Die Sonntage immer …!

„Ohne poe­ti­sche For­men, ohne die geho­be­ne Spra­che der Dich­tung ist kein Volk; sie ist so alt wie Musik und Tanz und wie das Orna­ment, der Schmuck der Waf­fen und des bes­se­ren Haus­rats”, schreibt Edu­ard Mey­er in sei­ner „Geschich­te des Alter­tums” (Bd. 3, S. 350). „Die gewöhn­li­che Rede fließt unge­ord­net und kunst­los dahin, wie der Gang des Men­schen. Aber in allen geho­be­nen Momen­ten, in Freu­de und Schmerz, bei der Anru­fung der Göt­ter und bei Fes­ten und Gela­gen ord­nen sich Schritt und Bewe­gung des Kör­pers zu kunst­vol­len takt­mä­ßi­gen Bewe­gun­gen, ord­nen sich die Wor­te zu gleich­mä­ßi­gen Sät­zen oder Satz­tei­len; die Rede wird zum Gesang, den Rhyth­mus bezeich­net und beglei­tet die Musik. Wor­te, Dicht­form, Musik, Bewe­gung (Tanz) sind mit Vor­be­dacht gewählt als der mög­lichst voll­kom­me­ne Aus­druck der Situa­ti­on und der durch sie gege­be­nen Gedan­ken. Sie pflan­zen sich fort von Genera­ti­on zu Generation.”

Als ich die­se Wor­te vor Jah­ren zum ers­ten Male las, wäre ich nie auf den Gedan­ken gekom­men, in eine Epo­che hin­ein­ge­bo­ren wor­den zu sein, in wel­cher die Geschich­te der Völ­ker enden soll oder enden wird, um jener der soge­nann­ten Mensch­heit Platz zu machen. Wird es dann, jen­seits von Pop und Kom­merz, auch „Mensch­heits­mu­sik” geben? Wie wird sie klin­gen? Wird in ihr die tie­fe schmerz­lich­sü­ße Melan­cho­lie über­le­ben, die jeder aus dem Vol­ke kom­men­den Musik inne­wohnt, egal aus wel­chem Teil der Welt sie stammt?

Die­se Fra­ge ging mir durch den Kopf, als sich ges­tern in klei­ner Run­de eine Arme­nie­rin erhob und, gleich­sam als Gegen­ga­be zum Kla­vier­spiel der Gast­ge­be­rin, mit geüb­ter Stim­me ein Lied aus ihrer Hei­mat sang, musi­ka­lisch näher am Ori­ent als am Wes­ten (die arme­ni­sche Musik fußt nicht auf dem euro­päi­schen tona­len Sys­tem), aber wie alle Volks­mu­sik jedem Hörer sofort ver­ständ­lich. Natür­lich war es trau­rig, denn der Mensch ist sterb­lich. Natür­lich war es groß­ar­tig, denn das Leben ist schön.

Der Zufall woll­te es, dass mir Leser *** zur sel­ben Stun­de ein Video mit der Auf­nah­me eines Volks­lie­des zuschick­te, das musi­ka­lisch von Arme­ni­en noch Nor­den führt, in die eura­si­sche Step­pe, mit der Bemer­kung: „Ich hof­fe es trifft Ihren Geschmack, aber ein wah­rer Musik­lieb­ha­ber liebt ja über die Gen­res hinweg.”

„Ах ты, степь широкая”, das heißt „Ach du wei­te Step­pe”, durch die­se Land­schaft fließt die Wol­ga, und über ihr kreist der Adler, mehr muss man zum Text nicht wissen.

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