8. Februar 2021

In der „Ehe­ma­li­gen” kur­sier­te der Witz: Was sind die vier Haupt­fein­de des Sozia­lis­mus? – Früh­ling, Som­mer, Herbst und Win­ter. (Spä­ter kamen noch Tag und Nacht dazu.)

Bei der Fahrt durch das win­ter­li­che Leip­zig und mit Blick auf des­sen unge­räum­te Stra­ßen fra­ge ich mei­ne Beglei­ter, ob das nun ein wei­te­res Indiz für die Wie­der­kehr DDR-ähn­li­cher Ver­hält­nis­se sei. Nicht unbe­dingt, lau­tet die Ant­wort; nach Aus­kunft einer im Rat­haus arbei­ten­den Bekann­ten habe die Stadt zwar den Räum­fahr­zeug­be­stand erheb­lich redu­ziert, aller­dings nicht aus Grün­den des Man­gels, son­dern weil man den Pro­gno­sen der Jün­ger Gre­tas Glau­ben schenk­te, dass es ohne­hin kei­ne Win­ter mehr geben wür­de, und in Gara­gen her­um­ste­he­ne Fahr­zeu­ge des­halb nur unnö­tig viel Geld kosteten.

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„Dank des Leser­brie­fes zum Kli­ma­wan­del” (Acta von ges­tern), teilt Leser *** mit, „habe ich jetzt end­lich den Unter­schied zwi­schen Kli­ma und Wet­ter ver­stan­den: War­me und tro­cke­ne Som­mer sind Kli­ma und bewei­sen den Kli­ma­wan­del, eisi­ge Win­ter mit Schnee­stür­men hin­ge­gen sind Wet­ter und bewei­sen gar nichts, qua­si Einzelfälle.

Das ist wie mit der Kri­mi­na­li­tät: Ein Deut­scher, der einen Mos­lem umbringt, beweist den Ras­sis­mus und die rechts­ex­tre­me Ein­stel­lung der Deut­schen, ein Mos­lem, der einen Deut­schen umbringt, ist ein Ein­zel­fall und darf nicht ver­all­ge­mei­nert wer­den. Mein Dank an die Lese­rin für die Aufklärung!”

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Auf den ande­ren Teil des besag­ten Leser­brie­fes reagie­rend, notiert Leser ***:

„Als wis­sen­schaft­lich täti­ger Arzt beob­ach­te ich die Poli­ti­sie­rung der Medi­zin mit gro­ßer Sor­ge. Dazu gehört auch die stän­di­ge Bericht­erstat­tung über diver­se schwer an Covid erkrank­te 50- oder 60-jäh­ri­ge (angeb­lich) ohne Vorerkrankungen/Risikofaktoren sowie über ‚an der Front bis zur Erschöp­fung’ arbei­ten­de Pfle­ge­kräf­te und Inten­siv­me­di­zi­ner, die ’schlim­me per­sön­li­che Erfah­run­gen’ von ihren Visi­ten berichten.

Hier sind zwei Grund­feh­ler fest­zu­stel­len: Es gibt in der Natur immer Aus­nah­men, also auch unter 70-jäh­ri­ge, die schwer an Covid erkran­ken und gar ster­ben. Das sagt gar nichts, seit die (wohl­ver­stan­den und rich­tig ange­wand­te) Sta­tis­tik in die Medi­zin Ein­zug gehal­ten hat. Ein­zel­fall­dar­stel­lun­gen sind zwar oft sinn­voll und lehr­reich, aber bei Covid (und den qua­si-tota­li­tä­ren Maß­nah­men des Staa­tes zur ‚Bekämp­fung’ die­ser Krank­heit) ist die Aus­sa­ge, dass nur 1–2‰ der unter 70-jäh­ri­gen stirbt, sicher­lich sinn­vol­ler und erkennt­nis­för­dern­der. Lei­der gehö­ren man­che zu die­sen 1–2‰, das ist natür­lich schlimm, aber unvermeidlich.

Auf den Inten­siv­sta­tio­nen ist immer schon bis zur Erschöp­fung gear­bei­tet wor­den, es hat nur nie jeman­den inter­es­siert und die Kro­ko­dils­trä­nen möge man sich spa­ren, beson­ders die Poli­ti­ker, die das Gesund­heits­sys­tem kaputt­ge­spart haben. Jedoch sind die ärzt­li­chen und pfle­ge­ri­schen Kräf­te durch ihre direk­te, auch emo­tio­na­le Betei­li­gung nicht geeig­net, hier unvor­ein­ge­nom­me­ne, neu­tra­le Aus­sa­gen zu machen. Auf Inten­siv­sta­tio­nen sam­meln sich immer die schlimms­ten Fäl­le, des­halb sind es ja Inten­siv­sta­tio­nen. Das ist eine Nega­tiv­aus­wahl, und des­halb sind per­sön­li­che Berich­te inter­es­sant, aber medi­zi­nisch irrele­vant. (Das betrifft nicht die emo­tio­na­le Zuwen­dung dem Pati­en­ten gegen­über, son­dern emo­tio­na­li­sier­te Erleb­nis­be­rich­te von Ärz­ten vor irgend­wel­chen Kameras.)

Auch hier ist die nüch­ter­ne, kal­te epi­de­mio­lo­gi­sche Sta­tis­tik vor­zu­zie­hen. Lei­der wer­den, wie bekannt, bei ‚Coro­na’ vie­le ele­men­ta­re Feh­ler gemacht, so beim Schlüs­sel­be­griff der ‚Fall­zah­len’, wie die Zahl der posi­ti­ven Test­ergeb­nis­se genannt wird. Eine rele­van­te Zahl wäre bei­spiels­wei­se die Zahl der Covid-Pati­en­ten, die inten­siv­me­di­zi­ni­sche Behand­lung benö­ti­gen. Damit könn­te man aber den Lock­down kaum begründen.

Es waren der Frau­en­arzt Ignaz Sem­mel­weis und der Chir­urg Theo­dor Bill­roth, die durch Sta­tis­tik zu einer von Ein­zel­fall­be­ob­ach­tun­gen sowie schön­ge­färb­ten oder auch dra­ma­ti­sier­ten per­sön­li­chen Erin­ne­run­gen befrei­ten, rea­lis­ti­schen Sicht ihrer Arbeit gekom­men sind. Jetzt wird zu mei­nem Ent­set­zen wenigs­tens in den genann­ten Fäl­len wie­der eine emo­tio­na­li­sier­te Medi­zin pro­pa­giert, in den Mas­sen­me­di­en und sogar in Fach­or­ga­nen wie dem Deut­schen Ärz­te­blatt, ganz offen­bar um die dra­ko­ni­schen Maß­nah­men der Regie­rung zu recht­fer­ti­gen. Den Pati­en­ten nützt das nicht und für die medi­zi­ni­sche Wis­sen­schaft als Wis­sen­schaft ist das eine Katastrophe.”

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Fra­gen eines lesen­den ZDF-Arbeiters.

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Der ame­ri­ka­ni­sche Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und Gesell­schafts­ana­lyst Charles Mur­ray ist bekannt gewor­den durch das Buch „The Bell Cur­ve: Intel­li­gence and Class Struc­tu­re in Ame­ri­can Life”, das er 1994 gemein­sam mit dem Psy­cho­lo­gen Richard J. Herrn­stein ver­öf­fent­lich­te. Wer sich mit der Intel­li­genz­ver­tei­lung beschäf­tigt, gerät auto­ma­tisch in die Zone aka­de­mi­scher Genick­schüs­se; Mur­ray ist viel geschmäht wor­den, aber es hat ihn wenig beein­druckt. In sei­ner 2012 erschie­ne­nen Stu­die „Com­ing Apart” beschrieb er die Spal­tung der wei­ßen Mehr­heits­be­völ­ke­rung der USA in eine „Neue Ober­klas­se” und eine „Neue Unter­klas­se” – ana­log zu jenem Aus­ein­an­der­drif­ten der west­li­chen Gesell­schaf­ten in „Any­whe­res”  und „Some­whe­res”, das David Good­hart spä­ter sta­tu­ier­te –, deren Fol­ge sei, dass bei­de Grup­pen kaum noch Schnitt­men­gen in ihrer Lebens­art und ihren Wert­vor­stel­lun­gen besä­ßen. Man bewoh­ne getrenn­te Welten.

Im ver­gan­ge­nen Jahr ver­öf­fent­lich­te Mur­ray das Buch „Human Diver­si­ty. The Bio­lo­gy of Gen­der, Race, and Class”, in wel­chem er sich, die Erkennt­nis­se von Gene­tik und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten ins Tref­fen füh­rend, gegen die „Ortho­do­xie” der Kon­struk­ti­vis­ten wen­det, wel­che bekannt­lich die Dok­trin eta­bliert hat, es exis­tier­ten in der Wirk­lich­keit weder Ras­sen noch Geschlech­ter, nur die herr­schen­den weiß und männ­lich Kon­stru­ier­ten benutz­ten sie zu Unterdrückungszwecken.

Nun ist sein nächs­tes Opus ange­kün­digt, „Facing Rea­li­ty: Two Truths about Race in Ame­ri­ca”, und bereits der Ankün­di­gungs­text klingt ver­hei­ßungs­voll:

„Die Vor­wür­fe des wei­ßen Pri­vi­legs und des sys­te­mi­schen Ras­sis­mus, die das Land aus­ein­an­der­rei­ßen, sind rea­li­täts­fern. Zwei bekann­te Tat­sa­chen, die längst zwei­fels­frei doku­men­tiert sind, müs­sen offen dar­ge­stellt und in unser Den­ken über die öffent­li­che Ord­nung ein­be­zo­gen wer­den: Ame­ri­ka­ni­sche Wei­ße, Schwar­ze, His­pa­nics und Asia­ten haben unter­schied­li­che Gewalt­kri­mi­na­li­täts­ra­ten und unter­schied­lich ver­teil­te kogni­ti­ve Fähig­kei­ten. Die Vor­wür­fe des Ras­sis­mus bei der Poli­zei­ar­beit, bei der Zulas­sung zum Col­le­ge, der Segre­ga­ti­on beim Woh­nen sowie der Ein­stel­lung und Beför­de­rung am Arbeits­platz igno­rie­ren die Art und Wei­se, in der die Pro­ble­me, die zu den Vor­wür­fen des sys­te­mi­schen Ras­sis­mus füh­ren, von die­sen bei­den Rea­li­tä­ten getrie­ben werden.

Was kann es nüt­zen, sie an die Öffent­lich­keit zu brin­gen? Ame­ri­kas kost­bars­tes Ide­al ist jenes, das frü­her als ame­ri­ka­ni­sches Glau­bens­be­kennt­nis bekannt war: Men­schen dür­fen nicht danach beur­teilt wer­den, woher sie kom­men, aus wel­cher sozia­len Klas­se sie stam­men oder nach Ras­se, Haut­far­be oder Glau­bens­be­kennt­nis. Sie müs­sen als Indi­vi­du­en beur­teilt wer­den. Die herr­schen­de pro­gres­si­ve Ideo­lo­gie lehnt die­ses Ide­al ab und for­dert statt­des­sen, dass der Staat die Men­schen nach Ras­se, sozia­ler Her­kunft, Reli­gi­on, Geschlecht und sexu­el­ler Ori­en­tie­rung beurteilt.

Wir in der Mit­te links und in der Mit­te rechts, die natür­li­chen Ver­tei­di­ger des ame­ri­ka­ni­schen Glau­bens­be­kennt­nis­ses, haben uns in eine Ecke gestellt. Wir woll­ten nicht offen aus­spre­chen, dass ver­schie­de­ne Grup­pen signi­fi­kan­te Grup­pen­un­ter­schie­de auf­wei­sen. Da wir nicht bereit waren, das zu sagen, wur­den wir wehr­los gegen die Behaup­tung, Ras­sis­mus sei dar­an schuld. Was könn­te es sonst sein? Wir hat­ten Angst zu ant­wor­ten. Wir müs­sen. Sich der Rea­li­tät zu stel­len, ist ein Schritt in die­se Richtung.”

 

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