30. November 2020

„Was ist für Sie das Böse?”
„Die Über­zeu­gung, recht zu haben.”
(Der Phy­si­ker Edward Tel­ler 1989 in einem Interview.)

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Anno 1938 zwan­gen Nazis Juden, mit Zahn- oder ande­ren Bürs­ten die Stra­ße zu schrub­ben. Das trau­en sich ihre Nach­kom­men nicht. Heu­te schrub­ben sie selber:

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Wäre ich Psy­cho­lo­ge, ich wür­de in die­sem gegen ein Objekt gekehr­ten Wasch­zwang eine – natür­lich völ­lig unbe­wuss­te – Über­kom­pen­sa­ti­on vermuten.

„Bei der Kranz­nie­der­le­gung sprach ein Ver­tre­ter des Häuf­leins ‚Juden in der AfD’ ”, mel­det das Platt­förm­lein Spey­er Kurier. „Die jüdi­schen Ver­bän­de wer­fen die­ser win­zi­gen Grup­pie­rung Täu­schung vor, da nur die wenigs­ten ihrer Mit­glie­der wirk­lich Juden sind.”

So gern manch bra­ver Mus­ter­deut­sche gegen ihn täu­schen­de win­zi­ge Grup­pie­run­gen vor­geht, sei hier ange­merkt, dass es genau eine Per­son in der Winz­lings­grup­pe gibt, die nur nach nürn­ber­ge­ri­schen und nicht nach hala­chi­schen Maß­stä­ben dazugehört. 

„Tat­säch­lich fiel dem Ver­tre­ter von ‚Juden in der AfD’ nichts ande­res ein, als von der angeb­lich zuneh­men­den Bedro­hung durch Migra­ti­on zu spre­chen. Doch bei anti­se­mi­ti­schen Vor­fäl­len sind die Täter zu über 90 Pro­zent Deut­sche mit rech­tem Hin­ter­grund. Die Sta­tis­tik poli­tisch moti­vier­ter Kri­mi­na­li­tät des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes ver­zeich­ne­te für 2019 ins­ge­samt 2.032 juden­feind­li­che Straf­ta­ten. 93 Pro­zent der Straf­ta­ten wur­den dem rechts­ex­tre­men Spek­trum zugeordnet.”

So liest es sich im BKA-Original:

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Knapp 97 Pro­zent der rechts­ex­tre­men Straf­ta­ten gegen Juden sind also soge­nann­te Pro­pa­gan­da­de­lik­te, bei­spiels­wei­se Haken­kreuz­schmie­re­rei­en auf jüdi­schen Fried­hö­fen, und zwar egal, wer sie hin­ter­las­sen hat, ob Neo­na­zi, Mos­lem, Sta­si-Vete­ran oder Anti­fant; des­glei­chen Hit­ler­grü­ße, wie­der­um einer­lei, wer den rech­ten Arm reck­te (ich habe hier vor Mona­ten eine Tweet ver­linkt, in dem eine Lan­des­po­li­zei bestä­tig­te, dass ein Migrant, der öffent­lich den Hit­ler­gruß gezeigt hat­te, der Sta­tis­tik eine „rech­te Straf­tat” bei­gesteu­ert habe).

Was aber die wirk­li­chen Atta­cken auf Juden in ’schland betrifft, so gehen nahe­zu sämt­li­che Gewalt­ta­ten, über die in den Medi­en (oder in jüdi­schen Krei­sen) berich­tet wird, auf das Kon­to von Mos­lems. Oder kön­nen Sie sich, geneig­te Lese­rin, an Schlag­zei­len erin­nern wie: Neo­na­zi schlug auf Rab­bi ein? (Und das könn­ten Sie, denn es wäre die ers­te Mel­dung der Tages­schau und Anlass für u.a. H. Maas gewe­sen, sich ins Brüst­lein zu wer­fen und irgend­ein Ver­bot zu for­dern.) Es muss sich um ein ähn­li­ches Medi­en­kom­plott han­deln wie bei den gehäuf­ten Mel­dun­gen von Mes­ser­an­grif­fen, deren Zahl bekannt­lich seit 2015 nicht zuge­nom­men hat, und den­noch erwe­cken Jour­na­lis­ten durch ver­schärf­tes Erwäh­nen sol­cher unschö­nen, aber seit der Varus­schlacht in unse­ren Brei­ten übli­chen Zwi­schen- bzw. Ein­zel­fäl­le die­sen fal­schen Eindruck. 

Der Ver­tre­ter der „Juden in der AfD” sag­te bei der Kranz­nie­der­le­gung unter anderem:

„Der 9. Novem­ber ist der Tag, an dem in ganz Deutsch­land jüdische Geschäfte geplündert, Syn­ago­gen angezündet und laut His­to­ri­kern die Zeit der Dis­kri­mi­nie­rung in die Zeit der Ver­fol­gung übergegangen ist. Es folg­ten die ers­ten Mas­sen­de­por­ta­tio­nen von Juden; im gan­zen Land wur­den die ver­blie­be­nen jüdischen Männer nach Dach­au depor­tiert und dort wochen­lang miss­han­delt. Nur zwei Jah­re später folg­ten die ers­ten Depor­ta­tio­nen ins Aus­land, und es traf als aller­ers­tes, unter ande­ren, die Spey­rer Juden. Die ‚Wagner-Bürckel-Aktion’ von 1940, aus Bos­heit extra am jüdischen Suk­kot-Fest durchgeführt, brach­te alle Pfälzischen und Badi­schen Juden außer Lan­des, nach Gurs in den Pyrenäen. Es waren vor allem alte Men­schen, die noch in Deutsch­land, ihrer Hei­mat, geblie­ben waren, statt zu flie­hen. Ein gro­ßer Teil von ihnen starb dort in den Ber­gen gleich im ers­ten Win­ter, in den unbe­heiz­ten Bara­cken. Fast der gesam­te Rest wur­de ab 1942 nach Polen wei­ter­ver­frach­tet und dort ermordet.

Wenn wir eine sol­che Kranz­nie­der­le­gung durchführen, müssen wir uns auch fra­gen: Wer plündert heu­te Geschäfte? Wer unterdrückt heu­te ande­re Mei­nun­gen als sei­ne eige­ne? Wer begeht heu­te Überfälle auf Juden? Sind es wirk­lich die Rech­ten? In den USA gibt es eine Bewe­gung namens Black lives mat­ter. Sie unterstützt Israel­boy­kot­te, ihre Anhänger plündern Geschäfte und schmie­ren Graf­fi­ti an Syn­ago­gen. Unse­re Pres­se und unse­re Poli­ti­ker berich­ten nichts darüber, sie unterstützen die­se Bewe­gung im Gegenteil.

Statt aber wohl­fei­le Reden zu schwin­gen, soll­te man die­ses Datum nut­zen, um über die wirk­li­chen Gefah­ren für die Juden von heu­te zu spre­chen. Und die­se kom­men ganz sicher nicht von rechts. (…)

Erst letz­te Woche fand ein Anschlag in Wien statt, direkt vor einer Syn­ago­ge, die wohl das ursprüngliche Ziel die­ses Anschlags war. Das jüdische Leben in Euro­pa ist bedroht, vie­le wan­dern aus. Aber um die­se Gefahr zu ban­nen, muss man erst­mal bereit sein, ihr ins Auge zu bli­cken. Und der main­stream ist nicht bereit dazu, denn dann müsste er beken­nen, dass er gro­ße Feh­ler in der Migra­ti­ons­po­li­tik gemacht hat. Dass die ganz überwiegende Mehr­heit anti­se­mi­ti­scher Straf­ta­ten in West­eu­ro­pa von Mus­li­men began­gen wird, ist etwas, das der main­stream nicht wahr­ha­ben will. Mit gefälschten Sta­tis­ti­ken ver­sucht man statt­des­sen, alles den Rech­ten in die Schu­he zu schie­ben, um sie als die geis­ti­gen Nach­fol­ger der Nazis dar­stel­len zu können. Aber wenn man jeden Kon­ser­va­ti­ven als Nazi bezeich­net, dann ist den Opfern der ech­ten Nazis damit nicht gedient.”

So schließt denn auch das Text­lein im Spey­er Kurier mit den mar­ki­gen Wor­ten: „Kein Platz für Nazis!”

Wäh­rend unser­ei­nem spon­tan ein Epi­gramm von Marc Pom­me­re­ning einfällt: 

„Vol­ler Inbrunst schrubbt der klei­ne
Nazi­en­kel Stolpersteine.”

Es ist zum Speyen.

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Man lese zum Vori­gen auch: „Über­all die­se Juden­ster­ne!” Deut­sche Bil­dungs­an­stal­ten in Zei­ten ihrer Trans­for­ma­ti­on in „Schu­len gegen Ras­sis­mus” bzw. gegen Bil­dung (hier).

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Hate Gravity

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Seit mei­ner Kan­di­da­tur für ein Direkt­man­dat in Chem­nitz befin­de ich mich in der kom­for­ta­blen Situa­ti­on, von den einen als „Jude”, Volks­feind und Markt­ra­di­ka­ler geschmäht zu wer­den, der­weil ande­re mich zum Anti­se­mi­ten, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker und Natio­na­lis­ten dekla­rie­ren, da ich das Wort „Hoch­fi­nanz” ver­wen­det habe. So schreibt einer auf Twit­ter: „Fehlt bloß noch ‚jüdi­sche Hoch­fi­nanz’. Was soll das sein? Roth­schild? Die meis­ten Finanz­un­ter­neh­men sind AGs, an denen alle Welt betei­ligt ist. Unter­neh­men wer­den erfolg­reich, weil sie einen beson­de­ren Ser­vice oder Pro­duk­te bie­ten, die ande­re nicht haben.”

Zu Letz­te­rem ein paar dür­re Worte.

In gewis­sem Sin­ne ist sogar die Fed eine AG, das stimmt, inso­fern sie näm­lich aus den reichs­ten Ban­ken Ame­ri­kas besteht bzw. doch wohl eher den reichs­ten Ban­kiers­fa­mi­li­en gehört, wobei mir der Opti­mis­mus fehlt, zu glau­ben, dass die an besag­ten Ban­ken über Akti­en betei­lig­te „alle Welt” bei den Ent­schei­dun­gen der Fed mitbestimmt.

Was den Ein­schub des Attri­buts „jüdisch” betrifft: Es sind nicht nur Dia­lo­ge mit Men­schen über­flüs­sig, die ledig­lich Echos ande­rer Mei­nun­gen sind, auch paw­low­sche Pudel fal­len in die­se Kate­go­rie. Leu­te, die bei jeder Gele­gen­heit zwang­haft Anti­se­mi­tis­mus asso­zi­ie­ren – egal übri­gens, ob aus pro- oder anti­jü­di­schen Moti­ven –, erin­nern mich an gewis­se vic­to­ria­ni­sche Neurotiker*innen, um deret­wil­len sogar Stuhl­bei­ne dra­piert wer­den muss­ten, weil deren blo­ßer Anblick ero­ti­sche Vor­stel­lun­gen in ihnen aus­lös­te. Es gibt Juden in der Hoch­fi­nanz, aber kei­ne „jüdi­sche Hoch­fi­nanz”, das ist alles. Es besteht bekannt­lich ein fun­da­men­ta­ler Unter­schied zwi­schen den Aus­ru­fen: „Der Jude ist ein Gau­ner!” und „Der Gau­ner ist ein Jude!” Klar soweit?

Die Hoch­fi­nanz indes – ich hät­te auch von Finanz(gauner)elite spre­chen kön­nen – exis­tiert. Man erkennt sie an ihren Wer­ken wie den Teu­fel am Schwefelgeruch.

Wenn es mög­lich ist, dass ein­zel­ne Inves­to­ren gan­ze Volks­wirt­schaf­ten unter Druck set­zen kön­nen, dann haben wir eine Hoch­fi­nanz. Wenn es mög­lich ist, dass die Finanz­welt über Hedge­fonds und ver­mit­tels Deri­va­ten und „Credit Default Swaps” in rie­sen­haf­tem Aus­maß gegen die Real­wirt­schaft spe­ku­lie­ren und fast immer damit erfolg­reich sein kann, dann gibt es eine Hoch­fi­nanz. Wenn es stimmt, dass eine über­schau­ba­re Grup­pe von Men­schen in Deri­va­ten ein Mehr­fa­ches der gesam­ten Welt­wirt­schaft­st­leis­tung „inves­tiert” hat, dann gibt es eine Hoch­fi­nanz. Wenn es mög­lich ist, dass an den Finanz­märk­ten jeden Tag Roh­stof­fe und Wer­te gehan­delt wer­den, die gar nicht exis­tie­ren – ich las eben, dass die der­zeit bör­sen­ge­han­del­ten Gold­zer­ti­fi­ka­te inzwi­schen das Hun­dert­fa­che des tat­säch­lich exis­tie­ren­den Gol­des aus­ma­chen sol­len –, dann ist das das Werk einer Hochfinanz.

Bei­sei­te gespro­chen: Freund *** wen­det gegen die­sen Gedan­ken­gang ein, dass wir prak­tisch alle, sofern wir in Akti­en, Fonds etc. inves­tiert haben, mit in die­sem Sys­tem ste­cken. Schon mög­lich. Der Land­ser in Sta­lin­grad steck­te ja auch irgend­wie mit im NS-Sys­tem. Der Ein­fluss wächst mit der finan­zi­el­len Schuh­grö­ße. „Hoch­fi­nanz” ist zunächst ein quan­ti­ta­ti­ves Kri­te­ri­um, wobei wir aus der dia­lek­ti­schen Klipp­schu­le wis­sen, das Quan­ti­tät in Qua­li­tät umschlägt. Aber natür­lich haben auch Klein­in­ves­to­ren profitiert.

Was nun wie­der­um die Mark­wirt­schafts­ge­neigt- und för­der­lich­keit die­ser Finanz­eli­te angeht, die konn­ten wir 2008 stu­die­ren, als Tei­le von ihr um Staats­hil­fen bet­tel­ten, nach­dem sie das Welt­fi­nanz­sys­tem an den Rand des wohl­ver­dien­ten Zusam­men­bruchs geführt hat­ten und, lei­der, mit dem Geld bzw. durch die Ver­schul­dung von Mil­lio­nen Steu­er­zah­lern „geret­tet” wur­den. Was die­se Leu­te bekannt­lich nicht zur Ein­sicht führ­te, denn sie hören bis heu­te nicht auf damit, Bla­sen zu erzeu­gen und mit fik­ti­ven Wer­ten ober­halb jedes real­wirt­schaft­li­chen Maßes zu han­deln, Phan­ta­sie­ge­bil­de zu „ver­si­chern” etc. Das Sys­tem wird nach Ein­schät­zung vie­ler Leu­te, die davon, im Gegen­satz zu mir, etwas ver­ste­hen, kol­la­bie­ren; inwie­weit die Coro­na-Ermäch­ti­gun­gen dabei die Rol­le einer noch halb­wegs kon­trol­lier­ten Bruch­lan­dung spie­len, wer­den wir erfah­ren. Der letz­te Ver­tei­di­gungs­ring gegen das tota­le Aus­ge­plün­dert­wer­den ver­mit­tels aus dem Nichts geschöpf­ten und durch nichts gedeck­ten vir­tu­el­len Gel­des – und gegen das tota­le Durch­sich­tig­wer­den für den Staat – ist das Bar­geld. Die Trup­pen gegen die­se Bas­ti­on sind längst in Stel­lung gebracht. Schon sin­gen die Sire­nen: Bar­geld ist alt­mo­disch, außer­dem könn­ten Viren dar­an kle­ben, sowohl für die Kun­den als auch für die Finanz­in­sti­tu­te ist es viel prak­ti­scher, mit Digi­tal­geld zu bezah­len, wes­halb für läs­ti­ge Bar­zah­ler dem­nächst Straf­ge­büh­ren fäl­lig werden…

PS: Viel­leicht lie­ge ich ja inso­fern dane­ben, als dass die Zen­tral­ban­ken die Haupt­pro­blem­ver­ur­sa­cher sind, wie es Gun­nar Hein­sohn anläss­lich der 2008er Finanz­kri­se beschreibt.

PPS: „Bar­geld”, schreibt Leser ***, „unter­schei­det sich vom Geld auf dem Kon­to nur durch sei­ne mate­ri­el­le, Rea­li­tät sug­ge­rie­ren­de phy­si­sche Erschei­nungs­form. Es ist genau­so ‚aus dem Nichts geschöpft[…] und durch nichts gedeckt[…]’ wie das von Ihnen vir­tu­ell genann­te Kon­to-Geld, wobei vor allem bzw.ausschließlich letz­te­res (das Feh­len der Deckung durch ech­tes Eigen­tum) der fata­le Makel ist, der bares wie unba­res Geld zu Will­kür­geld, also zu einer spe­zi­el­len Art von Falsch­geld macht.”

Ich bin mir des­sen schon bewusst, geehr­ter Herr ***; der Unter­schied zwi­schen barem und vir­tu­el­lem Geld ist gleich­wohl gra­vie­rend, ja fun­da­men­tal, weil Bares einem immer noch die Frei­heit gibt (oder lässt), mit sei­nem Geld zu tun, was man will, ohne dass der Staat oder sonst­wer einen bei jedem Trans­fer kon­trol­lie­ren kann. Wenn der Staat das ver­mag, dann wird er die­se Macht miss­brau­chen, am Ende zum Zwe­cke der Umver­tei­lung sogar „demo­kra­tisch legitimiert”.

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Zum Vori­gen mel­det Leser *** „als jemand, der sein gesam­tes Berufs­le­ben im Sek­tor der Finanz­märk­te ver­bracht hat”, Ein­spruch an.

„Gibt es eine ‚Finanz(gauner)elite’? Sicher gibt es unter der Finanz­eli­te zahl­rei­che Gau­ner, wahr­schein­lich sogar antei­lig mehr als in ande­ren Beru­fen, weil das Finanz­we­sen, ähn­lich wie der Immo­bi­li­en­sek­tor, schon immer eine Anzie­hungs­kraft auf win­di­ge Typen aus­ge­übt hat. Ver­ges­sen Sie aber bit­te nie­mals, dass auch dort das Prin­zip ‚Gau­ner gegen Gau­ner’ gilt. Wie anders­wo auch, gönnt der eine Gau­ner dem ande­ren nicht die But­ter auf dem Brot. Des­halb ist es abwe­gig zu glau­ben, ‚die Hoch­fi­nanz’ kön­ne sich gegen ‚die Real­wirt­schaft’ ver­schwö­ren. Wenn z.B. A eine Wet­te dar­auf abschließt, dass Thys­sen Krupp plei­te geht (mit­tels Credit Default Swaps), dann wird B sich die Fra­ge stel­len, ob er den A nicht aus­ste­chen kann, indem er auf das Über­le­ben von Thys­sen Krupp wet­tet. Die Kon­kur­renz um die bes­ten Anla­ge­er­fol­ge ist enorm. Die Pres­se berich­tet gern über die erfolg­rei­chen Hedge­fonds­ma­na­ger; von denen, die man­gels Erfolg auf­ge­ben, lesen Sie nur in den hin­te­ren  Rand­spal­ten des Wall Street Jour­nal. Und auch der ‚legen­dä­re’ Geor­ge Soros, der 1992 erfolg­reich auf einen Ster­ling-Bre­x­it wet­te­te, hat seit­dem mit ver­schie­de­nen Baisse-Spe­ku­la­tio­nen gegen ame­ri­ka­ni­sche Akti­en rie­si­ge Sum­men wie­der ver­lo­ren. Viel mehr Fonds­ma­na­ger ’spe­ku­lie­ren’, mit viel gewal­ti­ge­ren Sum­men, zuguns­ten von Staa­ten als gegen sie. Bspw. hielt ein Fonds­ma­na­ger der Fir­ma Fran­k­lin Tem­ple­ton zeit­wei­se mehr als ein Drit­tel der gesam­ten Staats­schuld der Ukrai­ne. Bit­te glau­ben Sie mir: Die Märk­te für Credit Default Swaps, mit denen man – in der Tat – gegen Staa­ten oder Unter­neh­men wet­ten kann, sind win­zig im Ver­gleich zum Volu­men der aus­ste­hen­den Staats- und Unternehmensschulden. 

Es stimmt nicht, dass die Hoch­fi­nanz ‚in rie­sen­haf­tem Aus­maß gegen die Real­wirt­schaft spe­ku­lie­ren und fast immer damit erfolg­reich sein kann’. War­um soll­te sie über­haupt gegen die Real­wirt­schaft spe­ku­lie­ren? Das wäre doch viel zu ris­kant! Viel bes­ser ist es doch, auf die real exis­tie­ren­den Trends auf­zu­sprin­gen, also mit der Real­wirt­schaft zu spe­ku­lie­ren. ‚The trend is your friend’, nicht das Gegen­teil. Jeder, der sich gegen den Trend stellt, geht ein enor­mes Risi­ko ein. Es ist sach­lo­gisch auch unmög­lich, dass eine klei­ne Grup­pe von Inves­to­ren ande­ren Inves­to­ren ihre ‚Mei­nung’ auf­zwingt, denn jeder Spe­ku­lant braucht eine Gegen­par­tei. Wenn also der schon erwähn­te A unbe­dingt gegen Thys­sen Krupp spe­ku­lie­ren will, dann muss es auch den B geben, der dage­gen hält, sonst kommt gar kein Geschäft zustan­de. Nur einer von bei­den wird den Rei­bach machen! Und nur der Gewin­ner kommt in die Presse…

Es stellt sich oft der Ein­druck ein, die Bör­sen hät­ten sich von der Real­wirt­schaft ent­kop­pelt. Bei­spiels­wei­se stei­gen die Bör­sen­kur­se fast immer in der Rezes­si­on und fal­len in der Hoch­kon­junk­tur. Das ist aber kein ‚Spe­ku­lie­ren gegen die Real­wirt­schaft’, son­dern der natür­li­che Anti­zi­pa­ti­ons­me­cha­nis­mus von Wert­pa­pier­märk­ten. Inves­to­ren ver­su­chen, frü­her als ande­re die Zukunft zu erfas­sen, um bes­ser abzu­schnei­den als die ande­ren. Dar­aus ent­steht der erwähn­te Anti­zi­pa­ti­ons­me­cha­nis­mus. Nie­mals aber gibt es ein ord­nen­des Hirn oder eine ord­nen­de Hand dahin­ter. Die Wert­pa­pier­märk­te sind dem Leit­bild einer ‚ato­mis­ti­schen Kon­kur­renz’ viel näher als die real­wirt­schaft­li­chen Märk­te. Ich gebe Ihnen aber inso­weit Recht, als in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on, in der eine wach­sen­de Zahl von Anle­gern mit ihrer Ent­eig­nung durch eine Wäh­rungs­re­form rech­net, vie­le ihr Heil dar­in suchen, dass sie in Akti­en inves­tie­ren, also in ‚Real­wer­te’, die auch nach einer Wäh­rungs­re­form noch einen (wie auch immer bemes­se­nen) Wert haben. Auch die Tat­sa­che, dass es kei­ne Zin­sen mehr zu ver­die­nen gibt, ver­an­lasst vie­le dazu, ihr Ver­mö­gen in Akti­en umzu­schich­ten. Das hat ver­mut­lich zu einer gewis­sen Ent­kop­pe­lung der Akti­en­kur­se von der Real­wirt­schaft geführt und kann sich ggf. noch beträcht­lich ver­stär­ken, doch für die­se Ent­wick­lung ist sicher nicht ein Club von Spe­ku­lan­ten ver­ant­wort­lich, son­dern ein Club halb­kri­mi­nel­ler Finanz­mi­nis­ter. Die Gau­ner suchen Sie bit­te zuvor­derst in der Politik!

Gera­de heu­te kön­nen Sie in der Zei­tung lesen, dass der sog. ESM, der Euro­pean Sta­bi­li­ty Mecha­nism, ein Fonds von aktu­ell EUR 460 Mrd., der ursprüng­lich dazu vor­ge­se­hen war, EUR-Staats­schuld­nern unter die Arme zu grei­fen, wei­ter auf­ge­stockt wer­den soll und ab 2022 auch zur Abwick­lung euro­päi­scher Ban­ken her­an­ge­zo­gen wer­den darf (soviel noch­mals zu den ‚rei­chen’ Ban­ken). D.h. auch Ihre Steu­er­gel­der, ver­ehr­ter Herr Klo­n­ovs­ky, wer­den dem­nächst dazu her­an­ge­zo­gen, maro­de ita­lie­ni­sche Ban­ken ein­zu­damp­fen. Der Öffent­lich­keit wird das mit einer per­fi­den Rhe­to­rik ver­kauft: Der Euro wer­de dadurch ‚gegen die Atta­cken von Spe­ku­lan­ten’ gestärkt. Damit wird ver­sucht zu sug­ge­rie­ren, die euro­päi­sche Real­wirt­schaft, hier in Gestalt eines fai­led sta­te wie Ita­li­en, sei das Gesun­de, die Bör­sen aber, die ein Unheil wit­tern, das Böse. Die­ser kom­plet­ten Ver­dre­hung der Tat­sa­chen soll­te man nicht auf den Leim gehen. Es ist die Poli­tik, die hier einen Sün­den­bock für ihr eige­nes Ver­sa­gen sucht.

Sie spre­chen nicht zu Unrecht von ‚Bla­sen’ – doch wer hat sie erzeugt? Ein Land wie Ita­li­en hät­te schon längst einen Schul­den­schnitt vor­neh­men müs­sen, hät­te nicht die Euro­päi­sche Zen­tral­bank all ihre Sta­tu­ten gebro­chen und auf eine kaum noch ver­hüll­te Poli­tik der Finan­zie­rung staat­li­cher Defi­zi­te umge­schal­tet. DAS ist die Mut­ter aller Bla­sen. Die finan­zi­el­le ‚Feu­er­kraft’ aller Spe­ku­lan­ten auf der Welt ist gering im Ver­gleich zu den poli­tisch erzeug­ten Bla­sen, die aus dem Ver­such resul­tie­ren, finanz­po­li­ti­sches Ver­sa­gen zu kaschieren.

Ein letz­tes: Wer ist ‚Spe­ku­lant’? Wenn Sie Ihr Geld bei einer Bank par­ken, als Sicht­ein­la­ge, bekom­men Sie dafür der­zeit eine Ver­zin­sung von null, ober­halb bestimm­ter Sum­men wer­den Sie mit minus 0,4% rasiert. Wenn Sie nun ver­su­chen, eine Anla­ge zu fin­den, bei der Sie viel­leicht ein hal­bes Pro­zent Zin­sen ver­die­nen: Sind Sie dann Spe­ku­lant? Sicher nicht. Wenn Sie, sagen wir, ein­ein­halb Pro­zent Zin­sen erhei­schen, sind Sie dann ’noch’ bra­ver Anle­ger oder ’schon’ böser Spe­ku­lant? Am ehes­ten kann man einen Bör­sen­spe­ku­lan­ten als jemand defi­nie­ren, der sich gegen eine gera­de gege­be­ne Mehr­heits­mei­nung stellt und vom Irr­tum der Mas­se pro­fi­tie­ren will. Doch so ‚böse’ ist auch das nicht. Denn wenn z.B. eine Mehr­heit der Anle­ger zu dem Ergeb­nis käme, dass Thys­sen Krupp kei­ne Über­le­bens­per­spek­ti­ve hat und jeder sei­ne Akti­en auf den Markt schmeißt, dann ist der Spe­ku­lant der­je­ni­ge, der gegen die Mehr­heits­mei­nung kauft und damit den ver­zwei­fel­ten Anle­gern, die einen Total­ver­lust befürch­ten, es noch ermög­licht, wenigs­tens einen Rest­wert zu realisieren.

Bit­te ver­zei­hen Sie die­ses gera­de­zu ’neo­li­be­ra­le’ Plä­doy­er! Die Markt­wirt­schaft ist die ein­zi­ge ver­füg­ba­re Mög­lich­keit, wirt­schaft­li­che Macht zu begren­zen, näm­lich indem sie auf eine mög­lichst hohe Zahl von Sub­jek­ten ver­teilt wird, die in Kon­kur­renz zuein­an­der ste­hen. Frei­heit oder Sozia­lis­mus: Das war und ist seit den Tagen des gro­ßen Franz-Josef Strauß die Alter­na­ti­ve, vor der unser Land steht.”

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Quiz­fra­ge: Nen­nen Sie einen bekann­ten aktu­el­len deut­schen Chefredakteur.

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Es ist mir schlei­er­haft, war­um uns eine schwarz­grü­ne Regie­rung droht – ich mei­ne, war­um so etwas gewählt wird (aber mir ist das deut­sche Wahl­ver­hal­ten von sei­nen Wei­ma­rer Anfän­gen an oft schlei­er­haft gewesen):

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Wenn der Teu­fel eine Platt­form anbie­tet, auf der jeder frei sei­ne Mei­nung sagen kann, und Jesus Chris­tus eine, wo das, was ich schrei­be, gelöscht wird, muss ich lei­der zum Teu­fel gehen.

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(Quel­le)

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„Die aka­de­mi­schen Ame­ri­ka­ner sind gera­de­zu beses­sen von den The­men Ras­se und Skla­ve­rei. Wenn ich sie dar­an erin­ne­re, dass auch die Skla­ve­rei eine Lie­fer­ket­te kennt, hören sie weg und wech­seln das The­ma. Wo ich her­kom­me, wis­sen das alle: Auch Afri­ka­ner ver­skla­ven Afri­ka­ner, das war im 18. Jahr­hun­dert so, als afri­ka­ni­sche Hel­fers­hel­fer den Skla­ven­händ­lern zuar­bei­te­ten, und es ist heu­te so. Ras­sis­mus und Skla­ve­rei zäh­len zum Schlimms­ten, was die Men­schen tun, seit es sie gibt, aber sie sind kei­ne west­li­che Spe­zia­li­tät. Eine west­li­che Spe­zia­li­tät ist aller­dings ein Leben in Freiheit. …

Die west­li­che Kul­tur mit ihrer Ent­de­ckung der Frei­heit ist allen ande­ren Kul­tu­ren über­le­gen, in der Ver­gan­gen­heit und auch in der Gegen­wart. Sie hat es zustan­de gebracht, die Unter­drü­ckung der Frau, den Feu­da­lis­mus und das Stam­mes­den­ken zu über­win­den. Sie hat gesell­schaft­li­che Offen­heit, poli­ti­sche Frei­heit, tech­ni­sche Inno­va­ti­on und wirt­schaft­li­chen Wohl­stand geschaf­fen. Ich leug­ne nicht, dass ande­re Kul­tu­ren eben­falls ihr Beson­de­res und Wert­vol­les haben – aber die Frei­heit der west­li­chen Kul­tur ist für alle Men­schen von unschätz­ba­rem Wert. Das sage ich als gebür­ti­ge Soma­lie­rin. Und das hören die links­li­be­ra­len Eli­ten nicht gerne.”

Geprie­sen sei sie, die Aya­an Hirsi Ali, die sol­che gol­de­nen Wor­te – „Was die Migran­ten zu uns brin­gen, ist wert­vol­ler als Gold” (Mar­tin Schulz) – beim Inter­view mit der Neu­en Zür­cher Zei­tung sprach. 

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