Mal etwas Grundsätzliches …

… ange­le­gent­lich die­ser neu­en Fol­ge aus der Rei­he „Ihre Steu­er­gel­der bei der Arbeit”:

Also sprach eine öffent­lich-recht­li­che Text­vor­le­se­rin, die soeben benei­dens­wer­ter­wei­se die – aus­schließ­lich an Frau­en ver­ge­be­ne – „Hed­wig-Dohm-Urkun­de” des – aus­schließ­lich aus Frau­en bestehen­den und des­we­gen nicht gegen­der­ten – Jour­na­lis­tin­nen­bun­des erhielt, unter ande­rem dafür, so die Urteils­be­grün­dung, dass sie in ihren Mode­ra­tio­nen „klug und ele­gant” gen­de­re, was allen­falls zur Hälf­te stim­men kann, denn es mag aus Kon­for­mis­mus und Hed­wig-Dohm-Urkun­den-Abgreif­grün­den der­zeit klug sein, bei die­sem Mum­pitz mit­zu­tun, doch dabei ele­gant zu wir­ken, ist bis­lang noch nie­man­dem gelungen.

Gewöh­nung also. Die bra­ven Deut­schen sind Meister*innen dar­in. Sie haben sich dar­an gewöhnt, bei jeder Gele­gen­heit den rech­ten Arm in die Luft zu rei­ßen und „Heil Hit­ler!” zu rufen. Sie haben sich dar­an gewöhnt, Brie­fe mit dem „deut­schen” oder dem „sozia­lis­ti­schem Gruß” zu unter­schrei­ben. Sie haben sich an die Nach­rich­ten vom Hel­denster­ben an der Ost­front genau­so gewöhnt wie an die bizar­ren Ritua­le der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Ent­männ­li­chungs­dres­sur. Sie haben sich an die Häss­lich­keit ihrer Innen­städ­te gewöhnt, sie haben sich an die Zer­stö­rung ihrer Land­schaf­ten durch Wind­rä­der gewöhnt, sie haben sich dar­an gewöhnt, für ande­re Län­der oder für Migran­ten zu bezah­len, ohne je etwas zurück­zu­for­dern, sie haben sich an die höchs­ten Strom­prei­se und die zweit­höchs­ten Steu­ern Euro­pas gewöhnt. Sie haben sich, wenn wir schon bei der Ver­hun­zung ihrer Spra­che sind, auch an das Stüm­per- und Stum­mel­deutsch der Kanz­le­rin gewöhnt. Sie haben sol­che Gewohn­hei­ten in der Ver­gan­gen­heit aber im Zuge poli­ti­scher Wet­ter­wech­sel immer wie­der voll­stän­dig abge­legt, um sich zur jeweils nächs­ten zu bekeh­ren. Ich wür­de, sie­del­te ich steu­er­ge­mäs­tet auf dem Main­zer Mär­chen­berg, nicht auf die Kon­stanz der gera­de aktu­el­len Gewohn­hei­ten derer daheim an den Täter­volks­emp­fän­gern wet­ten. By the way: Der from­me Musel­mann wird garan­tiert nicht mit­gen­dern, und falls jemand auf die Idee kommt, den Koran in gerech­ter Spra­che zu ver­öf­fent­li­chen: Viel Glück!

Was die 60 Beschwer­de­brie­fe betrifft (sofern die Anga­be stimmt): Zwar sagen der­zeit vie­le Men­schen den Wahr­heit- und Qua­li­täts­s­me­di­en und folg­lich auch dem Staats­funk zum Abschied lei­se – also ohne Brief – Ser­vus, doch die Zahl der Kom­men­ta­re unter dem Welt-Arti­kel hat­te rasch die Tau­send über­schrit­ten, und der Tenor war ein­deu­tig. Mögen die einen sich tat­säch­lich an alles gewöh­nen – die ande­ren haben es satt. Müss­ten sich Gers­ter und Genos­sin­nen mit ihren Bei­trä­gen auf den frei­en Markt bege­ben und zahl­te ihr Publi­kum nicht eine Zwangs­ab­ga­be, unse­re Schel­min­nen wür­den sich dar­an gewöh­nen müs­sen, auf dem Arbeits­amt zu gendern.

Die Gen­de­rei ist vor allem eines: häss­lich. Es gibt kei­nen ein­zi­gen lite­ra­risch wert­vol­len gegen­der­ten Text; im Gegen­teil, Schön­heit, Sinn und Lese­fluss wer­den durch die­se seman­ti­schen Pol­ler zer­stört. Unter dem Vor­wand, zu dif­fe­ren­zie­ren, pri­mi­ti­viert Gen­dern die Spra­che. Das beginnt schon beim opti­schen Ein­druck. Eine gegen­der­te Sei­te sieht aus, als habe ein an Durch­fall lei­den­der Wel­len­sit­tich mit hoch­fre­quen­ten Flü­gel­schlä­gen sei­ne Exkre­men­te über sie ver­teilt. Eine Mode­ra­tö­rin, die ver­sucht, Unter­stri­che, Stern­chen oder das Binnen‑I, die­sen „ortho­gra­fi­schen Umschnall­dil­do” (Lisa Eckardt), mit­zu­spre­chen, wirkt nicht ele­gant, son­dern bescheu­ert, sie wirkt nicht klug, son­dern abge­rich­tet. Ich habe die­se Son­der­zei­chen ein­mal seman­ti­sche Hijabs genannt, weil bei­der Sinn der­sel­be ist: Revier­mar­kie­rung, Raum­ge­winn, opti­sche Land­nah­me, Herr(!)schaftsanspruch. Dass ande­re gezwun­gen wer­den sol­len, sich die­sem Ritus zu unter­wer­fen, sagt alles.

Der Vor­stand der Stif­tung deut­sche Spra­che hat sich vor kur­zem dezi­diert dazu geäußert.

Das ein­zi­ge, in des­to ener­vie­ren­de­rer Indo­lenz vor­ge­tra­ge­ne Argu­ment der femi­nis­ti­schen „Sprach­kri­ti­ker” lau­tet bekannt­lich, Frau­en wür­den durch das gene­ri­sche Mas­ku­li­num unsicht­bar gemacht und folg­lich dis­kri­mi­niert. Es ist aber gera­de das Haupt­merk­mal die­ses gene­ri­schen Mas­ku­li­nums, dass es sich auf gan­ze Grup­pen ohne Geschlechts­dif­fe­ren­zie­rung bezieht: Leh­rer, Sport­ler, Spin­ner. Die Sexus­neu­tra­li­tät ergibt sich aus dem Modus der Wort­bil­dung. Im Deut­schen kann an jeden Verb­stamm das Suf­fix ‑er ange­hängt wer­den, und schon hat man ein Sub­stan­tiv, das eine Grup­pe bezeich­net, deren Geschlechts­neu­tra­li­tät bei nicht­be­leb­ten Gegen­stän­den (Boh­rer, Trä­ger, Schrau­ben­zie­her, Tür­öff­ner) noch nie­mand bezwei­felt hat. Wäre -er eine männ­li­che Nach­sil­be ana­log zum weib­li­chen -in, müss­te man bei­de ein­fach aus­tau­schen kön­nen, um aus dem männ­li­chen Boh­rer die weib­li­che Bohrin zu schaf­fen. Offen­kun­dig funk­tio­niert das nicht.

Gram­ma­ti­sches und bio­lo­gi­sches Geschlecht haben nur bedingt – und auf den gesam­ten Wort­schatz gerech­net ziem­lich wenig – mit­ein­an­der zu tun. Inso­fern ist auch die For­mu­lie­rung falsch, Frau­en sei­en im gene­ri­schen Mas­ku­li­num „mit­ge­meint”. Wie der Lin­gu­ist Peter Eisen­berg fest­hält, ist der(!)jenige, der das gene­ri­sche Mas­ku­li­num ver­wen­det, „vom Bezug auf ein natür­li­ches Geschlecht befreit”. Die­se Ele­men­tar­tat­sa­che der Spra­che, die nie­mand geschaf­fen hat, son­dern die ein Resul­tat der kul­tu­rel­len – und nicht nur der kul­tu­rel­len – Evo­lu­ti­on ist, wie jede Spra­che, wie Spra­che über­haupt, ist durch die femi­nis­ti­sche Unter­stel­lung umeti­ket­tiert wor­den, gram­ma­ti­ka­li­sche Mas­ku­li­na sei­en „männ­li­che Wor­te” und das gene­ri­sche Mas­ku­li­num qua­si sprach­lich geron­ne­nes Patri­ar­chi­at. Die­se Hüt­chen­spie­le­rin­nen wol­len dem Publi­kum weis­ma­chen, ein gram­ma­ti­ka­li­scher Mecha­nis­mus namens Genus sei eine „struk­tu­rel­le” Dis­kri­mi­nie­rung der Frau­en, denn wenn die gesam­te Gesell­schaft, wenn jede Brü­cke, jeder Turm, jede For­mel, jede Wis­sen­schaft, jedes Sport­ge­rät, jedes Werk­zeug, jede Insti­tu­ti­on, jede Fir­ma, jedes Job­pro­fil, jede Sexu­al­prak­tik, ja sogar das Kli­ma Frau­en dis­kri­miert, dann kann das in der Spra­che ja unmög­lich nicht der Fall sein. „Das Mas­ku­li­num”, schreibt Eisen­berg, zuletzt Pro­fes­sor für Deut­sche Spra­che der Gegen­wart an der Uni­ver­si­tät Pots­dam, „wur­de regel­recht sexualisiert.”

Auf die­se Wei­se ist die geschlechts­neu­tra­le Grup­pen­be­zeich­nung „Bür­ger” in die Bezeich­nung aller männ­li­chen Bür­ger umge­mo­gelt wor­den – als ob der „Bür­ger­saal” nicht allen 64 Geschlech­tern offen­stün­de –, und jeder poli­ti­sche Red­ner begrüßt die Frau­en im Publi­kum inzwi­schen zwei­mal, indem er die lie­ben Bür­ge­rin­nen und lie­ben Bür­ger anspricht. Wer behaup­tet, es gebe kei­nen fun­da­men­ta­len Unter­schied zwi­schen den Aus­sa­gen: „Ich gehe heu­te Abend zum Ita­lie­ner” und „Ich gehe heu­te Abend zur Ita­lie­ne­rin”, der will Ihnen eine Bärin auf­bin­den (im Fall zwei könn­te es sich übri­gens emp­feh­len, eine Pari­se­rin einzustecken).

Er stel­le sich „auf die Sei­te der Oppo­nen­ten gegen die­se geplan­te Ver­ar­mung, Ver­häss­li­chung und Ver­un­deut­li­chung des deut­schen Schrift­bil­des”, ant­wor­te­te Tho­mas Mann im Juni 1954 auf eine Umfra­ge der Zür­cher Welt­wo­che zu den soge­nann­ten „Stutt­gar­ter Emp­feh­lun­gen” für eine Ver­ein­fa­chung der deut­schen „orto­gra­fi” (auch Hes­se und Dür­ren­matt spra­chen sich wei­land gegen sol­che Plä­ne aus). „Mich stößt die Bru­ta­li­tät ab, die dar­in liegt, über die ety­mo­lo­gi­sche Geschich­te der Wor­te rück­sichts­los hin­weg­zu­ge­hen.” Bru­ta­li­tät ist die tref­fen­de Asso­zia­ti­on. Es ist die Bru­ta­li­tät von ideo­lo­gi­sier­ten Gesell­schafts­um­stür­zern und Sozi­al­inge­nieu­ren, die das kul­tu­rell Gewach­se­ne nur als Bal­last und als ein Hin­der­nis für ihr eige­nes Vor­an­kom­men betrach­ten. Was Mann, Hes­se und Dür­ren­matt zum Gen­dern sagen wür­den, liegt auf der Hand, aber alte wei­ße Supre­ma­tis­ten soll­ten bes­ser ihre alte wei­ße Supre­ma­tis­ten­fres­se halten.

Ein ande­res Stil­mit­tel der Gen­de­ris­tas, um den Kata­falk­de­ckel sprach­struk­tu­rel­ler Benach­tei­li­gung von ihrem zar­ter kon­stru­ier­ten Geschlecht zu wäl­zen, ist das sub­stan­ti­vier­te Par­ti­zip I. Die femi­nis­ti­sche Fri­sie­ren­de mag kei­ne Lebens­schüt­zen­den. Die Preis­tra­gen­den bedank­ten sich bei den Gut­ach­ten­den. Abends im Lokal traf ich einen mei­ner Dozie­ren­den. Die Rich­ten­den ver­häng­ten ein mil­des Urteil über den Rau­ben­den. Die Straf­tu­en­den-Sta­tis­tik wäre arm­se­lig ohne die Geflüch­te­ten. Im Gefäng­nis saß ein Ver­ge­wal­ti­gen­der in einer Zel­le mit einem Glied­vor­zei­gen­den (tat­säch­lich waren sie gera­de Kar­ten­spie­len­de). „Sind Sie Rau­chen­der?”, frag­te ein Ver­bin­dungs­stu­die­ren­der – das ist übri­gens weder jemand, der die Ver­bin­dung Ber­lin-Mün­chen stu­diert, noch ein Ehe­be­ra­ten­der –, dem man nach­sag­te, ein Trin­ken­der zu sein. Wer ist Ihr Lieblingsschauspielender?

Auch in die­ser Fra­ge ist das Urteil der Lin­gu­is­ten längst gefällt, wobei jenes der Zurech­nungs­fä­hi­gen bereits genügt hät­te. Alle die­se For­men sind seman­tisch unsin­nig, wenn sie nicht eine Tätig­keit mei­nen, die jetzt, in die­sem Augen­blick, aus­ge­übt wird. Ein Blog­ger hat dazu das ulti­ma­ti­ve Gleich­nis gelie­fert: Ein ster­ben­der Stu­die­ren­der stirbt beim Stu­die­ren; ein ster­ben­der Stu­dent kann auch im Schlaf oder beim Wan­dern sterben.

Wenn offen­kun­di­ger Non­sens Anhän­ger und Ver­fech­ter fin­det, bis ins Staats­fern­se­hen, in die Stadt­ver­wal­tung von Han­no­ver, in die Uni­ver­si­tä­ten, Schu­len, Stif­tun­gen, NGOs und so ad nau­seam wei­ter, wenn etwas Wider­sin­ni­ges, Häss­li­ches, Unhand­li­ches und im Kern Destruk­ti­ves mit hohem mora­li­schem Erpres­sungs­druck in die Öffent­lich­keit gepresst wird, dann geht es nicht um die Sache selbst, dann ist sie nur Mit­tel zum Zweck.

Des­we­gen perlt jede Kri­tik, jede Sati­re, jeder Spott an die­sen Sprach­klemp­nern ab. Des­we­gen inter­es­sie­ren auch die Ein­wän­de von Lin­gu­is­ten nicht. Es geht nicht um Argu­men­te. Es geht nicht ein­mal um Spra­che. Es geht um Macht.

Übri­gens: Petra Gers­ter, heißt es in der Bild­un­ter­schrift über dem Welt-Arti­kel, „kri­ti­siert, auch in Nach­rich­ten­fil­men trä­ten immer noch zu weni­ge Frau­en auf.”
Wen genau mag sie damit kri­ti­sie­ren? Die Frau­en? Die Gesell­schaft? Die Nach­rich­ten? Allah?

PS: „Heu­te hör­te ich einen Mann, der vor­bild­lich gegen­dert hat”, schreibt Lese­rin***. „Er kom­men­tier­te den Abschied von Donald Trump. Als die­ser und sei­ne Frau in die Air For­ce One stie­gen, sag­te der Kom­men­ta­tor: ‚Mela­nia loo­ks ama­zin­gly stun­ning.’ Er sag­te es mit der gebo­te­nen Hin­ge­ris­sen­heit und Ehr­furcht. So geht Gen­dern kor­rekt. Solan­ge es noch Män­ner gibt, die das so sagen, ist noch nicht alles ver­lo­ren. Solan­ge es noch Frau­en gibt, die so aus­se­hen, ist noch nicht alles verloren.
Make women gre­at again.”

PPS:

PPS: „Die Gers­ter, die ich rief,
werd ich nun nicht los!”
(Leser ***)

 

Total
1
Shares
Vorheriger Beitrag

19. Januar 2021

Nächster Beitrag

Zum Tage

Ebenfalls lesenswert

22. August 2019

Wie ver­dor­ben und schwäch­lich muss eine Gesell­schaft sein, deren Eli­ten aus allen publi­zis­ti­schen Roh­ren mit Moral­platz­pa­tro­nen auf das…

12. März 2021

„Für mich ist Ras­sis­mus eine unver­zeih­li­che Sün­de, und dazu gehört auch der Haß auf die eige­ne Rasse.” Ephraim Kishon…

24. August 2019

Die­se Par­odie der Front­sei­te eines bis­wei­len sei­ner­seits recht par­odis­ti­schen* deut­schen Maga­zins hat Alex­an­der Wendt auf sei­ner Face­book­sei­te ver­brei­tet;…