebe.

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Man muss es dem unum­strit­te­nen Igor Levit las­sen: Der Bub hat ein­fach Geschmack, nicht nur, wenn er Beet­ho­ven auf Zim­mer­laut­stär­ke dimmt, son­dern überhaupt.

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Mit allem soge­nann­ten Nach­druck muss ich die aktu­el­le Aus­ga­be des Cato zur Lek­tü­re emp­feh­len, die von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te Lese­frucht an Lese­ver­gnü­gen reiht.

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Ich kann nicht alle Tex­te her­vor­he­ben und beschrän­ke mich auf eine Aus­wahl. Titel­the­ma des Oktober/Novemberheftes ist natur­ge­mäß Donald Trump, der mit mir in den Bun­des­tag ein­ge­zo­gen ist:

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Quatsch, das war das fal­sche Foto, lag direkt neben Donald auf der Fest­plat­te und passt irgend­wie auch zu ihm, wes­halb ich es ste­hen­las­sen. Nun aber das richtige:

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(Falls jetzt irgend­ein Nazi­sym­bol­jä­ger fragt, was die­ses Doppel‑S auf dem Com­pu­ter­bild­schirm zu bedeu­ten hat: Das sind die letz­ten bei­den Buch­sta­ben im Namen des Cem­ba­lis­ten Scott Ross, der Donald und mir gera­de Scar­lat­ti vorspielt.)

So Gott ein Ein­se­hen mit dem Schick­sal von Mit­tel­er­de hat, wird Mis­ter Trump noch wei­te­re vier Sün­den­jähr­chen im Wei­ßen Haus den Part des Katechon über­neh­men. Über den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten ist der deut­sche Leser zwar dank der Wahr­heits- und Qua­li­täts­me­di­en bes­ser infor­miert als je eine deut­sche Bevöl­ke­rung über einen aus­län­di­schen Staats­chef seit Kim Il-sung, aber die eine oder ande­re klei­ne Ergän­zung gelingt dem – nach Trumps anti­kem Vor­gän­ger benann­ten – kon­ser­va­ti­ven Hoch­glanz­blatt doch. So sta­tu­iert bei­spiels­wei­se der ehe­ma­li­ge US-Diplo­mat Todd Hui­zin­ga, die Gefahr für die Frei­heit gehe kei­nes­wegs von Trump aus, son­dern von sei­nen Geg­nern. Deren „Denk­mal­stür­me­rei”, so der Prä­si­dent des Cen­ter for Trans­at­lan­tic Rene­wal, sei „Aus­druck des wahn­haf­ten Ansin­nens, die ame­ri­ka­ni­sche Geschich­te aus­zu­lö­schen”, des­glei­chen „das gewalt­tä­ti­ge Toben gegen die Poli­zei” und „die Ver­leum­dung Ame­ri­kas als eines ras­sis­ti­schen Sys­tems”. Obwohl die­se Pro­test­ler kei­ne Ahnung besä­ßen, was danach kom­men sol­le, „will man das, was ist, nie­der­rei­ßen”. Das ein­zi­ge Ziel die­ser Alli­anz aus Glo­ba­lis­ten und Lin­ken sei „ein neu­es Nicht­ame­ri­ka” – das ist den Bewoh­nern der Alten Welt ja geläu­fig, wo die euro­kra­ti­schen Eli­ten im Ver­ein mit der Lin­ken mun­ter dabei sind, ein Nicht-Frank­reich, Nicht-Deutsch­land, Nicht-Ungarn etc. pp. und schließ­lich auch ein Nicht-Euro­pa her­bei­zu­de­mo­lie­ren. Das Ver­dienst Trumps sei, dass er die völ­lig neue poli­ti­sche Lage erkannt habe und seit­her einen „Frei­heits­kampf gegen die Into­le­ranz der Pro­gres­si­ven” führe. 

Im anschlie­ßen­den Essay zieht Sieg­fried Ger­lich eine Bilanz der Prä­si­dent­schaft des schlim­men Donald, die erstaun­lich unschlimm aus­fällt; sowohl außen­po­li­tisch – der ent­schie­de­ne Kriegs­geg­ner ist wegen sei­ner Nah­ost-Diplo­ma­tie immer­hin als Kan­di­dat für den Frie­dens­no­bel­preis nomi­niert – als auch innen­po­li­tisch, wo der Geschäfts­mann ver­mit­tels dras­ti­scher Steu­er­sen­kun­gen und einer aggres­si­ven Zoll­po­li­tik anno 2019 „ein von allen Exper­ten für unmög­lich gehal­te­nes Wirt­schafts­wachs­tum von 3,4 Pro­zent” bewerk­stel­lig­te – „ledig­lich”, wür­de der Kle­ber­c­laus sagen –, „das 90 Pro­zent aller Ame­ri­ka­ner einen erhöh­ten Net­to­ver­dienst bescher­te”. Bis Anfang 2020 ent­stan­den unter Trumps Füh­rung sie­ben Mil­lio­nen neue Arbeits­plät­ze; die Arbeits­lo­sig­keit auch unter Schwar­zen und Lati­nos sank „auf das nied­rigs­te Niveau, wel­ches in der Geschich­te Ame­ri­kas jemals ver­zeich­net wurde”.

Ich kann hier nicht den gesam­ten Essay refe­rie­ren, nur zwei Peti­tes­sen noch. Die ers­te: Raten Sie bit­te, wie vie­le Abschie­bun­gen nach Mexi­ko wäh­rend der Regie­rungs­zeit Barack Oba­mas statt­fan­den (klei­ner Tipp: die Zahl ist sie­ben­stel­lig; Lösung steht im Text). Und eines der herr­li­chen Donald-Zita­te (zumin­dest ich kann­te es noch nicht): Auf die Fra­ge, wer oder was der white trash sei, repli­zier­te der Unhold: „Leu­te wie ich – nur ohne Geld.”

Wir blät­tern.

Karl-Peter Schwarz schreibt in sei­nem Monats­rück­blick: „Die Ernen­nung Amy Coney Bar­retts zur Rich­te­rin am Supre­me Court bedroht die Hege­mo­nie der Demo­kra­ten in gesell­schafts­po­li­ti­schen Fra­gen noch mehr als eine even­tu­el­le Wie­der­wahl des Präsidenten.
Bar­rett tritt an die Stel­le der im Alter von 87 Jah­ren ver­stor­be­nen libe­ra­len Rich­te­rin Ruth Bader Gins­burg. Die­se Gali­ons­fi­gur des Femi­nis­mus hat­te durch die Wei­ge­rung, ihr Amt noch unter Oba­ma aus Altersgründen nie­der­zu­le­gen, den Demo­kra­ten die Sup­pe ein­ge­brockt, die sie jetzt auslöffeln müssen.”

Thank you, Ma’am!

Wir blät­tern wei­ter und über­blät­tern – aber nicht unge­le­sen! – eine Ana­ly­se der Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on in Afri­ka sowie einen klu­gen Text von Nor­bert Bolz über die Wie­der­kehr des gno­si­schen Den­kens im manichäi­schen Welt­bild der heu­ti­gen Linken.

Mat­thi­as Brod­korb wird inter­viewt, der ehe­ma­li­ge SPD-Bil­dungs­mi­nis­ter und danach Finanz­mi­nis­ter von Meck­pomm, ein Lin­ker mit Ver­stand, der gera­de ein Buch über die Defi­zi­te des deut­schen Bil­dungs­sys­tems ver­öf­fent­licht hat und seit Jah­ren die rich­ti­gen Fra­gen stellt (ich habe ihn vor fünf Jah­ren mal für Focus inter­viewt):  

„In Ham­burg machen 55 Pro­zent der Schüler das Abitur, in Bay­ern ’nur’ 32. Ham­burg schnei­det bei den Schul­leis­tungs­tests aber häufig mise­ra­bel ab, Bay­ern steht stets an der Spit­ze. Und die Noten­durch­schnit­te lie­gen in bei­den Ländern dicht bei­ein­an­der. Wie geht das? Wie können die Schüler mit den schlech­tes­ten Leis­tun­gen die klügsten sein?”

Jeder kennt die Ant­wort und tut gut dar­an, sie für sich zu behal­ten, denn so vie­le Arbeits­stel­len gibt es bei der Oppo­si­ti­on nicht. Aber der SPD-Mann plau­dert immer­hin aus dem Näh­käst­chen und bestä­tigt aufs Treff­lichs­te mei­ne seit eini­gen Jah­ren auch durch einen gewis­se Nähe zu die­ser Kli­en­tel empi­risch unter­füt­ter­ten Vorurteile:

„Wer sich vor­stellt, daß irgend­ei­ne Bil­dungs­mi­nis­ter­kon­fe­renz inhalt­lich irgend­was in der Hand hat: Mit­nich­ten. Und wenn ich mich an die Kol­le­gen erin­ne­re, wüßte ich nicht, mit wem ich da hätte dis­ku­tie­ren können über die Fra­ge, was Bil­dung im sub­stan­ti­el­len Sin­ne eigent­lich ist. Das heißt, die Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz beschließt zwar Bil­dungs­stan­dards, aber was Bil­dung eigent­lich bedeu­tet für ein Staats­we­sen, darüber konn­te man zumin­dest mit der Mehr­heit ihrer Mit­glie­der nicht sprechen.”

Mit einem Satz: In ’schland bestim­men Unge­bil­de­te über die Bil­dungs­stan­dards. Und das ist zurück­hal­tend formuliert.

Was aber ist Bil­dung, Herr Brod­korb? Antwort:

„Bil­dung ist jenes Vermögen, mit dem sich der Mensch durch eige­ne Anstren­gung zu Selbst­be­stim­mung und Frei­heit erhe­ben kann. Unser Dilem­ma ist ja, daß wir heut­zu­ta­ge glau­ben, daß alle Men­schen von Natur aus frei und begabt sind. Das stimmt zwar irgend­wie, aber nur im Hin­blick auf ein prin­zi­pi­el­les Vermögen, nicht im Hin­blick auf die empi­ri­sche Wirk­lich­keit. Und wenn ich die­se Vor­stel­lung habe, dann kann ich kein Sys­tem wol­len, in dem bloß Zer­ti­fi­ka­te aus­ge­reicht wer­den, die etwas vor­gau­keln, das nicht vor­han­den ist. Das hülfe dem Men­schen auf dem Weg zu Selbstermächtigung und Würde rein gar nichts. Der Ver­zicht auf Leis­tung würde viel­mehr in Unge­rech­tig­keit umschla­gen, weil die wirk­lich Leis­tungs­wil­li­gen und ‑fähigen unsicht­bar würden. Dahin­ter steht ein Men­schen­bild, das bei mir von Pla­ton her­kommt. Hätte ich das mit mei­nen Kol­le­gen zu dis­ku­tie­ren ver­sucht, hätten die wohl eher den Arzt gerufen.”

Wir kom­men zum Glanz­stück der Aus­ga­be. Es stammt von Tho­mas Hoof, eins­ti­ger Lan­des­ge­schäfts­füh­rer der Grü­nen in NRW, Grün­der des Han­dels­un­ter­neh­mens Manu­fac­tum, Chef des Manu­scrip­tum-Ver­la­ges und irgend­wie oben­drein noch Landwirt:

„Ein and­rer Ver­le­ger hät­te mich
Viel­leicht ver­hun­gern las­sen,
Der aber gibt mir zu trin­ken sogar;
Wer­de ihn nie­mals verlassen.

Ich dan­ke dem Schöp­fer in der Höh‘,
Der die­sen Saft der Reben
Erschuf, und zum Ver­le­ger mir
Den Tho­mas Hoof noch gegeben!”

(„Win­ter­mär­chen”, Caput XXIII; der mie­se ers­te Reim geht klar auf Hei­nes Kappe)

Hoof ist auch der Ver­le­ger von Rolf Peter Sie­fer­le – das ist jener Uni­ver­sal­ge­lehr­te, des­sent­we­gen an der Ham­bur­ger Relo­ti­us­spit­ze eine Bestel­ler­lis­te gefälscht wur­de und der eigent­lich geschätz­te Her­fried Münk­ler ein Inter­view lang auf das Niveau einer Cana­il­le sank (man­che wer­den halt schwach, wenn man ihnen die zivil­ge­sell­schaft­li­chen Instru­men­te zeigt, aber bei Denun­zia­tio­nen bin ich nach­tra­gend wie ein Ele­fant) –, und er hat zu Sie­fer­les Welt­schau „Epo­chen­wech­sel” von 1994, in der mit so bewun­derns­wer­ter wie depri­mie­ren­der Prä­zi­si­on die heu­ti­ge Situa­ti­on vor­her­ge­sagt und ana­ly­siert wird, einen Essay namens „Anhal­ten­der Epo­chen­wech­sel” bei­gesteu­ert, den man am bes­ten aus­wen­dig lernt und den ich hier auch anprei­sen wür­de, wenn Hoof Suhr­kamp-Ver­le­ger wäre (aber das wäre er dann nicht mehr lan­ge). Sein Gegen­stand ist die „Exis­tenz­fra­ge der moder­nen fos­silener­ge­tisch-indus­tri­el­len Gesell­schaft, ob am Ende des fos­si­len Zeit­al­ters ein ‚Durch­bruch nach vorn’ oder ein ‚Rück­fall nach hin­ten’ erfolgt”. Die Ant­wort ist eine Anti­the­se zum Glo­ba­lis­mus: „Ener­gie­ver­ar­mung, Klimaveränderung, Boden­ero­si­on und ‑ver­ar­mung, Saat­gut­ver­lus­te” trä­ten logi­scher­wei­se „in einem bestimm­ten Land, auf einem bestimm­ten Boden, in einem bestimm­ten Kli­ma“ auf, „in Gesell­schaf­ten, die noch Vorräte an Fos­sil­ener­gien haben, oder ande­ren, die sie nie hat­ten. Und es wird von der Resi­li­enz der bestimm­ten Men­schen in die­sen Lokalitäten abhängen (…) ob sie die­se Einschläge überleben oder dar­in untergehen.”

Sodann durch­schrei­tet Hoof ideo­lo­gisch schwerst­ver­min­tes Ter­rain mit der Erwä­gung, ob der deut­sche angeb­li­che Son­der­weg (Stich­wor­te: „Reich­s­tüm­lich­keit”, „Viel­glied­rig­keit”, „Man­nig­fal­tig­keit”) statt der BRD-offi­zi­el­len Vor­se­hungs- und Heils­ge­schich­te vom „lan­gen Weg nach Wes­ten” – und ange­sichts der aktu­el­len Figur, die eben jener Wes­ten abgibt –, nicht der rech­te Weg in eine „ande­re Moder­ne” hät­te sein kön­nen. „Der heu­ti­ge Eth­nop­lu­ra­lis­mus”, notiert Hoof, „ist ein spätes Echo der deut­schen Roman­tik. Die­se Hal­tung selbst ist ihrem Wesen nach ‚anti­he­ge­mo­ni­al’, weil sie Natio­nen als ‚Gestal­ten’ der Völker sieht und nicht als ausräumbare Lagerstätten auf­sta­pel­ba­rer Wirtschaftsgüter. Die Bot­schaft eines so gestimm­ten Vol­kes an die Nach­barn ist immer: ‚Laßt uns unse­re Eigen­ar­ten! Wir ach­ten auch die euren. Laßt uns in Ruhe.’ ”

Hoof spe­ku­liert über die sich ankün­di­gen­de mul­ti­po­la­re Welt­ord­nung, wel­che „viel Ähn­lich­keit mit Carl Schmitts Groß­raum­ord­nung mit Inter­ven­ti­ons­ver­bot für raum­frem­de Mäch­te haben” wer­de. Der ‚Glo­bal Gover­nan­ce’ pro­gnos­ti­ziert der Rechts­po­pu­lis­ten­ver­le­ger­schelm denn auch in aller Keck­heit eine nur eher sym­bo­li­sche Zukunft: „Ein Welt­le­via­than mag sich eine Reichs­kro­ne auf­set­zen – er bleibt aber ein ‚Kai­ser Ohne­land’, denn in sei­nen nomi­na­len Hoheits­ge­bie­ten herrscht der Behe­mo­th. Deutsch­land hat Erfah­rung mit die­ser Lage.” 

Das ist purer Sie­fer­le, aber ach, es geht noch tie­fer­le! – voll­rohr ver­schwö­rungs­prak­tisch nämlich.

Nicht nur die west­li­chen Gesell­schaf­ten sind tief gespal­ten, das glo­ba­lis­ti­sche Estab­lish­ment sei es auch, wie es der im ver­gan­ge­nen Jahr ver­stor­be­ne Imma­nu­el Wal­ler­stein als inti­mer Ken­ner der Davos-Sek­te bezeugt habe: „Eine Grup­pe befürwortet unmit­tel­ba­re und lang­fris­ti­ge Repres­si­on und hat ihre Mit­tel in den Auf­bau einer bewaff­ne­ten Orga­ni­sa­ti­on gesteckt, um die Oppo­si­ti­on zu zer­schla­gen. Es gibt aber auch eine ande­re Grup­pe, die Repres­si­on auf lan­ge Sicht für unwirk­sam hält. Sie befürwortet die Lam­pe­du­sa-Stra­te­gie, alles zu verändern, damit alles beim alten bleibt. Man spricht von Meri­to­kra­tie, grünem Kapi­ta­lis­mus, mehr Gerech­tig­keit, mehr Viel­falt und einem offe­nen Ohr für die Rebel­li­schen – alles aber im Geis­te der Abwen­dung eines Sys­tems, das auf mehr Demo­kra­tie und Gleich­heit beruht.” (Wal­ler­stein, „Stirbt der Kapi­ta­lis­mus? Fünf Sze­na­ri­en für das 21. Jahrhun­dert”, Frank­furt am Main 2014, S. 45)

Die erst­ge­nann­te Grup­pe, kom­men­tiert Hoof, soll­te „eigent­lich den Ver­dacht wecken, das Welt­wirt­schafts­fo­rum sei eine ‚kri­mi­nel­le Ver­ei­ni­gung’ oder bie­te einer sol­chen zumin­dest Unter­schlupf”. Na was denn sonst! Das Jahr 2020 könnte ohne­hin „als eines der Überstürzung in die lan­ge Geschich­te der glo­ba­lis­ti­schen Umtrie­be ein­ge­hen”, wie etwa die Din­gens-Pan­de­mie ohne signi­fi­kant vie­le Opfer, die insze­nier­ten „Black Lives Matter”-Krawalle sowie der Ver­such zeig­ten, „Weiß­ruß­land in einer wei­te­ren ‚Far­ben­re­vo­lu­ti­on’ zu kolo­rie­ren”, wel­cher „auf eine gera­de­zu bla­ma­ble Wei­se geschei­tert” sei, mit dem Ergeb­nis, „daß das Land sich in die rus­si­sche Konföderation zurückbindet. So inkom­pe­tent haben sich Pla­ner und Exe­ku­to­ren noch nie gezeigt. Da waren zitt­ri­ge Hände tätig.”

(Nach die­ser – wenn auch begrün­de­ten – Schlei­me­rei könn­te mein Ver­le­ger mich wirk­lich mal zu Rhein­wein und Aus­tern ein­la­den wie der Cam­pe den Hei­ne. Hat er näm­lich noch nicht. Ist das zu glauben?)

Ein Wort noch zum Essay des fabel­haft bele­se­nen Arthur Abra­mo­vych (der erstaun­lichs­te 24jährige, der mir je begeg­net ist). In sei­nem Text „Die Leug­nung der Anders­ar­tig­keit” beschreibt der in Char­kow gebo­re­ne Lite­ra­tur­stu­dent an den Exem­peln Tho­mas Mann, Ernst Tol­ler und Dani­el Cohn-Ben­dit die hoch­s­e­lek­ti­ve Wahr­neh­mung des­sen, was heu­te und hier­zu­lan­de als Anti­se­mi­tis­mus gilt und was nicht. Bekannt­lich bringt nichts die Diver­si­fi­zie­rer mehr in Rage als ein Behar­ren auf Unter­schie­den, kol­lek­ti­ven zumal, wes­halb vor ihnen nur sol­che Juden noch Gna­de fin­den, die ihr Jüdisch­sein uni­ver­sa­lis­tisch inter­pre­tie­ren und als eine Art Lar­ven­sta­di­um des Glo­ba­lis­mus betrach­ten, mit der Sho­ah als (un)heilsgeschichtlichem Fix­punkt, deren Lek­ti­on lau­tet: „Es kann jeden tref­fen, und daher sollst du dich enga­gie­ren gegen jede Art der Dis­kri­mi­nie­rung, gegen jede Art der Zuschrei­bung kol­lek­ti­ver Eigen­schaf­ten, denn Men­schen in Grup­pen ein­zu­tei­len ist grau­sam und kann tödlich sein.” Mit aller Fol­ge­rich­tig­keit führt die­se Ein­stel­lung zum Anti­zio­nis­mus, denn die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem jüdi­schen Staat ist ja ras­sis­tisch gegen­über den Nichtjuden. 

Des­halb, so Abra­mo­vych, geriet Tho­mas Mann, der eine Jüdin hei­ra­te­te, des­sen Kin­der also Juden waren bzw. sind, der „zeit­le­bens bei jüdischen Ver­le­gern publi­zier­te, von völkischen Geg­nern des Judeseins bezich­tigt wur­de und im ame­ri­ka­ni­schen Exil so ein­dring­lich wie kaum ein ande­rer auf den Geno­zid an den Juden hin­wies”, auf den Index der „Antisemitismus-Schnüffler in der Tho­mas-Mann-For­schung”: Was sie dem Schrift­stel­ler übelnehmen, „ist kei­ne etwai­ge Abnei­gung gegen das Juden­tum – die war bei Mann schlicht­weg nicht vor­han­den. Was sie ihm recht eigent­lich zum Vor­wurf machen, ist, daß er zwi­schen Juden und Nicht­ju­den unterschied.”

„Gott ist – die Unter­schei­dung”, heißt es im Josephs­ro­man, und damit wol­len wir es bewen­den lassen.

Noch drei fina­le Zita­te aus dem Heft:

„Nötig wäre zumal in Kri­sen­zei­ten die Förderung, zumin­dest Scho­nung rege­ne­ra­ti­ver Poten­tia­le wie Fami­lie, Bil­dung, Hand­werk, Land­wirt­schaft, Pri­vat­ei­gen­tum und Selbst­ver­ant­wor­tung − eine deut­li­che Sen­kung der Steu­ern und der Staats­quo­te. Es ver­heißt nichts Gutes, daß das genaue Gegen­teil geschieht.”
(Andre­as Lombard)

„Weil Demo­kra­tie und Medi­en­frei­heit in Polen eben (noch) nicht gleich­be­deu­tend sind mit einer all­ge­mei­nen poli­tisch kor­rek­ten Gleich­schal­tung, gilt auch die Möglichkeit, in Bela­rus frei­heit­li­che Struk­tu­ren einzuführen nicht als Bedro­hung kon­ser­va­ti­ver Wer­te, son­dern als Möglichkeit, die­se erst recht zu verteidigen.

Polen, einst im Zen­trum Ost­mit­tel­eu­ro­pas, steht heu­te geo­po­li­tisch mit dem Rücken zur Wand: im Osten die weit­ge­hend undurchlässige Gren­ze zum rus­si­schen Ein­fluß­be­reich, im Wes­ten der deut­sche Nach­bar, des­sen Regie­rung und Medi­en die gegenwärtige kon­ser­va­ti­ve Regie­rung zu Fall zu brin­gen ver­su­chen. Eine Öffnung nach Osten wäre aus pol­ni­scher Per­spek­ti­ve eine Befrei­ung und würde War­schau end­lich wie­der in jenen geo­stra­te­gi­schen Kon­text stel­len, der vor den pol­ni­schen Tei­lun­gen den Osten Euro­pas prägte, nämlich die enge kul­tu­rel­le, wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Ver­wo­ben­heit Polens mit den bal­ti­schen Staa­ten, dem heu­ti­gen Bela­rus und der Ukrai­ne.“
(David Engels)

„Ich will nicht Kunst­ge­schich­te leh­ren; ich möchte, daß die Leser dar­an gewöhnt wer­den, die Schönheit der Kunst wahr­zu­neh­men. So soll­te mein Maga­zin eine Art Geschmacks­schu­le wer­den, um zu zei­gen, daß die Welt vol­ler schöner Din­ge ist.„
Also sprach Fran­co Maria Ric­ci, der am 10. Sep­tem­ber ver­stor­be­ne Ver­le­ger der 1982 bis 2004 in fünf Spra­chen erschei­nen­den Kunst­zeit­schrift FMR – Feder­i­co Fel­li­ni nann­te sie „la per­la nera dell’editoria mon­dia­le” („nera” wegen des schwar­zen Hin­ter­grunds jedes Titel­blatts) –, auf den Johann von Behr einen schö­nen Nach­ruf ver­fasst hat.

Bestel­len kön­nen Sie Cato hier. (Ich lese gera­de, dass die Aus­ga­be erst über­mor­gen erscheint; also: Noch zwei­mal schlafen!)

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Der hei­ßes­te Kan­di­dat für den „Tweet des Jah­res” 2019:

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PS: „Es gibt mitt­ler­wei­le etli­che Berich­te – in den deut­schen Medi­en nur sehr klein –, dass das SARS-CoV2-Virus, wie Abwas­ser­un­ter­su­chun­gen zei­gen, schon vor dem Dezem­ber 2019 in Ita­li­en und Spa­ni­en viru­lent war (was die  star­ke Durch­seu­chung und die hohen Opfer­zah­len dort gut erklä­ren wür­de)”, schreibt Freund ***. „Angeb­lich ver­schaff­te es Nathan May­er Roth­schild einen ziem­lich ordent­li­chen geld­wer­ten Vor­teil, dass er frü­her von der Nie­der­la­ge Napo­le­ons in Water­loo wuss­te als sei­ne Kol­le­gen an der Bör­se. Auch heu­te gibt es Nach­rich­ten­ver­zö­ge­run­gen und eini­ge, die früh Bescheid wis­sen. Über­haupt ver­dient man mit der Bescheid­wis­sen­schaft das meiste.”

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Die­ser Heu­che­lei-Syn­op­ti­ker Argo Nerd ist eine ech­te Entdeckung:

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Die Nazi­men­ta­li­tät bei der Arbeit. Dies­mal: Seuchenbekämpfung.

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Zum Gegen­schnei­den:

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(Link)

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Es fehlt noch ein Bei­spiel aus der dai­ly soap „Höhe­punk­te der Willkommenskultur”.

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Dass wegen der sys­te­ma­ti­schen Begüns­ti­gung sol­cher Taten durch Poli­tik, Medi­en und Asyl­lob­by kei­ne Köp­fe rol­len, ist ein unglaub­li­cher Skandal.

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Aber die­ser Tag soll ver­söhn­lich enden. Die von mir hoch­ge­schätz­te Zeit­schrift für Kon­sens­stö­rung hat auf ihrer Web­sei­te ein Zei­tungs­abo­kün­di­gungs­chrei­ben ver­öf­fent­licht, das kano­ni­siert zu wer­den ver­dient. Es betrifft die FAZ – die ande­ren kün­digt man kom­men­tar­los. Man kann es genie­ßen wie ein gutes Glas (oder gleich mit einem guten) Rot­wein – hier.

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