23. April 2021

Ist das noch Jour­na­lis­mus oder schon Peristaltik?

Gut, das stammt von t‑online, da sit­zen Con­tent-Kulis, aber der­glei­chen könn­te ja heutz­ta­ge auch in der FAZ  oder im Süd­deut­schen Beob­ach­ter ste­hen. Es ist der Ton, den die DDR-Pres­se im Okto­ber 1989 anschlug. (Das ist kei­ne Pro­gno­se, son­dern nur eine Ekelstandsmeldung.)

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Oder das.

Oder das.

Wahr­schein­lich sind beim deut­schen Film gera­de ca. 50 Stel­len frei­ge­wor­den. So wie beim Süd­deut­schen Beob­ach­ter jene vom Heri­bert P. Da kannst du noch so lan­ge brav gegen rechts gekämpft und jede Initia­ti­ve für mehr Bunt­heit begleit­be­schleimt haben, ein Schritt aus dem Marsch­block, ein fal­scher Satz, und du bist drau­ßen. Wobei, Hei­ke Makatsch soll­te mit dem Rück­zug ihres Vide­os aus der Kam­pa­gne gera­de noch die Kur­ve gekriegt haben. Die Meu­te weiß ja, dass sie aus Wich­ten besteht, das erklärt ihren Sadis­mus, und natür­lich genießt sie es, wenn jemand so extrem zu Kreu­ze kriecht, dass der­je­ni­ge kurz­zei­tig noch pein­li­cher ist als man selbst.

Mich erin­nert das an die Pro­test­ak­ti­on von DDR-Künst­lern gegen die Aus­bür­ge­rung von Wolf Bier­mann vom Novem­ber 1976. Vie­le der pro­mi­nen­ten Unter­zeich­ner wur­den damals so unter Druck gesetzt, dass sie ihre Unter­schrif­ten zurück­nah­men (Man­fred Krug und Armin Mül­ler-Stahl zogen es vor, das Land zu ver­las­sen), und dann stan­den die Klei­nen, die weni­ger Bekann­ten und No-Names, plötz­lich allein im Regen und konn­ten gna­den­los abge­straft werden.

***

Beim Spie­gel gibt es seit eini­gen Wochen eine The­ra­pie­grup­pe, die sich, ihrer Selbst­be­schrei­bung nach, „mit sen­si­blen Wör­tern im The­men­feld Ras­sis­muser­fah­rung, Haut­far­be, Migra­ti­on befasst”. Die Fra­ge, wer sie ein­ge­setzt hat, ist so einer­lei wie die Fra­ge, wel­che Sar­di­ne im Schwarm das Kom­man­do gibt; wir sind unter Jour­na­lis­ten, unter deut­schen zumal. Ein ers­tes Resul­tat des streb­sa­men Bemü­hens ging soeben als Rund- oder auch Beken­ner­schrei­ben an alle Redakt_eu:sen, die an der Ham­bur­ger Relo­ti­us­spit­ze ihren Ehren­dienst beim Put­zen der Kano­ne eines musea­len Sturm­ge­schüt­zes verrichten.

„Grund­sätz­lich geht es uns dar­um, die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen für das Pro­ble­ma­ti­sche man­cher Begrif­fe zu sen­si­bi­li­sie­ren”, hebt die „Prä­am­bel” – dar­un­ter machen sie es nicht – des Papiers an. „Wir wol­len Nach­den­ken aus­lö­sen und gleich­sam eine klei­ne oder gro­ße Hür­de vor die­se Begrif­fe stellen.”

Denn früh übt sich im Hür­den­ver­mei­den, was ein ech­ter Hal­tungs­jour­na­list mit Sinn fürs Pro­ble­ma­ti­sche wer­den will.

„Was ist der tref­fen­de Begriff für die Per­son oder die Grup­pe, über die wir schrei­ben? Ein Kri­te­ri­um ist die Selbst­be­zeich­nung. Wie möch­ten die­se Per­so­nen genannt werden?”

Die von mir gewünsch­te Anre­de bei Jour­na­lis­ten­an­fra­gen lau­tet übri­gens: Mein Füh­rer.

„Wir haben eine Lis­te von Wör­tern erar­bei­tet, die wir als sen­si­bel einschätzen.”

Denn das ist die eigent­li­che Auf­ga­be eines Hal­tungs­me­di­en­schaf­fen­den: Lis­ten erar­bei­ten. Ohne Lis­ten ver­liert er die Ori­en­tie­rung und weiß am Ende nicht, was und vor allem wen er zu mel­den hat. Dass der Jour­na­list Vor­ga­ben braucht und nicht ein­fach so drauf­los­schrei­ben kann, wie ihm der Schna­bel ver­wach­sen ist, wuss­te auch unser klei­ne Dok­tor aus Rheydt, und vom Jour­na­lis­mus ver­stand der nun wirk­lich was.

„Spra­che ist ein sehr leben­di­ges Sys­tem, das sich stän­dig ändert. Hier auf der Höhe der Zeit zu blei­ben ist eine per­ma­nen­te Auf­ga­be für den SPIEGEL. Es reicht daher nicht, ein­mal eine sol­che Lis­te vor­zu­le­gen. Wir wol­len uns künf­tig jedes hal­be Jahr tref­fen, um die neu­en Ent­wick­lun­gen zu dis­ku­tie­ren und die Lis­te even­tu­ell anzupassen.”

Alle hal­be Jah­re eine neue, eine bes­se­re, eine ver­läss­li­che­re Lis­te auf der Höhe der Zeit! Wie es aus­schaut, trägt die indi­rek­te finan­zi­el­le För­de­rung vie­ler treu­er Medi­en durch die Bun­des­re­gie­rung ers­te Früch­te. Es muss für jeden nach­wach­sen­den Jour­na­lis­ten eine Lust sein, in der Spie­gel-Baum­schu­le kon­trol­liert ange­baut und ein­heit­lich gedüngt zu wer­den. Hei­li­ger Rudolf, ein Jam­mer, dass Sie das nicht erle­ben dürfen!

Doch kom­men wir zu den Wor­ten sel­ber, vor wel­chen für­der­hin Hür­den ste­hen, die zum Nach­den­ken über die eige­ne beruf­li­che Zukunft anre­gen sol­len, wobei ich mich auf eine reprä­sen­ta­ti­ve Aus­wahl beschrän­ken muss, das Ding hat sechs Sei­ten, und das ist bloß der Anfang; bald wird es eine Bro­schü­re sein.

Asy­lan­ten: Die­ser Begriff soll­te von uns nicht ver­wen­det wer­den. (…) Er hat seit den Acht­zi­ger­jah­ren eine Abwer­tung erfah­ren und wird inzwi­schen vor allem von rechts­ra­di­ka­len Akteu­ren ver­wen­det. Bes­se­re, nicht nega­tiv klin­gen­de Begrif­fe für Men­schen, die einen Asyl­an­trag in Deutsch­land stel­len, sind Asyl­su­chen­de und Asylbewerber.”

Der Unter­schied zwi­schen einem Asyl­be­wer­ber und einem Asy­lan­ten besteht dar­in, dass sich der eine um Asyl bewirbt und der ande­re Asyl erhal­ten hat. Das ist aber alt­mo­di­sche men­schen­ver­ach­ten­de Dif­fe­ren­zie­rei. Jeder soll Asyl bekommen!

Aus­län­der­feind­lich­keit: Die­ser Begriff ist hei­kel und soll­te von uns nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­wen­det wer­den. (…) Da die Staats­an­ge­hö­rig­keit nie­man­dem anzu­se­hen ist, han­delt es sich bei ver­meint­lich aus­län­der­feind­li­chen Vor­fäl­len fast immer um Rassismus”.

Damit wird das eigent­li­che und, wie sich bei der Lek­tü­re her­aus­stellt, auch das ein­zi­ge The­ma die­ses Selbst­zen­sur­leit­fa­dens genannt. (Bei­sei­te gespro­chen: Also wenn ich mir die Spie­gel-Trup­pe oder die Grü­ne Jugend anschaue: denen sehe ich samt und son­ders ihre Staats­bür­ger­schaft an.)

Dun­kel­häu­ti­ge: Die­ser Begriff ist hei­kel und soll­te von uns nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­wen­det wer­den. (…) Wenn die Haut­far­be einer Per­son the­ma­ti­siert wer­den soll, kön­nen wir je nach Kon­text Schwar­ze oder Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be schrei­ben. Oder auch schlicht: Jemand wird wegen sei­ner Haut­far­be diskriminiert.”

Die­se kon­di­tio­nier­ten Pudel kön­nen den Begriff „Haut­far­be” so wenig ohne den Begriff „Dis­kri­mi­nie­rung” den­ken wie eine vik­to­ria­ni­sche Gou­ver­nan­te den Begriff „Her­ren­be­such” ohne Uiuiui.

Far­bi­ge: Die­ser Begriff soll­te von uns nicht ver­wen­det werden.”

Weil er völ­lig sinn­los ist? Denn, wie Harald Schmidt sta­tu­ier­te: Far­big ist die Apo­the­kers­wit­we aus Wan­ne-Eickel mit Fin­ger­far­ben auf der Suche nach sich selbst, aber was einem nachts in New York in der 110. Stra­ße ent­ge­gen­kommt, eine Base­ball­kap­pe auf dem Kopf und einen Papp­be­cher in der Hand, und auch den auf­ge­klär­tes­ten Zeit-Abon­nen­ten zum Wech­seln der Stra­ßen­sei­te ani­miert, IST SCHWARZ.

„Wenn die Haut­far­be einer Per­son the­ma­ti­siert wer­den soll, kön­nen wir je nach Kon­text Schwar­ze oder Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be schrei­ben. Oder auch schlicht: Jemand wird wegen sei­ner Haut­far­be diskriminiert.”

Außer die etwas hel­le­ren Far­bi­gen wie Sie, ich, die Hilfs­wil­li­gen beim Spie­gel oder die erwähn­te Apo­the­kers­wit­we: die kön­nen nicht dis­kri­mi­niert wer­den, weil der Ras­sis­mus die Sei­ten gewech­selt hat.

Flücht­lin­ge: Im SPIEGEL kön­nen wir die Bezeich­nung Flücht­ling für Men­schen ver­wen­den, die aus ihrer Hei­mat flie­hen und hier wahr­schein­lich ein Anrecht auf Asyl oder Flücht­lings­schutz haben. Dies ent­spricht der umgangs­sprach­lich gebräuch­li­chen Ver­wen­dung. Recht­lich gese­hen gilt als Flücht­ling jedoch nur, wer gemäß der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on als Flücht­ling aner­kannt wur­de. Oft ist bei der Bericht­erstat­tung unklar, wel­chen recht­li­chen Sta­tus jemand hat.”

Die­se Unklar­heit besteht nicht ein­fach nur, son­dern sie wur­de von Hal­tungs­jour­na­lis­ten und ande­ren Pro­pa­gan­dis­ten bewusst geschaf­fen, um die ein­fa­che Tat­sche zu ver­dre­hen und zu ver­ne­beln, dass ein Flücht­ling nur so lan­ge ein Flücht­ling ist, wie er aus einem bestimm­ten Land flieht; sobald er für sei­ne Über­fahrt Geld bezahlt, meh­re­re Län­der durch­quert, um gezielt in ein bestimm­tes Land zu gelan­gen (bei­spiels­wei­se das mit der meis­ten Sozi­al­koh­le und den flei­ßigs­ten, när­rischs­ten, erpress­bars­ten und auto­ag­gres­sivs­ten Ein­hei­mi­schen), ver­wan­delt er sich in einen Migran­ten oder soge­nann­ten Wirt­schafts­flücht­ling. Es ist in der soge­nann­ten Flücht­lings­kri­se kein ein­zi­ger ech­ter „Flücht­ling” nach ‘schland gekom­men. Aber wie stün­de die Will­kom­mens­cote­rie denn da, wann sie das ausplauderte?

„Ein­fa­cher wird es, wenn die Men­schen Euro­pa erreicht und einen Asyl­an­trag gestellt haben, dann kön­nen wir statt Flücht­ling auch Asyl­be­wer­ber schrei­ben. Und wenn die­se einen posi­ti­ven Bescheid bekom­men haben, auch expli­zit (aner­kann­te) Flüchtlinge.”

So wie Anna­le­na B. dem­nächst als eine aner­kann­te Kli­ma­to­lo­gin gel­ten wird. Aber die meis­ten sind und blei­ben grund­ge­setz­wid­rig aner­kann­te Asyl­be­wer­ber – das Grund­ge­setz kennt Asyl nur für poli­tisch Ver­folg­te – mit erschli­che­nem Bleiberecht.

Frem­den­feind­lich­keit: Die­ser Begriff ist hei­kel und soll­te von uns nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­wen­det wer­den. (…) Der Begriff sug­ge­riert, die Betrof­fe­nen sei­en ‚fremd’ und wür­den des­halb ange­fein­det – und nicht wegen ras­sis­ti­scher Diskriminierung.”

Wer erst mal in die­ser Plap­per­welt schlaf­wan­delt, der echo­laliert dabei auch For­mu­lie­run­gen wie: Jemand wer­de wegen ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung ange­fein­det (also zum Bei­spiel Sar­ra­zin?). Dabei ist Frem­den­feind­lich­keit oder Frem­den­furcht (Xeno­pho­bie) eine Grund­kon­stan­te der Con­di­tio huma­na, wie sie jeder Mensch und z.B. jede Spie­gel-Mit­ar­bei­te­rin, wenn auch sonst meist nichts, unter ihrem Her­zen trägt. Ich habe in den frü­hen Jah­ren der Wie­der­ver­ei­ni­gung ver­schie­de­nen Mis­sio­na­ren aus dem Wes­ten beharr­lich zu erklä­ren ver­sucht, dass gewis­se in die Schlag­zei­len gera­te­ne Ost­deut­sche kei­nes­wegs Aus­län­der­fein­de sei­en, wie in den Medi­en aus durch­schau­ba­ren Moti­ven behaup­tet wur­de, son­dern Frem­den­fein­de. Es sei zum (!) Bei­spiel (!) einem meck­len­bur­gi­schen Wasch­brett­hirn völ­lig einer­lei, ob er einem Ban­tu oder einem Rhein­län­der, einem Fran­zo­sen oder einem Sach­sen auf die Fres­se haue, durch des­sen Rübe rump­le ein­fach die Maxi­me: Fremd ist fremd. Vier Wor­te genü­gen: Frem­de run­ter von Rügen! Sie mei­nen nicht spe­zi­ell den Aus­län­der. Den erken­nen sie nur am schnells­ten. Frü­her, als kei­ne Aus­län­der dort her­um­lie­fen, war es eben der Sach­se oder der Berliner.

India­ner: Die­ser Begriff ist hei­kel und soll­te von uns nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­wen­det wer­den. (…) Die heu­te gän­gi­ge Bezeich­nung für die ursprüng­li­chen Ein­woh­ne­rin­nen und Ein­woh­ner einer Regi­on, die von Kolo­ni­al­mäch­ten unter­wor­fen wur­den, lau­tet Indigene.”

Die alten DDR-Fil­me mit Goj­ko Mitic wer­den in DEFA-Indi­ge­nen­fil­me umbe­nannt, die Kin­der spie­len Cow­girl und Indi­ge­ner, und wenn alles glatt geht mit Resett­le­ment und Repla­ce­ment Migra­ti­on, dann gibt es in der Spie­gel-Redak­ti­on irgend­wann noch eine Hand­voll ange­staun­te Indigene.

N‑Wort: Aus­ge­schrie­ben ist die­ses Wort tabu, Aus­nah­men in wört­li­chen Zita­ten sind denk­bar – aber auch dann soll­te es mög­lichst ver­mie­den wer­den. Das gilt ins­be­son­de­re für Über­schrif­ten, Zitat­bo­xen u. ä. Auch die Vari­an­te N‑Wort soll­te spar­sam ein­ge­setzt werden.”

Eine Arbeits­grup­pe wird das Spie­gel-Archiv säu­bern und zehn Kubik­me­ter Asche gleich­mä­ßig auf alle Redak­teurs­schei­tel verteilen.

Statt des N‑Wortes wird von Din­gens künf­tig das K‑Wort eingesetzt:

Peop­le of Color (Sin­gu­lar: Per­son of Color): Der Begriff in sei­ner heu­ti­gen Bedeu­tung stammt aus den USA und fin­det teil­wei­se auch in Deutsch­land Ver­brei­tung, er bezieht sich als Begriff auf eine kol­lek­ti­ve Ras­sis­mus-Erfah­rung. Da Per­son of Color im Deut­schen jedoch bei den meis­ten Lese­rin­nen und Lesern Asso­zia­tio­nen mit Haut­far­be wecken dürf­te, soll­ten wir es nicht als Syn­onym für alle Ein­wan­de­rer und ihre Nach­kom­men ver­wen­den. Vie­le Zuwan­de­rer in Deutsch­land sind hell­häu­tig und nen­nen sich eher sel­ten Per­son of Color. Sie kön­nen trotz­dem im All­tag Ras­sis­mus erleben.”

Man hüte sich vor Leu­ten, die kol­lek­ti­ve Erfah­run­gen vor­schüt­zen. Man hüte sich über­haupt vor Kol­lek­ti­ven. Die­ses gan­ze The­ra­pie­pa­pier will nichts ande­res als Ras­sis­mus-Unter­stel­lun­gen gegen das wei­ße deut­sche resp. west­li­che Kol­lek­tiv ver­brei­ten, nur dass die Genos­sen Jour­na­lis­ten sich durch sprach­li­che Unter­wer­fung auf die Sei­te der Anklä­ger zu schla­gen wün­schen. Sie tren­nen ein­fach die Gesell­schaft in jenen Teil, der im All­tag Ras­sis­mus erle­ben kann, und jenen, der es nicht kann, weil er ihn kol­lek­tiv und not­falls halt „struk­tu­rell” aus­übt. Plum­per und hart­hir­ni­ger ras­sis­tisch kann kein Skin­head argumentieren.

„Auch in Gast­bei­trä­gen und sehr per­sön­lich gepräg­ten Text­for­men mag Peop­le of Color als Syn­onym für ‚von Ras­sis­mus betrof­fe­ne Men­schen‘ gehen, soll­te dann aber erklärt wer­den. In ande­ren Tex­ten über Deutsch­land eig­nen sich – je nach dem, was gesagt wer­den soll – eher Begrif­fe wie: Men­schen mit Rassismuserfahrung”.

Bis du kolo­riert, darfst du Ras­sis­muser­fah­run­gen gel­tend machen. Frü­her oder spä­ter bekommst du dafür viel­leicht das Geld, den Job und die Woh­nung eines wei­ßen Indi­ge­nen.

Ras­sen: Die­ser Begriff ist hei­kel und soll­te von uns bezo­gen auf Men­schen nur in Aus­nah­me­fäl­len ver­wen­det wer­den. (…) In der Wis­sen­schaft ist Kon­sens, dass es eine gene­ti­sche Viel­falt gibt – aber kei­ne mensch­li­chen Ras­sen. Der Begriff Ras­se kann auch nicht ana­log zum im Eng­li­schen geläu­fi­gen race ver­wen­det wer­den: Abge­se­hen von unter­schied­li­chen Begriffs­ge­schich­ten wird race im angel­säch­si­schen Raum nicht als bio­lo­gi­sche Rea­li­tät, son­dern als sozia­le Kon­struk­ti­on verstanden.”

Ras­sen sind eine Rea­li­tät, nicht so sehr, wie es sich Ras­sis­ten vor­stel­len, und nicht so wenig, wie Anti­ras­sis­ten träu­men wür­den, wenn sie nicht sel­ber die schlimms­ten Ras­sis­ten wären. Jeder Mensch ord­net sein Gegen­über in Sekun­den­bruch­tei­len nicht nur nach des­sen Ras­se ein, son­dern eben­so nach Geschlecht, Alter und den Kri­te­ri­en gefährlich/ungefährlich, sexu­ell attraktiv/unattraktiv. Umge­kehrt schrei­ben sich fast alle Men­schen genau jener Ras­se zu, der sie ange­hö­ren – in einer Unter­su­chung von 236 DNS-Poly­mor­phis­men von 3636 Pro­ban­den aus 15 ver­schie­de­nen Orten in den USA und Tai­wan, durch­ge­führt anno 2009 von einem US-ame­ri­ka­ni­schen For­scher­team, ergab sich, dass die ethnische/rassische Selbst­zu­ord­nung (weiß, afri­ka­nisch, ost­asia­tisch und his­pa­nisch) zu 99,86 Pro­zent mit der gene­ti­schen Clus­ter­zu­ge­hö­rig­keit über­ein­stimm­te –; ich als im Kör­per eines wei­ßen ras­sis­ti­schen Sexis­ten ein­ge­ker­ker­te soma­li­sche Les­be bin eine sel­te­ne Ausnahme.

„Ras­sen sind weder klar von­ein­an­der abgrenz­bar, noch in sich homo­gen und sta­tisch, aber real und exis­tent”, resü­miert der Anthro­po­lo­ge Andre­as Von­der­ach. Wis­sen­schaft­ler wie der in Har­vard leh­ren­de ame­ri­ka­ni­sche Popu­la­ti­ons- und Human­ge­ne­ti­ker David Reich spre­chen von gene­ti­schen Clus­tern, zu denen sich Phä­no­ty­pen zusam­men­bal­len und die rela­tiv homo­gen sind. Die meis­ten Geno­me der Welt­be­völ­ke­rung las­sen sich zu sol­chen Clus­tern grup­pie­ren: „Black”, „White”, „Asi­an”, „Ocea­ni­en”, „Nati­ve Ame­ri­can”. In der angel­säch­si­schen Fach­li­te­ra­tur, nicht bei den Spin­nern in den noch immer ganz ernst­haft so genann­ten Geis­tes­wis­sen­schaf­ten (Huma­nities), ist es völ­lig nor­mal, von race zu spre­chen, und zwar im Sin­ne jener Got­tes­kon­struk­te, die man inner­welt­lich als Gene bezeich­net. Wenn heu­te Wis­sen­schaft­ler Erklä­run­gen unter­zeich­nen, dass es kei­ne Ras­sen gibt, ist das ledig­lich ein Beweis für das Erstar­ken einer neu­en Inqui­si­ti­on, von der wir noch eini­ge sym­bo­li­sche Schei­ter­hau­fen und Exis­tenz­ver­nich­tun­gen erwar­ten dür­fen, die aber in der Sache so schei­tern wird wie ihre katho­li­sche oder ihre real­so­zia­lis­ti­sche Vor­gän­ge­rin. Die ver­gleichs­wei­se hohe Intel­li­genz der Ost­asia­ten etwa ist so wenig kon­stru­riert wie die immer­hin jen­seits der ers­ten Stan­dard­ab­wei­chung zu ver­mu­ten­de der Spie­gel-The­ra­pie­lis­ten­ver­zap­fer.

Ras­sen­un­ru­hen: Die­ser Begriff soll­te von uns nicht ver­wen­det werden.”

Blöd sind sie schließ­lich nicht.

Schwarz/Schwarze: Wenn die Haut­far­be einer Per­son the­ma­ti­siert wer­den soll, kön­nen wir je nach Kon­text Schwar­ze oder Men­schen mit dunk­ler Haut­far­be schrei­ben. In Deutsch­land schrei­ben man­che, die sich selbst als Schwar­ze bezeich­nen, auch das Adjek­tiv groß, um deut­lich zu machen, dass es nicht um die Haut­far­be gehe, son­dern um eine kol­lek­ti­ve (Rassismus-)Erfahrung.”

All­mäh­lich soll­te die­se suren­ar­ti­ge Ein­häm­me­rei auch den ver­stock­tes­ten Redak­teur erreicht haben. Schwar­ze sind Men­schen mit kol­lek­ti­ver Ras­sis­mus-Erfah­rung. Das ist ihre Haupt­ei­gen­schaft. Sie sind für nichts ver­ant­wort­lich – nicht für die jahr­hun­der­te­lan­ge inner­afri­ka­ni­sche Skla­ven­jagd, die nahe­zu aus­schließ­lich von Schwar­zen betrie­ben wur­de, nicht für die wirt­schaft­li­che Lage des schwar­zen Kon­ti­nents zwei Genera­tio­nen nach der Unab­hän­gig­keit, nicht für den blü­hen­den Ras­sis­mus (und Sexis­mus! Aber hal­lo!) unter Schwar­zen –, sie sind ein Kol­lek­tiv von Opfern, vor dem die Wei­ßen zu knien haben, um Abbit­te zu leis­ten, ihnen Platz zu machen, und zwar buch­stäb­lich, damit sie unse­ren Welt­teil besie­deln kön­nen. Oder bis­su Rassist?

Süd­län­der: Die­ser Begriff soll­te von uns nicht ver­wen­det wer­den …, da er Men­schen einer gro­ßen geo­gra­fisch unspe­zi­fi­schen Regi­on pau­schal bestimm­te Merk­ma­le zuweist.“

Die­ser Begriff ist ohne­hin nur eine Ver­le­gen­heits­lö­sung der Poli­zei, um die in Rela­ti­on zu ihrem Bevöl­ke­rungs­an­teil größ­te Grup­pe von Tat­ver­däch­ti­gen zusam­men­zu­fas­sen, die der Volks­mund anders nennt, ohne den Urein­woh­nern Neu-Kale­do­ni­ens zu nahe tre­ten zu wol­len. Seit 2015 ist frei­lich eine etwas dunk­le­re Kon­kur­renz unter­wegs und ver­zerrt das Farbspektrum.

Zigeu­ner: Die­ser Begriff soll­te von uns nicht ver­wen­det wer­den. (…) Die meis­ten, die mit die­sem Begriff gemeint sind, leh­nen ihn als dis­kri­mi­nie­rend ab, so auch der Zen­tral­rat Deut­scher Sin­ti und Roma. Wenn es all­ge­mein um Ange­hö­ri­ge die­ser Min­der­heit geht, kann von Sin­ti und Roma gespro­chen wer­den, ansons­ten muss hier je nach Kon­text genau dif­fe­ren­ziert wer­den, von wel­cher Grup­pe die Rede ist. Auch mit dem Ter­mi­nus ‚Z‑Wort’ soll­ten wir sehr spar­sam umgehen.”

Ihr ja, Genos­sen. Aber nicht der Sido. Der singt:

„Ich bin ein Sin­ti von Kopf bis Fuß,
Immer wenn ich die­se Trom­meln höre, kocht mein Blut.
Ich bin ein Zigeu­ner, Zi-Zi-Zigeuner,
Zigeu­ner, ich bin ein Zigeuner.
Mei­ne Leu­te haben’s nicht so leicht,
Also wenn du nicht drauf auf­passt, dann ist es meins.
Ich bin ein Zigeu­ner, Zi-Zi-Zigeuner,
Zigeu­ner, ich bin ein Zigeuner.”
Und:
„Ich ver­lan­ge nicht, dass ihr das versteht,
Aber mein Blut ist mei­ne Identität.”

Nach Spie­gel-Kri­te­ri­en gäl­te der Kerl jetzt eigent­lich als ein Nazi, aber gott­lob ist er ein Zi-Zi-Zigeu­ner (die­ser Sido ist mir über hun­der­te von Grä­ben hin­weg übri­gens weit sym­pa­thi­scher als die gesam­te Spie­gel-Trup­pe).

Fas­sen wir zusammen:

„Denn lan­ge, bis es nicht mehr kann, behilft
Sich dies Geschlecht mit fei­len Sklavenseelen.”
Schil­ler, „Wal­len­steins Tod”, 1. Auf­zug, 7. Auf­tritt, Grä­fin Terz­ky spricht

***

Der Bun­des­tag berei­tet sei­ne Mit­ar­bei­ter auch kogni­tiv auf die Ankunft einer grü­nen Kanz­le­rin vor.

***

Dass die Grü­nen eine Art Para­sit sind, der Deutsch­land ins Gehirn gepflanzt wur­de, prak­tisch der feuch­te Traum von Hen­ry Mor­gent­hau juni­or, wur­de hier gele­gent­lich the­ma­ti­siert. Jeden­falls braucht ein Land, das die Grü­nen hat, kei­ne äuße­ren Fein­de mehr.

Anders for­mu­liert:

PS: Natür­lich war die Sta­tio­nie­rung der Pers­hing 2 gegen die Sowjet­uni­on not­wen­dig. Aber sonst: d’ac­cord. Eine Tram­po­lin­sprin­ge­rin, die, ein kur­zes Inter­mez­zo als freie Jour­na­lis­tin aus­ge­nom­men, in ihrem Leben nie in einem rich­ti­gen Job gear­bei­tet und nor­mal Geld ver­dient hat, ist genau das, was der Insol­venz­ver­wal­ter der ’schland AG jetzt braucht.

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