23. März 2021

Zeit­ge­mä­ße For­mu­lie­run­gen, x.-te Fol­ge: Er mach­te aus sei­nem Her­zen kei­ne Mörderinnengrube.

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„Die non­cha­lan­te Brä­sig­keit, mit der Pan­de­mie-Bekämp­fung des 21. Jahr­hun­derts (Imp­fen) ver­sem­melt wird, kor­re­spon­diert mit dem glü­hen­den Eifer, mit dem den Bür­gern Maß­nah­men des 14. Jahr­hun­derts oktroy­iert wer­den. Mas­si­ve kol­lek­tiv-pau­scha­le Ein­grif­fe in die Grund­rech­te von 82 Mil­lio­nen Bür­gern als ‚Ruhe­ta­ge’ zu bezeich­nen, ist ein neu­er Gip­fel des zyni­schen Framings.”
(Leser ***)

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Das fünf­te Kapi­tel sei­nes Buchs „The Fall of Rome” (Oxford 2005) beginnt der His­to­ri­ker Bryan Ward-Per­kins mit fol­gen­der Betrachtung:

„It is cur­r­ent­ly deeply unfa­shion­ab­le to sta­te that anything like a ‚cri­sis’ oder a ‚decli­ne’ occour­red at the end of the Roman empi­re, let alo­ne that a ‚civi­li­sa­ti­on’ col­lap­sed and a ‚dark age’ ensued. The new ortho­do­xy is that the Roman world, in both East and West, was slow­ly, and essen­ti­al­ly pain­less­ly, ‚trans­for­med’ into a medi­eval form. Howe­ver, the­re is a insu­pera­ble pro­blem with this new view: it does not fit the mass of archaeo­lo­gi­cal evi­dence now avail­ab­le, which shows a start­ling decli­ne in wes­tern stan­dards of living during the fifth to seventh cen­tu­ries. This was a chan­ge that affec­ted ever­yo­ne, from peas­ants to kings, even the bodies of saints res­ting in their church­es. It was no mere trans­for­ma­ti­on – it was a decli­ne on a sca­le that can rea­son­ab­ly be descri­bed a ‚the end of a civilisation’.”

(„Es ist zur Zeit völ­lig aus der Mode gekom­men zu erklä­ren, am Ende des Römi­schen Rei­ches habe eine ‚Kri­se’ oder ein ‚Ver­fall’ statt­ge­fun­den, geschwei­ge denn eine ‚Zivi­li­sa­ti­on’ sei kol­la­biert und ein ‚dunk­les Zeit­al­ter’ ange­bro­chen. Gemäß der neue Ortho­do­xie hat sich die römi­sche Welt, sowohl im Wes­ten als auch im Osten, all­mäh­lich und im Wesent­li­chen schmerz­los in ihre mit­tel­al­ter­li­che Form ‚trans­for­miert’. Aller­dings steht die­se neue Sicht­wei­se vor einem unüber­wind­li­chen Pro­blem: Sie passt nicht zu der Mas­se der heu­te ver­füg­ba­ren archäo­lo­gi­schen Bewei­se, die einen erschre­cken­den Nie­der­gang des Lebens­stan­dards vom fünf­ten bis zum sie­ben­ten Jahr­hun­dert zei­gen. Es war ein Wan­del, der jeden betraf, vom Bau­ern bis zum König, sogar die in ihren Kir­chen ruhen­den Kör­per der Hei­li­gen. Es war kei­nes­wegs nur eine Trans­for­ma­ti­on – es war ein Ver­fall sol­chen Aus­ma­ßes, dass er als das Ende einer Zivi­li­sa­ti­on beschrie­ben wer­den kann.”)

War­um heu­te das „Nar­ra­tiv” der mehr oder weni­ger sanf­ten „Trans­for­ma­ti­on” obli­ga­to­risch gewor­den ist, bedarf ange­sichts der ins Haus ste­hen­den gro­ßen „Trans­for­ma­tio­nen”, „Neu­starts” und „mul­ti­kul­tu­rel­len” Ver­wand­lun­gen kei­ner wei­te­ren Erklä­rung; aus dem­sel­ben Grun­de ver­su­chen uns His­to­ri­ker inzwi­schen weis­zu­ma­chen, es habe damals in Erman­ge­lung von Völ­kern gar kei­ne Völ­ker­wan­de­rung statt­ge­fun­den, viel­mehr habe sich Rom bloß gewan­delt, nach­dem man am Tiber ein­ge­se­hen hat­te, wozu man sich andert­halb­tau­send Jah­re spä­ter an der Spree end­lich durch­rang, näm­lich dass Abschot­tung nicht funk­tio­niert und Men­schen eben mobil sind.

Das in Rede ste­hen­de Kapi­tel hat Ward-Per­kins über­schrie­ben mit „The disap­pearan­ce of com­fort”. An einer ähn­li­chen Kapi­tel­über­schrift dürf­te auch der ost­asia­ti­sche His­to­ri­ker nicht vor­bei­kom­men, der eines Tages das Stan­dard­werk „The Fall of Wes­tern Euro­pe” ver­fas­sen wird. Das unstill­ba­re Inter­es­se an der Völ­ker­wan­de­rung und dem Unter­gang der Mut­ter aller Zivi­li­sa­tio­nen hängt ja mit unse­rer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on zusam­men: Der eins­ti­ge Nabel der Welt, waf­fen­star­rend, dyna­misch, expan­siv, wis­sen­schaft­lich und kul­tu­rell vor­bild­haft, die Wie­ge der Tech­nik und des Kom­forts, ist deka­dent gewor­den, kul­tu­rell impo­tent, ver­tei­di­gungs­un­fä­hig, über­al­tert, herr­schafts­un­lus­tig, sturm­reif. Und die Bar­ba­ren ste­hen bereit; die neu­en Chris­ten auch. Hät­ten um die Wen­de vom vier­ten zum fünf­ten Jahr­hun­dert bereits Grü­ne und Lin­ke im Römi­schen Senat geses­sen, die hät­ten gesagt: Der Gote, der Sue­be und der Ala­ne, let alo­ne the Hun, haben das­sel­be Recht dar­auf, in Rom zu leben wie die­je­ni­gen, die schon län­ger hier Römer sind. Sie müs­sen intra muros ange­sie­delt wer­den und das römi­sche Bür­ger­recht erhal­ten. Pan­no­ni­en und Nori­cum sind kei­ne siche­ren Her­kunfts­län­der mehr! Man muss die vor dem rau­hen Kli­ma Geflüch­te­ten mit Quo­ten för­dern, damit sie in der römi­schen Ver­wal­tung reprä­sen­ta­tiv abge­bil­det sind. Man muss ihre Dis­kri­mie­rung durch dün­kel­haf­te Alt­ein­ge­ses­se­ne unter Stra­fe stel­len. Van­da­len sind nicht gewalt­tä­ti­ger als Röm­lin­ge! Wir for­dern sepa­ra­te Ther­men­ta­ge für Langobard*innen!

Nun haben die Grü­nen ihr Pro­gramm für die Bun­des­tags­wahl vor­ge­legt. Es ist ein erstaun­li­ches Doku­ment des nach Macht gie­ren­den Zynis­mus im Gewan­de sozi­al­re­li­giö­ser Sinn­stif­tung. Man könn­te die­ses Pro­gramm als den Schluss­tein über dem Tor eines geis­ti­gen Gefäng­nis­ses namens Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bezeich­nen, des­sen Errich­tung die 68er nach den Bau­plä­nen der Frank­fur­ter Schu­le in Angriff nah­men (es ist noch grö­ßer und bes­ser gewor­den, als die Archi­tek­ten ahn­ten). Die Her­auf­kunft einer neu­en Sozi­al­re­li­gi­on samt ihrer Pries­ter, Exege­ten und Ver­kün­der hat­te der gro­ße deut­sche Sozio­lo­ge Hel­mut Schelsky anno 1975 in sei­nem Buch „Die Arbeit tun die ande­ren” eher dia­gnos­ti­ziert als vor­her­ge­sagt, wel­ches ich gera­de lese, um mein Vor­ur­teil zu näh­ren, dass sach­lich vor­ge­tra­ge­ne zutref­fen­de War­nun­gen wahr­schein­lich wert­lo­ser sind als gekreisch­te fal­sche. Es han­delt sich um eine „Herr­schaft durch Sinn­ge­bung” (Schelsky) oder auch „Heils­herr­schaft”, die durch „Theo­lo­gi­sie­rung des Den­kens” und „Glau­bens­pro­pa­gan­da” – Mise­ra­bi­li­sie­rung der Gegen­wart bei Ver­hei­ßung des Geret­tet­wer­dens durch künf­ti­ges Wohl­ver­hal­ten – durch­ge­setzt werde.

Not­wen­di­ger­wei­se tritt die­se Form der Macht­aus­übung als „psy­chi­scher Zwang” auf: Wenn du kein Ras­sist, kein Kli­ma­sün­der, kein Sexist sein willst, musst du Tri­but zah­len oder die Rich­ti­gen wäh­len oder die Fal­schen ver­fol­gen – oder am bes­ten alles zusam­men. Lan­ge Zeit voll­zog sich die­se Ein­fluss­nah­me auf die Gesell­schaft indi­rekt, über Medi­en, Uni­ver­si­tä­ten, Kir­chen, die Kul­tur­sze­ne; nun, eine Genera­ti­on spä­ter, ist der Sieg der neu­en Reli­gi­on nahe­zu total, was sich allein an den täg­lich mul­ti­me­di­al ver­brei­te­ten Steck­brie­fen über­führ­ter Ket­zer able­sen lässt. Dass die links­grü­ne Pries­ter- und Sinn­stift­erkas­te direkt nach der poli­ti­schen Macht greift, ist der logi­sche letz­te Schritt. Als ulti­ma­ti­ven Hebel, um die bür­ger­li­che Gesell­schaft zu besei­ti­gen, hat sie jetzt „die Kli­ma­kri­se als wah­re Mensch­heits­kri­se” in die Prä­am­bel des grü­nen Wahl­pro­gramms inte­griert, und wir sind gehal­ten zu glau­ben, dass uns Anna­le­na und Robert gemein­sam mit Clau­dia, Kat­rin, Cem und Anton in einen „Auf­schwung” füh­ren, „der über das rein Öko­no­mi­sche hin­aus­geht”; der­glei­chen Auf­schwün­ge und ‑brü­che ken­ne ich aus dem unter­gan­ge­nen Zukunfts­land, aus dem ich komme.

Falls jemand Schwie­rig­kei­ten mit der Cha­rak­te­ri­sie­rung „zynisch” hat, rücke ich einen Pas­sus ein (S. 84):

Eigent­lich soll­te jeder Deut­sche, spe­zi­ell jeder zeit­ge­schicht­lich und pro­pa­gan­da­sprach­lich Inter­es­sier­te die­ses Pro­gramm lesen. Jede Kapi­tel­über­schrift beginnt mit einem „Wir”, der poli­ti­schen Gei­sel­neh­mer­vo­ka­bel Num­mer eins, sobald sie dem Mun­de eines Lin­ken ent­schlüpft, gefolgt von einem posi­tiv besetz­ten Verb – „Wir schaf­fen, wir för­dern, wir schüt­zen, wir sor­gen, wir stär­ken, wir ver­bes­sern, wir finan­zie­ren, wir gara­tie­ren, wir haus­hal­ten” –, an wel­ches sich ein Euphe­mis­mus schließt, der die Bevormundungs‑, Enteignungs‑, Abschaf­fungs- und Umver­tei­lungs­plä­ne die­ser Spitz­bu­ben­trup­pe the­men­spe­zi­fisch schönfärbt.

„Für das, was die Grü­nen schick ‚Gemein­wohl’ nen­nen, exis­tiert ein alter Name: Kom­mu­nis­mus. Die freie Markt­wirt­schaft wird schritt­wei­se abge­schafft, denn das Ziel der Grü­nen besteht in einer ’sozi­al-öko­lo­gi­schen Neu­be­grün­dung unse­rer Markt­wirt­schaft’. Es geht ihnen dar­um, alles zu regeln und für alle ‚Men­schen’ zu bestim­men, was das bes­te für die neu­en Gemein­wohl­un­ter­ta­nen ist”, schreibt Klaus-Rüdi­ger Mai, der bei TE eine gute Zusam­men­fas­sung des Grü­nen-Pro­gramms ver­öf­fent­licht hat – wes­halb ich es mir hier spa­ren kann. Die Grü­nen wol­len, dass Deutsch­land als Natio­nal­staat und Wirt­schafts­stand­ort ver­schwin­det, der Bun­des­tag ein Kom­mu­nal­par­la­ment wird, der Wohn­raum soll teil­ver­staat­licht und die Innen­städ­te sol­len mög­lichst auto­frei wer­den, die wei­ßen männ­li­chen Her­kunfts­deut­schen zu einer Art Helo­ten­be­stand absin­ken, der nicht nur die Kli­ma­kir­chenk­le­ri­ker und ihre ‚zivil­ge­sell­schaft­li­che’ Cote­rie, son­dern auch die durch Quo­ten, umfas­sen­de Zen­sur, staat­lich bestall­te Auf­pas­ser und eine dis­kri­mi­nie­ren­de Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz­ge­bung geför­der­ten „Geflüch­te­ten” zu ver­sor­gen hat, wäh­rend sich das Welt­kli­ma erholt. Außer Steu­rer­hö­hun­gen, Neu­ver­schul­dung und der Schaf­fung immer neue Gre­mi­en, Behör­den und Kom­mi­tees haben die­se Edlen kei­ne Ideen, wie sich die gan­ze Choo­se bewerk­stel­li­gen las­sen und wer sie bezah­len soll.

Nur zwei Ergän­zun­gen zu den Aus­füh­run­gen von Kame­rad Mai (er kann ja unmög­lich jedes Detail wiedergeben).

Zum einen wol­len die Grü­nen das Wahl­al­ter auf 16 Jah­re sen­ken, obwohl bei der Beob­ach­tung ihres Per­so­nals eher eine Anhe­bung auf min­des­tens 30 Jah­re gebo­ten schie­ne. Den Umkehr­schluss zie­hen sie, wie ande­re lin­ke Vor­gän­ger, selbst­ver­ständ­lich nicht. Aber Rech­te sind nicht zu haben ohne Pflichten.

Und auf Sei­te 49 brin­gen sie eine Update der Reichs­flucht­steu­er in Vorschlag:

„Jedes Jahr ver­lie­ren die Steuerzahler*innen hohe Mil­li­ar­den­be­trä­ge durch Steu­er­hin­ter­zie­hung und aggres­si­ve Steu­er­ver­mei­dung. Wir wol­len mit einer umfas­sen­den Stra­te­gie dage­gen vor­ge­hen. Die euro­päi­sche Anzei­ge­pflicht für Steu­er­ge­stal­tun­gen muss um eine Ver­pflich­tung für rein natio­na­le Gestal­tun­gen ergänzt wer­den. Zusätz­lich zur bestehen­den Steu­er­pflicht nach dem Wohn­sitz wird eine Steu­er­pflicht auch nach der Natio­na­li­tät ein­ge­führt, um rein steu­er­lich moti­vier­te Wohn­sitz­wech­sel zu verhindern.”

Das ein­zi­ge Natio­na­le, das in die­sem Pro­gramm übrig­bleibt, ist natio­nal-sozia­lis­tisch. Was dar­in nicht vor­kommt, sind die büger­li­chen Frei­hei­ten, also die Frei­heit der Mei­nung, des Eigen­tums und des Wirt­schaf­tens, und folg­lich ist in die­sem kol­lek­ti­vis­ti­schen Heils­leit­fa­den auch kein Platz für das Indi­vi­du­um und des­sen unver­äu­ßer­li­che Rech­te. Rech­te gibt es nur für Grup­pen, sofern sie grü­nen Zie­len dien­lich erscheinen.

„Ein Frei­heits­be­griff wie der des moder­nen Rechts­staa­tes und der plu­ra­lis­ti­schen Insti­tu­tio­nen, der die Frei­heit des Men­schen gera­de dar­in aner­kennt, daß die­ser nie­mals mehr als ‚gan­zer Mensch’ für Staats- und Gesell­schafts­zwe­cke in Anspruch genom­men wer­den darf, ist der strik­te Gegen­satz zu jeder Art von Heils­ver­ge­mein­schaf­tung” (letzt­mals Schelsky). Und des­we­gen ist die­ses durch­aus ver­fas­sungs­feind­li­che Pro­gramm gegen den moder­nen Rechts­staat und die plu­ra­list­si­chen Insti­tu­tio­nen gedacht und for­mu­liert worden.

PS: „Was sich mir bei Lek­tü­re Ihrer Aus­füh­run­gen zu den For­de­run­gen der Grü­nen auf dem Gebiet des Steu­er­rechts – Steu­er­pflicht nach Natio­na­li­tät – auf­drängt, ist das Ver­lan­gen, Sie dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Bezeich­nung die­ses Vor­ha­bens als ’natio­nal-sozia­lis­tisch’ grob dane­ben liegt. Falls Sie es nicht wis­sen: so ein Gesetz gibt es schon. Und zwar in den USA. Welt­weit fast ein­zig­ar­tig, nur in Eri­trea gilt Ähn­li­ches. Seit 1861 (!) ist jeder im Aus­land leben­de Bür­ger der USA gesetz­lich ver­pflich­tet, in den USA eine Steu­er­erklä­rung abzu­ge­ben und sein Ein­kom­men – egal wo es erzielt wur­de – in den USA (unter Berück­sich­ti­gung evtl. Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kom­men) zu ver­steu­ern. Und das wird auch rigo­ros durch­ge­setzt. Selbst Schwei­zer Ban­ken haben dem Druck der USA nach­ge­ge­ben und mel­den, wie hier nach­zu­le­sen steht, den US-Behör­den die Ein­la­gen ihrer ame­ri­ka­ni­schen Kun­den, Bank­ge­heim­nis hin oder her.

Im Aus­land leben­de US-Bür­ger, die ihren Steu­er­pflich­ten nicht nach­kom­men, sind gut bera­ten, sich in ihrem Hei­mat­land nicht mehr bli­cken zu las­sen, denn die dor­ti­ge Straf­jus­tiz ver­steht in Sachen Steu­er­hin­ter­zie­hung ganz und gar kei­nen Spass. Das wis­sen vor allem die Tau­sen­de US-Bür­ger, die, eben wegen der strik­ten Steu­er­pflicht ihre Staats­bür­ger­schat ‚frei­wil­lig’  auf­ge­ben. Sind die USA im Jahr 1861 etwa sozia­lis­tisch oder gar natio­nal-sozia­lis­tisch geworden?
Bei allem Wider­wil­len gegen das grü­ne Gut­men­schen­pack fin­de ich die Idee mit der Steu­er­pflicht nach Natio­na­li­tät im Grund­satz gut. Wer die Vor­tei­le einer Staats­bür­ger­schaft in Anspruch neh­men will, soll­te auch die ver­damm­te Pflicht haben, sei­nen Teil zur Finan­zie­rung eben­die­ses Staa­tes bei­zu­tra­gen. Dass das grü­ne Gesin­del die Steu­er­gel­der mil­li­ar­den­wei­se für den irr­sin­nigs­ten Koko­lo­res zum Fens­ter hin­aus wer­fen wird, steht auf einem ande­ren Blatt.”
(Leser ***)

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Hin und wie­der schrei­ben mir wohl­mei­nen­de Zeit­ge­nos­sen und kri­ti­sie­ren mei­ne Wort­wahl. Etwa dass ich, wie eben, die Grü­nen eine Spitz­bu­ben­trup­pe nen­ne. Damit gäbe ich mir Blö­ßen im Sin­ne von Angriffsflächen.

Nun, zum einen sind die Grü­nen eine Spitz­bü­bin­nen und ‑buben­par­tei, weit gefin­kel­ter und ver­fas­sungs­feind­li­cher, als es die Schwe­fel­par­tei je sein könn­te. Zum ande­ren drü­cke ich mich ver­gleichs­wei­se mode­rat aus.

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Neger. Zigeu­ner. Eski­mo. India­ner. Schur­ke. Nazi.

Es müs­se näm­lich hei­ßen: „Ich woll­te Häupt­ling in einem Stamm der ame­ri­ka­ni­schen Urein­woh­ner oder indi­ge­nen Völ­ker Nord­ame­ri­kas wer­den.” (Wobei eine Squaw dort nicht Häupt­ling gewor­den wäre.)

Es heißt des­wei­te­ren, dass Kin­der heu­te Cow­girl und indi­ge­ner Urein­woh­ner zu spie­len haben, natür­lich ohne sich zu ver­klei­den, denn das wäre Iden­ti­täts­raub bzw. kul­tu­rel­le Anei­gung (vul­go: cul­tu­ral appro­pria­ti­on). Und da jeder Tota­li­ta­ris­mus auf die Kor­rek­tur der Ver­gan­gen­heit zielt, gel­ten die­se Begrif­fe auch retrospektiv.

Ich habe als Kind India­ner gespielt, sowohl in Ver­klei­dung – zu mei­nem sechs­ten Geburts­tag bekam ich ein Tipi, Feder­schmuck und einen Plas­tik-Toma­hawk geschenkt – als auch mit Hart­gum­mi­fi­gu­ren. Die­sen Figu­ren gab ich selbst­ver­ständ­lich Namen, und im Gegen­satz zu den heu­ti­gen Anti­ras­sis­ten kann­te ich sogar wel­che, denn ich ver­kehr­te noch gewis­ser­ma­ßen pri­vatim mit Tas­hunka wit­ko und Ite-o-maga­zu. Ich konn­te zwi­schen Huro­nen und Dela­waren, zwi­schen Hunk­pa­pa und Ogla­la unter­schei­den, ich wuss­te, wer Tecum­seh, Red Cloud und Geroni­mo waren, was bei Tip­pe­ca­noe geschah und wer Tatan­ka Yotan­ka erschos­sen hat.

In der DDR herrsch­te ja ein his­to­risch schwer halt­ba­res und über die Maßen posi­ti­ves India­ner­bild, vor allem durch die DEFA-Fil­me mit Goj­ko Mitic als Super­held, die soge­nann­ten Rot­häu­te wur­den uns als die ide­al­ty­pi­schen rous­se­au­schen edlen Wil­den ver­kauft, die sich so ehren­wert wie ver­geb­lich gegen bru­ta­le gold­gie­ri­ge und land­räu­be­ri­sche „wei­ße Wöl­fe” (so lau­te­te der Titel eines Spiel­films) zur Wehr setz­ten. Auch in die­sem Fal­le kom­me ich wohl aus der Zukunft.

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Apro­pos: „Ein klas­si­scher Fall von cul­tu­ral appro­pria­ti­on liegt vor, wenn ein Ara­ber ein Hän­di benutzt.”
(Alex­an­der Wendt)

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(Netz­fund)

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Bezug­neh­mend auf die Zuschrift eines Arz­tes (Acta vom 20. März) schreibt Leser *** (und ich ent­hal­te mich als Laie auch hier jedes Kommentars):

„Als wis­sen­schaft­lich täti­ger Arzt und kli­nisch prak­ti­zie­ren­der Immu­no­lo­ge erlau­ben Sie mir eben­falls einen kur­zen Kom­men­tar zum besorg­nis­er­re­gen­den Auf­ruf des bel­gi­schen Viro­lo­gen Geert von­den Bos­sche. Den Kom­men­tar eines chir­ur­gi­schen und haus­ärzt­lich täti­gen Kol­le­gen, der gleich zu Beginn auf einen Link des deut­schen Ärz­te­blatt ver­weist, möch­te ich ergän­zen und ihm zum Teil wie­der­spre­chen. In die­sem Link wird gleich zu Beginn der Ursprung des Coro­na­vi­rus als Zoo­no­se (von der Fle­der­maus auf den Men­schen gesprun­gen) behaup­tet. Die­se The­se wird aller­dings von vie­len Wis­sen­schaft­lern vehe­ment bestrit­ten, wie zum Bei­spiel hier. Der Ham­bur­ger Wis­sen­schaft­ler ist hier­mit nicht allei­ne; eini­ge chi­ne­si­sche Wis­sen­schaft­ler, die aus Sor­ge vor Ver­fol­gung das Land ver­las­sen haben und in die USA emi­grier­ten, haben die­se The­se eben­falls publiziert.
Mei­ne Ergän­zung: Was Dr. Bos­sche klar her­aus­ar­bei­tet, ist, dass die Kom­bi­na­ti­on einer Imp­fung gegen spe­zi­fi­schen Spike Vari­an­ten des SARS-Cov‑2 kom­bi­niert mit einem man­geln­den Trai­ning unse­res Immun­sys­tems durch mas­si­ve welt­wei­te Kon­takt­ver­bo­te zu einer dau­ern­den Schwä­chung unse­res ange­bo­re­nen Immun­sys­tems führt! Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch war es aber immer die soge­nann­te Her­den-Immu­ni­tät, die jede Virus-Pan­de­mie der Welt letzt­end­lich kon­trol­lier­te. Die­se Her­den-Immu­ni­tät wird durch die Imp­fung und die Maß­nah­men verhindert!
Bos­sche pro­phe­zeit jetzt bereits kata­stro­pha­le Erhö­hun­gen der Mor­bi­di­tät und Mor­ta­li­tät (Krank­heits- und Todes­ra­ten). Die­se Ent­wick­lung scheint sich bereits in den Län­dern, in denen jetzt bereits mas­siv geimpft wird, in den frü­hen Sta­di­en abzu­zeich­nen: und zwar genau so wie Bos­sche es vor­her­sagt: nun bei den Men­schen mitt­le­ren und jün­ge­ren Alters!  Es steht zu befürch­ten dass Bos­sche Recht hat.
Sofor­ti­ger Stopp der Mas­sen­imp­fung und sofor­ti­ge Auf­he­bung des Lock­downs sei die ers­te Kon­se­quenz. Geziel­te Mass­nah­men zur Stär­kung des ange­bo­re­nen Immun­sys­tems die zwei­te, so Bos­sche. Die WHO und Gemein­schaft der Wis­sen­schaft­ler soll­ten sich zumin­des­tens einem wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs stellen.”
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Zu mei­nen Aus­füh­run­gen über die deut­sche „Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung” am sel­ben Tag bemerkt Leser *** unter ande­rem dies:

„Die Nazis und ihre Mit­läu­fer wie­sen, zu urtei­len auch nach mei­ner per­sön­li­chen Erfah­rung mit eini­gen von ihnen in spä­te­ren Deka­den sowie Inau­gen­sch­ein­nah­me unzäh­li­ger ver­füg­ba­rer Zeug­nis­se ohne die gereich­ten Zeit­geist­fil­ter, weit­aus weni­ger von dem auf, was Sie mit ‚Nazi­men­ta­li­tät’, als Aus­druck heu­ti­ger See­len­ver­for­mung, unse­ren Stäm­men jedoch als Grund­ei­gen­schaft, zuschreiben.

In der Tat trug sich zu jener Zeit frag­los auch der umfäng­lich beschrie­be­ne Reinheits‑, Denun­zia­ti­ons- und Durch­hal­te­wahn zu. Und natür­lich ist auch der gemei­ne Krumm­ger­ma­ne nicht frei vom Bedürf­nis der Unsi­cher­heits­be­wäl­ti­gung, zuerst durch das Ver­ge­wis­sern von Zuge­hö­rig­keit, erst viel spä­ter – wenn der Punkt über­haupt erreicht wird – durch die Pfle­ge des Zwei­fels und Her­aus­tre­tens. Doch mehr grund­prä­gen­de Gemein­sam­keit unse­rer Alt­vor­de­ren mit den heu­te Zuge­rich­te­ten sehe ich nicht, und eben­je­ne sind aber nicht eth­no­kul­tu­rell spe­zi­fisch, wofür es Nach­wei­se zuhauf gibt.

Denn es ist ja die Fra­ge, anhand wel­cher Pri­mär­tu­gen­den man sei­ne Zurich­tungs­er­ge­ben­heit an den Tag legt, inso­fern ist es von gera­de­zu unklo­n­ovs­ky­haf­ter Ehr­ab­schnei­dung, die Lebens­in­ter­pre­ta­ti­on der Heu­ti­gen allein in einem deutsch­spe­zi­fi­schen Tümeln ver­ur­sacht zu sehen, das in glei­cher und aus­schließ­li­cher Wei­se die Genera­ti­on unse­rer Groß­vä­ter getrie­ben hät­te, so als ob es von teu­to­ni­scher Einer­lei wäre, was gege­ben wird, solan­ge es nur mit Hal­tung geschieht.

Mei­ne Hypo­the­se hin­ge­gen: Deut­sche aller Zei­ten waren und sind nicht irrer als ande­re, damit waren es auch die Nazis und sind es die Heu­ti­gen nicht. Heu­te ist ledig­lich schlech­ter Cha­rak­ter zum Herr­schafts­vor­bild gewor­den und die Ver­blie­be­nen wider­ste­hen dem nicht in genü­gen­dem Maße, wobei das Aus­maß der Vor­bilds­ver­mitt­lung sin­gu­lä­re Grö­ßen­ord­nung auf­weist, die auf einen inten­siv geschwäch­ten, aber nicht grund­sätz­lich ver­ach­tens­wer­ten Volks­cha­rak­ter trifft.

Irr­sinn und die Herr­schaft der geis­ti­gen Quet­schung sind eine Fra­ge des Gesin­nungs­dru­ckes, der sich jedoch aus der Lage ergibt. Die Unter­schied­lich­keit der Lage damals zu heu­te will ich unbe­rührt las­sen, für die Fra­ge des inter­epo­cha­len Volks­cha­rak­ter­ver­gleichs ist aus mei­ner Sicht aber nicht das glo­bal evi­den­te, eben je nach Lage mehr oder weni­ger aus­ge­schöpf­te Hygie­nef­im­mel­po­ten­zi­al in mensch­li­chen Grup­pen aus­schlag­ge­bend, son­dern die am Kri­te­ri­um des Mutes zu prü­fen­de Ver­in­ner­li­chung der Wir­k­rich­tung gül­ti­ger Ori­en­tie­rungs­vek­to­ren in der dar­ge­brach­ten Herr­schafts­er­zäh­lung. Die Nazis, unter ihnen wie stets und über­all die hier­ar­chisch geglie­der­te Sta­fet­te von Alphas, Pries­tern, Ket­ten­hun­den, Mit­läu­fern und zu sel­te­nen Quer­den­kern, bedien­ten sich in ihrer Erzäh­lung, ja, nicht nur, aber vor allem und zuerst, sol­cher Ori­en­tie­run­gen, die sich im Ein­klang mit dem mensch­li­chen Daseins­wil­len und der unmit­tel­ba­ren Lebens­er­fah­rung befan­den. Nicht, dass dies nicht dif­fe­ren­zier­ter hät­te aus­er­zählt wer­den kön­nen, aber unterm Strich war es nichts, was nicht schon immer dage­we­sen wäre und andern­orts noch ist.

Kurz­ge­fasst: Der Nazi hub an unter gro­ßer, min­des­tens über­wie­gend so emp­fun­de­ner wenn nicht gar, wofür eini­ges spricht, tat­säch­li­cher kör­per­li­cher Bedro­hung für sich und sein Volk. Zumin­dest am Anfang brauch­te es dafür Mut und selbst­lo­sen Ein­satz für etwas, was nicht von allen mit Schlag­kraft Aus­ge­stat­te­ten und vor allem nicht von den dama­li­gen Welt­mäch­ten als för­de­rungs­wür­dig ange­se­hen wur­de: die deut­sche Nati­on. Um die­ses damals welt­weit als erha­ben und gül­tig erach­te­te Vek­tor­feld der Nati­on, das auch heu­te noch in sei­ner Gedeih­lich­keit nicht wider­legt ist, rank­te sich alles Wei­te­re im Guten wie im Schlech­ten auf allen Sei­ten, gera­de auch im ‚gro­ßen vater­län­di­schen Krieg’. Man mag heu­te über den Hit­ler­jun­gen Quex sei­ne Späß­chen machen und ihn in sei­ner nai­ven Milch­bu­bi­haf­tig­keit und Obrig­keits­hö­rig­keit mit dem heu­ti­gen Reich(s)weitengesindel ver­glei­chen – dies hinkt jedoch gewal­tig, weil der Hit­ler­jun­ge, obschon er viel­leicht anfäng­lich kei­ne kon­kre­te Vor­stel­lung vom Grau­en haben konn­te, doch aber immer­hin wuss­te, dass er sei­ne Exis­tenz in die Waag­scha­le zu wer­fen auf­ge­ru­fen war, wäh­rend ‚Ver­ach­tung’ noch Aus­druck von Ver­nied­li­chung dafür ist, was man gegen­über Men­schen nur emp­fin­den kann, die ande­re Exis­ten­zen in die Waag­scha­le werfen.”

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