19. April 2021, Vorabend des Geburtstages von … *

Was unter­schei­det den „Any­whe­re” vom „Some­whe­re”? Zum Bei­spiel, dass für ihn kei­ne Ver­bin­dung zwi­schen Grab und Hei­mat mehr besteht, ja nicht ein­mal der Wunsch nach einem Grab.

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* … Mari­et­ta Slom­ka! Applaus, Applaus! (Ich hat­te den Scherz schon ver­gan­ge­nes Jahr gemacht; es wird kein run­ning gag.)

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Ein Leser hat mir vor Zei­ten ein­mal geschrie­ben, er sei sich recht sicher, dass im Früh­jahr 1945 unter den Ange­hö­ri­gen der deut­schen Funk­ti­ons­eli­ten, Intel­lek­tu­el­len, Jour­na­lis­ten, Künst­lern usf. der End­sieg­glau­be ver­brei­te­ter war als unter der soge­nann­ten ein­fa­chen Bevölkerung.

Dar­an muss ich bei mei­nen gele­gent­li­chen Streif­zü­gen durch die Echo­kam­mer der Twit­te­rer denken.

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Das Leben ist kein Pony­hof, gera­de in den Zei­ten immer neu anbran­den­der Mutan­ten­wel­len nicht, auch wenn die bri­ti­sche B 1.1.7. schwä­chelt, wie man es von einem Bre­x­i­ti­an mit Fest­land­sam­bi­tio­nen ja erwar­ten konn­te. Das Wis­sen­schafts­ma­ga­zin The Lan­cet hat eine Stu­die dazu ver­öf­fent­licht. Das Resul­tat: „Wir fan­den kei­ne Ver­än­de­run­gen der berich­te­ten Sym­pto­me oder der Krank­heits­dau­er im Zusam­men­hang mit B.1.1.7. (…) Es gab kei­ne Hin­wei­se, dass die Häu­fig­keit von Neu­in­fek­tio­nen bei der Vari­an­te B.1.1.7 höher war als bei bereits vor­han­de­nen Vari­an­ten.” Da hat­te die Roy­al Air For­ce deut­lich mehr drauf. Deutsch­land macht jetzt trotz­dem ernst, und damit muss man in den Schu­len begin­nen, damit bereits die Jüngs­ten wis­sen, dass Deutsch­land jetzt wirk­lich ernst macht.

Aus einer haupt­städ­ti­schen Schu­le stammt die­se Notverordnung:

Quatsch, die­se:

Wenn man in Betracht zieht, dass in ’schland bis zum heu­ti­gen Tage viel mehr Kin­der bzw. Jugend­li­che im einst­wei­len noch schul­pflich­ti­gen Alter an oder mit Covid-19 gestor­ben sind, als bei der Atom­ka­ta­stro­phe von Fuku­shi­ma Men­schen über­haupt ums Leben kamen, näm­lich, wenn ich mich anhand der mir erin­ner­li­chen Schlag­zei­len nicht ver­tue, drei, dann ist der har­te Durch­griff ver­ständ­lich. Kei­nes die­ser äußer­lich oft so unschul­dig wir­ken­den Über­trä­ger­ge­schöp­fe hat ja eine Ahnung von sei­ner ver­wand­ten­mör­de­ri­schen Gefähr­lich­keit. Woher auch? Sie spü­ren nichts, sie hal­ten die Abstän­de nicht ein, und der Herr ernährt sie doch. Auf die­se Wei­se bekom­men die Rotz­löf­fel wenigs­tens mit, dass sie ren­nen­de und hüp­fen­de Zeit­bom­ben sind.

Zur sel­ben Zeit trau­ern Bun­des­prä­si­dent und Kanz­le­rin in Ber­lin mit gro­ßem Medi­en­ap­p­lomb um die Coro­na-Opfer – also die Toten jener Pan­de­mie, gegen die die Bun­des­re­gie­rung anfangs weder Mit­tel für nötig hielt noch Wege wuss­te (außer dem viel­fach emp­foh­le­nen Hän­de­wa­schen), obwohl das Robert-Koch-Insti­tut 2012 ein detail­lier­tes Kata­stro­phen­sze­na­rio vor­ge­legt hat­te, über das die Bun­des­re­gie­rung das Par­la­ment im Janu­ar 2013 aus­führ­lich unter­rich­te­te. Dar­in wur­de eine Pan­de­mie mit einem Virus aus Asi­en durch­ge­spielt, das nach Deutsch­land ein­ge­schleppt wird. „Die Sym­pto­me sind Fie­ber und tro­cke­ner Hus­ten, die Mehr­zahl der Pati­en­ten hat Atem­not, in Rönt­gen­auf­nah­men sicht­ba­re Ver­än­de­run­gen in der Lun­ge”, heißt es in der Pro­gno­se. „Kin­der und Jugend­li­che haben in der Regel leich­te­re Krank­heits­ver­läu­fe, wäh­rend die Sterb­lich­keit bei über 65-Jäh­ri­gen bei 50 Pro­zent liegt.” Das war eine recht exak­te Beschrei­bung der Fol­gen von Covid-19. Das Papier, in dem der schlimmst­mög­li­che Fall vor­ex­er­ziert wur­de, pro­phe­zei­te Aber­tau­sen­de Tote. Die Bun­des­re­gie­rung hat seit­her Mil­li­ar­den für alles Mög­li­che aus­ge­ge­ben, vom EU-Spon­so­ring bis zur Migra­ti­ons­fi­nan­zie­rung, aber nicht für aus­rei­chend medi­zi­ni­sche Schutz­klei­dung, Des­in­fek­ti­ons­mit­tel, Test­kits und Beatmungsgeräte.

Ich füge das nur ein, falls jemand fragt, war­um aus­ge­rech­net die Kanz­le­rin neben unse­rem geschätz­ten BuPrä zwecks Trau­er­ar­beit vor­stel­lig wur­de: Es lagen Anhalts­punk­te für Grün­de vor. Dane­ben, dünkt mich, könn­te es sich um ein Debüt han­deln. Ich habe zumin­dest nicht in Erin­ne­rung, dass je ein Staats­chef um die Opfer einer Grip­pe­wel­le trau­er­te. Was der Chi­ne­se wohl denkt, wenn er das sieht?

Nun, der Chi­ne­se ist schlau, er weiß in der Sache ein biss­chen mehr als wir alle, aber er weiß auch Schlau­heit min­de­ren Kali­bers zu wür­di­gen. Der Chi­ne­se kapiert, dass die­ser Staats­trau­rig­keits­be­kun­dungs­akt nicht das­sel­be ist wie das Ker­zen- und Blu­men­auf­stel­len nach einem Ein­zel­fall mit Todes­fol­ge, son­dern dass die zumin­dest in kom­mu­nis­ti­scher Chi­no­i­se­rie aus Jugend­ta­gen nicht uner­fah­re­ne deut­sche Füh­re­rin plan­voll vor­geht. Der Plan ist uralt und war fast immer erfolg­reich: erst Angst ver­brei­ten, dann Schul­di­ge benen­nen bzw. erfin­den und sich zuletzt selbst als Ret­ter oder Kri­sen­ab­wen­der anbie­ten. Zum Trau­ern allein wäre Mer­kel nicht zu der Ver­an­stal­tung erschie­nen, das liegt ihr ohne­hin nicht. Sie kam, um die Zere­mo­nie, die ja kei­nes­wegs zufäl­lig in der Woche der Infek­ti­on­schutz­ge­set­zes­ver­schär­fung statt­fand und mit den Ängs­ten des Publi­kums prak­tisch auf du und du ver­kehr­te, als d‑Moll-Begleit­ru­mor ihrer Straf- und Ret­tungs­maß­nah­men zu instru­men­ta­li­sie­ren. Wer ange­sichts die­ser Toten nicht begreift, dass ich unnach­sich­tig gegen die Leben­den han­deln muss, kann nur ein Men­schen­feind sein, lau­te­te Mer­kels Bot­schaft. Ohne den Leu­ten Angst zu machen, kannst du nicht die Grund­rech­te opfern, um die Göt­ter der Pan­de­mie gnä­dig zu stim­men, und gleich danach ver­su­chen, auf dem­sel­ben Altar auch noch den För­dera­lis­mus in Rauch auf­ge­hen zu lassen.

Die Gesund­heits­kanz­le­rin muss ihre Plä­ne – es gibt neben dem klei­nen, tak­ti­schen, noch den gro­ßen stra­te­gi­schen – schließ­lich gegen wider­stre­ben­de Evi­den­zen durch­set­zen. Inter­na­tio­na­le Stu­di­en, die sich mit der Wir­kung eines Lock­downs auf die Infek­ti­ons­kur­ve beschäf­tig­ten – die bekann­tes­te stammt von dem Epi­de­mio­lo­gen und Stan­ford-Pro­fes­sor John Ioann­i­dis –, kamen zu dem Ergeb­nis, dass er wenig bis nichts bewirkt. Von ver­gleich­ba­rer Effekt­ar­mut sind Aus­gangs­sper­ren (der psy­cho­lo­gi­sche Effekt aus­ge­nom­men). Das Wis­sen­schafts­ma­ga­zin „Sci­ence” hat die Wirk­sam­keit ver­schie­de­ner „nicht­phar­ma­zeu­ti­scher Maß­nah­men” auf die Anste­ckungs­kur­ve unter­sucht und dafür Daten euro­päi­scher und außer­eu­ro­päi­scher Län­der aus­ge­wer­tet. Durch Schlie­ßun­gen und Ver­samm­lungs­be­schrän­kun­gen sei die Über­tra­gung des Virus erheb­lich redu­ziert wor­den, lau­te­te das Resü­mee, aber der zusätz­li­che Effekt durch Aus­geh­ver­bo­te habe sich als „ver­gleichs­wei­se gering” erwie­sen. Die Über­tra­gung der Coro­na­vi­ren fin­de fast aus­nahms­los in Innen­räu­men statt, heißt es in einem Offe­nen Brief deut­scher Aero­sol­for­scher an die Bun­des­re­gie­rung. Die Schlie­ßung von Parks und Aus­flugs­zie­len, Mas­ken­pflicht im Frei­en oder gar Aus­gangs­sper­ren näh­men kei­nen nen­nens­wer­ten Ein­fluss auf das Infektionsgeschehen.

Die Kanz­le­rin hat indes Erfah­rung mit sol­chen schein­bar hoff­nungs­los kogni­tiv dis­so­nan­ten Lagen. Als in Deutsch­land nach der soge­nann­ten Sar­ra­zin-Debat­te ein Mini­mal­kon­sens herrsch­te, der da lau­te­te: Es gibt ein Pro­blem mit einem Teil der Ein­wan­de­rer aus einer gewis­sen Welt­ge­gend, wer hät­te es da gewagt, die Schar der­je­ni­gen, aus deren Mit­te die Pro­ble­ma­ti­schen kom­men, ein­fach um andert­halb oder auch zwei Mil­lio­nen Kan­di­da­ten zu ver­grö­ßern? Also ich wüss­te in der jün­ge­ren deut­schen Geschich­te nur einen. Wer hat­te über­dies die Trau­te, im Allein­gang aus der Atom­ener­gie aus­zu­stei­gen und so zehn Jah­re im vor­aus die Koali­ti­on von 2021 vor­zu­brei­ten, obwohl nicht der gerings­te Anlass im Sin­ne von Opfern oder aku­ten Gefah­ren vorlag?

Das ist beim Coro­na­vi­rus schon anders. Opfer gibt es. Wenn Mer­kel damals ohne einen ein­zi­gen Toten (es soll aber spä­ter ein Fuku­shi­ma-Mit­ar­bei­ter an den Fol­gen der Strah­lung gestor­ben sein) eine der wich­tigs­ten Ener­gien in die Bio­ton­ne tre­ten konn­te, dann soll­te sie wohl mit 80.000 Coro­na-Toten, die man spä­ter viel­leicht ein­mal zu „Mär­ty­rern des Gre­at reset” nobi­li­tie­ren wird, etwas anzu­fan­gen wissen.

Den Glut­kern des­sen, wor­um es die­ser Per­son inzwi­schen eigent­lich gehen dürf­te, berührt Alex­an­der Wendt, indem er aus ihrem Satz: „Das Virus lässt nicht mit sich ver­han­deln, es ver­steht nur eine ein­zi­ge Spra­che, die Spra­che der Ent­schlos­sen­heit” die dahin­ter lau­ern­de Gesin­nung her­lei­tet:

„Nicht dem Par­la­ment samt Oppo­si­ti­on sieht Mer­kel sich dem­nach gegen­über, son­dern dem SARS-CoV-2-Virus, einer mikro­sko­pisch klei­nen Enti­tät ohne Ner­ven­sys­tem und Absich­ten. Es stellt trotz­dem den Feind dar, wor­aus folgt, dass jeder, der Ein­wän­de gegen Mer­kels Gesetz vor­bringt, das Geschäft des Virus besorgt. Die­ser Feind lässt also nicht mit sich verhandeln.”

Da Bun­des­län­der, Land­krei­se und Kom­mu­nen jeder­zeit sel­ber Aus­gangs­sper­ren ver­hän­gen kön­nen (was die Köl­ner Stadt­ver­wal­tung gera­de – erst­mals seit dem Zwei­ten Welt­krieg – getan hat), fol­gert der Publi­co-Allein­un­ter­hal­ter, dass hin­ter dem „gesetz­ge­be­ri­schen Brech­stan­gen­vor­ha­ben” der Kanz­le­rin etwas ande­res ste­cken müs­se als der schie­re Wunsch nach einem Herr­schafts­in­stru­ment, wel­ches ohne­hin bereits exis­tiert, näm­lich, für den tak­ti­schen Teil, zum stra­te­gi­schen kom­men wir gleich, Aus­gangs­sper­ren ohne Wenn und Aber, für alle und allen­orts, auch dann, wenn die loka­len Behör­den sie nicht für sinn­voll hal­ten. Durch­re­gie­ren. Sie hat gemerkt, dass sie durch den will­kür­li­chen Wech­sel von mitt­le­ren und schwe­ren Ein­schrän­kun­gen, bei kon­stan­tem Bom­bar­de­ment mit nichts­sa­gen­den Zah­len samt akkom­pa­gnie­ren­dem Hui-buh! von Spuk­fi­gu­ren wie Lau­ter­bach das Gros der Bevöl­ke­rung so mür­be gemacht hat, dass sie nun mit ihm nach Gut­dün­ken ver­fah­ren kann. Selbst wenn das alte Bon­mot von Karl Kraus: „Es ist nicht wahr, dass ich ihn an die Wand drü­cken woll­te; es ist mir bloß gelun­gen” auch in die­sem Fal­le zuträ­fe, was ich nicht ein­mal für unwahr­schein­lich hal­te, gibt unse­re Heim­su­chung aus der Ucker­mark die­sen Zuge­winn an Ver­fü­gungs­ge­walt nicht ein­fach wie­der auf.

Womit wir beim stra­te­gi­schen Teil der Coro­na-Not­fall­übung ange­kom­men wären. In „Mer­kels Ver­such, die Bür­ger eines Lan­des in Stu­ben­ar­rest zu schi­cken”, sieht Alex­an­der Wendt „das Grund­mus­ter der neo­au­to­ri­tä­ren Poli­tik schlecht­hin”, näm­lich „Poli­tik als Ansamm­lung nicht mehr dis­ku­tier­ba­rer Zie­le und Zwe­cke zu defi­nie­ren und die­se Zwe­cke wie­der­um in Auto­ma­tis­men zu gie­ßen. Auch in der Kli­ma­po­li­tik bemü­hen Maß­nah­men­be­für­wor­ter gern die For­mu­lie­rung: Mit dem Kli­ma kann man nicht verhandeln.”

Nach der Coro­na- und der Kli­ma­po­li­tik las­se sich „im Prin­zip auch jedes ande­re Poli­tik­feld an irgend­wel­che Inzi­den­zen, Richt- und Ziel­wer­te kop­peln, die dann die­se und jene schon vor­de­fi­nier­ten Maß­nah­men erzwin­gen. An Stel­le der müh­sa­men Aus­hand­lung und Abwä­gung demo­kra­ti­scher Gesell­schaf­ten, von Ver­such und Irr­tum tritt dann eine Maschi­ne­rie, pro­gram­miert von Wohl­mei­nen­den, die sich ihrer Erkennt­nis­se so sicher sind, dass sie kei­ne Dis­kus­si­on mehr brauchen.”

Um den Bür­ger samt sei­ner Frei­hei­ten und letzt­lich irgend­wie staats­feind­li­chen Grund­rech­te abzu­schaf­fen, muss die Angst­mach-Artil­le­rie feu­ern und feu­ern (hier fin­det sich ein prä­gnan­tes Video zum The­ma, mal sehen, wie lan­ge). Wäh­rend der Bür­ger zum erzie­hungs- bzw. recht­lei­tungs­be­dürf­ti­gen Unter­tan zurü­ckent­mün­digt wird, steigt ein Poli­ti­ker neu­en Typs auf. Die­ser Typus kennt „kei­ne Par­tei­en, Milieus und wider­strei­ten­de Inter­es­sen mehr, son­dern nur noch Men­schen, die am glei­chen Strang mit­zie­hen, und Quer­trei­ber, die das unver­han­del­ba­re Ziel sabo­tie­ren. Poli­ti­ker die­ser Sor­te wer­den sich immer dar­auf beru­fen, nicht sie ver­häng­ten ja die hier und da schmerz­haf­ten Maß­nah­men und Stra­fen – son­dern ‚das Virus’, ‚das Kli­ma’ und dem­nächst eine ande­re Grö­ße, die nicht mit sich han­deln lässt.”

Zuletzt zitiert Wendt einen Poli­tik­be­ra­ter, der eini­ge Zeit mit Mer­kel zu tun hat­te und danach mein­te, die Kanz­le­rin ver­ste­he sich „auf vul­gär­he­ge­lia­ni­sche Wei­se als Inkar­na­ti­on der Ver­nunft”. Wir wis­sen ja, wie Hegel in sei­nem geschichts­phi­lo­so­phi­schen Gip­fel­stür­mer­tum über die zurück­ge­blie­be­nen Seil­schaf­ten dach­te, die man getrost unter den Stein­schlä­gen ange­wand­ter Auf­stiegs­ver­nunft begra­ben kön­ne. Und soviel ist klar, mag es unser­ei­nem noch so bizarr erschei­nen: Auch Mer­kel wäre für Hegel noch Geist.

(„Enzy­klo­pä­die der phi­lo­so­phi­schen Wis­sen­schaf­ten im Grund­ris­se”, § 248)

Heu­te haben die Grü­nen bekannt­ge­ge­ben, dass sie mit Anna­le­na Spei­cher­netz-Kobold als Kanz­ler­kan­di­da­tin in den Wahl­kampf zie­hen. Eine kon­ge­nia­le­re Amts­nach­fol­ge­rin kann sich die Welt­see­le im Hosen­an­zug kaum wünschen.

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Es geht schon los (FAZ):

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Wie die Para­gra­phen 81 und 94 zei­gen, war das deut­sche Straf­ge­setz­buch auf eine Mer­kel nicht ein­ge­rich­tet. Und ist es erst recht nicht auf das grü­ne Wahl­pro­gramm 2021, das den Sou­ve­rän end­gül­tig aus­he­beln und auf mitt­le­re Sicht besei­ti­gen soll.

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Noch zum Vorigen.

„Ein paar merk­wür­di­ge Fak­ten aus ande­ren Wel­ten” sen­det Leser ***. „Hier in der Schweiz haben wir eine Inzi­denz von um die 200, wir hat­ten am 1. März schon gelo­ckert, und mor­gen wird wei­ter gelo­ckert: die Aus­sen­gas­tro­no­mie macht auf. In Öster­reich haben sie eine Inzi­denz von 197 und lockern eben­falls. In Ita­li­en liegt die Inzi­denz bei 171, und man will Ende des Monats lockern.

In Deutsch­land liegt die Inzi­denz bei etwas über 160 – und alle mög­li­chen Leu­te schrei­en nach dras­ti­schen Ver­schär­fun­gen. Was ler­nen wir dar­aus? Natür­lich, dass alle um Deutsch­land her­um ver­rückt sind und nur Ange­la Mer­kel, Olaf Scholz, Dros­ten, Wie­ler und Lau­ter­bach nor­mal im Kopf sind. Lau­ter­bach sieht man das ja schon von Wei­tem an.

Was ist der Hin­ter­grund der Locke­run­gen in der Schweiz? Bern hat begrif­fen, dass ange­sichts der um sich grei­fen­den Schnell­tests Posi­ti­vi­täts­ra­te und Inzi­denz fast nichts mehr aus­sa­gen. Man greift des­halb nicht mehr auf die­se Daten zurück. Aus­ser­dem greift die Erkennt­nis um sich, dass ange­sichts fort­schrei­ten­der Imp­fun­gen der Risi­ko­grup­pen die Bedeu­tung des Auf­fin­dens von Coro­na­vi­ren im Blut jün­ge­rer Men­schen beschränkt ist.

Wie sieht es tat­säch­lich auf den Inten­siv­sta­tio­nen aus? Zunächst muss man wis­sen, dass die ‚frei­en Bet­ten’ zwar eine theo­re­ti­sche Höchst­zahl haben, aber unter die­ser Höchst­zahl ist die Zif­fer flies­send. Es kommt u.a. dar­auf an, wie vie­le sog. ‚elek­ti­ve Behand­lun­gen’ man ver­schie­ben kann (also ver­legt eine Kli­nik mal eine lukra­ti­ve Hüft­ope­ra­ti­on auf ein spä­te­res Datum).

Schau­en wir uns ein­fach mal die DIVI-Tages­re­portzah­len an (für Mer­kel und Kon­sor­ten schei­nen die nicht inter­es­sant zu sein). Vor­be­mer­kung: Deutsch­land hat – mit rie­si­gem (!) Abstand – in der EU pro Kopf die meis­ten betreib­ba­ren Inten­siv­bet­ten. Laut DIVI vom 18.4. lie­gen 4842 Coro­na­pa­ti­en­ten auf dt. Inten­siv­sta­tio­nen, 56% davon künst­lich beatmet.

Man unter­schei­det gene­rell in Low Care, High Care und ECMO-Bet­ten (letz­te­res bedeu­tet Intu­bie­rung und Anschluss an eine Atem­ma­schi­ne). Es sind rund 12340 Low Care Bet­ten belegt – wohl­ge­merkt über­wie­gend nicht von Coro­na­pa­ti­en­ten, son­dern von allen Pati­en­ten ins­ge­samt –, 1060 sind noch frei. Von den High Care- und ECMO-Bet­ten (wo sich ange­sichts des hohen Beatmungs­pro­zent­sat­zes über­pro­por­tio­nal vie­le Coro­na­fäl­le fin­den soll­ten) sind sind 7870 belegt (High Care), 2330 frei, bzw. 480 belegt (ECMO), und 280 frei. Bei den High Care- und ECMO-Bet­ten, wo die wirk­lich erns­ten Fäl­le hin­kom­men, gibt es also ganz erheb­li­che Pro­zent­sät­ze von frei­en Bet­ten. Dazu kommt eine Not­re­ser­ve von ins­ge­samt 10.000 Betten.

Auf ‘Our World in Data’ kann man unter dem Stich­wort ‘Hos­pi­ta­liz­a­ti­ons Inten­si­ve Care’ nach­schau­en, dass ande­re Län­der mit weit­aus weni­ger Inten­siv­bet­ten pro Kopf recht gut mit höhe­ren Zah­len zurecht­ka­men. Auch in Deutsch­land hat­te man ja im Hoch letz­ten Win­ter fast 1000 Fäl­le mehr auf Inten­siv – und dabei muss man berück­sich­ti­gen, dass damals die Lage sich ver­schärf­te, weil vie­le Ärz­te und Pfle­ger eben­falls mit Coro­na aus­fie­len. Heu­te ist die­se Berufs­grup­pe weit­ge­hend geimpft.

Aber wird das gan­ze Bild nicht auf den Kopf gestellt, weil immer mehr jün­ge­re Men­schen auf die Inten­siv­sta­tio­nen kom­men, wie Wie­ler und Co. behaup­ten? Da die Alten bei uns (5,7 Mill. über 80jährige, rund 8 Mil­lio­nen zw. 70 und 79 Jah­ren) inzwi­schen weit­ge­hend geimpft sein dürf­ten, gehen deren Zah­len im Kran­ken­haus natür­lich zurück. Die Jün­ge­ren neh­men dann im Ver­hält­nis einen höhe­ren Anteil ein – das ver­steht wohl jeder Sextaner.

Die Coro­na­fäl­le nach Alter fin­den wir beim RKI, ‚Kli­ni­sche Aspek­te, Fäl­le Hos­pi­ta­li­sie­rung, Alter’. Und da sehen wir, oh Wun­der, fol­gen­des: Die Grup­pe von 60–79 stellt noch den stärks­ten Anteil. Der Logik der Mathe­ma­tik fol­gend gewin­nen zwar die Jün­ge­ren rela­tiv zu den Älte­ren an Bedeu­tung. Aber auch für die Jün­ge­ren gilt: Die Fall­zah­len neh­men ab, nicht zu.

Von der letz­ten Kalen­der­wo­che 2020 bis KW 14 sank die Zahl der Grup­pe der 60–79jährigen von rund 3780 auf jetzt 1430. Die Grup­pe der 35–59jährigen sank von 1860 auf 1100. Die der 15–34jährigen von 600 auf 465. Nur die der 5–14jährigen stieg von 51 auf 56. Die Grup­pe zwi­schen 0 und 4 Jah­ren blieb etwa gleich bei etwas über 70. Deutsch­land­weit wohlgemerkt.

Das sind also die Zah­len, aus denen die Regie­rung und ihre medi­zi­ni­schen Domes­ti­ken Fake News und Panik drech­seln. Lang­sam kom­me ich nicht mehr umhin, Mer­kel und Co. zu bewun­dern. Sie stel­len, was Exper­ti­se in Des­in­for­ma­ti­on angeht, selbst die alte Abtei­lung D in der Haupt­ver­wal­tung des KGB in den Schat­ten. Man muss denen pro­fes­sio­nel­len Respekt zollen.”

PS: Leser *** möch­te „eine klei­ne tech­ni­sche Kor­rek­tur zu einem Satz in o.g. Text anfü­gen. ECMO ist kei­ne Intu­bie­rung, son­dern ‚extra­cor­po­re­al mem­bra­ne oxy­ge­na­ti­on’, d.h. Gas­aus­tausch des Blu­tes aus­ser­halb des Kör­pers. Das Ver­fah­ren ähnelt eher der Dia­ly­se bei Men­schen mit ein­ge­schränk­ter oder feh­len­der Nie­ren­funk­ti­on. Den nor­ma­ler­wei­se in der Lun­ge statt­fin­den­de Gas­aus­tausch erle­digt eine exter­ne Appa­ra­tur, d.h. der Pati­ent braucht dazu 2 Zugän­ge in gro­ße Blut­ge­fä­ße. Man ent­nimmt das Blut aus dem einen Zugang, ent­fernt CO2, fügt O2 hin­zu, pumpt das Blut durch den zwei­ten Zugang wie­der zurück. In der Pra­xis ist das Gan­ze etwas kom­pli­zier­ter, u.a. muss man die Blut­ge­rin­nung außer­halb des Kör­pers vermeiden.”

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Was hät­te der Genos­se taz-Jour­na­list bei die­ser Über­schrift noch bes­ser machen können?

Rich­tig: Es muss hei­ßen „Nazi-Bor­dell”.

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Im Zuge der iden­ti­täts­po­li­ti­schen Pene­trie­rung West­eu­ro­pas erwei­tert sich die Palet­te blas­phe­mi­scher Geträn­ke ins Alkoholfreie.

Wegen der Haut­far­be der Milch? (Doch, wenn man sie warm­macht, bekommt die Milch eine Haut.) Dür­fen bald nur noch India­ner – also rich­ti­ge, kei­ne ver­klei­de­ten Grü­nen in sta­tu nas­cen­di – Rot­wein trin­ken? Nein, dar­um geht es aus­nahms­wei­se nicht. Son­dern: Schwar­ze nei­gen stär­ker zu Lak­to­se­into­le­ranz als Wei­ße (was unge­fähr die ein­zi­ge Into­le­ranz ist, zu wel­cher Wei­ße weni­ger nei­gen als Kolo­rier­te). Der logi­sche Schluss lau­tet: Was acht von zehn Afro­ame­ri­ka­nern und jeder zwei­te Masai nicht ver­tra­gen, sol­len die Kolo­nia­lis­tenen­kel für immer ent­beh­ren müs­sen! Gera­de bei sich daheim in ihren sturm­rei­fen Raubklausuren!

Eine natür­li­che Was­ser­in­to­le­ranz bestand nicht ein­mal auf der bereits stark geneig­ten „Tita­nic”. Sie zu erzeu­gen, bedarf es heu­te from­mer Selbst­mo­ti­va­ti­on. Dass sich die edlen Fas­ter aber von schnö­der all­ge­mei­ner Kon­su­men­ten­an­spra­che gemeint und belei­digt füh­len, könn­ten Übel­den­ken­de als Indiz für eine all­zu inni­ge Anpas­sung an west­lich-deka­den­te Sit­ten missinterpretieren.

Was umge­kehrt den Geträn­ke­her­stel­ler betrifft: In der gän­gi­gen Ver­wen­dung ist „Isla­mo­pho­bie” eine seman­tisch unsin­ni­ge Wort­prä­gung für Unter­wer­fungs­un­lust. Evi­an zeigt dage­gen Isla­mo­pho­bie in vor­bild­li­cher Art und Wei­se: als Unter­wer­fungs­lust aus extre­mer Angst (Pho­bie) vor dem Islam.

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Noch dazu.

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Auf das Geschäft der Dresd­ner Buch­händ­le­rin Susan­ne Dagen ist – darf man sagen: end­lich? – ein Anschlag ver­übt wor­den; kein rich­ti­ger, der Laden steht ja noch, nur ein klei­ner Wink mit ein­ge­schla­ge­nem Fens­ter und But­ter­säu­re. Und wo man Bücher mit But­ter­säu­re beschä­digt, löst man am Ende doch kei­ne Men­schen in Säu­re auf! Es genügt ja, wenn man sie aus der Öffent­lich­keit herauslöst!

Wer nicht hören will, muss füh­len. Wozu haben sich die Genos­sen Medi­en­schaf­fen­den denn sonst so ins Zeug gelegt, aus der biblio­phi­len Lady eine „umstrit­te­ne” Per­son zu machen?

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Ein jüdi­scher Freund macht mich auf die­sen Text auf­merk­sam. Er bie­tet Gele­gen­heit, einen deut­schen Pro­fes­sor beim Zitie­ren zu beobachten.

Der zitier­te Pas­sus, ein Acta-Ein­trag, stammt vom 14. April 2013. Damals stand die AfD im zar­ten Alter von zwei Mona­ten, ich war Res­sort­lei­ter beim Focus und hät­te beim Namen Alex­an­der Gau­land womög­lich erheb­li­che Zuord­nungs­pro­ble­me gehabt, das nur am Ran­de. Ich gestat­te mir gleich­wohl, den frag­li­chen Ein­trag hier kom­plett ein­zu­rü­cken, aus dem leid­lich vor­ge­schütz­ten Grun­de des Doku­men­tie­rens, aber natür­lich vor allem aus jenem der Selbstverliebtheit.

„Wag­ner-Jahr, Fort­set­zung. Es gibt ersicht­lich auch eine Form von Anti­se­mi­tis­mus-Unter­stel­lung aus schie­rer Chuz­pe des Unter­stel­lers, frei nach La Roche­fou­cauld: Bes­ser, es wird schlecht von einem gere­det als gar nicht. Auf einen beson­ders expo­nier­ten Fall stieß ich bei der Lektüre eines Buches, das die Vor­trä­ge eines Schloss-Elmau-Sym­po­si­ons zum The­ma und unter dem Titel Richard Wag­ner im Drit­ten Reich (C. H. Beck, 2000) ver­sam­melt. Dar­in beteu­ert der US-ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Marc A. Wei­ner, einer der wesent­li­chen Ver­brei­ter der The­se, Wag­ners Musik ber­ge anti­se­mi­ti­sche Trou­vail­len zuhauf, er sei ’sel­ber kon­ster­niert, zuge­ben zu müssen, daß gera­de die anti­se­mi­ti­schen Kom­po­nen­ten in Wag­ners Wer­ken sie für mich so inter­es­sant und reiz­voll machen. (…) Züge von dra­ma­ti­schen Figu­ren, die ich als anti­se­mi­tisch bezeich­nen würde, sind für mich in vie­len Fäl­len mit Wag­ners schöns­ten Schöp­fun­gen ver­bun­den (wie im Fall von Albe­rich, Mime, Hagen, Beck­mes­ser und Klings­or), sowohl was die Viel­schich­tig­keit und den dra­ma­tur­gi­schen Reich­tum, die rät­sel­haf­te und psy­cho­lo­gisch hell­sich­ti­ge Kom­ple­xi­tät der Per­so­nen anbe­trifft als auch im Hin­blick auf die betö­ren­de Schön­heit der Musik.’

Eine halb­wegs zufrie­den­stel­len­de Ant­wort auf die Fra­ge, wie er dazu kommt, all die­se Bühnenfiguren frei­weg als Juden zu neh­men, bleibt Wei­ner schul­dig, wie auch all sei­ne Vor­gän­ger in die­ser Fra­ge (unter denen sich bezeich­nen­der­wei­se nie Musi­ker befin­den). Aber er behaup­tet immer­hin, Wag­ner habe ’sei­nen Glau­ben an die Anders­ar­tig­keit der Juden durch die Zuwei­sung hoher Stim­men ver­mit­teln’ wol­len. Das heißt: ‚Wag­ner und sein Publi­kum hör­ten die jüdischen Stim­men als Aus­druck (…) die­ses Unter­schieds.’ Bei den fünf von ihm aufgeführten ‚Juden’ in Wag­ners Opern han­delt es sich um einen Tenor, einen Bari­ton und drei Bäs­se. Man kann zu gewis­sen The­men hier­zu­lan­de anschei­nend jeden Unsinn vortragen.”

Am Ran­de eine klei­ner Wink für unse­ren Pro­fes­sor: War­um fin­det Wei­ner aus­ge­rech­net die Figu­ren bei Wag­ner musi­ka­lisch am „rät­sel­haf­tes­ten, inter­es­san­tes­ten, viel­schich­tigs­ten und schöns­ten”, die er irgend­wie mit Juden asso­zi­iert? Nu? Ganz ein­fach: Bes­ser es wird (von einem der größ­ten Künst­ler aller Zei­ten) zwar schlecht, aber zugleich rät­sel­haft, inter­es­sant und viel­schich­tig über einen gere­det, als über irgend­ei­nen Goj.

Ansons­ten habe ich mich bei ande­rer Gele­gen­heit ver­gleichs­wei­se aus­führ­lich über Wag­ners Welt­sicht geäu­ßert und sehe bis­lang kei­nen Anlass, dar­an ein Iota zu ändern. Dar­in wird unter ande­rem dar­ge­legt, war­um die Rech­te aus Wag­ner wenig poli­ti­schen Honig sau­gen kann: weil er ein Links­ra­di­ka­ler war.

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