7. Oktober 2020, Tag der DDR

Mein Satz des Tages oder der Woche, wenn nicht des Epöchleins:

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Zur Bewun­de­rung her­ab­ge­wür­digt. Wie könn­te man treff­li­cher illus­trie­ren, was der Begriff Res­sen­ti­ment meint?

(Schrei­be mir jetzt kei­ner, das her­ab­ge­wür­digt bezie­he sich auf „Objekt”. Alles, was der Mensch bewun­dert, ist not­ge­drun­gen Objekt – von der Eigen­lie­be natür­lich abgesehen.)

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Nach wie vor kann ich es nicht fas­sen: Ich bin unter Andro­hung einer Stra­fe von 5.000 bis 25.000 Euro­nen gezwun­gen, in den (meis­tens weit­läu­fi­gen, jede Art Abstand ermög­li­chen­den) Flu­ren und Ver­an­stal­tungs­räu­men des Bun­des­tags eine Mas­ke zu tra­gen. Neben­grund: eine angeb­li­che Pan­de­mie. Haupt­grund: Demü­ti­gung. Dis­zi­pli­nie­rung. Dres­sur. Was kommt als nächs­tes? Auf allen Vie­ren gehen, damit die Aero­so­le in Boden­nä­he blei­ben? Sonst zur Bewäh­rung Mas­ken nähen im Isolationsbetrieb? 

Leser ***, Arzt aus der Schweiz, schickt mir „eine Erklä­rung zu Coro­na von drei aus­ge­wie­se­nen Fach­leu­ten, die die Mit­tel­strahl­me­di­en verschweigen”:

„Die­je­ni­gen, die nicht schutz­be­dürf­tig sind, soll­ten sofort wie­der ein nor­ma­les Leben füh­ren dür­fen. Ein­fa­che Hygie­ne­maß­nah­men wie Hän­de­wa­schen und der Auf­ent­halt zu Hau­se im Krank­heits­fall soll­ten von allen prak­ti­ziert wer­den, um den Schwel­len­wert für die Her­denim­mu­ni­tät zu sen­ken. Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten soll­ten für den Prä­senz­un­ter­richt geöff­net sein. Außer­schu­li­sche Akti­vi­tä­ten, wie z. B. Sport, soll­ten wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Jun­ge Erwach­se­ne mit gerin­gem Risi­ko soll­ten nor­mal und nicht von zu Hau­se aus arbei­ten. Restau­rants und ande­re Geschäf­te soll­ten öff­nen kön­nen. Kunst, Musik, Sport und ande­re kul­tu­rel­le Akti­vi­tä­ten soll­ten wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Men­schen, die stär­ker gefähr­det sind, kön­nen teil­neh­men, wenn sie dies wün­schen, wäh­rend die Gesell­schaft als Gan­zes den Schutz genießt, der den Schwa­chen durch die­je­ni­gen gewährt wird, die Her­denim­mu­ni­tät auf­ge­baut haben.”

Unter­zeich­net haben ein Harvard‑, ein Oxford- und ein Stan­ford-Pro­fes­sor, Medi­zi­ner natürlich.

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Leser *** sen­det einen Link zur Web­site Espa­ce­net für Patent­rech­te, wo sich fol­gen­der Ein­trag findet:

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Pikant sei das Datum, schreibt ***: „Bereits am 13. Okto­ber 2015 hat der Bri­te Richard A. Roth­schild mit ent­spre­chen­dem Prio­ri­täts­da­tum sei­nen Patent­an­trag ankün­dig­te für das im Betreff genann­te Sys­tem zum Test auf COVID-19. Wie kann dies sein, wenn die­se Erkran­kung als ‚bis­her unbe­kannt, also neu’ beschrie­ben wird? Nun kann man anneh­men, der Hin­weis auf COVID-19 wur­de erst mit Beginn des tat­säch­li­chen Antrags, also Beginn der Geneh­mi­gungs­pro­zes­ses, ein­ge­fügt – lt. Glo­ba­ler Akte am 17. 5. 2020. Doch in der Beschrei­bung zu US2020279585 (A1), wel­che letzt­mals am 26. 8. 2019 aktua­li­siert wur­de (in der eng­li­schen Ori­gi­nal­ver­si­on ist die­ses letzt­ma­li­ge Aktua­li­sie­rungs­da­tum ganz unten ange­ge­ben, nicht jedoch auf der Sei­te der offi­zi­el­len deut­schen Über­set­zung!), wird auch bereits COVID-19 erwähnt.
Das Ver­öf­fent­li­chungs­da­tum des nun ereil­ten Paten­tes ist der 3. Sep­tem­ber 2020.”

 
Die Erkran­kung wur­de bekannt­lich erst­mals Ende des Jah­res 2019 in Wuhan beschrie­ben. Ist da drau­ßen irgend­wo ein Spe­zia­list, der die­sen mys­te­riö­sen Ein­trag erklä­ren kann?

PS: Das konn­ten eini­ge. Leser ***, Patent­an­walt, schreibt:

„Es han­delt sich offen­bar um eine US-amer­ka­ni­sche sog. ‚continuation-in-part’-Patentanmeldung, die auf einer 2015 ein­ge­reich­ten US-Patent­an­mel­dung beruht, deren Offen­ba­rung (Inhalt) jedoch ergänzt wur­de. Ver­ein­facht aus­ge­drückt, haben die Erfin­der 2015 eine Patent­an­mel­dung bezo­gen auf bio­me­tri­sche Daten ein­ge­reicht, und die­se dann im Mai 2020 um auf COVID-19 bezo­ge­ne Aspek­te ergänzt. Dabei behal­ten die ‚alten’ Tei­le der Anmel­dung den alten Zeitrang, was ent­spre­chend im Regis­ter ver­merkt wird. Das alles ist eine Beson­der­heit des US-Patent­rechts, aber kei­ne Teu­fe­lei von Gates et al.”

Leser ***, eben­falls Patent­an­walt, setzt hin­zu: „Die­se Patent­an­mel­dung mit dem Hin­weis auf COVID-19 wur­de am 17.5.2020 ein­ge­reicht. Die Patent­an­mel­dung gehört zu einer Patent­fa­mi­lie (Patent­an­mel­dun­gen, die ein und die­sel­be Erfin­dung betref­fen), die bis in das Jahr 2015 zurück­reicht, sie­he die Anga­ben unter Zif­fern (63) und (60) auf dem Deck­blatt der Ver­öf­fent­li­chungs­schrift (‚Patent App­li­ca­ti­on Publi­ca­ti­on’ US 2020/279585 A1). Frü­he­re Patent­an­mel­dun­gen die­ser Patent­fa­mi­lie ent­hal­ten nach mei­nen Recher­chen die­sen Hin­weis jedoch nicht. Mög­li­cher­wei­se ist das nur ein Miß­ver­ständ­nis, das den nicht ganz ein­fa­chen Zusam­men­hän­gen bei US-Patent­fa­mi­li­en geschul­det ist.”

„Da ich auf dem ein­schlä­gi­gen Gebiet des Pat­ent­we­sens tätig bin (wenn auch nicht im Bereich der Mikro­bio­lo­gie), möch­te ich ver­su­chen, den schein­bar mys­te­riö­sen Ein­trag auf­zu­klä­ren”, sekun­diert Leser ***. „Es gibt die US-Patent­an­mel­dung US2020/279585 mit dem Titel ‚Sys­tem and Method for Tes­ting for COVID-19′, ein­ge­reicht am 17. Mai 2020. Sie hat meh­re­re Prio­ri­tä­ten, die frü­hes­te ist vom 13. Okto­ber 2015. In die­ser Patent­an­mel­dung  vom 17. Mai 2020 ist der Aspekt ‚COVID-19’ erst­mals beschrie­ben. (Hier ist der Link). 

Es gibt, zum Ver­gleich, die frü­he­re US-Patent­an­mel­dung US2020126593 mit dem Titel ‚Sys­tem and Method For Using, Pro­ces­sing, and Dis­play­ing Bio­metric Data’, ein­ge­reicht, am 5. Dezem­ber 2019. Auch die­se Patent­an­mel­dung hat meh­re­re Prio­ri­tä­ten, genau genom­men die glei­chen wie die vor­ge­nann­te. Die frü­hes­te Prio­ri­tät ist also wie­der­um vom 13. Okto­ber 2015. Die Patent­an­mel­dung vom 5. Dezem­ber 2019 beinhal­tet jedoch NICHT den Aspekt ‚COVID-19’. (Hier ist eben­falls der Link – ein­fach mit der Such­funk­ti­on des Brow­sers im Text der Anmel­dung nach ‚COVID’ suchen. Ganz ähn­lich dürf­te es ich mit den ande­ren frü­he­ren Prio­ri­tä­ten ver­hal­ten; das habe ich jetzt nicht im Ein­zel­nen geprüft). 

Es gibt also kei­ner­lei mys­terö­sen Kau­sal­zu­sam­men­hang, wenn der Aspekt ‚COVID-19’ erst­mals in einer Patent­an­mel­dung beschrie­ben ist, die am 17. Mai 2020 ein­ge­reicht wurde.

Das ame­ri­ka­ni­sche Patent­recht (und nur die­ses) erlaubt eine prak­tisch end­lo­se Ver­ket­tung von Anmel­dun­gen (soge­nann­te ‚con­ti­nua­tion-in-part’), bei der mit jeder neu­en Anmel­dung ein­fach ein neu­er inhalt­li­cher Aspekt (‚part’) zu den bis­he­ri­gen Inhal­ten hin­zu­ge­fügt wird. Außer­halb der USA geht das nicht so ohne wei­te­res. Soweit ersicht­lich, hat Herr Roth­schild bis­her nur in den USA Patent­an­mel­dun­gen getä­tigt. Inner­halb eines Jah­res nach der erst­ma­li­gen Anmel­dung kön­nen unter Inan­spruch­nah­me der Prio­ri­tät die­ses erst­mals offen­bar­ten Gegen­stan­des Patent­an­mel­dun­gen außer­halb der USA ange­mel­det werden.

Klingt wahr­schein­lich ziem­lich kryp­tisch, aber das ist das täg­li­che Brot eines Patentprüfers.”

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Beim Blät­tern im letz­ten Band der Acta stieß ich auf die Nach­richt, man pla­ne bei der Luft­han­sa, die Rei­he 18 abzu­schaf­fen und dafür die 13 wie­der ein­zu­füh­ren. Das war natür­lich bzw. wahr­schein­lich ein Witz. Aber ganz sicher kann man sich heu­te nicht mehr sein. Was hal­ten Sie zum Bei­spiel von die­ser Petition:

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Scherz, Sati­re oder tie­fe­re Bedeutung?

Ziem­lich sicher echt ist – wohl – das:

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PS: Als Teen­ager war ich eine Zeit­lang Rin­ger (grie­chisch-römisch), bis ich bei mei­nem ein­zi­gen Wett­kampf an einen Rich­ti­gen geriet; dann erlosch mein Inter­es­se an die­ser durch­aus schmerz­haf­ten Lei­bes­übung. Aber wenn ich heu­te in der Pres­se lese, wo über­all und wor­um „gerun­gen” wird, dann könn­te ich glatt, sofern ich der Typ dafür wäre, um Fas­sung ringen. 

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Irgend­wie noch zum Vorigen.

„Wo gibt es die ers­te Dr. Ange­la-Mer­kel-Stra­ße?” fragt Leser ***.  „Zu Leb­zei­ten soll ja nie­mand als Namens­ge­ber einer Stra­ße, eines Plat­zes, einer Uni­ver­si­tät oder eines Flug­ha­fens her­hal­ten. Aber es gab Aus­nah­men: Ein ver­gleichs­wei­se allen­falls mit­tel­mä­ßi­ger Amts­vor­gän­ger der amtie­ren­den Regie­rungs­chefin durf­te die Benen­nung der von ihm in sei­ner Amts­zeit als Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter gegrün­de­ten Bun­des­wehr­hoch­schu­le in Ham­burg erle­ben. Einem ande­ren Vor­gän­ger wur­den Zeit sei­nes Amtes zahl­lo­se Plät­ze und Stra­ßen gewid­met, aller­dings woll­te ihn nach sei­nem Aus­schei­den aus dem Amt kaum noch jemand gekannt haben.

Es muss gehan­delt wer­den. Wel­che Städ­te stei­gen ein in das Ren­nen? Ber­lin, Chem­nitz, Frank­furt, Kan­del, Köln, Köthen? Dafür muss dann schon etwas Reprä­sen­ta­ti­ves her und nicht nur eine Neben­stra­ße in einem x‑beliebigen Neu­bau­ge­biet. Es ste­hen ja der­zeit zahl­rei­che Umbe­nen­nun­gen auf so man­cher kom­mu­na­len Tagesordnung. 

Mit der media­len Reich­wei­te Ihres Dia­ri­ums könn­te die­sem nicht unwich­ti­gen Vor­ha­ben eine gewis­se Dyna­mik ver­lie­hen werden.”

Chem­nitz ist eine bril­lan­te Idee. Auch die Riga­er Stra­ße in Ber­lin böte sich an. Oder der Platz der Repu­blik dort­selbst, also die Adres­se des Bundestags. 

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Nach­dem ich wie­der­ver­ei­nigt wur­de, stu­dier­te ich als plötz­li­cher Jour­na­list und inter­es­sier­ter Zeit­ge­nos­se natür­lich auf­merk­sam die West­pres­se. Der Lek­tü­re der Zeit war unter ande­rem die Musik­schul­stun­de mei­ner Toch­ter vor­be­hal­ten, wäh­rend wel­cher ich in einem Café auf sie war­te­te. Damals fiel mir auf, dass die ver­schie­de­nen Gazet­ten sowohl psy­chisch als auch phy­sio­lo­gisch ver­schie­den auf mich wirk­ten. Nach der Spie­gel-Lek­tü­re etwa fühl­te ich mich einer von Nie­der­tracht gelei­te­ten Welt auf zyni­sche Wei­se über­le­gen. Nach einer Stun­de Beschäf­ti­gung mit der Zeit – poli­ti­scher Teil, Feuil­le­ton – stell­te sich eine gewis­se Über­zu­cke­rung ein. Eigent­lich könn­te die Welt ein schö­ner Ort sein, wenn alle däch­ten wie wir, lau­te­te die soge­nann­te Bot­schaft. Die meis­ten Tex­te waren ersicht­lich von haupt- oder ehren­amt­li­chen Päd­ago­gen ver­fasst. Aus jeder Zei­le spra­chen Güte und Bescheid­wis­sen­schaft. Gren­zen­lo­ses Ver­ständ­nis droh­te denen, die bereit waren, den Rat­schlä­gen der Gou­ver­nan­ten zu fol­gen und ihren Offen­ba­run­gen zu glau­ben. Auf die Ver­stock­ten wür­de man noch ein paar wei­te­re Kom­men­ta­re lang ein­re­den, aber irgend­wann wäre natür­lich Schluss.

(Ich habe spä­ter sogar für die Zeit geschrie­ben. Ich war jung, und ich brauch­te sogar das biss­chen Geld. Schwamm drü­ber. Vor­zu­wer­fen habe ich mir eigent­lich nur eine mie­se Invek­ti­ve gegen Oswald Spengler.)

Die­se Aus­füh­run­gen schi­cke ich vor­weg, um kurz auf einen Zeit-Arti­kel ein­zu­ge­hen, den ich wegen sei­ner trie­fen­den Güte, fin­gier­ten Dif­fe­ren­ziert­heit und schein­ba­ren Selbst­kri­tik einen typi­schen Zeit-Arti­kel nen­nen möch­te, obwohl er nicht ein­mal von einer Zeit-Redak­teu­rin wel­chen Geschlechts auch immer stammt, son­dern von einer Schrift­stel­le­rin mit ganz viel Migra­ti­ons­bio­gra­phie (und allein dadurch zur Erzie­he­rin ver­stock­ter Sekun­där­ras­sis­ten prädestiniert).

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Um Göt­tin­nens­wil­len! Han­nah Arendt hat „Neger” gesagt! Und irgend­ei­ne Aus­stel­lung ver­brei­tet das! Die­sem erschüt­tern­den Vor­fall gilt das rou­ti­niert simu­lier­te, längst habi­tu­ell gewor­de­ne Ent­set­zen inmit­ten der kor­rek­ten Bewun­de­rung für eine der weni­gen Phi­lo­so­phin­nen. Allein die­ses schlei­mi­ge „Unser” und „Wir”! Also ich habe mit denen kein Wir.

Was fol­gen muss, ist klar. Vor­wurf. Schuld. Irgend­ei­ne For­de­rung. Ras­sis­mus ist weiß, der Kolo­nia­lis­mus ist schuld dar­an, dass es bis heu­te immer noch Unter­schie­de (discri­men) zwi­schen den Erdenkin­dern gibt. 

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Merk­wür­dig, dass es Wei­ße waren – und aus­schließ­lich Wei­ße –, die die Men­schen­rech­te dekla­rier­ten und die Skla­ve­rei abschaff­ten. Merk­wür­dig auch, dass Schwar­ze unter­ein­an­der mit dem „N‑Wort”, auch in sei­ner ver­schärf­ten Ver­si­on, kein Pro­blem haben. Skla­ve­rei und Kolo­nia­li­sie­rung von ande­ren Völ­kern waren Kon­stan­ten der Geschich­te, nichts spe­zi­fisch Wei­ßes; „Ras­sis­mus” gab und gibt es bis heu­te über­all, wahr­schein­lich aber am wenigs­ten im Wes­ten; jede Hoch­kul­tur, jedes Impe­ri­um beruh­te in mehr oder weni­ger gro­ßem Umfang auf Skla­ven­ar­beit (dazu der His­to­ri­ker Egon Flaig hier, etwas scrol­len), und der Skla­ve bzw. der Kolo­ni­sier­te galt über­all als Wesen nie­de­ren und nied­rigs­ten Ran­ges. Die isla­mi­sche Welt, in der bis heu­te Skla­ve­rei prak­ti­ziert wird, war „das größ­te und lang­le­bigs­te skla­vis­ti­sche Sys­tem der Geschich­te” (Flaig), und wer sich fragt, war­um in die­sen Län­dern ver­gleichs­wei­se weni­ge Schwar­ze leben, möge dar­über medi­tie­ren, was man mit Mes­sern alles an Män­nern anstel­len kann. War­um es kei­ne Vor­wür­fe und For­de­run­gen gegen­über isla­mi­schen Län­dern gibt, habe ich gele­gent­lich aus­ge­führt: Es herrscht dort kein akti­vier­ba­res kol­lek­ti­ves schlech­tes Gewis­sen. Wo nichts zu holen ist, wird auch nicht moralisiert.

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Alles Quatsch. Deko­lo­ni­sie­ren bedeu­tet bei die­sen Leu­ten: die Bril­le wech­seln. Die alte Kolo­ni­al­her­ren­men­schen­bril­le, die auch damals schon nicht jeder trug, soll durch die wei­ße Schuld- und Wie­der­gut­ma­chungs­bril­le ersetzt wer­den. (Wie gesagt, ich ver­bit­te mir die­ses „Wir”. Ich weiß sehr wohl, mei­nen Sin­nen, mei­nen Erfah­run­gen, mei­nen Lek­tü­ren und mei­nem Ver­stand zu trau­en. Ich unter­schei­de.) Was die­se Leu­te wol­len, ist, in der Temi­no­lo­gie der Mar­xis­ten gespro­chen, das Klas­sen­be­wusst­sein anpran­gern – Ras­sen­be­wusst­sein dür­fen sie nicht sagen, aber sie den­ken so unent­wegt und manisch an Ras­sen, wie eine vic­to­ria­ni­sche Gou­ver­nan­te an Sex –, und zwar als „objek­tiv fal­sches Bewusst­sein” unver­dient Pri­vi­le­gier­ter. Des­halb den­ken und reden sie immer kol­lek­tiv und mei­nen gleich­zei­tig, die­sem Kol­lek­tiv die klit­ze­klei­ne Ein­sicht vor­aus­zu­ha­ben, dass es sich von einem fal­schen Bewusst­sein lei­ten lässt, und das oft unter­be­wusst, wes­halb es auf die Couch der The­ra­peu­ten des alten Ham­bur­ger Schnarch­blat­tes gehört,

Nach all die­sem Bekennt­nis­ge­schwa­fel muss irgend­ei­ne For­de­rung kommen. 

„Was hat sich das Muse­um dabei gedacht, Arendts Ver­wen­dung des N‑Wortes in die­ser Zeit unkom­men­tiert zu repro­du­zie­ren? In der Aus­stel­lung selbst, die ich im Mai besuch­te, gab es kei­nen Hin­weis dar­auf. Also schrieb ich an das Muse­um und schlug eine Klar­stel­lung an Ort und Stel­le vor. Dies wür­de sowohl den Ent­schei­dungs­pro­zess der Insti­tu­ti­on trans­pa­ren­ter machen als auch die Besu­cher war­nen, bei denen das Wort schmerz­haf­te Reak­tio­nen aus­lös­te. Außer­dem könn­te eine Klar­stel­lung die­je­ni­gen infor­mie­ren, denen viel­leicht nicht bewusst ist, dass das Wort nicht mehr bei­läu­fig ver­wen­det wer­den soll­te. … Im Juli schick­te ein Freund mir dann ein Foto aus der Aus­stel­lung. Es zeig­te ein rotes Schild mit einer Erklä­rung, die fol­gen­der­ma­ßen ende­te: ‚Der Aus­druck hat eine ras­sis­ti­sche Tra­di­ti­on. Sei­ne Über­nah­me in die Col­la­ge ist allein der Ver­pflich­tung zum ori­gi­nal­ge­treu­en Umgang mit his­to­ri­schen Quel­len geschul­det’. Das Schild wur­de am 10. Juni auf­ge­hängt. Seit­her hat es kei­ne wei­te­ren Mel­dun­gen gegeben.”

Was für ein wider­li­ches Zeug. Zuerst die­ses Sich-wich­tig­ma­chen im Namen von, immer schon mit dem Gedan­ken der Ver­öf­fent­li­chung im hol­den Hin­ter­kopf. Dann die­ses tan­ten­haf­te Beleh­rungs-Getue, als sei­en die Besu­cher einer Han­nah-Arendt-Aus­stel­lung zu blöd, um his­to­ri­sche Begrif­fe his­to­risch zu begrei­fen. Über­haupt die­ses Mel­den, die­ses Anschwär­zen (sic!), die­ses Schie­ßen aus dem siche­ren Biwak des Zeit­geis­tes, plat­zend vor grund­gu­tem Gewis­sen. Grundgütige! 

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Noch zum Vori­gen eine Wie­der­vor­la­ge. Am 25. Okto­ber 2018 schrieb ich über Frank Böckel­manns Buch „Die Gel­ben, die Schwar­zen, die Wei­ßen”, das mir wei­land auf der Buch­mes­se in die Hän­de geriet (die Erst­aus­ga­be war 1998 in Enzens­ber­gers „Ande­rer Biblio­thek” erschie­nen und zwi­schen­zeit­lich lan­ge ver­grif­fen) unter ande­rem Folgendes:

Das mao­is­ti­sche Chi­na ent­sand­te in den 1970er und 80er Jah­ren 250.000 Ver­trags­ar­bei­ter nach Tan­sa­nia und Sam­bia, um die schwar­zen Völ­ker im Kampf gegen den wei­ßen Kolo­nia­lis­mus zu unter­stüt­zen, spe­zi­ell beim Bau der Tan-Sam-Eisen­bahn. Die Gast­ar­bei­ter mie­den alle per­sön­li­chen Kon­tak­te zu den Ein­hei­mi­schen, schlos­sen weder Freund- noch Lieb­schaf­ten, und als sie abzo­gen, lie­ßen sie kei­ne Nach­kom­men dort zurück. Als Jour­na­lis­ten eini­ge der Rück­keh­rer in der Hei­mat auf einer Pres­se­kon­fe­renz frag­ten, wel­che Anre­gun­gen sie in Afri­ka emp­fan­gen hät­ten, herrsch­te minu­ten­lan­ges quä­len­des Schwei­gen… – Umge­kehrt ver­lie­ßen fast alle Afri­ka­ner, die Anfang der 1960er Jah­re zum Stu­di­um nach Chi­na gegan­gen waren, das Land schnell wie­der. Chi­ne­sin­nen, die sich mit Afri­ka­nern ange­freun­det hat­ten, wur­de aus­nahms­wei­se erlaubt, mit ihnen zu gehen. „Bin­nen Jah­res­frist kehr­te ein Teil der aus­ge­wan­der­ten Bräu­te nach Chi­na zurück und beklag­te sich öffent­lich dar­über, daß das afri­ka­ni­sche Essen unge­nieß­bar sei. Zudem habe sich in Afri­ka her­aus­ge­stellt, daß die Ehe­gat­ten jeweils schon meh­re­re Frau­en hatten.”

In Japan kam nach 1945 eine sechs­stel­li­ge Zahl von Kin­dern zur Welt, deren Väter ame­ri­ka­ni­sche Besat­zungs­sol­da­ten waren, und vie­le davon hat­ten natur­ge­mäß schwar­ze Väter. Die Müt­ter sol­cher Misch­lin­ge setz­ten die Kin­der ent­we­der ein­fach aus, ver­such­ten, sie irgend­wo abzu­ge­ben – oder sie wur­den aus dem Land getrie­ben; von Letz­te­ren emi­grier­ten vie­le nach Bra­si­li­en. Ein Teil der Misch­lings­kin­der wur­de von ame­ri­ka­ni­schen oder euro­päi­schen Fami­li­en adop­tiert. „Kein ein­zi­ges Kind fand japa­ni­sche Adop­tiv­el­tern.” Ein hal­bes Jahr­hun­det spä­ter bewer­te­ten Böckel­manns Inter­view­part­ner den Ein­tritt eines Schwar­zen in eine japa­ni­sche Fami­lie wahl­wei­se als Kata­stro­phe oder als Schan­de. Sie wür­de „wei­nen bis zum Tod”, wenn ihre Toch­ter mit einem Neger nach Hau­se käme, gab eine der befrag­ten Frau­en zu Pro­to­koll. Böckel­mann zitiert einen japa­ni­schen Anthro­po­lo­gen mit den Wor­ten: „Huma­nis­mus ist eine Sache, der phy­sio­lo­gi­sche Wider­wil­le vor bestimm­ten Men­schen eine andere.”

Ich fin­de die­se Kinds­ab­leh­nung übri­gens empö­rend. Aber das ist mei­ne Privatmeinung.

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Apro­pos Tag der DDR (es hieß offi­zi­ell „Tag der Repu­blik”, wie mich Leser *** belehrt; als Schü­ler muss­te ich am 7. Okto­ber immer demons­trie­ren gehen): Alex­an­der Wendt hat einen gran­dio­sen Text über die offi­zi­el­le Staats­par­ty am 3. Okto­ber geschrie­ben, der sich mit der wenig hilf­rei­chen Fra­ge beschäf­tigt, wer aus der Ehe­ma­li­gen im ver­ein­ten Deutsch­land Kar­rie­re machen konn­te und wer nicht, und war­um die Ein­heits­fei­er­lich­kei­ten ohne Men­schen auf Podi­en aus­ka­men und aus­kom­men, die am Unter­gang des real­so­zia­lis­ti­schen Groß­k­nasts irgend­ei­nen Anteil hat­ten. Ein­zi­ge Aus­nah­me: Arnold Vaatz. Der durf­te in Dres­den vor dem Land­tag reden, was drei Frak­tio­nen zum Anlass nah­men, der Fei­er fernzubleiben. 

Wendt: „Vaatz will 2021 nicht wie­der für den Bun­des­tag kan­di­die­ren. Sei­ne Außen­sei­ter­rol­le reicht ihm schon jetzt manch­mal. … Der Vor­sit­zen­de der Links­par­tei-Frak­ti­on im säch­si­schen Land­tag Rico Geb­hardt nennt Vaatz ein ‚poli­ti­sches Irr­licht’. Das sagen auch vie­le kanz­ler­amts­treue Uni­ons­ab­ge­ord­ne­te so. Er, Geb­hardt, kön­ne ‚über­haupt nicht erken­nen, was Vaatz für die­se Fest­re­de qualifiziert’.

Als Vaatz gera­de auf Bewäh­rung ent­las­sen wor­den war und ein hal­bes Jahr Zwangs­ar­beit hin­ter sich hat­te, 1984, begann Geb­hardt sei­ne Lauf­bahn als haupt­amt­li­cher FDJ-Sekre­tär.” (Wei­ter hier.)

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„Sehr geehr­ter Herr Klo­n­ovs­ky, lese gern Ihre Bei­trä­ge der ‚Acta’ mit Aus­nah­me Ihrer Tira­den gegen die DDR und die Lin­ke im All­ge­mei­nen. Die Lin­ke ist so viel­fäl­tig wie die Rechte.

Wenn es in der DDR so schlecht war, war­um loben vie­le ‚Wes­sis’ den Osten, sind begeis­tert über die schö­nen Orte dort – aber nicht nur über Kul­tur, Natur und Archi­tek­tur son­dern auch über Men­schen, die sich noch ihre Eigen­stän­dig­keit bewahrt haben und – noch – nicht die ‚Bunt­heit’ des Wes­tens haben? War­um wohl? Irgend­et­was muss doch wohl auch rich­tig gewe­sen sein im Osten. Im übri­gen mer­ken wir, dass zuneh­mend ‚Wes­sis’ hier in den Osten zie­hen denn im viel­ge­lob­ten Wes­ten wird es zuneh­mend ungemütlicher.”

Sehr geehr­te Frau ***, es wird Sie wahr­schein­lich nicht über­ra­schen, dass ich der Ansicht bin, der Osten sei nicht wegen son­dern trotz der über­stan­de­nen real­so­zia­lis­ti­schen Pan­de­mie heu­te der womög­lich bes­se­re Teil des ohne­hin bes­ten Deutsch­lands aller Zei­ten und Völ­ker. Die Abschot­tungs­po­li­tik der SED-Vög­te hat in gewis­sem Maße dazu bei­getra­gen, aber das war kei­nes­wegs inten­diert. (Ich mei­ne das nicht die Boh­ne „aus­län­der­feind­lich”; wo mir der Wes­ten ange­neh­mer ist als der Osten, ist er es vor­nehm­lich wegen der Aus­län­der, aber die­se Aus­sa­ge gilt auch dort, wo er mir unan­ge­neh­mer ist.) Die Natur kommt von Gott, die erhal­te­ne Archi­tek­tur wie­der­um hat die DDR ja nur in Gestalt von Rui­nen über­dau­ert, für deren Besei­ti­gung bzw. Reno­vie­rung die Mit­tel fehl­ten, weil das sozia­lis­ti­sche Expe­ri­ment gott­lob wirt­schaft­lich auf töne­ren Füßen stand und die Genos­sen es nicht schaff­ten, die Innen­städ­te umzu­bau­en und zu ver­schan­deln, wie es der in die­sem Punk­te noch ideo­lo­gie­ge­trie­be­ne­re Wes­ten tat. 

Nein, es war nicht alles schlecht in der Ehe­ma­li­gen, aber das gilt zu allen Zei­ten für fast alle Län­der, denn dort leben ja Men­schen, die in ihrer Mehr­heit eben nicht schlecht sind. Wenn ich sage, die DDR sei ein Drecks­staat gewe­sen, mei­ne ich nicht „die Men­schen”, son­dern tat­säch­lich den Staat, die Par­tei­bon­zen, die bösen Grei­se des Polit­bü­ros, die Spit­zel, die Mit­ma­cher, die Beflissenen…

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