2. Februar 2021

Wenn Sati­re real wird …

…, dann schlägt ein lin­ker Nor­we­ger eine ame­ri­ka­ni­sche Bewe­gung für den Frie­dens­no­bel­preis vor, deren „Akti­vis­ten” – frü­her hät­te ein Herr sie Mob genannt – gan­ze Stra­ßen­zü­ge ver­wüs­tet, Geschäf­te geplün­dert und in Brand gesteckt und auch ein paar Men­schen­le­ben, dar­un­ter schwar­ze Poli­zis­ten, auf ihrem fle­xi­blen Gewis­sen haben.

Aber bekannt­lich ist Krieg Frie­den und Frei­heit Skla­ve­rei. Solan­ge die Laut­spre­cher des Zeit­geis­tes das Ziel hei­li­gen, sind sämt­li­che Mit­tel erlaubt. Aber wehe, irgend­wo stellt sich den Bren­nern, Plün­de­rern und Demo­lie­rern eine Falan­ge ent­ge­gen, dann heu­len sie „Nazis!” Schließ­lich haben sie nur ihre Wut dar­über zum Aus­druck gebracht, von der omi­nö­sen Gesell­schaft nicht als gleich­ge­stellt betrach­tet zu werden.

Aber die Mehr­heit war fried­lich am Ran­de des zivi­l­un­ge­hor­sa­men Innen­stadt­zer­le­gens? Solch fein­sin­ni­ge Dif­fe­ren­zie­run­gen wer­den bei „rech­ten” Demons­tran­ten nie getrof­fen; dort heißt es: Wer mit Extre­mis­ten auf die Stra­ße geht, ver­schafft ihnen Legi­ti­ma­ti­on und ist des­halb mitschuldig.

Die Spitz­mar­ke „Ras­sis­mus”, wel­che die Deut­sche Wel­le für die Nach­richt wähl­te, ist übri­gens nicht ver­kehrt. Die soge­nann­ten Anti­ras­sis­ten sind die Ras­sis­ten unse­rer Zeit. Man soll sich von den einen so ent­schie­den fern­hal­ten wie von den ande­ren. Wie die Ras­sis­ten erklä­ren die heu­ti­gen „Anti­ras­sis­ten” ande­re kol­lek­tiv für min­der­wer­tig oder erb­schuld­be­la­den, und das bereits mit der bei jeder Gele­gen­heit und in ver­schien­de­nen Abstu­fun­gen vor­ge­tra­ge­nen Unter­stel­lung, dass wei­ße Men­schen letzt­lich für alle Übel, also irgend­wie auch für jede miss­ra­te­ne schwar­ze Bio­gra­phie ver­ant­wort­lich sei­en, schwar­ze Men­schen indes nicht ein­mal für ihr eige­nes Leben.

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Apro­pos. Geor­ge Orwells Dys­to­pie „1984” erlebt in letz­ter Zeit eine gewis­se Renais­sance als Schreck­bild und Gleich­nis­fund­stät­te, vor allem wegen der Pas­sa­gen über die tota­li­tä­re Sprach­kon­trol­le. Bei dtv Mün­chen ist die­ser Tage eine Neu­über­set­zung erschie­nen, zu wel­cher – Jana halt dich fest! – Robert Habeck das Vor­wort ver­fasst hat. Die­ses Zusam­men­tref­fen ist bizarr genug, um ein paar Wor­te dar­über zu verlieren.

Zunächst ein­mal über­rascht Habeck die Leser mit dem Pos­tu­lat, Orwells Bücher sei­en „wie­der aktu­ell, viel­leicht aktu­el­ler denn je”. Ein Poli­ti­ker muss imstan­de sein, auch die letz­te Plat­ti­tü­de mit dem erreg­ten Bom­bast eines Opern­ball­de­bü­tan­ten vor­zu­tra­gen. Auf sei­ner Web­sei­te stellt sich Habeck aller­dings zuvör­derst als „Schrift­stel­ler” vor; „Schrei­ben war mein Leben, bevor Poli­tik es wur­de”, heißt es dort; wir dür­fen also an die Spra­che des Gevat­ters stren­ge­re Maß­stä­be anset­zen als an jene von, sagen wir, Schnat­te­rinchen, zumal er sich an das Vor­wort zu einem Klas­si­ker wagt.

Vor drei­ßig Jah­ren, nach dem Zusam­men­bruch des Real­so­zia­lis­mus, habe er geglaubt, Orwell sei nun his­to­risch gewor­den, schreibt der Spit­zen­grü­ne. Heu­te indes erleb­ten „wir” – die­se drei Buch­sta­ben ver­wan­deln sich in ein wenig ein­la­den­des Gat­ter, wenn ein Lin­ker sie hin­schreibt –, „wie das Gift des tota­li­tä­ren Den­kens auch in das Fun­da­ment der Demo­kra­tie ein­si­ckert und sie von innen aus­zu­höh­len droht. Neue Alli­an­zen ent­ste­hen zwi­schen welt­an­schau­lich ganz unter­schied­lich aus­ge­rich­te­ten Regie­run­gen, die jedoch alle die Ableh­nung gegen (sic!) Frei­heits­rech­te, Pres­se­frei­heit und Gewal­ten­tei­lung eint.”

Rasch hat Habeck sei­ne gedank­li­che und vor allem sprach­li­che Rei­se­flug­hö­he erreicht – Gift sickert in Fun­da­men­te und höhlt sie aus –, und ich schen­ke mir jeden Kom­men­tar zu sei­ner stur­hei­len Ineins­set­zung von Demo­kra­tie, Recht und Plu­ra­lis­mus. Wir wer­den frei­lich im gesam­ten Vor­wort von den genann­ten Regie­run­gen mit einer Aus­nah­me wenig erfah­ren und müs­sen uns aufs Spe­ku­lie­ren ver­le­gen, wen der flie­gen­de Robert als Aspi­ran­ten für ein „1984 2.0” in Betracht zie­hen könnte.

„Zyni­scher­wei­se”, fährt er fort, „lie­fert gera­de die Coro­na-Kri­se Bei­spie­le en mas­se dafür, was tech­ni­sche Über­wa­chung mitt­ler­wei­le zu leis­ten in der Lage ist. Und die auto­ri­tä­ren Herr­scher welt­weit nutz­ten die Lebens­ge­fahr durch das Virus radi­kal aus. Par­la­men­ta­ri­sche Mit­be­stim­mung, Gewal­ten­tei­lung und Rechts­staat­lich­keit wur­den eingeschränkt.”

Da das Wesen auto­ri­tä­rer Herr­schaft gera­de in der Abwe­sen­heit von Mit­be­stim­mung, Gewal­ten­tei­lung und Rechts­staat­lich­keit besteht, stellt sich die Fra­ge, wel­cher Staats­chef die­se Prin­zi­pi­en wäh­rend der Coro­na­kri­se ein­ge­schränkt und sich zum auto­ri­tä­ren Herr­scher ein­ge­setzt haben mag. Putin? Recep der Präch­ti­ge? Die waren’s schon vor­her. Tat­sa­che ist, dass Macron, John­son, Orbán, Mer­kel et al. in die­ser Kri­se unge­fähr das­sel­be getan, also Mit­be­stim­mung und Grund­rech­te ein­ge­schränkt haben, sogar weit auto­ri­tä­rer als die eigent­li­chen Auto­kra­ten; in Putins Russ­land etwa kön­nen Sie sich frei­er durch das Coro­na­jam­mer­tal bewe­gen als in Habecks welt­of­fe­nem Sied­lungs­ge­biet. Unser Freund wird doch nicht Mer­kels fak­ti­sche Aus­set­zung der Grund­rech­te kri­ti­sie­ren wol­len? Ach was!

„Der chi­ne­si­sche Staat übte tota­le Über­wa­chung aus und kon­trol­lier­te das Ver­hal­ten sei­ner Bür­ge­rin­nen und Bür­ger bis ins letz­te Detail. Chi­na schuf durch das ‚Social Sco­ring’ den glä­ser­nen Unter­ta­nen. War man schon dar­an gewöhnt, dass das Über­que­ren von Stra­ßen ohne Erlaub­nis gefilmt und gespei­chert wur­de, ist die Aus­wei­tung der sozia­len Kon­trol­le auf die Gesund­heits­da­ten der Men­schen eine wei­te­re Dimen­si­on auf dem Weg zur sozia­len Manipulation.”

Eine fran­zö­si­sche Minis­te­rin hat vor eini­gen Jah­ren einen soge­nann­ten Skan­dal aus­ge­löst, weil sie mit Bezug auf die zwangs­ho­mo­ge­ni­sier­te chi­ne­si­sche Gesell­schaft sag­te: „Wir wol­len so nicht leben.”* Kein Dissens.

* PS: Mei­ne Erin­ne­rung hat mir einen Streich gespielt, wie das ja bis­wei­len vorkommt:

Das Wort Amei­sen trifft die Sache den­noch; der Amei­sen­staat ist ja per­fekt, aber ich möch­te, solan­ge ich über­haupt gefragt wer­de, so nicht leben.

Zwei­fel­los haben die Chi­ne­sen in punc­to elek­tro­ni­scher Über­wa­chung und Auf­he­bung der Pri­vat­sphä­re der­zeit kaum Kon­kur­renz zu scheu­en. Gleich­wohl han­delt es sich um einen Welt­trend, der alle Län­der und auch den Wes­ten betrifft. Die Coro­na-Maß­nah­men, von Rei­se- und Ver­samm­lungs­ver­bo­ten über indi­rek­te Impf­pflicht, Bespit­ze­lung pri­va­ter Woh­nun­gen bis zum Mas­kenzwang auf Rodel­pis­ten, lie­fern eine Vor­ah­nung, wie weit auch west­li­che Staa­ten gehen wer­den, wenn sich ihre Regie­ren­den mit dem Rücken zur Wand oder im Recht wäh­nen. Dass nach der auto­ri­tä­ren Pan­de­mie­be­kämp­fung ein etwas gemil­der­ter, aber eben doch auto­ri­tä­rer Kli­ma­schutz fol­gen wird, dürf­te kei­ne beson­ders gewag­te Pro­gno­se sein. Soll­te Herr Habeck etwa etwas dage­gen haben, dass der­einst jeder Deut­sche sei­ne Ener­gie­bi­lanz öffent­lich machen muss? How dare he?! Kei­ne Pla­ne­ten­ret­tung ohne Kon­sum­kon­trol­le! Und Schluss mit den aso­zia­len kli­ma­schäd­li­chen Eigen­hei­men! Der Gre­at Reset ist zwar bloß eine Ver­schwö­rungs­theo­rie, aber wir wol­len doch mal sehen, wie weit man auf die­sem Wege der sozia­len Mani­pu­la­ti­on vor­an­kommt. Auch die Bekämp­fung des Ras­sis­mus, der Dis­kri­mi­nie­rung, der sozia­len Ungleich­heit oder fal­scher Geschichts­bil­der lie­ße sich unter elek­tro­nisch kon­trol­lier­ter staat­li­cher Recht­lei­tung noch gründ­li­cher und gerech­ter ins Werk set­zen als im Modus des täg­li­chen Aus­han­delns. Oder sind Sie etwa für Rassismus?

Ich bin abge­schweift, wir waren bei der Über­wa­chung in Chi­na. Immer­hin ist in Habecks Text die Rede vom dro­hen­den „digi­ta­len Tota­li­ta­ris­mus”. Wie steht es damit im Wes­ten? Kommt er irgend­wann auf die Macht von Big Data zu spre­chen, auf die Lösch­zü­ge der Gedan­ken­wehr im Sili­con Valley?

„So schlimm es ist, in einem Staat zu leben, in dem das Recht auf freie Rede genom­men ist, schlim­mer ist es, in einem Land zu leben, das die Men­schen so mani­pu­liert, dass sie über­haupt nicht mehr auf den Gedan­ken kom­men zu wider­spre­chen, bezie­hungs­wei­se ihnen die Spra­che genom­men wird. Auch hier lie­fert die jüngs­te Geschich­te ein­dring­li­che Bei­spie­le dafür, dass genau sol­che Ver­su­che immer wie­der unter­nom­men wer­den, auch in Deutschland.”

Der Ver­such des Grü­nen­chefs wie­der­um, den oppo­si­tio­nel­len Rechts­po­pu­lis­mus (auch Trump war ein Oppo­si­tio­nel­ler, er hat­te das gesam­te Estab­lish­ment gegen sich) mit dem auto­ri­tä­ren Chi­na zu einer Gefahr „für die Demo­kra­tie” zu ver­lei­men, ist zwar aufs lang­wei­ligs­te vor­her­seh­bar gewe­sen, er voll­zieht ihn aller­dings dann doch auf eine gera­de­zu bewun­derns­wert scham­lo­se Wei­se plump.

„Nach der Land­tags­wahl in Thü­rin­gen 2019 konn­te man AfD-Funk­tio­nä­ren einen Abend lang zuschau­en, wie sie behaup­te­ten, dass ihr Wahl­er­folg ein Sieg über Hass und Het­ze sei. Die­je­ni­gen, die alle Gren­zen des Sag­ba­ren ver­schie­ben und über­schrei­ten, bekla­gen sich, dass es in Deutsch­land Sprach­ver­bo­te gebe. Die­je­ni­gen, die Anstand und Moral ver­mis­sen las­sen, bezeich­nen sich als bür­ger­lich. Die­je­ni­gen, die die Demo­kra­tie zu einer Volks­herr­schaft umbau­en wol­len, beschimp­fen sie als Dik­ta­tur und Fas­sa­den­de­mo­kra­tie. Wir erle­ben in die­sen Zei­ten ein orwell­sches Neu­Sprech par excel­lence. Aus Lüge wird Wahr­heit und aus Wahr­heit Lüge.”

Wenn eine poli­ti­sche Paria-Trup­pe aus­nahms­wei­se einen Coup lan­det, der aber sofort zur Exkommun­zie­rung, Ver­fol­gung und kör­per­li­chen Bedro­hung des neu gewähl­ten Minis­ter­prä­si­den­ten führt, obwohl der nicht mal zu den Unbe­rühr­ba­ren gehört, lebt man wohl tat­säch­lich in einem Land, „das vie­le Men­schen so mani­pu­liert, dass sie über­haupt nicht mehr auf den Gedan­ken kom­men zu wider­spre­chen”. Doch nur ein Spitz­bu­be kann die Sache der­art ver­dre­hen. Eben beklag­te unser grü­ner Filou noch, dass auto­ri­tä­re Herr­scher „par­la­men­ta­ri­sche Mit­be­stim­mung, Gewal­ten­tei­lung und Rechts­staat­lich­keit” ein­schränk­ten, aber wenn eine Regie­rungs­chefin mit grü­nen­kom­pa­ti­bler Agen­da aus dem Aus­land anord­net, eine Wahl sei „unver­zeih­lich” und müs­se „rück­gän­gig gemacht“ wer­den, ist das für ihn demo­kra­tisch. Eine Demo­kra­tie, die kei­ne lin­ken Mehr­hei­ten erzeugt, ver­liert nach der Vor­stel­lung Habecks und sei­ner Cote­rie näm­lich ihre Legi­ti­mi­tät. Für die­se Leu­te exis­tiert auch kein Sou­ve­rän, das heißt, sie spre­chen jenem eben­falls die Legi­ti­mi­tät ab. In die­sem Zusam­men­hang ist der orwel­les­ke Vor­wurf von Inter­es­se, die Schwe­fel­par­tei­ler woll­ten „die Demo­kra­tie zu einer Volks­herr­schaft umbau­en”. Es gibt näm­lich gar kein Volk, zumin­dest kein deut­sches, das hat der Mann, der deut­scher Kanz­ler wer­den will, schon vor Jah­ren klargestellt.

Wer mag dann der Demos sein? Jede Ant­wort, die Sie von Habeck dar­auf bekom­men, ist hun­dert­pro­zen­tig sicher eines: New­speak.

Wir haben es mit dem längst gewöhn­li­chen Fall eines Autors zu tun, der im New­speak über New­speak schreibt. Beim erneu­ten Lesen von „1984” habe er „über­haupt nicht mehr an 1933–1945 oder die DDR oder Sowjet­russ­land gedacht”, notiert Habeck, der in sei­nem Leben wahr­schein­lich über­haupt recht sel­ten an Sowjet­russ­land denkt, son­dern nur an „unse­re unmit­tel­ba­re Gegen­wart” – und zwar wegen der „von Orwell mes­ser­scharf (!) vor­ge­führ­ten Ana­ly­se, wie Spra­che mani­pu­liert wer­den kann. Wie Geschich­te umge­deu­tet wer­den kann. Wie der Gesell­schaft ein fes­tes Wer­te­fun­da­ment ent­zo­gen wird, sodass am Ende nur noch Angst und tota­le Unter­wer­fung übrig bleiben.”

Unser grü­ner Agit­prop-Lite­rat behaup­tet also, er wei­le gedank­lich sofort in der Gegen­wart, wenn er bei Orwell lese, wie eine Gesell­schaft in Angst und tota­le Unter­wer­fung absinkt, nach­dem ihr eine sata­ni­sche Macht das fes­te Wer­te­fun­da­ment ent­zo­gen hat, eine Macht, die Spra­che mani­pu­liert und Geschich­te umdeu­tet. Spricht Habeck von der die gesam­te west­li­che Welt umspan­nen­den Herr­schaft der Poli­ti­schen Kor­rekt­heit mit all ihren Incu­bi und Suc­cu­bi? Meint er die Zustän­de in fort­schritt­li­chen ame­ri­ka­ni­schen Unter­neh­men, wo ein fal­sches – sexis­ti­sches, ras­sis­ti­sches, ableis­ti­sches, homo‑, trans- oder klin­go­no­pho­bes – Wort zur Kün­di­gung füh­ren kann? Oder jene an ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten, wo die freie Rede erstickt wor­den ist, wo man die Geschich­te kul­tur­sen­si­bel fälscht, die Kul­tur der wei­ßen Män­ner ver­flucht und sogar in den Natur­ge­set­zen wei­ße Über­le­gen­heits­an­sprü­che zu ent­de­cken vor­gibt? Gera­de die Geschich­te ist in Über­see ja ein Schlacht­feld gewor­den, wie am offen­sicht­lichs­ten die zahl­rei­chen zer­stö­ren Denk­mä­ler „wei­ßer Supre­ma­tis­ten” zei­gen – also derer, die die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und die Insti­tu­tio­nen jenes Lan­des geschaf­fen haben, in das alle ein­wan­dern wol­len –, wäh­rend vie­le soge­nann­te Libe­ra­le vor den Herostra­ten auf die Knie sin­ken, in „Angst und tota­ler Unter­wer­fung”. Meint Habeck das?

Natür­lich nicht. „Orwell zeigt, dass die Ver­gan­gen­heit nicht nur auf eine bestimm­te Art und Wei­se inter­pre­tiert, son­dern tat­säch­lich ver­än­dert wird. Das ist etwas ganz ande­res. Es macht einen Unter­schied, ob man dar­über strei­tet, was die deut­sche Geschich­te aus­macht, oder ob man behaup­tet, die ‚Wehr­macht’ der Nazis ste­he in einer huma­nis­ti­schen Tra­di­ti­on, bzw. der Holo­caust sei ein ‚Vogel­schiss in 1.000 Jah­ren erfolg­rei­cher deut­scher Geschich­te’ gewe­sen, wie es Poli­ti­ker der AfD in den letz­ten Jah­ren taten.”

Ah, die blau­en Dun­kel­män­ner schau­en unse­ren Robert schon wie­der von all­ge­gen­wär­ti­gen Pla­ka­ten und Moni­to­ren an. Inson­der­heit Gau­lands miss­glück­te Meta­pher ver­schafft ihm Unter­wer­fungs­ängs­te, wes­halb er sich zur mut­wil­li­gen Falsch­be­haup­tung berech­tigt fühlt, die Wor­te des AfD­lers hät­ten sich auf den Holo­caust bezo­gen (tat­säch­lich hat Gau­land gesagt, dass die Nazis ein Scheiß­hau­fen im Fluss der deut­schen Geschich­te waren, sich aber in der Dimen­si­on des Hau­fens deut­lich ver­grif­fen). Frei­lich, Gau­lands Mög­lich­kei­ten, Angst zu ver­brei­ten, sind sehr über­schau­bar. Auch Trump ist aus dem Amt gebracht und in den sozia­len Medi­en gesperrt wor­den; mit bei­der Eig­nung zu Big Bro­ther-Wie­der­gän­gern scheint es nicht ein­mal so weit her zu sein wie mit jener Habecks zum ver­gau­ner­ten Fak­ten­ver­dre­her. Lau­schen wir sei­nem Rot­welsch noch ein bisschen:

„Eine Spra­che, die ‚gerei­nigt’ ist, die ’schäd­li­che Begrif­fe aus­ge­merzt hat’ und damit nicht mehr nur Pro­pa­gan­da ist, son­dern eine eige­ne Wirk­lich­keit schafft, eine, in der es kei­ne Wahr­heit mehr gibt, son­dern nur noch Ansich­ten über Wahr­heit, wo dann ‚Unwis­sen­heit’ ‚Stär­ke’, ‚Krieg’ ‚Frie­den’, ‚Frei­heit’ ‚Skla­ve­rei’ ist. So ent­steht ‚Dop­pel­Denk’, eine Logik, nach der von zwei wider­sprüch­li­chen Über­zeu­gun­gen bei­de rich­tig sind. Heu­te nennt man das ‚alter­na­ti­ve Fak­ten’ oder ‚Fake News’.”

Der Ver­lag war in sei­nem Begleit­text auf dem Quivive:

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Ein­schub (es geht gleich wei­ter mit Habeck).

Ein Autor, der zuletzt über die Zer­set­zung logi­scher Grund­sät­ze im orwell­schen „Dou­blethink” geschrie­ben hat, ist der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Micha­el Esders. In sei­nem Buch „Sprach­re­gime” nennt er als Bei­spie­le für das Prin­zip des Dop­pel­denk, dass Regie­rungs­po­li­ti­ker gleich­zei­tig eine „spür­ba­re Begren­zung” der Zuwan­de­rung for­dern und sich zugleich gegen eine „Ober­gren­ze” aus­spre­chen kön­nen, ohne dass sie ein Medi­en­schaf­fen­der auf die­sen Wider­sinn hin­weist. Ähn­li­ches gel­te für die Lar­ve der „ver­pflich­ten­den Unver­bind­lich­keit”, hin­ter wel­cher der „Glo­bal Com­pact for Migra­ti­on” an der Öffent­lich­keit vor­bei­ge­schmug­gelt wurde.

Man kann belie­big fort­fah­ren – Argo Nerd erle­digt es im Tagestakt:

Geschlecht ist kon­stru­iert, aber Frau­en müs­sen mit Quo­ten geför­dert wer­den; Gren­zen las­sen sich nicht schlie­ßen, ja nicht ein­mal kon­trol­lie­ren, es sei denn, man schließt und kon­trol­liert sie doch wegen eines Virus; es gibt kei­ne deut­sche Iden­ti­tät, aber jede aus­län­di­sche Min­der­heit in Deutsch­land hat eine; das Patri­ar­chat ist die Ursa­che allen Übels, aber männ­li­che Refu­gees mit rigi­de patri­ar­cha­li­schen Gesell­schafts­vor­stel­lun­gen sind wel­co­me; in meh­ren deut­schen Groß­städ­ten sind die Deut­schen, die schon län­ger hier leben, bereits eine Min­der­heit, es gibt sogar einen Pakt über Repla­ce­ment (= Aus­tausch) migra­ti­on, aber ein Bevöl­ke­rungs­aus­tausch fin­det nicht statt; Straf­ta­ten von Migran­ten oder Anschlä­ge radi­ka­ler Mos­lems sind Ein­zel­fäl­le, für die außer dem Täter nie­mand ver­ant­wort­lich ist, jede Gewalt­tat von rechts jedoch hat Vor­den­ker, Hin­ter­män­ner und Struk­tu­ren bis ins Par­la­ment hin­ein; wenn Poli­ti­ker der AfD im Par­la­ment beschimpft wer­den, ist es eine „hit­zi­ge Debat­te”, im umge­kehr­ten Fall wer­den Hass & Het­ze © dar­aus. Und so wei­ter, und so fort.

Zum Dou­blethink gehört die Dop­pel­zün­gig­keit bei der Behand­lung des Islam:

Right about women

Esders spricht von einem „geziel­ten Anschlag auf die poli­ti­sche Urteils­fä­hig­keit”, mit des­sen Ver­ste­ti­gung das Publi­kum so abge­rich­tet wer­de, dass es „selbst ein Höchst­maß an kogni­ti­ver Dis­so­nanz” nicht mehr als stö­rend emp­fin­de. Ein sol­ches Publi­kum ist dann auch dres­siert genug, um das bäue­rin­nen- und bau­ern­fän­ge­ri­sche Habeck-Vor­wort als Lul­la­by in sei­nen demo­kra­ti­schen Schlum­mer zu lesen.

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„Neu­Sprech und Dop­pel­Denk, bei­des fei­ert heu­te fröh­li­che Urständ“, schreibt unser grü­ner Meta­phern­voll­au­to­mat. „ ‚Die Par­tei sag­te, man dür­fe sei­nen Augen und Ohren nicht trau­en. Das war ihr ent­schei­den­des, ulti­ma­ti­ves Gebot’, heißt es in ‚1984’. Und genau so agie­ren Popu­lis­ten welt­weit. Am radi­kals­ten viel­leicht der US-ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent (…) Was nicht sei­nem Welt­bild ent­spricht, kann nicht wahr sein und ist ‚Fake News’ oder im deut­schen Pegi­da-Jar­gon ‚Lügen­pres­se’.”

Wor­aus wir „mes­ser­scharf” (Habeck) schlie­ßen, dass die Löschung von You­tube-Kanä­len, Twit­ter­ac­counts und Face­book­sei­ten, das Netz­werk­durch­set­zungs­ge­setz, die Anti­fa, die Initia­ti­ve der Vie­len, die Ali­men­tie­rung von Popu­lis­ten­rie­chern wie Kaha­ne & Co mit Steu­er­mil­lio­nen etc. pp. lau­ter Wider­stands­hand­lun­gen gegen die Orwel­li­sie­rung der Welt durch die Rechts­po­pu­lis­ten sind.

„Und bei all den Unge­rech­tig­kei­ten und all den Auf­ga­ben, die zu tun sind – wir leben in der bes­ten Demo­kra­tie, die es in Deutsch­land je gab, wir leben in der frei­es­ten Gesell­schaft, die wir je hat­ten”, stein­mei­ert sich der Grü­ne auf die Ziel­ge­ra­de. „Die Fein­de der Frei­heit, der Demo­kra­tie, des Rechts­staats, sie zie­len dar­auf, die Frei­heit der Rede und der Gesell­schaft durch geziel­te Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit zu zer­stö­ren. Wie das gesche­hen kann, zeigt ‘1984‘. Dass es Fik­ti­on bleibt und nicht Wirk­lich­keit wird, ist unse­re Auf­ga­be.” Sie zie­len auf geziel­te Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit – zumin­dest ver­deut­licht die­ser Text, war­um der knuf­fi­ge Robert gut dar­an tat, von der anstren­gen­den Schrift­stel­le­rei in die Poli­tik zu wechseln.

Das neue Vor­wort, das sich dtv sehen­den Auges für die­sen Klas­si­ker ein­ge­han­delt hat, bezeugt den so macht­ge­schütz­ten wie dumm­dreis­ten Ver­such, einen der ein­dring­lichs­ten War­ner vor der Herr­schaft der Lüge für die Errich­tung eines neu­en Rei­ches der Lüge zu ver­ein­nah­men, ob der Ver­fas­ser sei­nen Schmon­zes nun sel­ber glaubt oder nicht. Viel­leicht sitzt bei dtv ja noch ein iro­ni­scher Nost­al­gi­ker der Dia­lek­tik? Unser grü­ner Sprach­ar­tist ist der Anfüh­rer einer Par­tei, die den Mar­xis­mus als Kul­turm­ar­xis­mus reani­miert hat, die die Gesell­schaft unter der pries­ter­li­cher Beru­fung auf höchs­te Auf­trag­ge­ber – Kli­ma, Mensch­heit, Mut­ter Erde – gleich­schal­ten und kon­trol­lie­ren will, die mehr Rede­ver­bo­te in die Bun­des­re­pu­blik ein­ge­führt hat als alle ande­ren Par­tei­en zusam­men, die die Geschich­te des Wes­tens zur Ver­bre­chens­ge­schich­te umschrei­ben, die west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on und die west­li­chen Frei­hei­ten einem glo­ba­len Super­staat unter­wer­fen will. Und im Namen die­ser Trup­pe ver­sucht er jetzt, die Orwell-Leser für die Hass­wo­chen auf Emma­nu­el Gold­stein einzustimmen.

Eigent­lich ist das sogar logisch.

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Jemand sag­te: „Man sieht ihn förm­lich vor sich, die­sen Win­s­ton Habeck, wie er sich unter der Fol­ter stand­haft zu geste­hen wei­gert, dass 2 plus 2 = Vogel­schiss ist, bis ihm ein hohn­la­chen­der Alex­an­der O’Brian den Käfig mit den Eich­hörn­chen aufs schmerz­ver­zerr­te Gesicht setzt.”

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„1984” gehör­te in der Ehe­ma­li­gen zu den ver­bo­te­nen Schrif­ten. Ich besaß eine Taschen­buch­aus­ga­be, die mir auf einer Fete, wie damals die Par­tys hie­ßen, aus mei­nem Bücher­re­gal geklaut wur­de; Kon­ter­ban­de war heiß begehrt im Lese­land. Das Buch hat­te damals eine bizar­re Wir­kung auf mich, ich las es als eine West­pro­pa­gan­da­kla­mot­te zur Ver­teu­fe­lung des Sozia­lis­mus. So übel, wie Orwell es beschrieb, ging es in der DDR ja nun doch nicht zu. Ich fin­de das fas­zi­nie­rend. Ein Leser in einer ver­gleichs­wei­se beschis­se­nen Lage dürf­te sich im Regel­fall durch die Beschrei­bung einer noch beschis­se­ne­ren Situa­ti­on wenigs­tens ein paar Lek­türe­stun­den lang etwas erleich­tert oder sogar getrös­tet füh­len. Ich fühl­te mich durch maß­lo­se Über­trei­bung ver­höhnt und lehn­te das Buch ab. Nach der Lek­tü­re stand die DDR bes­ser da. Wahr­schein­lich irgend­ei­ne Unter­spiel­art des Stockholm-Syndroms.

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Zu Letz­te­ren gehört auch die Treue der Deut­schen zu ihren Füh­run­gen, wie ein Twit­te­rer mutmaßt:

Das sind Reak­tio­nen auf die­sen Tweet:

Grund­rech­te sind näm­lich die neu­en Frei­hei­ten. Mer­kel sagt dort übri­gens, dass sie nicht wis­se, ob und wie die Imp­fung wirkt, aber bis zur Imp­fung einer Bevöl­ke­rungs­mehr­heit sei­en die Grund­rech­te aus­ge­setzt („kei­ne neu­en Frei­hei­ten”). Unfass­bar, in der Tat. Und „Coro­na-Dik­ta­tur” ist das „Unwort des Jah­res”. (Die Grund­rech­te kön­nen Sie mir neh­men, aber nicht die­ses Unwort!)

Die Kanz­le­rin wird ver­brann­te Erde hin­ter­las­sen, und wahr­schein­lich will sie es sogar.

***

Die Hoff­nung taut zuletzt.

***

Wenn „das käl­tes­te aller kal­ten Unge­heu­er” (Nietz­sche) erst ein­mal Geschmack am Gefü­gig­ma­chen der Unter­ta­nen gefun­den hat, fal­len die Grund­rech­te unter ver­lo­re­ne Freiheiten.

(Wei­ter hier.)

Wahr­schein­lich waren gera­de alle Rodel­bah­nen geräumt und ille­ga­len Fri­seur­stu­di­os ausgehoben.

***

„Unge­fähr alle drei Jah­re gibt es in Deutsch­land mit­tel­schwe­re Grip­pe­wel­len, die mehr als 15.000 zusätz­li­che Todes­op­fer pro Jahr for­dern. Von 1984/85 bis 2018/19 gab es in 34 Jah­ren elf sol­che Wel­len, die stärks­ten 1995/96, 2012/13 und 2017/18. Die Sta­tis­ti­ker und die Epi­de­mio­lo­gen des Robert-Koch-Insti­tuts gehen für die­se Wel­len von jeweils mehr als 25.000 Toten aus – nicht viel weni­ger als jetzt bei Corona.”
Gleich­wohl: Wenn die Bevöl­ke­rung bis zur Hys­te­rie alar­miert ist, wenn über­all Desink­fek­ti­oss­prays ste­hen, wenn vie­le Men­schen sich die Hän­de wund­wa­schen, Kon­tak­te und erst recht Ver­samm­lun­gen mei­den und was der­glei­chen Viren­fein­lich­kei­ten mehr sind, ist das Infek­ti­ons­ge­sche­hen ein ande­res als frü­her bei einer als nor­mal ein­ge­stuf­ten Grip­pe. Aber gera­de des­halb sind die Maß­nah­men der Regie­rung ja unangemessen.
Zum Schleich­wer­be­block.

***

Leser *** fühl­te sich von Marc Pom­me­re­nings „Mikro­ag­gres­sio­nen” (Acta vom 26. Janu­ar) ani­miert, sel­ber Epi­gram­me zu machen, sand­te mir das ers­te Dut­zend zu und stell­te eine selek­ti­ve Ver­öf­fent­li­chung anheim. Bitteschön:

Ver­dummt in alle Ewigkeit
hat sie ver­mummt Gesicht gezeigt.

Wo schwar­ze Bär­te wenig taugen,
filmt man Mäd­chens Kulleraugen.

Man sieht des Plu­ra­lis­mus Charme
bei Fischen im Sardinenschwarm.

Der „Gre­at Reset”-Schwab mischt konfuse
Mus­so­li­ni mit Mabuse.

An Argu­men­ten nix Gescheites?
Schau ein­fach unter „Bünd­nis, breites”!

Erichs Erbin zeigt dem Michel,
wo der Ham­mer hängt (mit Sichel)!

 

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