Kafka trifft Merkel

Leser *** hat Kaf­kas letz­te Erzäh­lung „Jose­fi­ne, die Sän­ge­rin oder Das Volk der Mäu­se” leicht gekürzt und mir zuge­schickt mit den beglei­ten­den Wor­ten, er habe die Erzäh­lung vor vie­len Jah­ren zwei­mal gele­sen, „ohne ihrem Sinn näher­zu­kom­men. Als ich sie nun wie­der zur Hand nahm, nach über vier­zig Jah­ren, fiel es mir wie Schup­pen von den Augen. Es han­delt sich um eine visio­nä­re Para­bel über auto­ri­tä­re Herr­schaft, die es kraft ihrer Tech­nik der Mas­sen­sug­ges­ti­on ver­mag, ihre kom­plet­te Sub­stanz­lo­sig­keit vor dem Publi­kum zu ver­ber­gen. Ich habe die Erzäh­lung um ca. ein Drit­tel gekürzt, ansons­ten aber kei­ner­lei Umstel­lun­gen, Ergän­zun­gen oder Hin­zu­fü­gun­gen  vor­ge­nom­men. Ich garan­tie­re Ihnen Wie­der­erken­nungs­ef­fek­te mit der Herr­schaft der Gro­ßen Füh­re­rin in jeder ein­zel­nen Zeile!”

Gemes­sen an den gän­gi­gen Deu­tun­gen wie jener, Kaf­ka the­ma­ti­sie­re in der Para­bel das Ver­hält­nis des Künst­lers zum Publi­kum, scheint mir das ein exege­ti­scher Sie­ben­mei­len­stie­fel­schritt zu sein.

Ein Aus­zug:

„Eine gewis­se uner­stor­be­ne, unaus­rott­ba­re Kind­lich­keit durch­dringt unser Volk; im gera­den Wider­spruch zu unse­rem Bes­ten, dem untrüg­li­chen prak­ti­schen Ver­stan­de, han­deln wir manch­mal ganz und gar töricht, und zwar eben in der Art, wie Kin­der töricht han­deln, sinn­los, ver­schwen­de­risch, groß­zü­gig, leicht­sin­nig und dies alles oft einem klei­nen Spaß zulie­be. Und wenn unse­re Freu­de dar­über natür­lich nicht mehr die vol­le Kraft der Kin­der­freu­de haben kann, etwas von die­ser lebt dar­in noch gewiß. Von die­ser Kind­lich­keit unse­res Vol­kes pro­fi­tiert seit jeher auch Josefine.

Aber unser Volk ist nicht nur kind­lich, es ist gewis­ser­ma­ßen auch vor­zei­tig alt… Wir haben kei­ne Jugend, wir sind gleich Erwach­se­ne, und Erwach­se­ne sind wir dann zu lan­ge, eine gewis­se Müdig­keit und Hoff­nungs­lo­sig­keit durch­zieht von da aus mit brei­ter Spur das im gan­zen doch so zähe und hoff­nungs­star­ke Wesen unse­res Vol­kes… Wir haben uns auf das Pfei­fen zurück­ge­zo­gen; ein wenig Pfei­fen hie und da, das ist das Rich­ti­ge für uns. Wer weiß, ob es nicht Musik­ta­len­te unter uns gibt; wenn es sie aber gäbe, der Cha­rak­ter der Volks­ge­nos­sen müß­te sie noch vor ihrer Ent­fal­tung unter­drü­cken. Dage­gen mag Jose­fi­ne nach ihrem Belie­ben pfei­fen oder sin­gen oder wie sie es nen­nen will, das stört uns nicht, das ent­spricht uns, das kön­nen wir wohl ver­tra­gen; wenn dar­in etwas von Musik ent­hal­ten sein soll­te, so ist es auf die mög­lichs­te Nich­tig­keit reduziert…

Aber von da bis zu Jose­fi­nens Behaup­tung, sie gebe uns in sol­chen Zei­ten neue Kräf­te usw. usw., ist noch ein sehr wei­ter Weg. Für gewöhn­li­che Leu­te aller­dings, nicht für Jose­fi­nens Schmeich­ler. ‚Wie könn­te es anders sein’ – sagen sie in recht unbe­fan­ge­ner Keck­heit – ‚wie könn­te man anders den gro­ßen Zulauf, beson­ders unter unmit­tel­bar drän­gen­der Gefahr, erklä­ren, der schon manch­mal sogar die genü­gen­de, recht­zei­ti­ge Abwehr eben die­ser Gefahr ver­hin­dert hat.’ Nun, dies letz­te­re ist lei­der rich­tig, gehört aber doch nicht zu den Ruh­mes­ti­teln Jose­fi­nens, beson­ders wenn man hin­zu­fügt, daß, wenn sol­che Ver­samm­lun­gen uner­war­tet vom Feind gesprengt wur­den, und man­cher der unse­ri­gen dabei sein Leben las­sen muß­te, Jose­fi­ne, die alles ver­schul­det, ja, durch ihr Pfei­fen den Feind viel­leicht ange­lockt hat­te, immer im Besitz des sichers­ten Plätz­chens war und unter dem Schut­ze ihres Anhan­ges sehr still und eiligst als ers­te ver­schwand. Aber auch die­ses wis­sen im Grun­de alle, und den­noch eilen sie wie­der hin, wenn Jose­fi­ne nächs­tens nach ihrem Belie­ben irgend­wo, irgend­wann zum Gesan­ge sich erhebt. Dar­aus könn­te man schlie­ßen, daß Jose­fi­ne fast außer­halb des Geset­zes steht, daß sie tun darf, was sie will, selbst wenn es die Gesamt­heit gefähr­det, und daß ihr alles ver­zie­hen wird…”

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