R. I. P.

Die Sonn­ta­ge immer den Küns­ten, lau­te­te ein ehe­dem hier häu­fi­ger gepfleg­ter Brauch. Der heu­ti­ge Tag des Herrn ver­bin­det die Küns­te mit einem trau­ri­gen Anlass. Mich erreicht die Nach­richt, dass ges­tern der Pia­nist Ste­fan Mickisch gestor­ben ist. Er war gera­de mal einen Monat älter als ich. Und so begabt. Welch ein Jammer.

Der Ober­pfäl­zer war vor allem berühmt für sei­ne Mati­neen oder Gesprächs­kon­zer­te, wo er dem Publi­kum, am Flü­gel spie­lend und das Dar­ge­bo­te­ne amü­sant und kennt­nis­reich erläu­ternd, vie­le gro­ße Wer­ke der klas­si­schen Musik, vor allem Opern – und hier spe­zi­ell die Wer­ke Richard Wag­ners – erschloss. Bezie­hungs­wei­se noch näher brach­te. Ich jeden­falls habe bei ihm stets etwas gelernt; ein Ken­ner wie Eck­hard Hen­scheid erleb­te es ähn­lich, er sei als Eides­hel­fer zitiert. Mickisch war bele­sen, vir­tu­os, bril­lant und besaß ein stu­pen­des Gedächt­nis – ich erleb­te ihn, als er an sei­nem 50. Geburts­tag eine von ihm ange­fer­tig­te Kla­vier­ver­si­on der „Alpen­sin­fo­nie” kom­plett aus dem Kopf spiel­te. Über­haupt schien er alles im Gedächt­nis zu haben, man konn­te ihn um das Fina­le der „Göt­ter­däm­me­rung” oder das „Parsifal”-Vorspiel bit­ten, und er setz­te sich hin und spiel­te es. Man­che rümpf­ten über die­sen Teil sei­nes Reper­toires die Nase, weil das ja eigent­lich kei­ne Musik für das Pia­no­for­te ist, aber da spricht nur der Zeit­geist, noch vor hun­dert­fünf­zig Jah­ren, als das Kla­vier­vir­tuo­sen­tum ent­stand, galt es als völ­lig nor­mal, ja als gebo­ten, einen Auf­tritt mit Bear­bei­tun­gen zu begin­nen. Sigis­mund Thal­berg etwa, der ein­zi­ge Riva­le von Franz Liszt (sofern es über­haupt je einen gab*), hat zwi­schen 50 und 60 Opern­fan­ta­sien kom­po­niert, und Liszt sel­ber konn­te bekannt­lich die Fin­ger nie von ande­rer Leu­te Musik las­sen, egal um wel­ches Gen­re es sich handelte.

Mickischs Pro­gram­me sind auf Ton­trä­gern fest­ge­hal­ten, es gibt von ihm über 60 CDs und eine Hand­voll DVDs, die CDs sind fast immer Live-Mit­schnit­te, und ich kann sie samt und son­ders emp­feh­len, ob er nun in Opern von Wag­ner – dar­un­ter eine Samm­lung sämt­li­cher Leit­mo­ti­ve aus dem „Ring”, 9 CDs –, von Strauss, Puc­ci­ni, Mozart, Korn­gold oder Schreker ein­führt, Beet­ho­vens Sin­fo­nien und die „Mis­sa solem­nis” erläu­tert oder leicht eso­te­ri­sche, aber erz­ge­schei­te Betrach­tun­gen über Ton­ar­ten und Stern­zei­chen anstellt. Sei­nem Label gab er den necki­schen Namen „Faf­ner­phon”. In sei­nen Auf­rit­ten ver­brei­te­te er stets eine Atmo­sphä­re aus Ken­ner­schaft, Wiss­be­gier und Hei­ter­keit. Dass er Nei­der hat­te und öfter bei den Ten­denz­be­trieb­lern aneck­te, lag im Wesen sei­nes Beson­ders­seins. Im Dezem­ber 2020 ver­üb­ten eini­ge Jour­na­lis­ten und Kul­tur­funk­tio­nä­re einen regel­rech­ten Exis­tenz­ver­nich­tungs­an­schlag auf den Künst­ler, weil der auf sei­ner Face­book­sei­te einen über­zo­ge­nen Kom­men­tar zu den Coro­na­maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung geschrie­ben hat­te; in Bay­reuth, wo Regie­rungs­kri­ti­ker spä­tes­tens seit 1933 einen schwe­ren Stand haben, wur­de er zur uner­wünsch­ten Per­son erklärt. Ob die­ser Ruf­mord in irgend­ei­nen Zusam­men­hang mit Ste­fan Mickischs Tod steht, ist mir nicht bekannt.

Möge ihm im Musik­erhim­mel ein geräu­mi­ger Kon­zert­sa­lon offenstehen!

(Mickischs Web­sei­te fin­den Sie hier, ein Inter­view, das ich vor acht Jah­ren für den Focus mit ihm führ­te, hier.)

 

* Leser *** merkt an, ich hät­te als Liszt-Kon­kur­ren­ten Karl Filtsch aus Ungarn unter­schla­gen, ein zar­tes pia­nis­ti­sches Genie, das schon mit zwölf Jah­ren bedeu­ten­de Musik kom­po­nier­te und mit 15 an der „Schwind­sucht” starb, Cho­pins her­aus­ra­gen­der Schü­ler. „Die Klin­ge war zu geschlif­fen für das Fut­te­ral”, seufz­te Kol­le­ge Ignaz Mosche­les. Liszt soll erklärt haben: „Wenn der Klei­ne soweit sein wird, kann ich mei­nen Laden schlie­ßen.” Ich habe ihn nicht unter­schla­gen; er kam nicht so weit. (Wenn ich Thal­berg als Riva­len von Liszt bezeich­ne, mei­ne ich aus­schließ­lich den Virtuosen.)

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