26. April 2021

„Wenn du mit einem ein­zi­gen dei­ner Haa­re das Welt­all ret­ten könn­test, gib es nicht her.”
Pitigrilli

***

Ich geste­he, das nicht unko­misch zu finden:

***

Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Umwelt, Natur­schutz, Bau und Reak­tor­si­cher­heit hat eine „Smart City Char­ta” ver­öf­fent­licht – zur „Char­ta” gehört die Lin­gu­is­tic sub­mis­si­ve­ness –, in wel­cher ein smar­ter Visio­när beschreibt, wie er sich den „hyper­ver­netz­ten Pla­ne­ten” der Zukunft vor­stellt, näm­lich eigen­tums­los, pri­vat­sphä­ren­frei und total­über­wacht, also prak­tisch Urkom­mu­nis­mus auf KI-Basis (Ver­gleich­ba­res las man auch schon vom „Welt­wirt­schafts­fo­rum”). Ich zitie­re eini­ge der „Visio­nen oder Dis­rup­tio­nen”, die „das Inter­net of NO things” mit sich brin­gen könn­te oder soll­te (es steht auf Sei­te 43), zum Beispiel: 

Eine Gesell­schaft, in der kein Gebäu­de leer steht, son­dern die gan­ze Zeit opti­mal genutzt wird. Auch fah­ren kei­ne Autos mehr leer.” 

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass bis­lang kein Auto leer fährt, muss das über­setzt wer­den in: Es fah­ren nur noch voll­ge­stopf­te Autos, und wem das nicht passt, der soll lau­fen oder in einem jener ihm zuge­dach­ten Gebäu­de blei­ben, die aber auch nie leer ste­hen, weil das unso­zi­al und kli­ma­schäd­lich wäre und die kol­lek­ti­vis­tisch dres­sier­ten Zukunfts­amei­se oben­drein bloß auf indi­vi­dua­lis­ti­sche Spleens käme.

„Künst­li­che Intel­li­genz ersetzt Wahl: Wir müs­sen uns nie ent­schei­den, einen bestimm­ten Bus oder Zug zu neh­men, son­dern bekom­men den schnells­ten Weg von A nach B.” Und wer weiß, was „wir” noch so alles zen­tral ver­kli­ckert bekom­men, die rich­ti­ge Ernäh­rung, den rich­ti­gen Umgang, die rich­ti­ge Gesin­nung! „Wir wer­den auch nie unse­re Schlüs­sel, Geld­beu­tel oder Uhren verges­sen.” Weil es so etwas gar nicht mehr gibt, dafür hat man Chips unter der Haut, dafür und für ande­re schö­ne erken­nungs­dienst­li­che Behand­lun­gen. Oder sind Sie etwa gegen Fortschritt?

Dank der Infor­ma­ti­on über ver­füg­ba­re geteil­te Waren und Res­sour­cen macht es weni­ger Sinn, etwas zu besit­zen: Viel­leicht wird Pri­vat­ei­gen­tum in der Tat ein Luxus.

Es macht wenig Sinn, etwas zu besit­zen, vor allem erzeugt das sinn­lo­se Unter­schie­de. Pri­vat­ei­gen­tum wird ein Luxus für die Mit­glie­der der Inne­ren Par­tei, wie das immer war, wenn Kom­mu­nis­ten geherscht haben, und das Mil­lio­nen­heer der fröh­li­chen Robo­ter teilt sich alles brav, vom Auto über die Wasch­ma­schi­ne bis zum Bett. Die­se visio­nä­ren Kre­tins kön­nen so reden, weil sie den rea­len Sozia­lis­mus nie erlebt haben, weil sie kei­nen Schim­mer haben von Zustän­den, in denen die Maxi­me gilt: Die Din­ge gehört allen, also nie­man­dem, und des­halb küm­mert sich auch kei­ner dar­um, und so sehen sie dann auch aus. Gemein­schafts­ei­gen­tum ver­wan­delt sich bin­nen weni­ger Tage in Schrott. Es macht also sehr viel Sinn, etwas zu besit­zen, weil man näm­lich nur dann ein Inter­es­se hat, es zu pfle­gen, zu erhal­ten, wei­ter­zu­ge­ben; über­haupt ent­steht Schön­heit nur durch Pri­vat­be­sitz. Lie­ber lebe ich in einer Hüt­te mit Blick auf ein Schloss als in sozia­lis­ti­scher Einheitsarchitektur.

„Daten könn­ten Geld als Wäh­rung ergän­zen oder ersetzen.”

Das hängt unmit­tel­bar mit dem Wunsch nach Abschaf­fung des Pri­vat­ei­gen­tums zusam­men. Wer näm­lich dage­gen rebel­liert, kann leicht dis­zi­pli­niert wer­den, nach­dem erst ein­mal das neu­tra­le Bar­geld durch jeder­zeit nach­voll­zieh­ba­re Daten ersetzt wor­den ist; nicht ein­mal ein beleg­tes Bröt­chen an der Elek­tro­tan­ke bekommt der Gesell­schafts­feind dann mehr, bevor er nicht reu­ig ins Kol­lek­tiv zurück­ge­kehrt ist.

Da wir genau wis­sen, was Leu­te tun und möchten, gibt es weni­ger Bedarf an Wah­len, Mehrheits­fin­dun­gen oder Abstim­mun­gen. Ver­hal­tensbezo­ge­ne Daten kön­nen Demo­kra­tie als das gesell­schaft­li­che Feed­back­sys­tem ersetzen.”

Sie haben sich nicht ver­le­sen: Wir – die­ses Wort ist eine Dro­hung in sol­chen Mün­dern – wis­sen genau, was „Leu­te” (= Nicht-Wir) möch­ten. „Wir” wis­sen es sogar schon, bevor sie es sel­ber wis­sen. Wah­len und Mehr­heits­fin­dun­gen wer­den über­flüs­sig. Die Mit­be­stim­mung wird end­lich abge­schafft; der Amei­sen­staat ist viel per­fek­ter als der soge­nann­te demo­kra­ti­sche Staat, er pro­du­ziert deut­lich weni­ger Rei­bungs­ver­lus­te und prak­tisch null Fehlverhalten.

Hal­ten wir fest: Ein Bun­des­mi­nis­te­ri­um wirbt in einer offi­zi­el­len Bro­schü­re – also auf Ihre Kos­ten, mei­ne Damen und Toxi­schen –, für die Abschaffung:

1. des Privateigentums,
2. der Privatsphäre,
3. der Pri­vat­au­to­no­mie und
4. des Parlamentarismus.

Eigent­lich ein Fall für den Ver­fas­sungs­schutz, aber der muss die Grund­ge­setz­fun­da­men­ta­lis­ten auf der Rech­ten bespitzeln.

Vor allem ist die­se her­bei­phan­ta­sier­te Zukunfts­welt kul­tur­los, geist­los, häss­lich, uni­form, lebens­un­wert, nie­der­bren­nens­wür­dig. Wenn ich mir aber die nach­wach­sen­den Klon­ar­me­en in den Medi­en, NGOs, Stif­tun­gen und Polit­bü­ros anschaue, sehe ich schon ihr Per­so­nal vor mir.

PS: Als Ergän­zung zu dem zitier­ten Visi­ons­pa­pier steu­ert Leser *** ein Zitat aus dem­sel­ben bei (Sei­te 43): „Im Grun­de genom­men sind Märk­te Infor­ma­ti­ons­sys­te­me, die Res­sour­cen zutei­len. Als Infor­ma­ti­ons­sys­tem funk­tio­niert ein Markt jedoch sehr ein­fach. Er über­mit­telt nur, dass eine Per­son dies oder das gekauft hat; wir wis­sen aber nicht war­um. Künf­tig kön­nen Sen­so­ren uns bes­se­re Daten als Märk­te lie­fern.” Und kommentiert:

„Die wis­sen nicht war­um. Das soll sich also ändern. Jeder Kon­sum­wunsch muss begrün­det wer­den. Über die Zutei­lung der Res­sour­cen ent­schei­det also der Grund, war­um der­je­ni­ge kon­su­mie­ren will (bzw. der Funk­tio­när, der den Grund bewer­tet). Es braucht nicht viel Phan­ta­sie, um die dunk­le Stel­le aus­zu­fül­len, in der sich die Ant­wort befin­det, war­um ‚wir’ über­haupt den Grund wis­sen wol­len, bevor ‚wir’ die Res­sour­ce frei­ge­ben. Zu der Legi­ti­ma­ti­on der Über­prü­fung des Grun­des schweigt die Bro­schü­re gera­de­zu lär­mend, es steht als offen­bar selbst­ver­ständ­li­che Not­wen­dig­keit außer­halb des­sen, was die Autoren der Bro­schü­re für begrün­dungs­be­dürf­tig halten.
Die Inan­spruch­nah­me von Grund­rech­ten und Frei­heit bedarf kei­ner Begrün­dung. Wenn sich das ändert geht hier jedes frei­heit­li­che Licht aus.”

***

Leser *** ist nahe­zu erbost über das ges­tern hier ver­öf­fent­lich­te Gedicht „Zehn klei­ne Schau­spie­ler”, das sich über die­je­ni­gen Mimen lus­tig macht, die sich unter dem Druck zivil­ge­sell­schaft­li­cher Hyä­nen­ru­del aus der Alles dicht machen!-Akti­on zurück­ge­zo­gen haben, denn „für deren Ver­hält­nis­se waren sie mutig (und gera­de die wenig bekann­ten sind es immer noch und sogar ein sich bereits abge­setzt Haben­der ist wie­der zurück­ge­kehrt – mei­ne Aner­ken­nung). Sie ver­die­nen (auch wenn ein gestan­de­ner AfD­ler viel­leicht nur müde lächeln kann) Zuspruch. Sie sind wei­te­re klei­ne Räd­chen, die sich nicht mehr rei­bungs­los mit­dre­hen wol­len. Jedes stör­ri­sche Räd­chen ist wichtig.”

Über die­je­ni­gen, die auf­recht blei­ben und sich nicht ein­schüch­tern las­sen, habe ich ja kein böses Wort ver­lo­ren, also bitte!

Am bes­ten gefällt mir das State­ment des Kam­pa­gnen-Initia­tors (oder Mit­in­itia­tors) Diet­rich Brüggemann:

„Es hat ein­ge­schla­gen. An alle, die jetzt von ‚Ver­höh­nung’ schwur­beln: Ich schwurb­le jetzt auch mal. Ihr ver­höhnt die Opfer. Ihr tram­pelt auf denen her­um, die jetzt selbst­mord­ge­fähr­det sind. Ihr spuckt auf all die, die ihre Exis­tenz ver­lo­ren haben. … Ihr seid ein Teil des Schlimms­ten, was die Mensch­heit her­vor­ge­bracht hat: Ihr seid ein Lynch­mob. Ganz einfach.”

Und: „Wenn die­se Gesell­schaft (oder die 1 Pro­zent, die auf Twit­ter sind) der­art über­schäu­mend reagiert, dann war das Gan­ze offen­bar not­wen­dig. Ende.”

Man soll­te die­se Twit­ter­bla­se als das neh­men, was sie ist: eine jeder­zeit zur Hetz­meu­ten­bil­dung berei­te Ansamm­lung von fei­gen Freaks. Aber kei­ner von denen ver­rich­tet irgend­ei­ne Tätig­keit, von der das Leben eines ande­ren Men­schen abhängt.

 

Total
6
Shares
Vorheriger Beitrag

Zehn kleine Schauspieler

Nächster Beitrag

Übrigens:

Ebenfalls lesenswert

23. Januar 2021

„Die poli­ti­schen Impli­ka­tio­nen des Ten­denz­ro­mans sind in der Regel so dumm, dass er den intel­li­gen­ten Anhän­ger beschä­men und…

10. Dezember 2018

Ich habe am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de 32 Jah­re in einem Mos­kau­er Luxus­ho­tel ver­bracht, im „Metro­pol”, gegen­über dem Bol­schoi-Thea­ter, direkt…