20. März 2021

„Am Ende wird es sich ein­zig um der zwei Welt­mi­nu­ten hel­le­nisch-römi­schen Alter­tums und der euro­päi­schen Kul­tur des 19. Jahr­hun­derts wil­len gelohnt haben, dass es die Mensch­heit gab und man sel­ber ein Mensch gewe­sen ist”, schreibt der phi­lo­so­phi­sche Autor Frank Lis­son, die Male­rei des 17. und die Musik des 18. Jahr­hun­derts sträf­lich ver­nach­läs­si­gend, aber in der Ten­denz ziem­lich korrekt.

„Der zivi­li­sa­ti­ons­ver­wahr­los­te, mora­lisch dege­ne­rier­te und sich tech­nisch stän­dig erneu­ern­de Mensch unse­rer Tage weist auf die nächs­te evo­lu­tio­nä­re Stu­fe und damit auf das enor­me, lan­ge unter­schätz­te Ent­kul­tu­ra­li­sie­rungs­po­ten­ti­al, das in der mensch­li­chen Natur ent­hal­ten ist.”
Noch­mals Lisson

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Wäh­rend sie von Viel­falt und Bunt­heit reden, legt sich eine tris­te Mono­kul­tur über den Westen.

So sieht sie aus, die Rassistin.

Ein „Bran­chen­ma­ga­zin” berich­tet, sie habe damals in einem Tweet unter ande­rem geschrie­ben, sie sei mit „geschwol­le­nen, asia­ti­schen Augen” auf­ge­wacht. Die Ver­jäh­rungs­frist für Ras­sis­mus gegen Asia­ten lag bis vor kur­zem nahe Null, nun liegt sie über­ra­schend bei 10 bis ca. 25 Jah­ren. Wer etwas über Schwar­ze gesagt oder gepos­tet hat, was heu­te als ras­sis­tisch gilt, bekommt lebens­läng­lich. Das Straf­maß für angeb­li­che Homo‑, Trans‑, Queer- oder Klin­go­no­pho­bie schwankt in wech­sel­sei­ti­ger Abhän­gig­keit wie der Kurs der Kryp­to­wäh­run­gen, steigt aber kon­ti­nu­ier­lich. Jeder halb­wegs reprä­sen­ta­ti­ve Autor um die 50 wür­de mit sei­nen im Netz doku­men­tier­ten Äuße­run­gen inzwi­schen wahr­schein­lich von sämt­li­chen Maga­zi­nen der west­li­chen Welt als Chef­re­dak­teu­rin abge­lehnt, auf twit­ter geteert und bei Insta­gram gefe­dert, die Klas­si­ker sowie­so, aber die kön­nen ja nicht mehr Chefre­ak­teu­rin­nen werden.

Die Lek­ti­on ist klar: Wenn du eine öffent­li­che Kar­rie­re anstrebst, sage und pos­te nichts, was in ein paar Jah­ren fehl­in­ter­pre­tiert und gegen dich ver­wen­det wer­den könn­te. Ergo: Gib am bes­ten über­haupt nichts von dir außer wohl­mein­de Flos­keln; wer weiß bei die­sem Abräum­tem­po schon, was mor­gen alles tabu ist. Die Fol­ge­ge­nera­ti­on soll ver­ler­nen, Anstö­ßi­ges über­haupt zu denken.

Sie wol­len – aber wer weiß, ob dort über­haupt ein kon­kre­ter Wil­le dahin­ter­steckt und es nicht nach der Schwarm­lo­gik ein­fach pas­siert? – eine Welt der Lüge und der Heu­che­lei errich­ten, in wel­cher der­je­ni­ge als der talen­tier­tes­te Autor gilt, der die bizarrs­ten und ver­lo­gens­ten Euphe­mis­men erfin­det. Die­se von Schnee­flöck­chen bevöl­ker­te Bra­ve New World wäre die lang­wei­ligs­te aller denk­ba­ren Wel­ten. Aber ich kann mag glau­ben, dass sich so etwas durchsetzt.

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Neu­es Wort: Problemklassiker.

Ist aller­dings ein Pleo­nas­mus. Jeder Klas­si­ker ist ras­sis­tisch. Und über den Umgang damit müs­sen wir noch reden. Die­se komi­schen Vögel soll­ten auch nur das fres­sen, was ihre eige­ne Genera­ti­on sel­ber zube­rei­tet hat.
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Eine der wich­tigs­ten Fra­gen zum Lock­down, näher­hin zu des­sen Neben­wir­kun­gen, stellt eine der tra­di­ti­ons­reichs­ten Gazet­ten aus einer der bun­tes­ten Städ­te Deutschlands.
In gewis­sem Sin­ne han­delt es sich um ein Suchbild.
Die Neue Pres­se erscheint übri­gens in Han­no­ver. Ihre His­to­rie bzw. Gene­se ist interessant.
Die­ses Blatt hieß also ein­mal Volks­wil­le und war schon damals bzw. damals noch sozi­al­de­mo­kra­tisch. Die ers­te Num­mer erschien am 1. Okto­ber 1890, unmit­tel­bar nach der Auf­he­bung des Bis­marck­schen Sozia­lis­ten­ge­set­zes. Die Zei­tung war bis zum Ver­bot 1933 ein Sprach­rohr der gemä­ßigt-lega­lis­ti­schen Tei­le der SPD. Im Unter­ti­tel nann­te sie sich „Organ für die Inter­es­sen der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung der Pro­vinz Hannover”.
Es war offen­bar sehr vor­aus­schau­end, Namen und Unter­ti­tel zu ändern.
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Zum Vori­gen.
Ver­gan­ge­ne Woche plau­der­te in klei­ner Run­de eine Ber­li­ner Brenn­punkt­leh­re­rin aus der Schu­le. Sie unter­rich­tet in der Unter­stu­fe. In ihrer Klas­se, sag­te sie, gäbe es mehr Natio­na­li­tä­ten, als in den offi­zi­ell für deren Auf­lis­tung ange­fer­tig­ten Vor­druck pass­ten. Deut­sche (im Sin­ne des eins­ti­gen Volks) sei­en zwei der Kin­der. Sämt­li­che Schü­ler besä­ßen das Ber­lin-Ticket, das Emp­fän­ger von ALG II oder Sozi­al­hil­fe zum ermä­ßig­ten Benut­zen der öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel berech­tigt, mit Aus­nah­me von zwei­en, deren Eltern aber bloß unfä­hig sei­en, das Ticket zu bean­tra­gen. Man­che Schü­ler kämen ohne Lern­ma­te­ria­li­en in den Unter­richt, wes­halb sie die ein­fachs­ten Din­ge wie Stif­te und Linea­le zuwei­len sel­ber kau­fe. Ande­re erschie­nen in Mar­ken­kla­mot­ten, was aber nicht zwin­gend mit der Voll­stän­dig­keit der Lern­ma­te­ria­li­en einhergehe.
Die Klei­nen sei­en sehr wiss­be­gie­rig und flei­ßig. Es berei­te ihr Freu­de, mit ihnen zu arbei­ten und ihnen etwas bei­zu­brin­gen. Momen­tan bas­te­le sie Oster­nes­ter mit den Kin­dern, auch die Mus­li­me bas­tel­ten fröh­lich mit. Einer ihrer Begab­tes­ten sei ein Jun­ge aus Gha­na. In der ers­ten Jah­ren ver­kör­pe­re der Leh­rer noch eine ech­te Auto­ri­tät für die Schü­ler. Erst in der Teen­ager­zeit wer­de der Umgang oft hei­kel. Wenn mög­lich, ver­fol­ge sie auch den wei­te­ren Weg ihrer Zög­lin­ge, nach­dem sie in die obe­ren Klas­sen gewech­selt sind oder die Schu­le ver­las­sen haben. Nach ihrer Ein­schät­zung schaf­fe es jeder Zwei­te, sein Leben spä­ter in den Griff zu bekom­men. Das hei­ße im Umkehr­schluss natür­lich: Vie­le gerie­ten auf die soge­nann­te schie­fe Bahn. Trotz­dem mache sie ihren Job gern, und das kön­ne sie auch von ihren Kol­le­gin­nen sagen, die täg­lich mit Eifer und gutem Wil­len in die Schu­le strebten.
Das sind die bra­ven Leu­te, die für die „Wir schaf­fen das!”-Schickeria, für die will­kom­mens­kul­tu­rel­len Tugend­prah­ler und hyper­mo­ra­li­schen Paro­lendre­scher die Kas­ta­ni­en aus dem Feu­er holen. Möge Gott sie segnen.
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Die täg­li­che Pro­pa­gan­da, in einer beson­ders ein­drück­li­chen Schlag­zei­le geron­nen bzw. verdichtet.

Ungleich­heit bedeu­tet, dass es Ein­kom­mens­un­ter­schie­de gibt. Wenn Armut krank macht, sind die Rei­chen schuld. Die Rei­chen machen die Armen krank. Das gilt sowohl indi­vi­du­ell als auch für gan­ze Län­der, Kul­tu­ren, Erd­tei­le, der­einst womög­lich Pla­ne­ten. Was Reich­tum ist, bestim­men wir je nach Steueraufkommen.

Es ist bes­ser, wenn es allen gleich schlecht geht als weni­gen gut. Nur Gleich­heit löst Pro­ble­me, also auch gesund­heit­li­che. Wir müs­sen folg­lich glei­cher wer­den, und das funk­tio­niert nur durch Ent­eig­nung der Rei­chen. Wir brau­chen eine medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ohne Unter­schie­de, so wie wir in den Eisen­bah­nen die dis­kri­mi­nie­ren­de Ers­te Klas­se besei­ti­gen müs­sen, damit sich nie­mand schlech­ter­ge­stellt fühlt. Das schafft zwar jeg­li­chen Anreiz für Dis­tink­ti­ons­ge­win­ne aus der Welt und hat bei allen Groß­ver­su­chen seit 1917 nie funk­tio­niert – schau­en wir auf das Gesund­heits­sys­tem in Vene­zu­la oder Kuba –, aber die Men­schen sind ver­gess­lich, und wir gewin­nen mit die­ser For­de­rung Sozi­al­pres­ti­ge und viel­leicht irgend­wann eine Pöst­chen im Umver­tei­lungs­ap­pa­rat, also am Ende doch Distinktion.

Wer aber behaup­tet, dass gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen und damit auch medi­zi­ni­sche Fort­schrit­te davon abhän­gen, dass Ungleich­hei­ten exis­tie­ren, weil nur Ungleich­hei­ten inner­halb einer Gesell­schaft jene poten­ti­el­le Ener­gie erzeu­gen, die Geld und Ideen zum Flie­ßen bringt, argu­men­tiert unso­zi­al und men­schen- bzw. fremdenfeindlich.

Wenn signi­fi­kant vie­le Migran­ten an Covid-19 erkran­ken, hat das nichts mit ihrer Kul­tur, Bil­dung, Lebens­art zu tun, son­dern mit ihrer Dis­kri­mi­nie­rung durch die deut­sche Noch­mehr­heits­ge­sell­schaft. Kein Migrant ist für sei­ne Situa­ti­on ver­ant­wort­lich. Wer Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me benennt, ja wer über­haupt das Wort Inte­gra­ti­on in den Mund nimmt, kann nur ein Ras­sist sein.

Ende der Durchsage.

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Unlängst wur­de mir das Buch „Dabei­ge­we­sen. Ein Ver­such über den Stolz” zuge­schickt, mit der Fra­ge, ob ich mich dazu äußern wol­le, es gin­ge dar­in unter ande­rem um Alex­an­der Gau­lands Bemer­kung, dass die Deut­schen auf die Leis­tun­gen der deut­schen Sol­da­ten in den bei­den Welt­krie­gen auch stolz sein könn­ten. Ver­fas­ser ist der Jour­na­list Gerald Wag­ner, der für das Feuil­le­ton der FAZ schreibt, und im Wesent­li­chen ist sein Text eine pos­tu­me Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­nem Vater, Jahr­gang 1921, der 1941 wie Hun­dert­tau­sen­de ande­re jun­ge deut­sche Män­ner in Russ­land ein­mar­schier­te (im Buch ist von einem „Über­fall” die Rede, aber die größ­te jemals in der Geschich­te auf­mar­schier­te Armee kann man schwer­lich „über­fal­len”; der ange­mes­se­ne Ter­mi­nus heißt „Angriff”; mehr dazu hier). Nun war die­ser Vater, ein Frei­bur­ger Kauf­manns­sohn übri­gens, der vor zwei Jahr­zehn­ten zu den Vie­len gegan­gen ist, eher ein Schwe­jk­scher Cha­rak­ter denn ein Krie­ger: „Sei­ne größ­te mili­tä­ri­sche Leis­tung war das sofor­ti­ge Weg­wer­fen sei­nes Geweh­res bei der ers­ten Feind­be­rüh­rung im Juli 1943 bei Orel.” Er ging in die Gefan­gen­schaft, ohne, wie er spä­ter ver­si­cher­te, auch nur einen Schuss abge­feu­ert zu haben, über­leb­te zwei Jah­re als Zwangs­ar­bei­ter in Sibi­ri­en, bis ihn, so lau­te­te zumin­dest die Fami­li­en­le­gen­de, ein rus­si­scher Arzt nach Hau­se schick­te, weil der jun­ge Deut­sche ihn an sei­nen Sohn erinnerte.
Am 7. Dezem­ber 1945 stand Alfred Wag­ner wie­der vor dem Eltern­haus in Frei­burg, abge­ma­gert, dre­ckig und ver­laust – „seit dem Som­mer hat­te er laut Goog­le Maps 5561 Kilo­me­ter zurück­ge­legt” –, drin­nen saßen die Eltern und die Schwes­ter, die nach dem Mit­tei­lungs­schrei­ben vom Regi­ment, dass Alfred im Raum Orel ver­schol­len sei, kei­ner­lei Nach­richt mehr erhal­ten hat­ten und ent­spre­chend freu­dig über­rascht gewe­sen sein dürften.
Des Vaters Berich­te über die Jah­re in Russ­land beglei­ten Gerald Wag­ner durch die Kind­heit („Er erzähl­te ger­ne vom Krieg”). In die­sen Erzäh­lun­gen wur­de nicht gekämpft und gestor­ben, dort floss kein Blut, jenes aus­ge­nom­men, wel­ches Wan­zen und Läu­se saug­ten, dafür ging es ums Essen und ums Frie­ren. Der Vater war nie Mit­glied der Par­tei und angeb­lich nicht ein­mal der HJ. Er sprach nie schlecht oder hass­erfüllt von den Rus­sen und der Zeit sei­ner Gefan­gen­schaft, und obwohl er spä­ter nie in die Sowjet­uni­on reis­te und kei­nen ein­zi­gen rus­si­schen Gesprächs­part­ner besaß, lern­te er nach dem Krieg russisch.
Kurz­um: Der FAZ-Autor könn­te hoch­zu­frie­den mit der Art und Wei­se sein, wie sich sein alter Herr durch die­ses jah­re­lan­ge Gemet­zel geschlän­gelt hat, und, ohne sich die Hän­de schmut­zig zu machen, der Blut­kir­mes recht­zei­tig ent­kam. Ist er aber nicht. Wag­ner juni­or hat mit dem Ver­bli­che­nen eine Rech­nung offen, weil der nach sei­ner Heim­kehr ein­fach wei­ter­leb­te, ohne sich Asche aufs Haupt zu streu­en, und kei­ne Reue zeig­te. Die „Schuld­ver­wei­ge­rung” der Eltern, die „fla­chen Aus­re­den und unwil­li­gen Ges­ten” moles­tie­ren ihn offen­bar bis heu­te. „Es war pein­lich”, erin­nert er sich, „den Eltern beim Ver­drän­gen zuzu­se­hen.” Aber was muss­ten sie denn ver­drän­gen, wenn sie nichts Böses getan hat­ten? Der stum­me, gleich­sam den Blick sen­ken­de Oppor­tu­nis­mus ist ein Men­schen­recht, nie­mand ist ver­pflich­tet, gegen ein Regime auf­zu­be­geh­ren, das ihn ins KZ sperrt oder gleich unters Fall­beil bet­tet. Bekannt­lich hat­te man damals auch den Wehr­ersatz­dienst im KZ abzu­leis­ten, wes­halb prak­tisch nur soge­nann­te Bibel­for­scher die­se exo­ti­sche Wahl tra­fen. Klar, die Wahr­schein­lich­keit, für den Füh­rer an der Ost­front zu kre­pie­ren, war auch nicht gering.
Was aber hät­te der Vater nach sei­ner Rück­kehr ande­res tun sol­len, als das Geschenk des Über­le­bens dank­bar anzu­neh­men, eine Fami­lie zu grün­den, sich eine Exis­tenz auf­zu­bau­en – er wur­de übri­gens Stu­di­en­di­rek­tor und stell­ver­tre­ten­der Lei­ter eines Gym­na­si­ums – und den ver­damm­ten Krieg eine Samm­lung per­sön­li­cher Anek­do­ten sein zu las­sen? Ant­wort des Soh­nes: Er hät­te über „sei­nen eige­nen Bei­trag an der deut­schen Selbst­er­mäch­ti­gung zur Unter­wer­fung und Ver­nich­tung der sla­wi­schen Unter­men­schen” reflek­tie­ren sol­len. „Hät­te er nicht wenigs­tens ein­mal ein wenig zer­knirscht sein kön­nen, ein Gramm Scham auf die Waa­ge sei­ner Ent­schul­di­gung legen können?”
Sie mer­ken es schon: Wir nähern uns dem Ady­ton der deut­schen Zivil­re­li­gi­on. Der Vater hat das zen­tra­le Glau­bens­be­kennt­nis ver­wei­gert und ist als eine Art Ket­zer gestor­ben. Ihm das ins Grab nach­ru­fend, bringt Wag­ner juni­or mons­trö­se Sät­ze zu Papier. „War er ein Täter? Ja, natür­lich. Schließ­lich waren alle deut­schen Sol­da­ten Mit­tä­ter.” Oder: „Das Ange­bot der Sie­ger, das Deutsch­tum tat­säch­lich am Leben zu las­sen, wenn des­sen Trä­ger die Zivi­li­sa­ti­on in Zukunft zu respek­tie­ren ver­sprach, war ein unfass­bar gene­rö­ses Geschenk an die Besiegten.”
Alle deut­schen Sol­da­ten waren Täter, alle ande­ren haben die Täter bekämpft. Wie ein­fach. Und wie per­vers. Alle Kriegs­ver­bre­chen der Alli­ier­ten sind damit sal­viert und den Deut­schen – nicht ein­mals den Nazis – inklu­si­ve Vater Wag­ner in die Stie­fel gescho­ben. Das gilt aus­schließ­lich für die Deut­schen zwi­schen 1933 und 1945, am bes­ten zwi­schen 1914 und 1945. Es ist der exakt um 180 Grad gedreh­te Manichäis­mus der Nazis, ein gegen die eige­nen Vor­fah­ren gekehr­ter Moral­her­ren­men­schen­dün­kel. Und natür­lich ist es das letz­te Inter­es­san­te und Exklu­si­ve, das der Gegen­warts­deut­sche in nega­ti­ver Prah­le­rei der Welt noch über sich mit­zu­tei­len weiß. Was wären die Deut­schen heu­te denn, wenn sie nicht ein­mal als die buß­fer­ti­gen Nach­kom­men des Teu­fels auf­tre­ten könn­ten? Sie haben doch nichts ande­res mehr. Sogar die D‑Mark hat man ihnen weg­ge­nom­men, und in den nächs­ten bei­den Genera­tio­nen wer­den die­je­ni­gen, deren Eltern eth­ni­sche Deut­sche sind, zur Min­der­heit im eige­nen Land. Dann ist lei­der auch Sen­se mit der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung, dann ist ihr Zweck erfüllt, dann wer­den sich sogar die früh­ver­greis­ten Tan­ten bei der Zeit einen neu­en Mond zum Anheu­len suchen müssen.
Für mei­ne Begrif­fe heißt die inter­es­san­tes­te Fra­ge zum Drit­ten Reich, wie die Söh­ne sich ver­hal­ten hät­ten, wenn die Väter als Sie­ger heim­ge­kehrt wären. Ansons­ten lau­tet die Lek­ti­on aus der NS-Zeit: Du darfst einen Krieg nicht ver­lie­ren, vor allem nicht so gründ­lich. Die Ita­lie­ner und Alfred Wag­ner haben vor­ge­macht, wie man Krie­ge ange­mes­sen ver­liert. Aber ein Stre­ber- und Fana­ti­ker­volk, das zwei­mal buch­stäb­lich gegen die rest­li­che Welt mar­schiert ist, den zwei­ten Waf­fen­gang bis zur tota­len Selbst­ver­nich­tung getrie­ben hat, obwohl sich die Füh­rung bereits im Spät­herbst 1941 aus­rech­nen konn­te, dass man mit die­sen Ver­lus­ten nur eine genau begrenz­te Zeit lang wer­de durch­hal­ten kön­nen, das beim Völ­ker­mord eben­falls am fana­tischs­ten und gründ­lichs­ten war und seit­dem beflis­sen danach stebt, auch unter den Besieg­ten aller Zei­ten der Pri­mus zu sein, ein sol­ches Volk taugt offen­kun­dig nicht zum Ver­nünf­tig­sein. Das auto­ag­gres­si­ve Wil­kom­mens­de­li­ri­um der Jah­re 2015 ff. ist nur ein wei­te­rer Beleg dafür, dass die größ­ten Irren in der Mit­te Euro­pas leben. Ich bit­te, die­se Kol­lek­tiv­schmä­hung cum gra­no salis zu verstehen.
Und so nimmt es nicht wun­der, dass in die­sem Fun­da­men­ta­lis­ten­volk Intel­lek­tu­el­le her­um­geis­tern, die sich und ihres­glei­chen zu der nach­träg­li­chen Erkennt­nis spor­nen, jeder Wehr­machts­sol­dat sei mit­schul­dig an der Shoa, weil ohne die Wehr­macht kein Ost­feld­zug statt­ge­fun­den haben könn­te und ohne Ost­feld­zug kein Völ­ker­mord. Dann plä­die­re ich frei­lich dafür, die­sen Gedan­ken kon­se­quent auf alles anzu­wen­den, was den Lauf der Geschich­te mit­samt sei­ner Greu­el ermög­licht hat, also zum Bei­spiel auf die Kau­sal­ket­te: ohne Ver­sailles kein Drit­tes Reich, ohne Napo­le­on kein deut­scher Natio­na­lis­mus etc. pp.; dann müs­sen wir zurück­ge­hen bis zu Karl dem Gro­ßen, bis zu Widu­kind, Cae­sar und Wrun­kel, dem Rüben­geist der Che­rus­ker, ach was, bis zu Kain und Abel. Wahr­schein­lich muss sich Kain das Nes­sos­hemd der Urschuld anzie­hen, Pech für ihn, denn der ers­te war ja auch er nicht.
Kriegs­ver­bre­chen gesche­hen seit Men­schen­ge­den­ken, obwohl der Begriff noch recht jung­fräu­lich ist, sie haben jeden Krieg beglei­tet, bis heu­te, und sie wer­den gesche­hen, solan­ge Men­schen leben. Nach den Kriegs­ver­bre­chen sind die Mör­der heim­ge­kehrt, haben ihre Frau­en und Kin­der in die Arme geschlos­sen und wei­ter­ge­lebt wie zuvor. Das mag man schreck­lich und böse fin­den, aber es ist vor allem phä­no­me­nal. Regel­mä­ßig wur­den Kriegs­ver­bre­chen gerächt, meis­tens durch neue Kriegs­ver­bre­chen, eben­so regel­mä­ßig wur­den sie zu Sie­gen oder Straf­ak­tio­nen oder zur Voll­stre­ckung des Fort­schritts ver­klärt, man den­ke an die Aus­mor­dung der Ven­dee durch die Trup­pen der Jako­bi­ner; neu­er­dings füh­ren Kriegs­ver­bre­cher gern die Men­schen­rech­te im Mund, um ihre Tech­no-Mas­sa­ker zu recht­fer­ti­gen. Seit Nürn­berg ver­sucht man, Kriegs­ver­bre­cher zu bestra­fen, aller­dings so selek­tiv, dass kein Zurech­nungs­fä­hi­ger das Thea­ter wirk­lich ernst neh­men kann.
Dass man damals die übrig­ge­blie­be­nen Spit­zen­na­zis auf­ge­hängt hat, war trotz der juris­ti­schen Frag­wür­dig­kei­ten der Ankla­ge natür­lich völ­lig in Ord­nung. Was mei­nen Sie denn, was Fried­rich der Gro­ße und Bis­marck, Molt­ke, Hin­den­burg und alle drei Preu­ßen­kai­ser getan haben wür­den, hät­te man sie durch Ausch­witz geführt und ihnen die Berich­te der Ein­satz­grup­pen vor­ge­legt? Die hät­ten, allein um der Ehre ihres Lan­des wil­len, weit mehr Nazis hin­rich­ten las­sen als die Alli­ier­ten. Schlau­er­wei­se wer­den sie uns heu­te als deren Vor­läu­fer oder gar Weg­be­rei­ter verkauft.
Zugleich war es in gewis­sem Sin­ne komisch, dass in Nürn­berg die Ver­tre­ter der Sowjet­uni­on, also des Staa­tes, der sich 1939 mit Hit­ler Polen geteilt, der Finn­land ange­grif­fen und das Bal­ti­kum annek­tiert hat­te, wegen „Ver­schwö­rung zur Ent­fes­se­lung eines Angriffs­krie­ges” gegen die Deut­schen Ankla­ge erho­ben. Auch Ame­ri­ka­ner und Bri­ten hat­ten – durch kei­ner­lei Kriegs­recht gedeckt – aus der Luft Hun­dert­tau­sen­de deut­sche und japa­ni­sche Zivi­lis­ten getö­tet, kei­ne vier Mona­te vor Pro­zess­be­ginn waren Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki aus­ge­löscht wor­den. Nach Ankla­ge­punkt 3 hät­ten also auch Chur­chill und Tru­man vor die­ses Gericht gestellt wer­den kön­nen. Die US-Navy hat­te einen eben­so unbarm­her­zi­gen U‑Boot-Krieg geführt wie die deut­sche Kriegs­ma­ri­ne, und die deut­sche Beset­zung Nor­we­gens war zu einem Zeit­punkt erfolgt, als die Eng­län­der dort bereits die Häfen ver­min­ten und sel­ber angrei­fen woll­ten – die Admi­ra­le Raeder und Dönitz wan­der­ten dafür hin­ter Gitter.
Das berührt aller­dings die Fra­ge der Gerech­tig­keit, wäh­rend hier die Fra­ge der Schuld inter­es­sie­ren soll. Die Schuld an Kriegs­ver­bre­chen tra­gen die­je­ni­gen, die sie befoh­len, und die­je­ni­gen, die sie ver­übt haben. Das reicht bis zum Sol­da­ten, der das Lager bewacht hat, in dem gemor­det wur­de; er ist schul­dig der Bei­hil­fe zum Mord. Jeder Sol­dat ist für jedes Kriegs­ver­bre­chen ver­ant­wort­lich, an dem er betei­ligt war; inso­fern ste­cken auch die ande­ren am Zwei­ten Welt­krieg betei­lig­ten Arme­en vol­ler Täter. Es gibt kei­ne guten Kriegs­ver­bre­chen. Des­we­gen hat man sich über die Jahr­hun­der­te hin­weg gemein­hin dar­auf geei­nigt, nach dem Frie­dens­schluss einen Schluss­strich zu zie­hen, um nicht in einen ewi­gen Kreis­lauf von Ankla­ge, Ver­gel­tung und Rache zu gera­ten. Dass nach den extre­men Schre­cken des Zwei­ten Welt­krie­ges mit Mil­lio­nen nun­mehr auch zivi­len Opfern Schul­di­ge über­führt und hin­ge­rich­tet wer­den muss­ten, ver­steht sich, wie man sagt, von selbst. Aber der Land­ser, der nach Russ­land mar­schiert ist, weil ihm das befoh­len wur­de, und der sonst im Zucht­haus gelan­det wäre, der an der Front gegen die Sol­da­ten eines ande­ren Lan­des kämpf­te, das gemäß der poli­ti­schen Groß­wet­ter­la­ge als Feind galt, kann nicht dafür ver­ant­wort­lich gemacht wer­den, wenn im Rücken der Front ein Mas­sen­mord ver­übt wird. Zwar geschieht das eine im Schutz des ande­ren, aber es ist nicht sei­ne zwin­gen­de Fol­ge. „Es war Krieg”, wie mein Schwie­ger­va­ter zu sagen pflegt, des­sen gesam­te Fami­lie bei der deut­schen Bela­ge­rung Lenin­grads ver­hun­gert ist und der, acht­jäh­rig, als ein­zi­ger über­leb­te. Zur sel­ben Zeit geriet Alfred Wag­ner in rus­si­sche Gefan­gen­schaft. „Wenn die Rus­sen mich haben davon­kom­men las­sen, schien mein Vater zu fra­gen, war­um dann nicht auch ihr?”, notiert Sohn Gerald. Ja, warum?
Nun, ich habe die Ant­wort bereits gege­ben. Weil die Rus­sen den Krieg gewon­nen haben und die Deut­schen ihn ver­lo­ren. Weil die Rus­sen bis heu­te und gera­de unter Putin die­sen Sieg zur Iden­ti­täts­sta­bi­li­sie­rung benut­zen und stolz dar­auf sind, die nach all­ge­mei­ner Ansicht bes­te Armee der Erde besiegt zu haben, wäh­rend den deut­schen Ver­lie­rern unter der Last der Schand­ta­ten eines Teils ihrer Vor­fah­ren ledig­lich der Sün­den­stolz als Iden­ti­täts­pro­the­se blieb. Es spielt selbst­re­dend auch eine Rol­le, dass die Nazis den Rus­sen nicht bru­ta­ler erschie­nen als die Bol­sche­wi­ken, weil ihr Völ­ker­schlacht­haus schon vor selbst­ver­gos­se­nem Blut troff, als Wehr­macht und SS ein­mar­schier­ten. Ein Rus­se wür­de ein Buch wie „Dabei­ge­we­sen” nicht nur nicht schrei­ben, son­dern des­sen Pro­blem­stel­lung über­haupt nicht ver­ste­hen. Die Rus­sen haben den deut­schen Land­sern schnel­ler und gründ­li­cher ver­ge­ben als deren eige­ne Kin­der. Und das liegt kei­nes­wegs nur dar­an, dass sie gewon­nen haben. Es liegt auch dar­an, dass sie kei­ne ver­rück­ten Deut­schen sind.
„Ist es his­to­risch betrach­tet eigent­lich nicht egal, wel­chen Bei­trag der eige­ne Vater zum Zwei­ten Welt­krieg geleis­tet hat?”, fragt Sohn Wag­ner und gibt sogleich die Ant­wort: „Es ist nicht egal. Es wird nie egal sein.” Kein Rus­se wür­de so den­ken. Wer das schreibt, zielt aufs Sakra­le (viel­leicht liegt es auch dar­an, dass die Rus­sen für sakra­le Zwe­cke das Chris­ten­tum wie­der­ent­deckt haben, wäh­rend die heid­ni­schen Deut­schen sich sei­ner zuguns­ten von Baum, Kli­ma, Dritt­welt­mit­mensch und Hit­lers­ab­bat ent­le­dig­ten). Aber natür­lich wird es egal sein. Es ist außer­halb der Pries­ter­kas­te den meis­ten heu­te schon egal. Die soge­nann­te Mensch­heit wür­de mit der Erin­ne­rung und „Bewäl­ti­gung” sonst nie­mals fer­tig. Quel che fu non è – „was war, ist nicht”, sagt der in Über­le­bens­fra­gen dem Deut­schen bekannt­lich weit über­le­ge­ne Ita­lie­ner. Erst dar­aus folgt jenes Tut­to pas­sa, Roma res­ta, zu dem das Grüb­ler- und Extre­mis­ten­volk im Nor­den kein Gegen­stück besitzt.
Wag­ner juni­or gesteht dem Vater immer­hin zu: „Nach die­sem Krieg war doch so viel Leben mög­lich, so viel Gegen­teil von Krieg, so viel unfass­ba­re Selbst­be­stim­mung, so viel Ich, so wenig Staat, so wenig Hit­ler und Mar­schie­ren und Frie­ren und Hun­gern und so viel Essen! Dass dar­an, an die­ser Gegen­teils­zeit etwas falsch sein soll­te, dass man sich see­lisch zurück­wen­den soll­te, und in der über­leb­ten Ver­gan­gen­heit nach Schuld und Ver­ant­wor­tung und Trau­er und den Toten suchen soll­te, das muss mei­nem Vater als völ­lig lächer­lich, fast wahn­sin­nig vor­ge­kom­men sein.”
Und nun bringt der Autor Alex­an­der Gau­land und mit jenem eine Kate­go­rie ins Spiel, die mit sei­nes Vaters Welt­kriegs­auf­tritt nicht das Gerings­te zu tun hat, aber von des­sen Sohn auch dann als unan­ge­bracht betrach­tet wür­de, wenn Alfred Wag­ner Pan­zer­ge­ne­ral und bei Pro­cho­row­ka dabei­ge­we­sen wäre (manch­mal kam mir bei der Lek­tü­re der Gedan­ke, eine sol­che Kar­rie­re sei dem Fili­us weit lie­ber gewe­sen): den Stolz. Also etwas, das den Deut­schen radi­kal aberzo­gen wur­de, wäh­rend bei­spiels­wei­se die meis­ten der hier elan­voll ins Land strö­men­den viri­len Mos­lems bis in die Haar­wur­zeln damit aus­ge­stat­tet sind. Nein, Gau­land pre­dig­te nicht den θυμός als sol­chen für den All­tag, er hat­te ledig­lich erklärt, dass auch die Deut­schen „stolz” sein könn­ten „auf die Leis­tun­gen deut­scher Sol­da­ten in zwei Weltkriegen”.
Für einen Homo bun­des­re­pu­bli­ka­nen­sis, der von sei­nem Vater ein Schuld­ein­ge­ständ­nis erwar­tet, obwohl der kei­ne ein­zi­ge Schlacht geschla­gen hat, auf die ande­re stolz wären, ist das eine Zumu­tung, aber Wag­ner ist ja Feuil­le­to­nist und weiß einen Weg, Gau­lands Auf­for­de­rung oder Fest­stel­lung zu kon­tern: Damit wer­de das inzwi­schen erreich­te Niveau der Dif­fe­ren­zie­rung in die­ser Fra­ge zu sehr unter­bo­ten. Das lässt sich frei­lich wie­der­um leicht kon­tern mit der Fra­ge, was denn an dem offi­zi­ell erlaub­ten und von Wag­ner offen­bar geteil­ten Stolz auf die deut­sche „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung” – „um die uns die gan­ze Welt benei­det”, wie Cem Özde­mir in pran­gen­der Unkennt­nis der Let­ze­ren erklär­te – dif­fe­ren­zier­ter sein mag. Glaubt Gevat­ter Wag­ner, dass Herr Özde­mir, Herr Habeck, Anna­le­na B., Herr Maas oder die Kanz­le­rin über so etwas wie ein dif­fe­ren­zier­tes Geschichts­bild verfügen?
Sei­nem Vater wirft Wag­ner übri­gens vor, gewis­ser­ma­ßen in Par­al­lel­füh­rung zur man­gel­haf­ten Dif­fe­ren­zie­rung Gau­lands, er habe ein „psy­chisch unter­kom­ple­xes” Dasein geführt, da er „dem Leben mit einer schuld­be­las­te­ten See­le lie­ber ein Leben ohne eine sol­che” vor­zog. Wer sei­ne see­li­sche Wun­den offen und eiternd hält, um sie über­all vor­zu­zei­gen, soll­te aller­dings nicht dar­auf hof­fen, dass ihn die Gesun­den dafür loben. Um ein­mal mehr den guten Dr. Kra­nich aus dem „Dok­tor Faus­tus” zu zitie­ren: „Es ist sehr zu bedau­ern, daß in die­sem Krei­se die irren­ärzt­li­che Wis­sen­schaft nicht ver­tre­ten ist. Ich, als Numis­ma­ti­ker, füh­le mich hier gänz­lich unzu­stän­dig.” Aller­dings liegt die Ver­mu­tung nahe, dass Alfred Wag­ner des­halb kei­ne Schuld emp­fand, weil er kei­ne trug und ihm jene nach­kriegs­deut­sche Hirn­wä­sche nicht zuteil wur­de, die spä­te­re Genera­tio­nen zum Veits­tanz um den Totem­pfahl der Kol­lek­tiv­schuld ani­mier­te. Die­ser Vor­gang dürf­te für Psy­cho­lo­gen und künf­ti­ge Hirn­wä­scher weit inter­es­san­ter sein als die eher bana­le Ver­drän­gung nach der Höl­len­fahrt des Drit­ten Reiches.
Ob heu­te noch jemand per­sön­lich stolz ist auf die Leis­tun­gen der Wehr­macht, weiß ich nicht. Rein mili­tä­risch gäbe es Grün­de zuhauf, aber es hat immer etwas pein­lich Anma­ßen­des und Gockel­haf­tes, auf Leis­tun­gen stolz zu sein, an denen man per­sön­lich kei­nen Anteil hat, und umge­kehrt gilt das auch für Schuld­ge­füh­le. Mögen inzwi­schen okzid­ent­weit wei­ße Reue­ba­tail­lo­ne in gockel­haft-osten­ta­ti­ver Kol­lek­tiv­zer­knir­schung nie­der­knien, es geht mich nichts an. Ich schä­me mich so wenig für die Shoa, wie ich auf den Frank­reich­feld­zug stolz bin. Des­we­gen begnü­ge ich mich damit, die Nazis und all ihre Mit­läu­fer still zu ver­ach­ten und mich laut nur an der Nazi­men­ta­li­tät gewis­ser Zeit­ge­nos­sen zu delektieren.
Wer auf die deut­sche soge­nann­te „Erin­ne­rungs­kul­tur” Stolz emp­fin­det, wird sich aller­dings und in den kom­men­den Jah­ren der Fra­ge stel­len müs­sen, was sie teils im Neben­ef­fekt, teils völ­lig inten­diert aus­ge­löst hat, inwie­fern sie das tro­ja­ni­sche Pferd der Lin­ken war, um allem, was nach 1945 in die­sem Land noch stand, das Mark her­aus­zu­bla­sen und die­se Gesell­schaft zu kapern, mit wel­chen Fol­gen auch immer. Dass Deutsch­land heu­te sturm­reif ist, gehört zu den Fol­gen der „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung”; es gibt ein klu­ges Buch dar­über mit dem spre­chen­den Titel „Die Wiedergutmacher”.
Was als das „Böse“ gilt, war immer Ermes­sens­sa­che derer, die über die Macht ver­füg­ten bzw. von den Herr­schen­den mit der Recht­fer­ti­gung ihrer Macht beauf­tragt wur­den. Die his­to­ri­sche Schuld „der” Deut­schen und „der” Wei­ßen bil­det die Grund­la­ge für den Gesin­nungs­staat der Zukunft.  Wie jede Staats­kir­che dul­det auch die lin­ke, zivil­re­li­giö­se, diver­se kei­ne Göt­ter neben sich. Dass aber die­sel­ben Milieus, die seit Jahr­zehn­ten aus den von den Nazis ermor­de­ten Juden ihr mora­li­sches Sur­plus zie­hen, heu­te die Ein­wan­de­rung von Aber­tau­sen­den Anti­se­mi­ten för­dern und beklat­schen, kata­pul­tiert sie wenigs­tens auf der Per­ver­si­tä­ten­ska­la weit über die fade Durch­schnitt­lich­keit des bes­ten Deutsch­lands aller von Herrn Stein­mei­er zumin­dest nach des­sen Selbst­ein­schät­zung beur­teil­ba­ren Zeiten.
Die Ver­lo­gen­heit der tak­ti­schen Rede wohnt der soge­nann­ten Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung (VB) sym­bio­tisch inne. Der täg­li­che Auf­tritt der Zer­knir­schungs­si­mu­lan­ten und Lip­pen­be­kennt­nis­au­to­ma­ten, der Erin­ne­rungs­prah­ler und Gedenk­heuch­ler, der Buß­pfaf­fen und Nie-wie­der-Rou­ti­niers, das war für einen Teil­zeit-Mis­an­tro­phen wie mich vom ers­ten Tag Bun­des­re­pu­blik an bes­tes Enter­tain­ment. Aber gut, die Show hat sich über­lebt, das Publi­kum wen­det sich ande­ren Amü­se­ments zu. Neue Kol­lek­ti­ve drän­gen sich in die Rol­le des Wie­der­gut­ma­chung für his­to­ri­sches Unrecht begeh­ren­den Opfers. Die VB in ihrer spe­zi­fisch deut­schen Spiel­art ist vor­bei. Das sieht man allein am Come­back des Anti­se­mi­tis­mus unter ande­rem Eti­kett. Ich wüss­te gern, ob sich Gerald Wag­ner schon mal bei irgend­ei­ner Gele­gen­heit gegen die Anti­se­mi­ten­im­port­groß­spe­di­ti­on Mer­kel-CDU oder die Israel­boy­kot­te der Grü­nen erklärt hat.
Mei­ne eigent­li­che Skep­sis gegen­über Gau­lands im Buch zitier­ten Aus­füh­run­gen beträ­fe nicht den erwähn­ten Stolz auf die Sol­da­ten – der ist mir, ob nun bejaht oder ver­femt, schnup­pe, wobei ich die Leis­tun­gen zu wür­di­gen weiß –, son­dern sei­ne im Tages­spie­gel-Inter­view anschlie­ßen­de und für mei­ne Begrif­fe viel zu opti­mis­ti­sche Aus­sa­ge, das Drit­te Reich sei pas­sé, wir leb­ten in gefes­tig­ten Ver­hält­nis­sen, „wir sind heu­te nicht mehr Ausch­witz” son­dern „eine funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­tie”. Jeder, der die­ses online-Tage­buch ver­folgt, weiß, dass ich das völ­lig anders sehe. Ich bin der Ansicht, dass wir Zeu­gen der all­mäh­li­chen Aus­höh­lung und Demo­lie­rung die­ser Demo­kra­tie sind, wobei der Begriff wie immer mit einer gewis­sen Iro­nie aus­ge­spro­chen sei, eine Demo­kra­tie gibt es allen­falls in der Schweiz. Sagen wir also bes­ser: Die­se Kul­tur, die­se Zivi­li­sa­ti­on, die­ses Rechts­sys­tem, die­se welt­his­to­risch ein­zig­ar­ti­ge Frei­heit zu leben und zu wirt­schaf­ten, all das wird der­zeit abge­räumt. Von wel­chen Kräf­ten, ist noch halb­wegs ein­fach zu beant­wor­ten, wenn­gleich die Liga der Fein­de der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on – von der anti­ras­sis­ti­schen Lin­ken bis zu den glo­ba­lis­ti­schen Mil­li­ar­därs­so­zia­lis­ten, von den Zen­tra­lis­ten der UN bis zu den Welt­kli­ma­ret­tern und Gre­at reset-Pro­pa­gan­dis­ten, von den Ver­brei­tern des Islam bis zu den Agen­ten des chi­ne­si­schen Staats­ka­pi­ta­lis­mus  – so bizarr und unver­ein­bar ist, dass sich die neo­tri­ba­le Zukunft des Kon­ti­nents dahin­ter bereits abzeichnet.
Soll­te sich Wag­ner juni­or als Ver­tei­di­ger der west­li­chen Frei­heit acht­bar schla­gen, könn­te sein Sohn ein­mal stolz auf ihn sein.
***
Zwei Zita­te aus dem eben bespro­che­nen Buch noch.
„Wenn Gau­lands Par­tei­freund Björn Höcke das Ber­li­ner Holo­cuast-Mahn­mal gereizt als ‚Mahn­mal der Schan­de’ ver­un­glimpft, spürt man einen tie­fen Wider­wil­len gegen eine sol­che öffent­li­che Mani­fes­ta­ti­on der Selbst­an­kla­ge.” (S. 116)
„Das Lob Neil McGre­gors (lang­jäh­ri­ger Direk­tor des Bri­tish Muse­um – M.K.) von 2014, er ken­ne kein ande­res Land auf der Welt, das sich ‚monu­ments of its own shame’ in das Herz sei­ner natio­na­len Kapi­ta­le errich­te­te, wur­de kurz dar­auf von Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Moni­ka Grüt­ters in einer Rede mit nicht gerin­gem Stolz zitiert.” (S. 127)
Es ist ein Stolz, den man an sei­nen Früch­ten erken­nen und bewer­ten wird.
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Immer noch zum Vori­gen (da auch Han­nah Arendt im Buch zur Spra­che kommt).

„Sie berich­te­te von 1949, ihrem ers­ten Besuch bei Jas­pers in Basel, und wie sich sich ein­mal, zu spä­ter Stun­de, zu dem Haus­mäd­chen Erna in die Küche gesetzt habe, um zu hören, wie es ihr in den schwe­ren Jah­ren ergan­gen sei. Zu ihrer gren­zen­lo­sen Ver­blüf­fung habe die ‚treue Erna’, wie Jas­pers gern sagt, statt einer Ant­wort zu wei­nen begon­nen, und was immer sie her­aus­brach­te, sei im ‚Schüt­teln und Schluch­zen’ unter­ge­gan­gen, bis sie am Ende her­vor­ge­sto­ßen habe: ‚Ach, lie­be Frau Arendt! – Was haben wir bloß ange­rich­tet?’ Und nach eini­gen Wirr­hei­ten noch: ‚Wir sind alle schul­dig! Bit­te, ver­ge­ben Sie uns!’ (…)

‚Fräu­lein Möhr­le!’ herrsch­te ich die Arme an, ‚Sie hören augen­blick­lich mit dem Gejam­mer auf! Denn alles, was Sie sagen, ist Unfug.’ Der Pro­fes­sor habe ihr berich­tet, wie sie sich für ihn und Frau Jas­pers fast umge­bracht habe. Und aus­ge­rech­net sie rede von Schuld! ‚Das könn­te den wirk­li­chen Nazis so pas­sen!’ (…) ‚Damals brauch­te man nur einen Deut­schen tref­fen, der sich schul­dig bekann­te, und man wuß­te, daß dem nichts vor­zu­wer­fen war. Aber sooft einem irgend­wer mit dem bes­ten Gewis­sen der Welt ent­ge­gen­trat und ver­si­cher­te, all­zeit ahnungs­los gewe­sen zu sein, hat­te man es ziem­lich sicher mit einem ehe­ma­li­gen Nazi zu tun.’ ”

(Aus: Joa­chim Fest, „Begeg­nun­gen. Über nahe und fer­ne Freun­de”, S. 182 f.)

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Nazis.
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Lese­rin ***, Gerichts­dol­met­sche­rin, sen­det mir eine Art Fly­er zu, „ent­stan­den in der 15-minü­ti­gen War­te­pau­se auf den Ange­klag­ten, der nicht erschien. Aus Sub­sa­ha­ra-Afri­ka. Man erlebt das jedes zwei­te Mal, dass die­se Ange­klag­ten erst gar nicht kom­men und spä­ter auch nicht mehr auf­zu­fin­den sind. Kaum einer fährt ein. Dass es das Gefäng­nis in Schwä­bisch Hall trotz­dem schafft, zu 75% mit Aus­län­dern belegt zu sein (dort habe ich auch schon gear­bei­tet), lässt erschre­cken­de Schlüs­se zu.”

Der Text dar­auf lautet:

„Das Amts­ge­richt.
Mul­ti­kul­ti heu­te im Gerichts­saal in einer mitt­le­ren deut­schen Stadt

Dou­dou Mai­ta, oder wel­chen Ali­as sich der afri­ka­ni­sche Schwarz­fah­rer gege­ben haben mag, ord­nungs­ge­mäß gela­den, erscheint nicht. Kei­ne Entschuldigung.
Dieb­stahl, Dro­gen­ge­schäf­te, Schwarz­fah­ren, ein biss­chen Kör­per­ver­let­zung und sexu­el­le Belästigung.
Zum xten Mal. Und fast kei­ne Folgen.
Viel­leicht 20 Stun­den den städ­ti­schen Park jäten, Bewäh­rung, ein biss­chen Schel­te, das war’s!
Ja, ihr Deut­schen, die es nicht gibt!
Das Geld: fließt
Die Stu­be: geheizt
Das Essen: serviert
Die Klei­der: bezahlt
Das Fahr­rad: geschenkt
Ein paar von euch ste­hen mor­gens auf und schuf­ten, Hel­den der Arbeit!
Das macht ihr doch gerne!
Gegen alles Recht durch­ge­setz­te Nächs­ten­lie­be für Kriminelle?
Da geht noch was! Wer fragt denn euch?
Ich gra­tu­lie­re euch, Deut­sche, weit habt ihr es gebracht!
Gerichts­schrei­ber, Rich­ter, Anwalt…
spie­len ein nutz­lo­ses, ein bedeu­tungs­lo­ses Spiel.
Der Ange­klag­te fehlt.
Er spielt nicht.
Mit.
Ihr sollt lie­fern, verstanden?
Habt ihr noch immer nicht genug??”

***
Zu mei­ner in die Run­de gestell­ten Fra­ge, wie mit den Aus­sa­gen des bel­gi­schen Viro­lo­gen Geert Van­den Bos­sche umzu­ge­hen sei, der vor gro­ßen Neben­wir­kun­gen der Covid-19-Impf­stof­fe auf die Kol­lek­tiv­im­mu­ni­tät warnt (Acta vom 16. März) schreibt Leser ***, „falls auch die Ein­schät­zung eines immu­no­lo­gisch pro­mo­vier­ten Chir­ur­gen und Haus­arz­tes gefragt ist:

Die Beden­ken des bel­gi­schen Viro­lo­gen muss man zumin­dest ernst neh­men, genau­so ernst wie die Auf­fas­sun­gen ande­rer Exper­ten. In vor­läu­fig not­wen­di­ger Erman­ge­lung epi­de­mio­lo­gi­scher Stu­di­en ist die eine Exper­ten­mei­nung von ihrer Wer­tig­keit her – bei strin­gen­ter Argu­men­ta­ti­on auf wis­sen­schaft­li­cher Grund­la­ge – genau­so gut wie die ande­re, also zuge­spitzt: Van­den Bos­sche nicht grund­sätz­lich düm­mer oder schlau­er als Dros­ten. Aus­führ­lich nach­zu­le­sen sind die Argu­men­te des Bel­gi­ers hier. Was zunächst sei­ne per­sön­li­che Muta­ti­on angeht: Ich den­ke nicht, dass der Mann vom Sau­lus zum Pau­lus mutiert ist; ich den­ke eher, dass er vom Ver­fech­ter zum Skep­ti­ker mutiert ist, also qua­si vom Pau­lus zum Pila­tus, vom Gläu­bi­gen zum Exper­ten: Was ist Wahr­heit? Es ist ja das Kenn­zei­chen aller wirk­li­chen Exper­ten, am Ende ihre Hän­de in Unschuld waschen zu kön­nen, weil sie die Ent­schei­dun­gen ande­ren zuschrei­ben dür­fen. – Ende der meta-skep­ti­schen Vorbemerkung.

Rich­tig ist, dass wir es auch laut Deut­schem Ärz­te­blatt Stand Anfang März mit ‚Evo­lu­ti­on im Zeit­raf­fer’ (https://www.aerzteblatt.de/archiv/218112/SARS-CoV-2-Varianten-Evolution-im-Zeitraffer) zu tun haben, und des­halb spricht Lothar Wie­ler vom RKI auch von einem ‚Wett­lauf mit den Muta­tio­nen’. Eini­ge tau­send Muta­tio­nen ‚des’ Coro­na­vi­rus haben wir welt­weit bereits zu ver­zeich­nen, dar­un­ter min­des­tens drei Vari­ants Of Con­cern (Besorg­nis-erre­gen­de Muta­tio­nen). Besorg­nis, weil Eini­ges dafür spricht, dass Imp­fun­gen gegen die Pri­mär­va­ri­an­te bereits aktu­ell ein­ge­schränk­te Wir­kung gegen die­se Vari­an­ten besit­zen, also vor­aus­sicht­lich auch Geimpf­te erkran­ken kön­nen und irgend­wann erkran­ken wer­den. Nichts Neu­es, auch Grip­pe­impf­stof­fe müs­sen jähr­lich erneu­ert wer­den. Neu ist, dass wir der Lage also jetzt schon hin­ter­her rennen.

Van­den Bos­sches ers­tes Argu­ment ist ähn­lich, nur noch deut­li­cher evo­lu­tio­när: Was erhöh­tem Selek­ti­ons­druck aus­ge­setzt ist, mutiert sich frei. So fil­tern Schutz­maß­nah­men die anste­ckends­ten Vari­an­ten her­aus, jene also, die sich gera­de trotz Mas­ken und Distanz noch am bes­ten ver­meh­ren; Imp­fun­gen gegen die Pri­mär­va­ri­an­te las­sen die Muta­tio­nen über­le­ben. Sofern – und da begin­nen die Unsi­cher­hei­ten – kei­ne aus­rei­chen­de Kreu­zim­mu­ni­tät durch Imp­fung oder aus­ge­heil­te Erkran­kung ent­steht, wäre bei­der Schutz also zeit­lich eng begrenzt. Das immer­hin deckt sich mit den Erfah­run­gen jedes Haus­arz­tes im Hin­blick auf alle Erkäl­tungs­krank­hei­ten, denn sonst bekä­me jeder von uns bei ca. acht ende­mi­schen Stan­dard-Erre­gern in sei­nem Leben genau acht­mal einen Schnup­fen, dazu ein­mal eine ech­te Grip­pe, wäre im Klein­kind­al­ter also durch damit und wür­de nie wie­der erkran­ken. So ver­hal­ten sich respi­ra­to­ri­sche Erre­ger aber lei­der nicht. – Es ist etwas völ­lig ande­res, gegen das Gift eines im Boden lau­ern­den Teta­nus­bak­te­ri­ums zu imp­fen, das gar kei­nen evo­lu­tio­nä­ren Grund hat, wesent­lich zu mutie­ren und selbst kei­ner­lei Selek­ti­ons­druck sei­tens des Men­schen aus­ge­setzt ist, da es sich im Men­schen nicht in anste­cken­der Wei­se ver­mehrt. Hier wird viel­mehr gegen ein Gift geimpft, das sich über­haupt nicht außer­halb des Erkrank­ten ver­mehrt, und gar nicht gegen den Erre­ger selbst. Und auch mit den aus­ge­rot­te­ten Pocken ist die Situa­ti­on nicht ver­gleich­bar, weil die­se sich durch Berüh­rung über­tra­gen, dabei wenig mutie­ren – und net­ter Wei­se durch eine harm­lo­se­re Vari­an­te Kreu­zim­mu­ni­tät ent­stan­den ist. Eine luft­über­tra­ge­ne Infek­ti­on sehr vie­ler Indi­vi­du­en ist also etwas völ­lig ande­res, erzeugt mas­si­ve Muta­tio­nen in kur­zer Zeit, und es gibt, so der Bel­gi­er, kei­nen wis­sen­schaft­li­chen Grund dafür, anzu­neh­men, das Coro­na­vi­rus mache da in unse­rem Sin­ne eine gnä­di­ge, erst­ma­li­ge Ausnahme.

Van­den Bos­sches zwei­tes Argu­ment ist indi­vi­du­ell-immu­no­lo­gisch und deut­lich spe­ku­la­ti­ver als das ers­te. Er geht davon aus, dass die gerin­ge Krank­heits­last von Kin­dern und Jugend­li­chen der natür­li­chen Immu­ni­tät geschul­det ist, die gar nicht erlernt Anti­kör­per-abhän­gig ist, son­dern ange­bo­ren Zell-abhän­gig, und dass man durch Imp­fun­gen die­se natür­li­che Immu­ni­tät eher behin­dern könn­te als för­dern, da auch min­der­wer­ti­ge Anti­kör­per immer noch ‚bes­ser’ an das Coro­na­vi­rus bin­den könn­ten und damit dem Immun­sys­tem sozu­sa­gen eine Schein­lö­sung des Pro­blems vor­gau­keln wür­den, die die natür­li­che Immun­re­ak­ti­on eher blo­ckiert. Genau dies sei der Grund für die höhe­re Krank­heits­last Älte­rer, deren erlern­tes (Antikörper-)Immunsystem schon ande­re Coro­na-Viren ken­ne und sich folg­lich täusche.

Dies sei unbe­wie­sen, auch auf Zell-Ebe­ne gebe es durch Imp­fung erzeug­tes Ler­nen und Kreu­zim­mu­ni­tä­ten, wer­den ande­re Exper­ten ent­geg­nen. – Dass das für ‚das’ neue Coro­na­vi­rus zutrifft, ist aller­dings eben­falls unbewiesen.

Van­den Bos­sche merkt außer­dem noch an, dass auch der Schutz der Risi­ko­grup­pen frag­wür­dig sein kann, solan­ge man dabei Muta­tio­nen pro­vo­ziert, die die Krank­heits­last weg von den Risi­ko­grup­pen auf die Gesamt­heit verschieben.

Igno­r­abi­mus kann man dabei nicht sagen; das letz­te Wort, ob der Impfrie­se Isra­el in drei Jah­ren bes­ser daste­hen wird als der Impfzwerg Deutsch­land, wird in drei Jah­ren gespro­chen, wenn auch die Nach­zu­las­sungs­stu­di­en für die brand­neu­en Impf­stof­fe abge­schlos­sen sein wer­den. Han­deln im Unsi­che­ren ist also das Wort des Tages. Nun ist das für einen Haus­arzt kei­ne neue Erfah­rung; er oder sie muss das bei jedem neu­en ‚Fall’, nur ist die Lage bei der Behand­lung eines Indi­vi­du­ums nach Nut­zen und Scha­den von viel gerin­ge­rer Trag­wei­te als das Han­deln von Poli­ti­kern und Exper­ten an gan­zen Popu­la­tio­nen, die die­se Popu­la­tio­nen dafür auch noch moti­vie­ren müs­sen – und dabei auf Skep­sis sogar bei ande­ren Exper­ten treffen.

Nie­mand ist in die­ser Situa­ti­on zu benei­den, kein Erkrank­ter, kein Exper­te, kein Poli­ti­ker, tat­säch­lich nie­mand unter uns. Aller­dings soll­ten die Argu­men­te eines Skep­ti­kers ein hef­ti­ger Ansporn für die Wis­sen­schaft sein, die aus der Skep­sis resul­tie­ren­den Fra­gen mög­lichst schnell zu beant­wor­ten, denn auch sol­che Din­ge wie zel­lu­lä­re Immu­ni­tät kann man durch­aus tes­ten; es ist nur deut­lich auf­wän­di­ger als Anti­kör­per­stu­di­en und daher noch läs­ti­ger als das Anbie­ten einer ‚Lösung’, das von Ent­schei­dungs­trä­gern unter Zeit­druck tag­täg­lich ver­langt wird. – Allein die Anzahl Coro­na-bezo­ge­ner wis­sen­schaft­li­cher Publi­ka­tio­nen streift gera­de die Gren­ze von 90.000 – in einem Jahr. Wel­cher ‚Exper­te’ kann da hel­fen? Auch Chris­ti­an Dros­ten ist nicht zu benei­den; sein Ver­dienst­kreuz hilft ihm jeden­falls nicht mehr als der Frie­dens­no­bel­preis dies für Barack Oba­ma tat oder für die EU, und ich den­ke, er weiß das.

Denn die Sze­na­ri­en auch des ‚Main­streams’ sind ja durch­aus rea­lis­tisch; alle aero­ge­nen Pan­de­mien lie­fen in min­des­tens drei Wel­len ab, die an Hef­tig­keit zunah­men und schließ­lich auch Gesun­de, Rei­che tra­fen; ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel ist das Ehe­paar Edith und Egon Schie­le (https://das-blaettchen.de/2015/06/der-schrei-der-zeit-egon-schiele-33078.html). Und das ist lei­der der Punkt, an der es um die Evo­lu­ti­on nicht des Virus allein, son­dern um des­sen Ko-Evo­lu­ti­on mit dem Men­schen geht; das Über­le­ben der Immun­kom­pe­ten­ten spie­gelt sich im Aus­ster­ben der ande­ren. Gegen die­sen grund­sätz­li­chen Mecha­nis­mus der Evo­lu­ti­on kann die Imp­fung ein Segen sein; nur: bewie­sen ist das nicht – und allein dar­auf weist der bel­gi­sche Skep­ti­ker hin.”

***

Leser ***, Arzt in Hes­sen, schreibt zum sel­ben The­ma: „Falls ich mich imp­fen las­sen müss­te, um in Restau­rants oder Flug­zeu­ge zu gelan­gen, was selbst­ver­ständ­lich kein Zwang ist, weil ich ja schließ­lich zuhau­se essen und in Deutsch­land urlau­ben kann, wür­de ich Vero von Sino­pharm neh­men, einen chi­ne­si­scher Impf­stoff, der auf klas­si­schen Prin­zi­pi­en beruht (abge­tö­te­te Coro­na-Viren). In Ungarn und Ser­bi­en wird er ver­wen­det. Ich hof­fe, er erhält im Sied­lungs­ge­biet Deutsch­land eine Zulas­sung. Auf die Pro­ble­me der neu­ar­ti­gen Impf­stof­fe will ich nicht ein­ge­hen, da die Mate­rie wirk­lich kom­pli­ziert ist.”
Leser *** sekun­diert und emp­fiehlt „Augen auf bei der Impf­stoff­wahl. In der Tür­kei ist der Gesund­heits­mi­nis­ter Medi­zi­ner, dort wird mit dem Tot­impf­stoff von Sino­vac geimpft.”
***
Als ein mit Hel­mut Mark­worts bei Dos­to­jew­ski ent­lehn­ten Slo­gan „Fak­ten, Fak­ten, Fak­ten” in die mitt­le­ren Jah­re Gekom­me­ner sehe ich mit grim­mi­gem Wohl­ge­fal­len auf die­ses Kompositum:
Hof­fen wir, dass es mit den Imp­fun­gen ähn­lich gut läuft wie mit den Rückführungen.
Tat­säch­lich dürf­te sie ja an bei­dem gleich wenig inter­es­siert sein.
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