12. Dezember 2020

 

Wenn es struk­tu­rel­len Ras­sis­mus durch von Wei­ßen geschaf­fe­ne Struk­tu­ren gibt, war­um pro­fi­tie­ren dann beson­ders Ost­asia­ten davon?

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Struk­tu­rel­ler Ras­sis­mus = „Ver­schwö­rungs­theo­rie”.

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Aus der jour­na­lis­ti­schen Intes­ti­nal­flo­ra des Kanz­ler­am­tes verlautbart:

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Wie ein Zäpf­chen dort­hin kommt? Auf ziem­lich direk­tem Wege:

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Hän­de­wa­schen nicht vergessen!

Übri­gens:

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Wenn wir schon bei den weib­li­chen Kör­per­öff­nun­gen sind – das ist mein Zel­ler des Jahres:

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Das Vor­bild:

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Lek­tü­re­emp­feh­lung: Bet­ti­na Gru­ber, „Leben unterm Regen­bo­gen. Das neue Geschlech­ter­re­gime und sei­ne Fol­gen” (Manu­scrip­tum, 2020) und Sophie Lieb­nitz, „Antiord­nung” (Antai­os, 2020), wobei anzu­mer­ken ist, dass es sich um ein- und die­sel­be Autorin han­delt, Sophie Lieb­nitz ist ein Pseud­onym. Bei­de Tex­te kor­re­spon­die­ren mit­ein­an­der, denn das neue Geschlech­ter­re­gime ist ein inte­gra­ler Best­an­teil der „Antiord­nung”. Wie aber könn­te aus­ge­rech­net ein Regime etwas Ord­nungs­feind­li­ches ver­kör­pern? Ist „Regime” nicht syn­onym mit „Ord­nung”? Dar­in liegt die Poin­te der Betrach­tung: Aus der Antiord­nung wächst eine Anti-Ord­nung, eine Gegen-Ord­nung. Die west­li­chen Gesell­schaf­ten wer­den durch die struk­tur­feind­li­chen Ideen des Post­mo­der­nis­mus bzw. Post­struk­tu­ra­lis­mus nicht etwa befreit, son­dern ledig­lich in ein neu­es Zwangs­sys­tem geführt. Als des­sen künf­ti­ger Trä­ger bie­tet sich der „ideo­kra­ti­sche” Über­wa­chungs­staat an, wenn es ihm gelun­gen ist, sei­ne Sys­tem­ideo­lo­gie – in unse­rem Fall: Kli­ma­ret­tung, Anti­ras­sis­mus, Diver­si­tät, Welt­ge­sell­schaft; andern­orts: die Stär­kung Chi­nas – nahe­zu jedem ein­zel­nen in sei­nem Macht­be­reich Sie­deln­den oder auch Her­um­schwir­ren­den als Über­zeu­gung ein­zu­pflan­zen; der Rest muss des­to schär­fer über­wacht und kon­trol­liert wer­den. Am Ende der Auf­lö­sung aller Struk­tu­ren und Bin­dun­gen stün­de eine neue „abso­lu­te Ord­nung” (Lieb­nitz).

Ich erin­ne­re in die­sem Kon­text an das Gleich­nis der Autorin Eva Rex: Das Ziel der glo­ba­lis­ti­schen Eli­ten sei es, „die Men­schen zu Plas­tik­gra­nu­lat zu zer­rei­ben, damit aus ihnen, bei Bedarf, eine neue PET-Fla­sche geformt wer­den kann. … Und dafür braucht es die Homo­ge­ni­sie­rung – das Zer­rei­ben der Men­schen zu ethi­sier­ten, öko­lo­gi­sier­ten, pazi­fi­zier­ten, femi­ni­sier­ten und durch­ge­gen­der­ten Bestand­tei­len des huma­ni­tä­ren Uni­ver­sa­lis­mus” (Acta vom 26. Oktober).

Bei­sei­te gespro­chen: Frau Gru­ber (ali­as Lieb­nitz), übri­gens Kul­tur- und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin, Dr. phil. habil., hält in unse­ren alter­na­tiv­los staats­from­men Zei­ten gemein­sam mit Gott und R. P. Sie­fer­le eine Alter­na­ti­ve zu die­ser Dys­to­pie für mög­lich: die „Liba­no­ni­sie­rung”, wel­che „vie­le auto­no­me Zonen nach dem Mus­ter der CHAZ (‚Capi­tol Hill Auto­no­mous Zone‘) in Seat­tle her­vor­bringt. Dort eta­blier­te sich nach der Ver­trei­bung der Poli­zei umge­hend ein (schwar­zer) War­lord, der für die Ver­tei­di­gung der Gren­zen sei­nes neu­en Ter­ri­to­ri­ums sorg­te. Der ima­gi­nier­te herr­schafts­freie Zustand hielt kei­ne zwei Tage.”

Denn Ord­nung hat „ihre eige­ne Neme­sis; man kann sie ableh­nen, aber das Bedürf­nis nach ihr bricht an ande­rer Stel­le wie­der auf”. Das ist eine anthro­po­lo­gi­sche Grund­tat­sa­che. Wir sind also gehal­ten, dar­über nach­zu­den­ken, ob die immer schnel­le­re und gründ­li­che­re Auf­lö­sung von Kon­ven­tio­nen, Gren­zen, „Zwän­gen” und Ver­bind­lich­kei­ten der Errich­tung neu­er Kon­ven­tio­nen, Gren­zen, Zwän­ge und Ver­bind­lich­kei­ten dient und mit dem Diver­si­vi­täts-Rühr­werk bloß obrig­keits­staat­li­cher Beton ange­mischt wird.

Ich habe vor­ge­grif­fen. Schau­en wir zurück. „Die letz­ten drei­ßig Jah­re”, notiert Frau Gru­ber (respek­ti­ve Lieb­nitz), „las­sen sich als eine Zeit beschleu­nig­ter Ent-Struk­tu­rie­rung von Lebens­wel­ten beschrei­ben.” Dem wird nicht ein­mal die ali­as­lo­se Clau­dia Kip­ping-Eckardt wider­spre­chen. Wen­den wir uns nun dem Regime „unterm Regen­bo­gen” zu. Die 68er haben die sexu­el­le Befrei­ung ver­spro­chen. Für sie sel­ber lief es noch gut, die Ker­le befrei­ten die Wei­ber und umge­kehrt bzw. mit­un­ter auch kreuz­wei­se, dann kipp­te die Sache in ihr Gegen­teil, und ich mei­ne nicht Hou­el­le­becqs „Aus­wei­tung der Kampf­zo­ne”, also die Ver­markt­wirt­schaft­li­chung und Ver­sport­li­chung der Sexua­li­tät, son­dern deren hemmungs‑, ja scham­lo­se Poli­ti­sie­rung durch ver­schie­de­ne, unter immer neu­en Labeln auf­tre­ten­de Rand­grup­pen, denen es gelun­gen ist, der Nor­ma­li­tät – „Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät” – des Eti­kett des Frag­wür­di­gen, Ver­klemm­ten, Pro­vin­zi­el­len, Unter­drü­cke­ri­schen anzu­hef­ten. Da das bio­lo­gi­sche Geschlecht und mit ihm die sexu­el­le Iden­ti­tät die ers­te und ele­men­tars­te Form des Selbst­be­wusst­seins bil­den und für die weit über­wie­gen­de Mehr­heit der Men­schen klar ist, zu wel­chem Geschlecht sie gehö­ren und wel­chen Sexu­al­stil sie prä­fe­rie­ren, darf von einem feind­li­chen Akt einer kra­wal­li­gen Min­der­heit gegen die womög­lich all­zu dis­kret schwei­gen­de Mehr­heit gespro­chen werden.

„Die eins­ti­gen sexu­el­len Befrei­ungs­be­we­gun­gen gera­ten mehr und mehr zu Frei­heits­be­rau­bungs­be­we­gun­gen für all jene, die ihre Defi­ni­ti­on von Geschlecht nicht tei­len und sich sper­ren, ihr Leben dar­an aus­zu­rich­ten”, schreibt Gru­ber. „Die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung in west­li­chen Staa­ten hat nicht im Ent­fern­tes­ten begrif­fen, dass die Kam­pa­gnen der Schau-mich-nicht-an-Rühr-mich-nicht-an-Blüm­chen nicht mit Respekt vor Frau­en und gar nichts mit Gleich­be­rech­ti­gung zu tun hat. Statt­des­sen die­nen sie einer Aus­deh­nung staat­li­cher Gewalt auf Impon­de­ra­bi­li­en als Tro­ja­ni­sches Pferd.” Und des­halb ste­hen die meis­ten und inson­der­heit die ver­hei­ra­te­ten Heten heu­te betröp­felt „vor der Tat­sa­che, dass der Staat Mit­tel zur För­de­rung zwi­schen­ge­schlecht­li­cher Kon­flik­te bereit­stellt, statt die­se einzuhegen”.

Als ide­al­ty­pi­sches Bei­spiel nennt die Autorin die soge­nann­ten „Neue(n) Rege­lun­gen für geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che” in Han­no­ver, wel­che dekre­tie­ren: „Das Stern­chen zwi­schen der mas­ku­li­nen und femi­ni­nen Endung (…) hebt gezielt den Geschlech­ter­dua­lis­mus auf.” Den „Geschlech­ter­dua­lis­mus auf­zu­he­ben”, kom­men­tiert Gru­ber, „dürf­te bis­lang kaum unter die Auf­ga­be von Kom­mu­nen gefal­len sein”. Wenn die Regie­rung einer Lan­des­haupt­stadt mit einer hal­ben Mil­li­on Ein­woh­nern den Wunsch nach Auf­he­bung (= Negie­rung) der Zwei­ge­schlech­tig­keit bekun­det – also 99,9 Pro­zent der Bewoh­ner vors Schien­bein tritt –, muss wohl von einem „Rol­len­wech­sel vom Dienst­leis­ter zum Erzie­her” gespro­chen werden.

Bekannt­lich haben die Grü­nen und Lin­ken die­se „Sprach­spie­le” aus den uni­ver­si­tä­ren Dar­krooms in die Poli­tik und die Öffent­lich­keit getra­gen, womit aus aka­de­mi­schem Tin­n­eff ein Macht­an­spruch wur­de. Gen­der­stern­chen sind eine seman­ti­sche Land­nah­me und Unter­wer­fungs­for­de­rung; wenn Kom­mu­nen, Behör­den, Minis­te­ri­en oder, wie ich eben las, eine Patent­an­walts­kanz­lei die­sen aggres­si­ven Non­sens über­neh­men, unter­wer­fen sie sich ihm. Es geht um eine rei­ne Herr­schafts­fra­ge, näm­lich „die Macht zu bestim­men, was Geschlecht denn nun sei, und die­se soll aus­schließ­lich den ihrem Selbst­ver­ständ­nis nach ‚Pro­gres­si­ven‘ zuste­hen” (Gru­ber).

Um Macht geht es auch in der #metoo-Kam­pa­gne, näm­lich um die Jobs der (alten) wei­ßen Män­ner, wes­halb bei­spiels­wei­se Tau­sen­de von Migran­ten ver­ge­wal­tig­te eng­li­sche Mäd­chen wie in Rother­ham für die #metoo-Schwes­tern irrele­vant sind. Die wei­ßen Erb­sen­prin­zes­sin­nen wol­len zwar in die begehr­te Män­ner­rol­le ein­rü­cken, aber doch nicht in Jobs im paki­sta­ni­schen Migran­ten­mi­lieu. In der Kam­pa­gne, so Gru­ber, „kul­mi­niert vor­läu­fig die his­to­risch neue mime­ti­sche Riva­li­tät von Frau­en gegen­über Män­nern – iro­ni­scher­wei­se, indem das alte Modell der schutz­be­dürf­ti­gen und zer­brech­li­chen Frau in Anspruch genom­men wird”. Die ambi­tio­nier­ten Mädels „wir­ken wie eine Wie­der­be­le­bung der ‚dam­sel in dis­tress’, jener edlen Damen der Rit­ter­ro­ma­ne, die vor Dra­chen geret­tet oder aus der Gefan­gen­schaft böser Zau­be­rer befreit wer­den müs­sen. Der klas­si­sche Befrei­er in schim­mern­der Rüs­tung ist aller­dings nun in der Rol­le des Beläs­ti­gers gelan­det, und die Ret­tung wird von staat­li­chem Ein­grei­fen erwar­tet.” Am Anfang steht die Ret­tung vor der Geil­heit der Wein­steins und Brü­der­les, dann folgt die kom­pen­sa­to­ri­sche Quo­ten­re­ge­lung und ein Auf-Ber­ge-von-Matrat­zen-gebet­tet-wer­den in Kon­kur­renz­din­gen, bis schließ­lich auch die Prin­zes­schen in Posi­tio­nen ein­rü­cken kön­nen, die vor­her nach Fähig­kei­ten ver­ge­ben wurden.

Mach­de­mons­tra­tio­nen sind auch die Pri­de-Para­den oder der Chris­to­pher Street Day, wo die sexu­ell Depra­vier­ten den aktu­el­len Grad ihres Dis­kri­mi­niert­wer­dens mit Unter­stüt­zung sämt­li­cher Kom­mu­nen, Insti­tu­tio­nen, Par­tei­en, Kul­tur­stät­ten, Kir­chen und Desi­gner zur Schau stel­len, nicht sel­ten bis zur gänz­li­chen Ent­blö­ßung. „Roman­tisch inspi­rier­te Alter­tums­for­scher mögen dar­in eine mit den Dio­ny­si­en des alten Grie­chen­land ver­gleich­ba­re Kult­hand­lung erbli­cken. Aller­dings han­delt es sich viel eher um einen Anti-Frucht­bar­keits­kult, denn zele­briert wer­den nicht die Fort­pflan­zung, son­dern unter­schied­li­che For­men der Abwei­chung”, meint Gru­ber. „Die Situa­ti­on ist his­to­risch ver­mut­lich ein­zig­ar­tig: Eine Gesell­schaft reprä­sen­tiert sich nicht in ihrer mili­tä­ri­schen Macht, in ihren zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten und in ihren Got­tes­häu­sern, son­dern im Aus­druck von Sexua­li­tät.” Auf die man, sofern sie devi­ant genug ist, auch noch – im Gegen­satz etwa zur Natio­na­li­tät – stolz sein darf.

In die­sem Zusam­men­hang prägt die Autorin das tref­fen­de Wort „Unfrucht­bar­keits­kult”.

Endlich steril

„Die Ver­eh­rung von Jung­fräu­lich­keit und sexu­el­ler Aske­se ist etwas grund­sätz­lich Ande­res. Sie gilt kei­nes­wegs der Unfrucht­bar­keit, son­dern der Ent­halt­sam­keit. Hier dage­gen wird aus­schließ­lich eine Lust gefei­ert, die nicht in die Wei­ter­ga­be des Lebens mün­det.” End­lich steril!

Was hier statt­fin­det, ist ein „Angriff auf Nor­ma­ti­vi­tät an sich”, und der führt uns zur „Antior­dung”. In dem Essay beschreibt Lieb­nitz (bzw. Gru­ber), wie das post­mo­der­ne Den­ken der fran­zö­si­schen Meis­ter­schwur­b­ler Deleu­ze, Guatta­ri, Fou­cault, Der­ri­da et al. auf den Um- und Schleich­we­gen der Schlag­wor­te, Bruch­stü­cke, Mus­ter und Stim­mun­gen in den meta­po­li­ti­schen Raum gesi­ckert ist und das „grund­sätz­li­che Unter­lau­fen jeder bestehen­den und poten­ti­el­len poli­ti­schen Ord­nung und, noch schwer­wie­gen­der, das Unter­lau­fen jedes Ver­suchs zur Set­zung geis­ti­ger und sym­bo­li­scher Ord­nun­gen” zum Modus Ope­ran­di in die­sem Welt­teil wur­de (wobei sich den fran­zö­si­schen Schie­nen­wöl­fen natür­lich noch die Spreng­kom­man­dos der Frank­fur­ter Schu­le und in Deutsch­land über­dies eine vom Gene­ral­knacks der ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gen­den Natio­nal­ver­ach­tung befal­le­ne Intel­lek­tu­el­len- und Aka­de­mi­ker­ge­nera­ti­on abräum­lüs­tern beigesellten).

Wie auch immer die Ein­fluss­nah­me auf den heu­ti­gen Zeit­geist im Nach­hin­ein ver­teilt ist, jeden­falls eta­blier­te sich die „Struk­tur als Feind­bild”, wäh­rend die Grenz­über­schrei­tung zur „Meis­ter­me­tapher” avan­cier­te. Gil­les Deleu­zes Auf­fas­sun­gen mögen dafür als sym­pto­ma­tisch gel­ten: Er war anti­ka­pi­ta­lis­tisch, „anti­fa­schis­tisch”, agi­tier­te für Immi­gra­ti­on, über­haupt die Besei­ti­gung von Gren­zen, außer­dem die Öff­nung von Gefäng­nis­sen und die Frei­ga­be der Pädo­phi­lie. Umge­kehrt denun­zier­ten die gal­li­schen Tren­de­si­gner jede Art von Macht, Auto­ri­tät und Tra­di­ti­on. „Die post­struk­tu­ra­lis­ti­sche Kri­tik ist maß­los. Sie will kei­ne Miß­stän­de besei­ti­gen, was sich auch dar­an zeigt, daß Fou­cault nicht müde wur­de, die Reform­be­mü­hun­gen seit der Auf­klä­rung als heim­tü­cki­sche Aus­wei­tung von Macht und Herr­schaft zu kri­ti­sie­ren.” Cho­mei­nis isla­mi­sche Revo­lu­ti­on im Iran fand der schwu­le macht­kri­ti­sche Idi­ot savant übri­gens lobens­wert; schließ­lich war sie antiwestlich.

Heu­te lösen die Black Lives Mat­ters-Kra­wal­le in Über­see vie­le Ver­hei­ßun­gen der Post­struk­tu­ra­lis­ten ein, spe­zi­ell in den Stadt­tei­len, aus denen sich die Poli­zei (die „Macht”) freund­li­cher­wei­se zurück­ge­zo­gen hat. Was eine Öff­nung der Gefäng­nis­se – oder, da der Name Fou­cault fiel, der Psych­ia­trien – für die Gesell­schaft drau­ßen bedeu­ten wür­de, inter­es­sier­te die­se Theo­rie­bast­ler nicht. Ihre „kon­se­quenz­blin­de Blau­äu­gig­keit”, notiert Lieb­nitz (eigent­lich: Gru­ber), „ent­spricht genau der Hal­tung, mit der Mer­kel und Co 2015 über die Risi­ken der deut­schen Grenz­öff­nung hin­weg­sahen”. Dass Fou­cault im Rei­che der Mul­lahs an einem Bau­kran hän­gend mit dem Win­de getän­delt hät­te, sofern er sei­ne ero­ti­schen Obses­sio­nen auch dort beken­ner­haft aus­zu­le­ben ver­sucht haben wür­de, sei hier aus einem fata­len Hang zum voll­stän­di­gen Bild noch bei­läu­fig erwähnt.

„Das durch die Post­mo­der­ne herr­schend gewor­de­ne Res­sen­ti­ment gegen alles Fest­ge­füg­te, gegen Reli­gi­on, Tra­di­tio­nen, Nor­men, sym­bo­li­sche und rea­le Gren­zen, die Ver­flüs­si­gung jeg­li­cher Ver­bind­lich­keit und deren schließ­li­ches Ver­damp­fen beschä­di­gen nicht nur die Fami­lie, Gemein­schaft und die Wider­stands­kraft euro­päi­scher Gesell­schaf­ten, die sich selbst nicht mehr in ihrer Geschich­te erken­nen und beja­hen kön­nen; sie berei­ten die­se Gesell­schaf­ten zugleich auf die Über­nah­me durch eine tota­li­tä­re Ideo­lo­gie vor”, sta­tu­iert Lieb­nitz (auch: Gru­ber). Nolens volens, mag man hinzufügen.

Der­ri­das „Dekon­struk­ti­on” – es wird „destru­iert und eben nicht de-kon­stru­iert” – ver­gleicht sie mit einem Glas­per­len­spiel: „eine unver­bind­li­che, selbst­be­züg­li­che Spie­le­rei, die jeder­zeit durch etwas ande­res ersetzt wer­den kann (Her­vor­he­bung von mir – M.K.). Die Fra­ge ist, durch was. Womit ist die­ses Den­ken bzw. Mäh­ren kompatibel?

„Das post­mo­der­ne Den­ken befand und befin­det sich in einer Art prästa­bi­lier­ter Har­mo­nie mit dem sieg­rei­chen Libe­ra­lis­mus und der fort­schrei­ten­den Glo­ba­li­sie­rung”, stellt Lieb­nitz fest. „Weit davon ent­fernt, so kri­tisch zu sein, wie es vor­gibt, ist das post­mo­der­ne Den­ken die sym­bo­li­sche Dar­stel­lung (Reprä­sen­ta­ti­on) der ent­grenz­ten glo­ba­li­sier­ten Kon­sum­ge­sell­schaft mit ihrer gan­zen Belie­big­keit. … Die Dekon­struk­ti­on und mit ihr die gesam­te Post­mo­der­ne ist durch ihre ser­vi­le Spie­ge­lung des Hyper­li­be­ra­lis­mus ein unglaub­lich erfolg­rei­cher Fall von Meta­po­li­tik.” (Inso­fern sei übri­gens der Begriff „Kul­turm­ar­xis­mus” irre­füh­rend, denn spe­zi­ell unter dem Gesichts­punkt von Ord­nungs­vor­stel­lun­gen kön­ne der Unter­schied zur klas­si­schen Lin­ken nicht grö­ßer sein.)

Ein beson­ders alar­mie­ren­des Sym­ptom des gesell­schaft­li­chen Zer­falls sieht Lieb­nitz in der Spal­tung von Alt und Jung. Der aktu­el­le Jugend­kult, „der sich in einer Eltern­ge­nera­ti­on aus­drückt, die ihren Kin­dern bei der Welt­ret­tung hin­ter­her­he­chelt”, habe eine „grund­sätz­li­che Asym­me­trie zwi­schen den Genera­tio­nen” erzeugt. „Die unzwei­deu­ti­ge Het­ze gegen die Älte­ren, denen zwar nicht der sin­gu­lä­re Wohl­stand, wohl aber alle Pro­ble­me der Welt ange­rech­net wer­den, ist ein his­to­ri­sches Novum. Eine gefah­ren­blin­de, ‚ver­haus­schwein­te’ Gesell­schaft war schon gegen die Risi­ken offe­ner Gren­zen blind.” Die Zer­set­zung der Fami­li­en­ban­de und die Schwärzung der Ver­gan­gen­heit habe „einen Golem geschaf­fen … Erst fal­len die Sta­tu­en. Was fällt dann?”

Wenn eine Gesell­schaft ihrem Zer­fall in eine Antiord­nung ent­ge­gen­steu­ert, müss­te sie eigent­lich im Cha­os enden. Doch, wie ein­gangs erwähnt, läuft Lieb­nitz’ Pro­gno­se auf das Gegen­teil hin­aus: „Genau die Herr­schafts­form, die alles in uner­hör­ter Wei­se ver­flüs­sigt und auf­ge­löst hat, ist im Begrif­fe, sich wei­ter und wei­ter zu ver­fes­ti­gen und im Wege der Über­wa­chung eine ‚Dich­te’ zu errei­chen, wie sie frü­he­ren Genera­tio­nen unbe­kannt war.” 

Wenn man sieht, wie der­zeit mit Maschi­nen­pis­to­len bewaff­ne­ter Poli­zis­ten über Bahn­hö­fe und durch Züge strei­fen, um die Ein­hal­tung der Mas­ken­pflicht zu kon­trol­lie­ren (hier am Ber­li­ner Hauptbahnhof):

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…, dann hat man kaum den Ein­druck, dass die­ser Staat für die abso­lu­te Ord­nung nicht bereit wäre. Er muss sie ja nicht gleich in sämt­li­chen Lan­des­tei­len durch­set­zen, son­dern nur dort, wo die Steu­ern gezahlt und erwirt­schaf­tet werden.

(„Leben unterm Regen­bo­gen” kön­nen Sie hier bestel­len, „Antiord­nung” hier.)

                                 ***

Zum Vori­gen.

Den Titel des erst­ge­nann­ten Buches ziert der „Schla­fen­de Herm­aphro­dit” aus dem Louvre:

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Bei der Skulp­tur soll es sich um die Nach­bil­dung einer Bron­ze­plas­tik han­deln, die der grie­chi­schen Bild­hau­er Poly­kles im 2. Jahr­hun­dert v. Chr. schuf, die Matrat­ze indes ist ein Werk Berni­nis. Ist es nicht unglaub­lich, dass Mar­mor so bequem aus­schau­en kann?

                                 ***

Noch zum Vorigen.

Es klingt nicht logisch, wenn Frau Gru­ber ali­as Lieb­nitz über jene abso­lu­te Ord­nungs­ge­sell­schaft ora­kelt, dass sie „die mit­tel­al­ter­li­chen Stän­de­ord­nun­gen fle­xi­bel aus­se­hen las­sen könn­te”. Wer aber beob­ach­tet, wie sich die diver­si­fi­zier­ten west­li­chen Gesell­schaf­ten mit Grä­ben und geis­ti­gen Sta­chel­draht­ver­hau­en durch­zie­hen, wie sich Ras­sen, Eth­ni­en, Geschlech­ter, Alters­ko­hor­ten, sexu­ell Anders­ge­ar­te­te von­ein­an­der abset­zen, Son­der­rech­te for­dern und aggres­siv ihre Revie­re sichern, gewinnt eine Vor­ah­nung, wie sich die Bunt­heit im Sta­di­um ihrer Kris­tal­li­sa­ti­on anfüh­len könnte.

                                 ***

Immer noch zum Vori­gen.
Man kön­ne, schreibt Frau Lieb­nitz (vul­go: Gru­ber), den Deut­schen Idea­lis­mus als Ant­wort auf eine Ord­nungs­kri­se, ja auch „als den ver­zwei­fel­ten Ver­such der Kom­pen­sa­ti­on” begreifen. 

Das gefällt mir. Wir soll­ten nicht mehr von den Kan­ti­schen Kri­ti­ken spre­chen, son­dern von den Kan­ti­schen Kompensationen.

                                 ***

„In der letz­ten Zeit”, schreibt Leser ***, „wur­den in Ber­lin immer mehr Wer­be­pla­ka­te mit immer grö­ße­ren For­ma­ten in das Stra­ßen­bild gebracht, und zwar mit der Beson­der­heit, dass sie – anders als bei­spiels­wei­se im Fall der Bun­des­bahn – aus­nahms­los schwar­ze Men­schen zei­gen.

Ich habe die­ser Mail zur Illus­tra­ti­on vier Fotos beigefügt. 

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Zu Anfang dach­te ich, ohne genau­er hin­zu­schau­en, das sei eine Kam­pa­gne ‚Brot für die Welt’ oder eine Soli­da­ri­täts­adres­se an #black­live­s­mat­ter. Dann ver­blüff­te mich, dass hier Men­schen in inni­ger Umar­mung und ohne Mas­ke abge­bil­det wer­den und fand das in Coro­na-Zei­ten ver­stö­rend: gel­ten denn die stren­gen Coro­na-Regeln nicht für alle? Dann lese ich ‚Wir wer­den uns wie­der umar­men’, was sich offen­bar auf die Zeit nach dem Ende der Pan­de­mie bezieht. Sehr gut, aber wie­so wer­den sich nur schwar­ze Men­schen umarmen?

Dann erst bemerk­te ich, dass es sich um Wer­bung der Fir­ma ‚zalan­do’ handelt.

Iro­nisch könn­te ich fra­gen: Haben sie viel­leicht die Adress­auf­kle­ber ver­tauscht und die Pla­ka­te nach Ber­lin statt nach Afri­ka geschickt, wäh­rend ihre Wer­bung in Afri­ka mög­li­cher­wei­se aus­schließ­lich wei­ße Men­schen zeigt? 

Aber ernst­haft fra­ge ich mit Boris Pal­mer: ‚Wel­che Gesell­schaft soll das abbil­den?’ Wel­che Ziel­grup­pe soll die­se Wer­bung anspre­chen? Nein, es ist offen­sicht­lich, dass es sich bei der Akti­on um eine Pro­vo­ka­ti­on han­delt. Auf­fal­len um jeden Preis und mit Rie­sen­for­ma­ten. Doch die­se Kam­pa­gne steht im kras­sen Wider­spruch zu den Insi­gni­en der heu­ti­gen Zeit. Denn die­se Wer­bung ist weder viel­fäl­tig, noch ist sie bunt, sie ist ein­fach nur schwarz. Damit schließt Zalan­do die unzäh­li­gen ver­schie­den­ar­ti­gen Men­schen aus, die hier leben, den viet­na­me­si­schen Blu­men­händ­ler genau­so wie den tür­ki­schen oder ara­bi­schen Nach­barn, ganz zu schwei­gen von den Ange­hö­ri­gen der Mehr­heits­ge­sell­schaft. Damit spal­tet man die Gesellschaft.”

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„Wir müs­sen end­lich mit glei­cher Mün­ze zurück­zah­len. Wenn die uns ‚Kli­ma­l­eug­ner’ nen­nen, dann soll­ten wir sie durch­gän­gig als…

9. September 2019

„Inzwi­schen”, sagt Freund ***, „wün­sche ich mir eine grü­ne Bun­des­re­gie­rung, weil ich inzwi­schen der Mehr­heit des West­packs eine…