8. November 2020 (deutscher Schicksalstagvortag)

Und vor allem: ein Sonn­tag. Die Sonn­ta­ge aber … !

Besu­chern des Klei­nen Eck­la­dens dürf­te der Name Nicolás Gómez Dávi­la recht geläu­fig sein. Seit 1987 hat der Wie­ner Karo­lin­ger-Ver­lag schub­wei­se die Apho­ris­men des kolum­bia­ni­schen Aris­to­kra­ten, Pri­vat­ge­lehr­ten und „Zeit­fremd­lings” (Botho Strauß) auf deutsch her­aus­ge­bracht. Dávi­la, 1913 in Bogo­tá gebo­ren, ent­stamm­te einer Groß­grund­be­sit­zer­fa­mi­lie, wuchs in Paris auf und kehr­te 1936 nach Kolum­bi­en zurück, um das Land mit Aus­nah­me einer Euro­pa-Rei­se nie wie­der zu ver­las­sen. Poli­ti­sche Ämter, die ihm zwei Staats­prä­si­den­ten antru­gen – ein­mal als Regie­rungs­be­ra­ter, ein­mal als Bot­schaf­ter –, lehn­te er ab. Den größ­ten Teil sei­nes Lebens ver­brach­te die­ser „Ein­sied­ler am Rand der bewohn­ten Erde” (Mar­tin Mose­bach) statt­des­sen in der nach sei­nen Wün­schen zusam­men­ge­stell­ten, zuletzt 35000 Bän­de in allen gro­ßen euro­päi­schen Spra­chen umfas­sen­den Biblio­thek, wo er sich der Lek­tü­re sowie der Nie­der­schrift sei­ner Wer­ke wid­me­te – Dávi­la las und sprach neben Spa­nisch Fran­zö­sisch, Eng­lisch, Deutsch, Latein und Altgriechisch.

Don Nicolás ver­öf­fent­lich­te sei­ne Sen­ten­zen und kur­zen Tex­te zunächst als Pri­vat­dru­cke für den Freun­des­kreis und tat zeit­le­bens – er ging 1994 zu den Vie­len – nichts für deren Ver­brei­tung. Einem gehei­men Welt­ge­setz zufol­ge bleibt ech­te Qua­li­tät jedoch nie­mals ver­bor­gen. 1977 erschien in zwei Bän­den sein Haupt­werk „Esco­li­os a un tex­to impli­ci­to” („Scho­li­en zu einem inbe­grif­fe­nen Text”), 1986 durch „Nue­vos Esco­li­os a un tex­to expli­ci­to” („Neue Scho­li­en”) und 1992 durch „Suce­si­v­os Esco­li­os a un tex­to expli­ci­to” („Fort­ge­setz­te Scho­li­en”) wei­ter­ge­schrie­ben, und inzwi­schen wer­den die Apho­ris­men des katho­li­schen Reak­tio­närs und eli­tä­ren Schön­geis­tes in vie­le Spra­chen über­setzt (ich ken­ne sogar mus­li­mi­sche Intel­lek­tu­el­le, die ihn bewundern). 

Scho­li­en sind kom­men­tie­ren­de Rand­be­mer­kun­gen des Biblio­the­kars am klas­si­schen Text. Wenn Gómez Dávi­la sei­nen Haupt­text als die­sen Glos­sen inbe­grif­fen bezeich­net, heißt das, dass es dem Leser vor­be­hal­ten bleibt, ihn bei der Lek­tü­re in sei­nem Innern mit­ent­ste­hen zu las­sen. Was nach süd­ame­ri­ka­ni­scher Biblio­the­kars-Selbst­mys­tif­zie­rung klingt, beschreibt tat­säch­lich ein kon­zi­ses Den­ken, wel­ches den Apho­ris­mus als Stil­mit­tel ver­wen­det, um sei­nen Gegen­stand kon­zen­trisch ein­zu­krei­sen. Und jene Scho­li­en, die das fik­ti­ve Werk umzün­geln, sind schlicht und ein­fach Weltliteratur. 

Nun hat der Karo­lin­ger-Ver­lag eine Gesamt­aus­ga­be der „Esco­li­os” her­aus­ge­bracht, 10.370 Apho­ris­men – jeder ist in Akkor­danz mit der spa­ni­schen Gesamt­aus­ga­be („Obras com­ple­tas”, Bogo­ta 2005) durch­num­me­riert – auf 900 Sei­ten. Eine Schatz- und Wun­der­kam­mer, ein Asyl, ein geis­ti­ges Sauer­stoff­zelt, ein Arse­nal, eine Mönchs­klau­se, ein Kris­tall­pa­last, eine Waf­fen­kam­mer. Egal, wie oft man sich durch die­se Tex­te gele­sen, wie­vie­le Sen­ten­zen man sich in den Vor­gän­ger­aus­ga­ben ange­stri­chen hat, es tau­chen immer wie­der neue Pre­zio­sen auf: 

Eine mys­te­riö­se seni­le Blu­ter­kran­kung macht geal­ter­te Zivil­sa­tio­nen dafür anfäl­lig, an irgend­ei­ner Kratz­wun­de zu sterben.

Der Moder­ne glaubt nur an die Ver­stan­des­schär­fe derer, die etwas in Ver­ruf bringen.

Die intel­li­gen­te Dis­kus­si­on muß sich dar­auf beschrän­ken, Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zu erläutern.

Das eige­ne Den­ken lang­weilt am Ende genau­so wie das eige­ne Gesicht.

Die Nächs­ten­lie­be wur­de als bes­te Aus­re­de paten­tiert, um vom Glau­ben abzufallen.

Wenn die öffent­li­che Mei­nung ihn im Stich lässt, bleibt dem Demo­kra­ten nur noch ein Wimmern.

Die Men­schen sind weni­ger gleich, als sie sagen, und mehr, als sie denken.

Les­ba­ren Unsinn zu schrei­ben ist das Pri­vi­leg der gro­ßen Intelligenzen.

Die Mes­se kann in Paläs­ten oder in Hüt­ten zele­briert wer­den, aber nicht in Villenvierteln.

Der Deter­mi­nist ver­liert die Geduld mit sei­nen Geg­nern, als ob die­se zurecht sich frei nen­nen dürf­ten.
Deter­mi­nis­ten sind sehr leicht irritierbar.

Das wirk­li­che Ver­bre­chen des Kolo­nia­lis­mus war, die gro­ßen asia­ti­schen Völ­ker in Vor­or­te des Wes­tens ver­wan­delt zu haben.

Zivi­li­siert sein heißt, das kri­ti­sie­ren zu kön­nen, wor­an wir glau­ben, ohne auf­zu­hö­ren, dar­an zu glauben.

Man kann unge­straft einen gro­ßen Mann ver­ach­ten, vor­aus­ge­setzt man bewun­dert kei­nen mittelmäßigen. 

Auch Men­ta­li­tä­ten sind Rei­che, die zusammenbrechen.

Es ist nicht mehr der gesun­de Men­schen­ver­stand, der manch­mal den gemei­nen Mann vor der Inva­si­on dümm­li­cher Ideen schützt, son­dern die durch das Explo­si­ons­ge­knat­ter der Dumm­hei­ten her­vor­ge­ru­fe­ne Schwerhörigkeit.

Las­sen wir es nicht zu, daß sich jene des Wor­tes „Empi­ris­mus” bemäch­ti­gen, die drei Vier­tel des auf der Hand Lie­gen­den leugnen.

Das ein­zi­ge poli­ti­sche Regime, das nicht spon­tan zum Des­po­tis­mus neigt, ist das feudale.

Phi­lo­so­phi­sche The­sen ster­ben nicht als wider­leg­te Unsin­nig­kei­ten, son­dern wie ein melan­cho­li­scher Hafen, der im Lan­des­in­ne­ren ver­san­det ist.

Wenn es der moder­nen Indus­trie noch nicht gelun­gen ist, Kör­per her­zu­stel­len, gelang ihr hin­ge­gen schon die Her­stel­lung von Seelen.

Selbst jener, der am üppigs­ten damit prahlt, ein Grün­der zu sein, wür­de es vor­zie­hen, Erbe zu sein.

Die Zuer­ken­nung von Prei­sen an mit­tel­mä­ßi­ge Schrift­stel­ler ist lächer­lich, an gro­ße Schrift­stel­ler unverschämt.

Im Jugend­li­chen, der anklagt, keimt der erwach­se­ne Umfaller.

Nie­mals dür­fen wir mit denen dis­ku­tie­ren, die nur Echo einer ande­ren Stim­me sind.

Der Bour­geois ist von Natur aus ein Lin­ker, und ein Rech­ter bloß aus Angst.

Libe­ral nennt sich ein Indi­vi­du­um, das öffent­lich die Mei­nung nicht zu äußern wagt, die es pri­vat über die Demo­kra­tie hegt.

Begier­den, Hab­sucht, Lei­den­schaf­ten bedro­hen die Exis­tenz des Men­schen nicht, solan­ge sie sich nicht als Men­schen­rech­te pro­kla­mie­ren, solan­ge sie kei­ne Fer­men­te der Gött­lich­keit sind.

„Von Got­tes Gna­den” zu sein, schränk­te die Macht des Mon­ar­chen ein; der „Volks­ver­tre­ter” ist der Reprä­sen­tant des abso­lu­ten Absolutismus.

Letz­ten Endes ist es ein­zig sinn­voll, poli­ti­sche Vor­lie­ben aus ästhe­ti­schen Grün­den zu hegen.

Was es gestat­tet, die ande­ren zu ertra­gen, ist die Mög­lich­keit, sie in eine Erzäh­lung zu verwandeln.

Der Kapi­ta­lis­mus ist die mons­trö­se Defor­mie­rung des Pri­vat­ei­gen­tums durch die libe­ra­le Demokratie.

Der Lin­ke nennt einen blo­ßen Streit um Besitz Kri­tik am Kapitalismus.

Wer zu bevor­zu­gen ver­steht, grenzt nicht aus.
Er ord­net.

Der Dieb, der sich vor dem Steh­len bekreu­zigt, empört den Puri­ta­ner.
Ich erken­ne in ihm einen Bruder.

Die See­le blüht nur in der bio­lo­gi­schen Pha­se, die dem Zustand ent­spricht, in dem sie gebo­ren wur­de.
Wer gebo­ren wird, um jung zu sein, wirkt gro­tesk, wenn er altert. Die­je­ni­gen, die gebo­ren wur­den, um alt zu sein, sind wäh­rend ihrer bit­te­ren Jugend grotesk.

Nur ein offen­kun­di­ges Talent bewirkt, daß man dem Reak­tio­när sei­ne Ideen ver­zeiht, wäh­rend die Ideen des Lin­ken bewir­ken, daß man sein feh­len­des Talent entschuldigt.

Es fällt schwer, mit dem Zitie­ren auf­zu­hö­ren. Ich schlie­ße mit einer Sen­tenz, die ich schon oft zitiert habe und die täg­lich wah­rer wird:

Reden wir nicht schlecht über den Natio­na­lis­mus.
Ohne die natio­na­lis­ti­sche Viru­lenz wür­de über Euro­pa und die Welt schon ein tech­ni­sches, ratio­na­les, uni­for­mes Impe­ri­um herr­schen.
Rech­nen wir dem Natio­na­lis­mus min­des­tens zwei Jahr­hun­der­te geis­ti­ger Spon­ta­nei­tät, frei­en Aus­drucks der Volks­see­le, rei­cher his­to­ri­scher Man­nig­fal­tig­keit zum Ver­dienst an.
Der Natio­na­lis­mus war die letz­te Zuckung des Indi­vi­du­ums ange­sichts des grau­en Todes, der sei­ner harrt.

Davila Scholien 2020 Endversion U1

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PS: Ich hat­te ange­kün­digt, mein aus dem Ver­kehr gezo­ge­nes Gómez-Dávi­la-Kom­pen­di­um dem­nächst im Eck­la­den als Down­load feil­zu­bie­ten, sobald mein Web­mas­ter zu Pot­te kommt mit der Sei­ten­re­no­vie­rung, und das wird gesche­hen; ich gebe als bra­ver Fata­list zum Ter­min nur kei­ne Pro­gno­sen ab.

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