14. Januar 2021

Kei­ne Head­line könn­te sowohl den Sta­tus quo als auch den Geis­tes­zu­stand der­je­ni­gen, die „Coro­na-Dik­ta­tur” zum „Unwort des Jah­res” erklärt haben, bes­ser auf den Punkt brin­gen als diese:

Ins Ver­der­ben gelock­te Kin­der, oben­drein aus­ge­rech­net zu Hameln: Auch der „Nach­rich­ten­ka­nal” n‑tv lässt sich nicht lum­pen bei der Ver­brei­tung der Spit­zen­nach­richt des Tages wenn nicht des Äonchens.

Und nichts wie­der­um kann die men­ta­le Ver­fasst­heit unse­res von post­he­roi­schen Mut­men­schen bevöl­ker­ten Sied­lungs­ge­bie­tes ange­mes­se­ner illus­trie­ren als die­se von Argo Nerd dan­kens­wer­ter­wei­se kom­pi­lier­ten gegen­stre­bi­gen Fügungen:

Gehen Sie wei­ter, hier gibt es nichts zu sehen! Ver­trau­en Sie den Maß­nah­men der Regie­rung! Der Tier­arzt und der Bank­kauf­mann pas­sen auf! Am bes­ten, Sie blei­ben ganz zu Hause.

 

***

 

Das noch, ohne Wor­te, wg. Aero­so­len und so.

 

PS: „Der Grund für die Anbrin­gung war ein Dreh für die RTL-Sen­dung ‚Explo­siv’ für die Aus­ga­be am 14. Janu­ar (18 Uhr). Das Pla­kat wur­de danach wie­der abge­nom­men. Rewe reagier­te via Twit­ter auf die Ver­wir­rung der User. ‚Die­ses Pla­kat wur­de für den Video­dreh eines pri­va­ten TV-Sen­ders ange­bracht und direkt im Anschluss wie­der ent­fernt. Der Inhalt hat­te kei­nen rea­len Bezug zu unse­ren Märk­ten’, bestä­tigt die Supermarktkette.”

Die­se Nach­richt sei zu fin­den bei RND, teilt Leser *** mit, und fährt fort: „Da sage noch einer, das TV set­ze kei­ne Lügen in die Welt… Und wie­der mal ist das eigent­lich Schlim­me ja, dass sol­che Ver­bo­te durch­aus vor­stell­bar wären. Nach Mer­kels nächs­ter Lock­down­ver­schär­fung in einem Super­markt auch in Ihrer Nähe.”

 

***

 

Der zuletzt im hel­len Hau­fen mei­ner Lieb­lings­to­ren etwas in die zwei­te Rei­he getre­te­ne Gevat­ter Kau­der, Vor­na­me Vol­ker, wie der Spiel­mann im Nibe­lun­gen­lied, der mit Fie­del und Schwert das Tor von Etzels Hal­le schirm­te, frei­lich nicht für, son­dern gegen deren hun­ni­schen Eigen­tü­mer, also genau anders­her­um als Kau­ders aktu­el­ler Vol­ker, der das Kanz­le­rin­nenamt auf sei­ne Wei­se inner­par­tei­lich hütet, „ein Mann vol­ler Kamp­fes­kraft” (Nibe­lun­gen­lied, Aven­ti­u­re 1), des­sen Vor­na­me sich übri­gens zusam­men­setzt aus Volk und heri, Heer, also „Volks­kämp­fer” bedeu­tet – am Red­ner­pult nennt man ihn den Unver­gleich­li­chen –, die­ser edle Recke trat denn vor das Par­la­ment, unbe­helmt, weil Hil­de­brand irgend­wo im Lock­down steckt, und sprach die geflü­gel­ten Worte:

Weiß noch jemand, was ein Syl­lo­gis­mus ist?

Etwa:

Jeder Flücht­ling ist ein Eben­bild Gottes.
Anis Amri war ein Flüchtling.
Also ist Anis Amri ein Eben­bild Gottes.

Das letz­te, was Maria Laden­bur­ger auf Erden erblick­te, war ein Eben­bild Got­tes. Auch Adolf Hit­ler war ein Eben­bild Got­tes. Donald Trump ist ein Eben­bild Got­tes. Die gesam­te AfD-Frak­ti­on besteht aus Eben­bil­dern Got­tes. Ob es Gott nun passt oder nicht: Auch Saskia Esken, Ralf Steg­ner und Jan Böh­mer­mann sind sei­ne Eben­bil­der. Und last but not least: Kau­der selbst ist ein Eben­bild Got­tes. Hie­nie­den wuseln und weben der­zeit an die acht Mil­li­ar­den Eben­bil­der Got­tes, täg­lich wer­den es mehr, bald wer­den es neun, zehn, elf Mil­li­ar­den sein, ganz egal, wie vie­le Eben­bil­der Got­tes unter­des­sen ande­re Eben­bil­der Got­tes und zum Teil sogar in Got­tes Namen abmurk­sen oder wie vie­le win­zi­ge Eben­bil­der Got­tes spe­zi­ell in den west­li­chen Län­dern abge­trie­ben wer­den, um gewis­ser­ma­ßen Raum zu schaf­fen für jene Eben­bil­der Got­tes, von denen der got­tes­eben­bild­li­che Herr Kau­der spricht. Nur: Was folgt dar­aus? Dass der Gel­tungs­rah­men des Grund­ge­set­zes erwei­tert wer­den muss auf sämt­li­che Got­tes­eben­bild­li­chen? Und die Trock­nung aller Trä­nen zum letz­ten deut­schen Staats­ziel erho­ben wer­den muss? Na was denn sonst!

„Folg’ nur dem alten Spruch und mei­ner Muh­me der Schlange,
Dir wird gewiß ein­mal bey dei­ner Gott­ähn­lich­keit bange!”

 

***

 

Beim Spie­gel expe­ri­men­tie­ren sie gera­de damit, eine sum­ma­ri­sche Autoren­zei­le fett als Über­schrift zu setzen.

Auf der Web­sei­te von eigen­tüm­lich frei schreibt Axel B.C. Krauss nicht direkt, aber irgend­wie doch dazu:

 

***

 

Kein Tag ohne Donald!

Zur Erin­ne­rung:

(Ich dan­ke Leser *** für den Hinweis.)

 

***

 

Zu mei­nem gest­ri­gen bzw. ewig­gest­ri­gen Bei­trag über die moder­nen Kunst­wer­ke als „Arbei­ten” bemerkt Leser ***:

„Erzeug­nis­se der Gegen­warts­kunst nennt man des­we­gen ‚Arbei­ten’, weil eine Fest­le­gung auf Gemäl­de, Skulp­tur oder Plas­tik gar nicht mehr mög­lich ist, da bil­den­de Kunst und Kunst­ge­wer­be zu einem unscheid­ba­ren Amal­gam ver­schmol­zen sind. Dort wo nach Beuys ‚jeder Mensch ein Künst­ler’ ist, darf auch jeder erdenk­li­che Mist als Kunst gel­ten. Die­sem Irr­sinn geht aber vor­aus, dass der Kri­ti­ker vor cir­ca 100 Jah­ren die Fron­ten gewech­selt hat, indem er vom Lager des Rezi­pi­en­ten in das des Pro­du­zen­ten hin­über­ging. Augen­schein­li­cher Müll und Unrat ist dann Kunst, wenn der beru­fe­ne Kri­ti­ker den Plun­der hei­ligt und den Zuschau­er belehrt oder not­falls für dumm erklärt. Die markt­wirt­schaft­li­chen Effek­te mal ganz außen vor gelas­sen. Man stel­le sich vor, das wür­de ein Wein- oder Gastro­kri­ti­ker versuchen.”

 

Na das stel­len wir uns mal lie­ber nicht vor. Das wür­de am Ende auch noch funktionieren.

 

***

 

Leser sekun­diert die­sem Ver­dacht mit der Schil­de­rung einer Bege­ben­heit „aus ers­ter Hand”:

„Mein Stief­va­ter, einer der Mit­be­grün­der des Free­jazz im Deutsch­land der 60er Jah­re, der mit die­ser Art von – nen­nen wir es wohl­wol­lend ‚Lärm’ (das ist die Bezeich­nung, die mir am wenigs­ten pejo­ra­tiv erscheint) – auch jahr­zehn­te­lang gut ver­dient hat, hat in den 90ern das Ange­bot der Fried­rich-Dür­ren­matt-Stif­tung in der Schweiz erhal­ten, er möge doch eini­ge Tage in Dür­ren­matts Haus ver­wei­len und anschlie­ßend in der Aula das Hau­ses über Dür­ren­matt free­jaz­zig impro­vi­sie­ren. Gesagt, getan, mein Stief­va­ter hat eini­ge Tage in Dür­ren­matts Haus gewohnt, in Dür­ren­matts Bett geschla­fen, in Düren­matts Bade­wan­ne geba­det und anschlie­ßend in Dür­ren­matts Haus die­se Ein­drü­cke musi­ka­lisch dargeboten.

Was die ver­sam­mel­ten Kunst­gour­man­ds nicht wuß­ten: Er hat­te kei­ne, abso­lut kei­ne Idee, kei­nen Ein­fall, was sich aus die­sen Tagen expri­mie­ren lie­ße und hat – sei­ne Wor­te – ‚ein­fach irgend­ei­nen Scheiß’ gespielt.
Und raten Sie mal, wie die Kunst­ken­ner­sze­ne dar­auf reagiert hat.
Fre­ne­tisch.
Er hät­te Dür­ren­matt so rea­lis­tisch dar­ge­stellt, so sehr im Kern getrof­fen, man war schlicht­weg begeistert.
Die­sen Men­schen ist nicht zu helfen.”

 

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