7. Februar 2021

Die Hybris lag schon in sei­ner Wie­ge. Ein Leben lang muss­te er sich bemü­hen, ihr Grün­de zu verschaffen.

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Bei ach­gut schreibt Ulri­ke Prokop über die ableh­nen­de Reak­ti­on deut­scher Rezen­sen­ten auf den Net­flix-Film „Die Aus­gra­bung”, der 1939 in Eng­land spielt, also die bri­ti­sche Gesell­schaft am Vor­abend des Zwei­ten Welt­kriegs zeigt, und zwar als for­mier­tes Gegen­stück zur soge­nann­ten deut­schen Volks­ge­mein­schaft. Die Ableh­nung ist inso­fern typisch, als sie das sub­ku­ta­ne Fort­le­ben des deut­schen Kol­lek­ti­vis­mus unter dem Label der „Bunt­heit” offenbart.

„Es wird eine inho­mo­ge­ne Gesell­schaft gezeigt”, schreibt Frau Prokop, „die zivi­le Tech­ni­ken der Ver­stän­di­gung aus­ge­bil­det hat, die in der Lage ist, im ent­schei­den­den Moment Res­sour­cen zu mobi­li­sie­ren, die das gemein­sa­me Zusam­men­le­ben als Ergeb­nis von Genera­tio­nen der Ver­gan­gen­heit begreift und es als etwas ver­steht, das der Ver­tei­di­gung wert ist. Also kein ‚ganz gut‘ oder ‚gar nicht wert­voll‘, viel­mehr ein Unse­res, begrenzt und beschä­digt, aber doch nicht zu verwerfen.

Es wer­den Umgangs­wei­sen gezeigt, die im deut­schen Feuil­le­ton nicht gut ankom­men. Laut taz wird der Klas­sen­ge­gen­satz unzu­rei­chend bear­bei­tet. Es ende alles in Melan­cho­lie, bekannt­lich einem bür­ger­li­chen Las­ter, das in der Epo­che der Selb­st­op­ti­mie­rung eigent­lich aus­ge­rot­tet sein müss­te. Laut FAZ ist die gan­ze Sache ein Lang­wei­ler und eine über­flüs­si­ge Ver­eh­rung bri­ti­scher Tugenden.

Trash-Pro­duk­tio­nen – wie die Net­flix Serie Brid­ge­rton – wer­den vom Feuil­le­ton posi­tiv auf­ge­nom­men, weil sie direkt in den bestehen­den Dis­kurs von Ras­sis­mus und Femi­nis­mus ein­ge­bun­den wer­den kön­nen und weil in den grel­len Kli­schees alle Main­stream-Maschen ver­sam­melt sind: POC-Pro­porz und Frau­en­eman­zi­pa­ti­on geben sich ein plat­tes Stell­dich­ein. Die destruk­ti­ve Schnodd­rig­keit, die weder Genau­ig­keit noch his­to­ri­sche Distanz kennt, passt per­fekt zur kul­tu­rel­len Abbruch­hal­de der Postmoderne.

Gegen die­se Ten­den­zen stellt ‚Die Aus­gra­bung’ eine völ­lig ande­re Art des Erzäh­lens. Die­ser Film pro­vo­ziert, aber nicht weil ‚Die Aus­gra­bung’ his­to­risch über­hol­te Melan­cho­li­en einer Wit­we behan­delt, son­dern weil er auf den neur­al­gi­schen Punkt des Hal­tungs­jour­na­lis­mus zielt: Gut kämpft gegen Böse, Moder­ni­sie­rung ist das Welt­ge­richt, der öffent­li­che Raum die Hinrichtungsstätte.”

Hier ist in raschen Stri­chen groß­ar­tig das Elend der soge­nann­ten Diver­si­ty beschrie­ben, deren Ver­fech­ter in Wahr­heit eines nicht ertra­gen: Unter­schie­de. Indi­vi­du­el­le Vielfalt.

Eine inho­mo­ge­ne Gesell­schaft, die zivi­le Tech­ni­ken der Ver­stän­di­gung aus­ge­bil­det hat, die in der Lage ist, im ent­schei­den­den Moment Res­sour­cen zu mobi­li­sie­ren, die das gemein­sa­me Zusam­men­le­ben als Ergeb­nis von Genera­tio­nen der Ver­gan­gen­heit begreift und es als etwas ver­steht, das der Ver­tei­di­gung wert ist – das ist die Defi­ni­ti­on von Zivilisation.

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„Man kann sich heu­te nicht in Gesell­schaft um Deutsch­land bemü­hen; man muß es ein­sam tun wie ein Mensch, der mit sei­nem Busch­mes­ser im Urwald Bre­sche schlägt und den nur die Hoff­nung erhält, daß irgend­wo im Dickicht ande­re an der glei­chen Arbeit sind.”
Ernst Jün­ger, 1929

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Lese­rin*** moniert, wie ich mich über die Coro­nalage und den Kli­ma­wan­del äuße­re. „Die Pan­de­mie hat sich lei­der als über­aus fürch­ter­lich erwie­sen”, schreibt sie. „In vie­len Kli­ni­ken ist man vor allem in der Zeit des Jah­res­wech­sels am Limit gewe­sen – Ärz­te und Schwes­tern leis­ten, was sie kön­nen. Habe heu­te ein Gespräch mit einem Jour­na­lis­ten des Tages­spie­gels gehört, er lag 5 Wochen im Koma (März 2020), danach waren fast sämt­li­che Mus­keln bewe­gungs­los, müh­sam kämpf­te er sich ins Leben zurück und ist bis heu­te nicht kom­plett gene­sen. Er hat weder Vor­er­kran­kun­gen noch ist er über 80 Jah­re alt – er ist nur 63 Jah­re. Bei­spie­le wie die­ses gibt es vie­le. Auch vie­le jun­ge Men­schen, die von der Krank­heit gene­sen sind haben noch schlim­me Fol­ge­er­kran­kun­gen. Kurz­um, die Coro­na­maß­nah­men der Regie­rung sind nicht zu streng – im Gegen­teil, sie hät­ten beson­ders im Herbst stren­ger sein müs­sen. Eine Oppo­si­ti­ons­par­tei hät­te die noch vie­len Rei­se­mög­lich­kei­ten kri­ti­sie­ren müs­sen und natür­lich die unsäg­li­che Impf­stoff­be­stel­lung. Unter Trump bestell­te man im Juni 2020 aus­rei­chend Impf­stoff – die EU bestell­te erst im Novem­ber 2020. Wenn man Maß­nah­men gegen Coro­na, z.B. die Rei­se­be­schrän­kung im Umfeld lächer­lich macht, fin­de ich das sehr zynisch. Wenn eini­ge Leu­te Coro­na leug­nen, fin­de ich das ein­fach nur idiotisch.”

Das ist, geehr­te Frau ***, in der Tat idio­tisch, hat aber mit mir nichts zu tun. Ansons­ten: Ich äuße­re mich zu Coro­na nur als Beob­ach­ter, Laie und Staats­bür­ger. Ich hal­te Covid-19 für eine schwe­re Grip­pe, die, wenn sie die Lun­ge befällt, vie­le Men­schen qual­voll umbringt. Das habe ich nie bestrit­ten. Ob die Coro­na-Maß­nah­men der Regie­rung zu streng sind, ist der Fra­ge nach­ge­ord­net, ob sie nicht ein­fach dumm sind. Die undif­fe­ren­zier­te Lahm­le­gung eines gan­zen Lan­des ist dumm, zumal die Älte­ren, die soge­nann­te Haupt­ri­si­ko­grup­pe, trotz­dem ster­ben. Die Senio­ren­hei­me sind nicht spe­zi­ell geschützt wor­den, etwa durch Schnell­tests für alle Besu­cher. Statt­des­sen kon­trol­liert die Poli­zei Rodel­pis­ten. Die Hys­te­ri­sie­rung der Bevöl­ke­rung durch den stän­di­gen Beschuss mit Infek­ti­ons­zah­len, von denen nicht ein­mal Herr Dros­ten weiß, was sie wirk­lich aus­sa­gen, durch per­ma­nen­te Bahn­hofs- und Zug­durch­sa­gen etc. passt zu die­sem Gieß­kan­nen­prin­zip. Die dilet­tan­ti­sche Impf­stoff­be­schaf­fung kom­plet­tiert das tris­te Bild.

Die deut­sche Regie­rung behan­delt die Men­schen wie Kin­der, anstatt sie nüch­tern zu infor­mie­ren und selbst ent­schei­den zu las­sen. Die Kol­la­te­ral­schä­den der Coro­na-Maß­nah­men wer­den nicht gegen ihren Nut­zen abge­wo­gen – dabei ist das die zen­tra­le Fra­ge. Wie vie­le Klein­un­ter­neh­mer, Künst­ler, Laden­be­trei­ber darf man in Ruin und Armut trei­ben, um wie vie­le Men­schen vor dem Infek­ti­ons­tod zu retten?

Wir wer­den uns in einer immer dich­ter besie­del­ten und immer stär­ker ver­netz­ten Welt mit die­sem Virus und allen sei­nen Nach­fol­gern arran­gie­ren müs­sen. Ich will aber nicht, dass auto­ri­tä­re Dumm­köp­fe über mei­ne Art zu leben ent­schei­den, als wären sie mili­tä­ri­sche Vor­ge­set­ze. Punkt.

„Das ande­re gro­ße The­ma”, fährt Lese­rin *** fort, „ist der Kli­ma­wan­del. Wenn man jetzt Schnee­bil­der aus Deutsch­land zeigt und sich über die Kli­ma­de­bat­te lus­tig machen will, ist das ein­fach nur pein­lich. Denn das ist der Unter­schied zwi­schen Kli­ma und Wet­ter. Natür­lich kön­nen wir hier auch in den nächs­ten Jah­ren ab und an Schnee und Frost erle­ben. Den­noch ist tau­send­fach durch Wis­sen­schaft­ler nach­ge­wie­sen, dass die Glet­scher welt­weit dra­ma­tisch zurück­ge­hen, dass die Ark­tis schmilzt, der Mee­res­spie­gel steigt, die Durch­schnitts­tem­pe­ra­tur sich erhöht, der Per­ma­frost­bo­den taut usw. Dar­über gibt es vie­le Berich­te und Repor­ta­gen. Schon jetzt ver­schwin­den gan­ze Dör­fer in Sibi­ri­en, da Häu­ser sich auf dem tau­en­den Boden nicht mehr hal­ten kön­nen, die dort vie­le hun­dert Jah­re stan­den. So vie­le Wald­brän­de und Busch­brän­de gab es – man kann schon sagen, die Erde brennt.”

Ich mache mich mit die­sen Bil­dern nicht über eine Kli­ma­de­bat­te lus­tig, son­dern über die – schon wie­der fällt die­ses Wort – hys­te­ri­sche Behand­lung und poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung des The­mas. Vor ein paar Tagen habe ich hier eine Spie­gel-Head­line zitiert, die insi­nu­ier­te, dass wir in die­sen Brei­ten womög­lich nie wie­der Schnee sehen wer­den. Dass sich das Kli­ma wan­delt, ist unbe­strit­ten. Ich habe das am Bei­spiel mei­ner Lieb­lings­be­rufs­grup­pe, der Win­zer, gele­gent­lich beschrie­ben. Die Fra­ge ist, wel­che Rol­le der Mensch dabei spielt – die­ser Pla­net war ja schon ein­mal deut­lich wär­mer, als es noch gar kei­ne Men­schen gab –, und war­um die Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on in Afri­ka und Asi­en nicht als Mensch­heits­pro­blem Num­mer eins behan­delt wird. Die­ser Pla­net ist eben kein kusche­li­ger Pony­hof, son­dern ein in stän­di­ger Ver­än­de­rung begrif­fe­nes, auf den mensch­li­chen Besied­ler kei­ne Rück­sicht neh­men­des Gebil­de. Ich mei­ne oder fürch­te, die Mensch­heit wird sich nie­mals auf Maß­nah­men gegen den Kli­ma­wan­del eini­gen, ohne sich in einen auto­ri­tä­ren sozia­lis­ti­schen Welt­staat zu ver­wan­deln. Das mein­te ich mit dem Bon­mot, dass der Kli­ma­wan­del die­ser Gat­tung nicht mehr scha­den wird als die Maß­nah­men, die sie zu sei­ner Ver­hin­de­rung ergreift. Ob ein Über­le­bens­kom­mu­nis­mus als ulti­ma ratio dem Aus­ster­ben vor­zu­zie­hen wäre, möge der Teu­fel entscheiden.

Wie die Coro­nadau­er­re­gung speist sich auch die Kli­madau­er­erre­gung aus einer über­zu­cker­ten Welt­sicht, die nicht akzep­tie­ren will, dass Lei­den zu einer Seins­form der Mate­rie gehört, die sich auf Emp­fin­dun­gen ein­ge­las­sen hat.

Wir wer­den uns in einer immer dich­ter und folg­lich mit immer mehr Betrof­fe­nen besie­del­ten Welt mit dem Kli­ma­wan­del arran­gie­ren müs­sen, wie es die­ser Gat­tung, nur in gerin­ge­rer Zahl, seit jeher auf­er­legt war und unter extre­men Mühen bis heu­te gelang. Und wir wer­den das wup­pen.

***

„Es kommt ja gar nicht dar­auf an, ob das Gesag­te klug, gebil­det, red­lich und wahr­haf­tig ist. Es kommt dar­auf an, dass es den herr­schen­den Regeln ent­spricht. Es ist Lit­ur­gie. So wie mit­tel­al­ter­li­che Pries­ter ihre Pre­dig­ten in Latein hal­ten konn­ten, obwohl das sonst nie­mand ver­stand, konn­ten und taten sie es, weil man es so gewohnt war, dass das die Spra­che der Macht ist. So redet der Bun­des­prä­si­dent heu­te in Flos­keln, deren Sinn in ritu­el­ler Wie­der­ho­lung zur Bestä­ti­gung der Ver­hält­nis­se besteht. Ihre Bemaßs­ta­bung ist daher sach­lich kor­rekt. Aber nur aus sar­kas­ti­scher Per­spek­ti­ve sinnvoll.”
Aus einem Leser­brief an Publi­co.

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