8. April 2021

Es gibt ja Zeit­ge­nos­sen, die sich ein­frie­ren las­sen wol­len, um irgend­wann in der Zukunft wie­der zum Leben erweckt zu wer­den und auf die­se Wei­se die Gesamt­span­ne ihres Erden­da­seins zu ver­län­gern. Selbst wenn das tech­nisch mög­lich wäre, wür­de wohl man­cher zur Unzeit­ge­mäß­heit Wie­der­erweck­te beim Ein­tritt in die Nach­welt einen ziem­li­chen Schock erlei­den. Neh­men wir an, Wil­helm Furtwäng­ler hät­te sich 1954 in die Ana­bio­se ver­set­zen las­sen, wäre die­ser Tage ins Dasein zurück­ge­kehrt und müss­te das lesen:

Oxfor­der Pro­fes­so­ren der Musik­wis­sen­schaft – kei­ne Musi­ker, nicht ein­mal Musi­kan­ten – wol­len den Musik-Lehr­plan „deko­lo­nia­li­sie­ren” und die „wei­ße Vor­herr­schaft” in den Kur­sen been­den. Die­se Beken­ner bekla­gen, das unter­rich­te­te klas­si­sche Reper­toire, wel­ches unter ande­rem Wer­ke von Mozart, Bach und Beet­ho­ven umfasst, kon­zen­trie­re sich zu sehr auf „wei­ße euro­päi­sche Musik aus der Sklavenzeit”.

Auch die Noten­schrift habe die Ver­bin­dung zu ihrer kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit nicht „abge­schüt­telt”, sie spie­ge­le ein „kolo­nia­lis­ti­sches Reprä­sen­ta­ti­ons­sys­tem” wider und sei für eini­ge Stu­den­ten ein „Schlag ins Gesicht”. Musi­ka­li­sche Fähig­kei­ten wie das Erler­nen des Kla­vier­spiels oder das Diri­gie­ren von Orches­tern dürf­ten nicht län­ger ver­pflich­tend sein. „Struk­tu­rell wei­ße euro­päi­sche Musik” brin­ge schwar­ze Stu­den­ten in „gro­ße Bedräng­nis”. Statt­des­sen sol­le für­der­hin mehr afri­ka­ni­sche Musik auf dem Lehr­plan ste­hen – oder Hip­Hop und Jazz. (Wobei Jazz schon seit Jahr­zehn­ten uni­ver­si­tä­rer Lehr­stoff ist; bis es der Hip­Hop dort­hin schafft, müs­sen Bre­men, Ham­burg und Ber­lin wohl noch mehr Abitu­ri­en­ten pro­du­zie­ren.) Inspi­riert von der ame­ri­ka­ni­schen „Black Lives Matter”-Bewegung wol­le man die „Viel­falt ver­bes­sern”. Dazu müs­se es auch mehr nicht-wei­ße Dozen­ten – Bild schreibt „Leh­ren­de” – geben.

Allo­tria die­ser Art ist der Nicht­auf­ge­tau­te inzwi­schen gewohnt – Ähn­li­ches las man ja bereits von struk­tu­rell wei­ßer Mathe­ma­tik und struk­tu­rell wei­ßen Natur­ge­set­zen, zu schwei­gen von den durch und durch und bis bis hin­ein in die Kin­der­bü­cher ras­sis­ti­schen Lite­ra­tur­klas­si­kern. Ein biss­chen über­ra­schend wirkt der Absen­der der Bot­schaft, aber viel­leicht ver­su­chen ein paar Och­sen­fur­ter Zeit­geist­ha­scher nur, in For­ma­ti­on den Namen ihrer Uni­ver­si­tät zu tanzen.

Bemer­kens­wert ist die For­mu­lie­rung „Musik aus der Skla­ven­zeit”. Davon abge­se­hen, dass „Cosi fan tut­te”, das zwei­te A‑Dur-Kla­vier­kon­zert oder das g‑Moll-Quin­tett auch dann gött­li­che Musik wären, wenn Mozart Kom­man­dant von Dach­au gewe­sen wäre, ist zu allen Zei­ten „Skla­ven­zeit” gewe­sen – bis heu­te. Die Skla­ve­rei ist ja auch nach ihrer offi­zi­el­len Abschaf­fung nie ver­schwun­den. Jedes bedeu­ten­de Kunst­werk ent­stand zu irgend­ei­ner Skla­ven­zeit. Da die­se umge­kehr­ten Ras­sis­ten mir mit ihrer Echo­lalie auf die Ner­ven gehen, scheue ich nicht zurück, mich zu wie­der­ho­len und immer wie­der zu wie­der­ho­len, bis es sitzt: Skla­ve­rei gibt es seit 5000 Jah­ren, jede Hoch­kul­tur, jedes grö­ße­re Reich hat sie prak­ti­ziert, und ohne die täti­ge Mit- und Bei­hil­fe krie­ge­ri­scher schwar­zer „Skla­ven­jä­ger­eth­ni­en”, wie der Skla­ve­rei-His­to­ri­ker Egon Flaig sie nennt, hät­te sie gar nicht funk­tio­nie­ren kön­nen – wäh­rend Bach, Mozart, Beet­ho­ven und sogar Richard Wag­ner nie­mals Skla­ven gehal­ten, gejagt oder ver­kauft haben; das waren ja eher Selbst­ver­skla­ver um ihrer Schöp­fun­gen wil­len. Die genann­ten Skla­ven­jä­ger­eth­ni­en stamm­ten aus Mali, dem Tschad, dem Sudan, aber auch aus Gha­na, Nord­ni­ge­ria und Benin; sie brach­ten ihre mensch­li­che Beu­te an die Küs­ten, wo sie vor allem von mus­li­mi­schen, aber auch von euro­päi­schen Skla­ven­händ­lern gekauft und übers Meer ver­schifft wur­de. Bevor sich schwar­ze Oxford-Musik­stu­den­ten vom Skla­ver­ei­zeit­kom­po­nis­ten Beet­ho­ven ins Gesicht geschla­gen füh­len, soll­ten sie erst ein­mal nach­schau­en, ob sie nicht zufäl­lig sel­ber von Ver­skla­vern abstam­men. Außer­dem: Haben wir nicht zuletzt zu hören bekom­men, dass Beet­ho­ven ein hal­ber Schwar­zer war?

Der Afri­ka-Kolo­nia­lis­mus der Euro­pä­er ent­stand aus der Bekämp­fung der mus­li­mi­schen Ver­skla­vung­spi­ra­te­rie, die vor allem die soge­nann­ten Bar­ba­res­ken­staa­ten betrie­ben, aber Mos­lems stu­die­ren in der Regel sowie­so kei­ne euro­päi­sche Musik (wenn doch, sie­he oben). Wäh­rend Skla­ve­rei in allen Welt­ge­gen­den und unter nahe­zu sämt­li­chen Völ­kern eine gewöhn­li­che, wenn auch abscheu­li­che Pra­xis war, geht ihre Abschaf­fung und Äch­tung aus­schließ­lich auf das Kon­to von Wei­ßen. Die­se wei­ßen, nen­nen wir sie der Ein­fach­heit hal­ber und ohne den Renais­sance-Exper­ten ins Feld tre­ten zu wol­len: Huma­nis­ten, han­del­ten aus Moti­ven, wie wir sie in die Spra­che der Musik über­tra­gen bei Bach, Mozart und Beet­ho­ven fin­den. „In Groß­bri­tan­ni­en wur­de die Skla­ve­rei 1807 abge­schafft, in den USA erst 1865”, spannt der stern in sei­nem Arti­kel den his­to­ri­schen Rah­men auf, erwähnt aber nicht, dass es in der Hei­mat vom Bach, Mozart und Beet­ho­ven Skla­ve­rei gar nicht erst gab.

Was hier tat­säch­lich statt­fin­det, ist, neben der Anglei­chung der Lehr­plä­ne an die Fähig­kei­ten von Stu­den­ten, die sich Stu­die­ren­de nen­nen, die Idio­ti­sie­rung eines Erd­teils, jeden Tag ein biss­chen mehr. (Ich habe unlängst geschrie­ben, wir sähen einer Zivi­li­sa­ti­on beim Ver­rückt­wer­den zu, wor­auf­hin ein mut­maß­li­cher Speng­le­ria­ner monier­te, das sei ein Pleo­nas­mus; ich woll­te und will aber nicht mehr von einer Kul­tur spre­chen.) Allein die Aus­sa­ge, dass der Noten­schrift etwas struk­tu­rell Ras­sis­ti­sches oder Unter­drü­cke­ri­sches inne­woh­ne, müss­te zur sofor­ti­gen Ent­las­sung des Pro­fes­sors oder zur Rele­ga­ti­on der Stu­den­tin füh­ren, die sol­chen Non­sens vor­brin­gen. Wie ver­hält es sich eigent­lich mit der­sel­ben Noten­schrift im Jazz? Ist der Domi­nants­ept­ak­kord zum Auf­takt von Beet­ho­vens Ers­ter Sym­pho­nie struk­tu­el­ler wei­ßer Kolo­nia­lis­mus, und wenn ja, wie ist der häu­fi­ge Gebrauch sol­cher Akkor­de im Jazz zu bewer­ten? Ist die gan­ze Jazz-Har­mo­nik am Ende eine raf­fi­niert ver­steck­te Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem Aggressor?

Man las ja schon von Schwar­zen, die sich dar­über bekla­gen, dass die von Wei­ßen geschaf­fe­ne Foto­gra­fie sie benach­tei­li­ge, weil die Kon­tras­te auf den Bil­dern ihre Haut­far­be schlech­ter zur Gel­tung bräch­ten. Hier wäre eine ein­fa­che Lösung schnell zur Hand: Sol­len doch Schwar­ze Kame­ras für Schwar­ze bau­en, sie müs­sen die­se von Wei­ßen kon­stu­ier­ten Din­ger ja nicht benut­zen. Genau­so soll­ten die­je­ni­gen, die sich von der struk­tu­rell wei­ßen Musik unter­drückt und ins Gesicht geschla­gen füh­len, gänz­lichst auf die struk­tu­rell wei­ße Noten­schrift ver­zich­ten (auch wenn die schwar­zen Noten dort in der kla­ren Über­zahl sind). Ich schla­ge außer­dem vor, dass die wei­ßen Natur­ge­set­ze und die wei­ße Mathe­ma­tik von kolo­rier­ten Peo­p­les nicht mehr zwangs­be­nutzt wer­den sol­len; des­glei­chen die von wei­ßen Inge­nieu­ren geschaf­fe­nen Flug­zeu­ge, Hoch­häu­ser, Brü­cken, Autos und Tele­fo­ne. Weg mit dem Gra­vi­ta­ti­ons­ge­setz aus der Skla­ven­zeit! Nie­der mit den Zwangs­struk­tu­ren der Statik!

Bach, Mozart und Beet­ho­ven ver­kör­pern in der Mensch­heits­kul­tur­welt unge­fähr das, was der Mount Ever­est, der K2 und der Kang­chend­zön­ga in der Berg­welt sind (von mir aus darf auch Mozart der Kang­chend­zön­ga sein). Ihre Wer­ke sind von einer Schön­heit, Erha­ben­heit, see­li­schen Tie­fe und meis­ter­li­chen Voll­endung, die außer­halb der Zeit steht. Die­se Musik spricht zu jedem emp­fäng­li­chen Men­schen gleich wel­cher Ras­se oder Haut­far­be und ver­mag ihn mit beschei­de­nem Stolz dar­auf zu erfül­len, einer Gat­tung anzu­ge­hö­ren, deren Acht­tau­sen­der so weit in den Him­mel ragen. Es gibt nichts Grö­ße­res. Aber wenn irgend­wel­che geis­ti­gen Pyg­mä­en – Pyg­mä­en? Das ist Ras­sis­mus! –, wenn, sage ich, irgend­wel­che geis­ti­gen Zwer­ge – Gno­mo­pho­bie! – damit nichts zu tun haben wol­len, ist das in Ord­nung. Es ist mir sogar recht. Wie der grim­me Lud­wig Van ein­mal mit wah­ren und guten Grün­den raunz­te: „Für Schwei­ne spie­le ich nicht.”

Ende der Durchsage.

***

Aus der Rei­he: Ihre Steu­er­gel­der bei der Arbeit.

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Bei mei­nen Spa­zier­gän­gen durch Chem­nitz fiel mir auf, dass Dani­el Hil­lig am 26. August 2018 prak­tisch direkt im Stadt­zen­trum von einem syri­schen Asyl­be­wer­ber ersto­chen wur­de. Der Tat­ort befin­det sich in Sicht­wei­te des Karl-Marx-Denk­mals, direkt gegen­über dem Redak­ti­on­ge­bäu­de der Frei­en Pres­se. Ein Stol­per­stein erin­nert heu­te an die Bluttat.

Inter­es­sant ist, dass die bei­den schwer­ver­letz­ten Opfer des Mes­ser­ste­chers voll­kom­men ver­ges­sen und ver­schwun­den sind. Die Lücken­pres­se hat sich natur‑, der Staats­funk auf­trags­ge­mäß nicht für sie inter­es­siert – die Main­stream­m­edi­en waren über­dies damit beschäf­tigt, erfun­de­ne Hetz­jag­den zu ver­brei­ten und sich dar­über zu ent­rüs­ten, dass es im Osten noch Hin­ter­wäld­ler gibt, die gleich aus­flip­pen, wenn am Ran­de eines Volks­fes­tes mal jemand abge­sto­chen wird, obwohl ihre Vor­fah­ren Nazis waren –, aber auch die alter­na­ti­ven Medi­en haben die bei­den weder auf­ge­trie­ben, noch haben die umge­kehrt den Weg zur Öffent­lich­keit gesucht. Ich ver­mu­te, da ist ein biss­chen Schwei­ge­geld geflos­sen, las­se mich aber eines ande­ren belehren.

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