30. Juni 2021

Ges­tern hat die „Mann­schaft” ihre letz­te Chan­ce genutzt. Vor dem Anpfiff des Spie­les gegen die knie­faller­prob­ten Eng­län­der beug­ten auch die deut­schen Spie­ler ritu­ell die Haupt­schar­nie­re ihrer Arbeits­ge­rä­te, obwohl wahr­schein­lich kei­ner von ihnen einen spe­zi­el­len per­sön­li­chen Anlass sah, es zu tun. Woll­ten sie dage­gen pro­tes­tie­ren, dass in Würz­burg die Poli­zei einem Soma­li­er ins Bein geschos­sen hat, der vor ras­sis­ti­schen Hetz­ja­den aus Chem­nitz nach Würz­burg geflo­hen war?

Dort geriet der arme Mensch prak­tisch vom Regen in die Traufe.

Dafür kann man als denk­be­frei­ter Mil­lio­när schon mal in die Knie sin­ken, zumal man ja weich sinkt.

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Ein Mit­ar­bei­ter der SPD-Pres­se­stel­le Redak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND) hat­te eine Eingebung.

Natür­lich nicht! Man muss schon ganz­tä­gig auf den Knien rutschen.

„Der geht noch auf­recht – reis­set ihn um
Der hat noch ein ant­litz – zer­ret es krumm!

Der schrei­tet noch – er schlei­che und hinke
Der schaut noch – macht dass er schie­le und zwinke!

Kein arm: wir brau­chen nur tas­ter und greifer
Kein blut: wir brau­chen nur gal­lert und geifer.

Hin­weg mit see­len mit höhen und himmeln
Wir brau­chen nur staub: wir die krie­chen und wimmeln.”

Ste­fan George

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Im Kopf des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters rauscht und rum­pelt täg­lich so eini­ges zusam­men, und manch­mal macht Horst See­hofer von sei­nem Amts­pri­vi­leg Gebrauch, die Öffent­lich­keit dar­über in Kennt­nis zu setzen.

Dass jun­ge deut­sche Män­ner jah­re­lang in Obdach­lo­sen­hei­men leben, hat See­hofer mei­nes Wis­sens bis­lang weder zum Hin­schau­en noch zum Küm­mern noch zu State­ments über feh­len­des Bewusst­sein ani­miert. Weil die Kar­tof­feln halt nicht zum Mes­ser grei­fen, um auf ihre sozia­len Schwie­rig­kei­ten auf­merk­sam zu machen. Als Innen­mi­nis­ter wäre es See­hofers Job gewe­sen zu ver­hin­dern, dass Gestal­ten hier ein­wan­dern und blei­ben dür­fen, die ent­we­der nicht wil­lens oder nicht imstan­de sind, sich eine Exis­tenz auf­zu­bau­en. Inte­gra­ti­on ist, unter Nor­ma­len und geis­tig Gesun­den, eine Bring­schuld des Ein­wan­de­rers. Der CSU­ler macht eine Schuld der Auf­nah­me­ge­sell­schaft dar­aus. Er will sich von sei­ner poli­ti­schen Mit­ver­ant­wor­tung an der Blut­tat rein­wa­schen, indem er der Gesell­schaft vor­wirft, sie habe ver­sagt – jene Gesell­schaft, der er und sei­nes­glei­chen erst die vie­len Pro­blem­bä­ren auf­ge­bür­det haben. Nie trägt der Täter die Schuld, immer die Gesell­schaft – das ist klas­si­sche lin­ke Pro­pa­gan­da. Auch die Par­tei von Franz Josef Strauß hat das „Nar­ren­schiff Uto­pia” bestiegen.

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„Man wird als Fran­ke an die Zei­len des ‚Sang der alten Lin­de’ erin­nert, einer Pro­phe­zei­hung, die Hin­gerl 1923 publi­zier­te (nach einem Text wohl so um 1870). Da heißt es pro­phe­tisch für die Zukunft: ‚Bun­ter Fremd­ling, unwill­komm­ner Gast, flieh die Flur die du gepflügt nicht hast.’ ”
(Leser ***)

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Das Video von mei­nem Vor­trag zu Bam­berg – eine klei­ne Etü­de über die Gemein­sam­kei­ten von Anti­se­mi­ten und Anti­ras­sis­ten – ist jetzt online; die Samis­dat-Ton­qua­li­tät hat damit zu tun, dass der Tech­ni­ker – man hät­te viel­leicht vor­her sein Face­book-Pro­fil stu­die­ren sol­len („Kein Mil­li­me­ter nach rechts”) – „ver­se­hent­lich” die Auf­nah­me über das Podi­ums­mi­kro­phon abge­schal­tet und für die­se muti­ge Tat von sei­nen Kum­pels wahr­schein­lich eine Bio­na­de und Gum­mi­bär­chen spen­diert bekom­men hat. Die Rede ist nur mit einem Richt­mi­kro­phon mit­ge­schnit­ten worden.

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Apro­pos Anti­ras­sis­mus: Es gibt einen Ort im Gehirn von Bran­don Tay­lor, an dem die Nie­der­tracht wächst und gedeiht. Nur ein klei­ner Riss. Mehr braucht es nicht, um ein schwar­zer Ras­sist zu sein.

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Der Süd­deut­sche Beob­ach­ter teilt mit:

Anna­le­na B. hat in ihrem Leben, ich schwö­re es bei Allah, nie einen eige­nen Gedan­ken gedacht und immer nur mit gro­ßer Mühe die Gedan­ken ande­rer nach­voll­zie­hen oder sogar begrei­fen kön­nen, wes­halb sie es vor­zog, einen mit die­sen Han­di­caps kom­pa­ti­blen Bil­dungs­weg zu beschrei­ten, sich mit Leu­ten zu umge­ben, die so sind wie sie, und einer Par­tei bei­zu­tre­ten, die ver­mit­tels von Emo­tio­nen kom­mu­ni­ziert wie Amei­sen ver­mit­tels von Phe­ro­mo­nen. Anna­le­na B. hat auch noch nie im Leben eine For­mu­lie­rung ver­wen­det, die nicht von ande­ren Leu­ten vor­ge­kaut oder vor­ge­stanzt wur­de. Was soll so eine arme Per­son aber nun auf ein lee­res Blatt schrei­ben bzw. auf 160 lee­re Blät­ter? Sie muss kopie­ren und pla­gi­ie­ren oder einen Ghost­wri­ter beschäf­ti­gen, der eben­falls kopie­ren und pla­gi­ie­ren muss, denn so gut kann die Grü­ne nun auch wie­der nicht bezah­len, dass sie sich einen Erst­klas­si­gen leis­ten könn­te, des­sen Text sie dann ohne­hin nur mit Mühe ver­ste­hen würde.

So weit, so egal – was kann die­ses in die Jah­re gekom­me­nen Mädel dafür, dass sie nicht die Hells­te ist? Die „viel wich­ti­ge­re Dis­kus­si­on”, das hat der Süd­deut­sche abwechs­lungs­hal­ber mal recht, gilt der Fra­ge, ob Poli­ti­ker über­haupt Bücher schrei­ben soll­ten. Das liegt auf der­sel­ben Linie wie die Fra­ge, ob sie pro­mo­vie­ren sol­len. Ange­sichts der Tat­sa­che, dass Poli­tik im Par­tei­en­sys­tem auf eine Nega­tiv­aus­le­se hin­aus­läuft und die weni­gen Begab­ten in der Regel von den ande­ren weg­ge­bis­sen wer­den, sind bei­de Fra­gen selbst­re­dend zu ver­nei­nen. Wenn nun aber eine geis­tig mit­tel­mä­ßig aus­ge­stat­te, von jeder Art nor­ma­lem Berufs­le­ben unbe­rühr­te Lebens­lauf­kos­me­ti­ke­rin und Pla­gia­to­rin über­schnappt und sich für fähig hält, Kanz­le­rin einer Wirt­schafts­na­ti­on mit 83 Mil­lio­nen Ein­woh­nern zu wer­den, dann gilt der Vor­wurf des Ableism nicht mehr, wenn man ihr sagt: Es ist nicht böse gemeint, aber Du – die Grü­nen duzen sich – kannst es ein­fach nicht.

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Was ich mei­ne, wenn ich von „Retri­ba­li­sie­rung” spre­che, erkun­digt sich ein Leser. Das:

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„Lie­ber Herr Klo­n­ovs­ky, was zeich­ne­te die Deut­schen aus, als sich abzeich­ne­te, dass der Krieg ver­lo­ren war? Natür­lich der eiser­ne Durch­hal­te­wil­le, die Treue zum Füh­rer (von ein­zel­nen  Köp­fen wie Stauf­fen­berg oder Rudolf Hess mit sei­nem Eng­land­flug abge­se­hen). Nur weni­ge in der Eli­te kamen auf die Idee, den ein­mal ein­ge­schla­ge­nen Weg zu überdenken.
Jogi Löw hat mit sei­nem Team bis 2014 gran­dio­se Erfol­ge erzielt – ob das sein Ver­dienst war, ob die Mann­schaft 2014 nicht wegen, son­dern trotz Löw Cham­pion wur­de, blei­be mal dahin­ge­stellt. Aber seit­dem folgt Kata­stro­phe auf Kata­stro­phe, immer unter­bro­chen von Löws beru­hi­gen­dem ‚Kei­ne Sor­ge, wir schaf­fen das!’ Aber wir hiel­ten eisern an Löw fest, so wie er eisern an sich selbst festhielt.
Seit meh­re­ren Jah­ren meh­ren sich die Anzei­chen, dass etwas faul im Staa­te Mer­kel­mark ist. Die Sta­tik der Par­tei­en ver­schiebt sich nach links, die Pres­se hört i.w. auf, die Regie­rung zu kri­ti­sie­ren, wir ver­schwen­den Unsum­men für eine unnö­ti­ge Grie­chen­land­ret­tung, Ver­wal­tung und Infra­struk­tur ver­kom­men, wir set­zen eine Kli­ma­po­li­tik ins Werk, die am Welt­kli­ma nichts ändern wird, dafür aber das Pro­blem der über­mäch­ti­gen deut­schen Indus­trie­macht für unse­re inner­eu­ro­päi­schen Kon­kur­ren­ten ein für alle Mal behe­ben wird, und dann ist ja da noch das ‚freund­li­che Gesicht’ Mer­kels von 2015 …
Ver­ge­wal­tig­te, abge­sto­che­ne Kar­tof­feln? Alles nur unbe­deu­ten­de Kol­la­te­ral­schä­den einer alter­na­tiv­lo­sen Poli­tik. Wer wären wir denn, Löw oder Mer­kel zu kri­ti­sie­ren? 80 Mil­lio­nen Bun­des­trai­ner, 80 Mil­lio­nen Bundeskanzler?
Allein Füh­rungs­kräf­te wis­sen in Deutsch­land, was gut für uns alle ist. Dass die Drei­er­ket­te im Fuß­ball oder die Poli­tik unse­rem Natu­rell nicht ent­spricht, was tut’s? Führer*in befiehl, wir fol­gen Dir! Da zei­gen wir, dass wir immer noch ech­te Deut­sche von altem Schrot(t) und Korn sind.
Oder wie ist sonst zu erklä­ren, dass wir uns in Treue fest an die aller­letz­ten Luschen klam­mern, wenn sie ein­mal ‚oben’ sind?
Mit Nibe­lun­gen­grüs­sen,
Leser ***”

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Ich hat­te es gehofft:

Da mun­det es doch gleich noch ein­mal so gut! Die gewal­tigs­ten Erkennt­nis­se rei­fen doch immer an Uni­ver­si­tä­ten. Vive la cuisine! 

War­um? Weil die Ess­ge­wohn­hei­ten – es tritt auf Mat­hil­de Cohen, Mit­ar­bei­te­rin am fran­zö­si­schen Insti­tut für Grund­la­gen­for­schung CNRS bei einer Ver­an­stal­tung in Paris, Applaus, Applaus! – „von den Stan­dards der obe­ren wei­ßen Mit­tel­schicht geprägt” wer­den. Statt von Bett­lern, Sei­fen­sie­dern und Prostituierten.

Damit wäre wohl jede Küche der Erde ras­sis­tisch, sofern sie nicht bese­li­gen­der­wei­se auf die Stan­dards der Unter­schicht zurück­geht? Aber nein! Das beson­de­re ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rungs­po­ten­ti­al der fran­zö­si­sche Küche bestün­de eben dar­in, meint Madame Cohen – sofern sie es wirk­lich meint, was bei sol­chen Con­nais­seu­sen der Ras­sis­mus­rie­che­rei nie wirk­lich sicher ist –, dass sie durch den Kolo­nia­lis­mus in die gan­ze Welt getra­gen wur­de und dort hei­mi­sche Ess­ge­wohn­hei­ten ver­dräng­te. (Wäh­rend bei­spiels­wei­se die eng­li­sche Küche, gestat­te ich mir hin­zu­zu­fü­gen, die ja eben­falls durch den Kolo­nia­lis­mus in die Welt gelang­te, spe­zi­ell bei den kan­ni­ba­lis­tisch leben­den Ein­ge­bo­re­nen als durch­aus ver­traut emp­fun­den wur­de.) Wenn man die­sen Mecha­nis­mus erst ein­mal begrif­fen hat, geht alles wei­te­re wie am Schnür­chen: Eisen­bah­nen außer­halb der Mut­ter­län­der der­sel­ben? Ras­sis­mus! Stra­ßen­bau? Ras­sis­mus! Kran­ken­häu­ser? Ras­sis­mus! All­ge­mei­ne Schu­len? Ras­sis­mus! Auto­mo­bi­le? Ras­si­mus! Mobil­te­le­fo­ne? Ras­sis­mus! Mes­ser und Gabel? Ras­sis­mus! Des­we­gen ist auch die höhe­re Mathe­ma­tik ras­sis­tisch – weil sie durch den Kolo­nia­lis­mus und sei­ne Glie­de­run­gen in die Welt getra­gen wurde.

Wie ver­hält es sich nun aber umge­kehrt mit, sagen wir, dem Chi­ne­sen­lo­kal oder dem Türken­la­den an der deut­schen Ecke? Wahr­schein­lich geht das noch als diver­si­fi­zie­rungs­ge­rech­te Unter­schichts­spei­sung durch, wie auch die demo- bzw. och­lok­ra­ti­sche McDo­nal­di­sie­rung Frank­reichs. Der wirk­li­che Ras­sis­mus beginnt mit kuli­na­ri­schen Nil­pferd­peit­schen­hie­ben wie Tour­ne­dos Ros­si­ni oder Foie gras. Erst wenn sich der gesam­te Glo­bus beim von der UN stan­dar­di­sier­ten Fast­food ver­ei­nigt, darf die Dis­kri­mi­nie­rung bei Tische als been­det gelten.

Damit wäre wohl auch Had­mut Danischs Fra­ge geklärt: „Was essen eigent­lich fran­zö­si­sche Nicht-Ras­sis­ten?” Wenn sie es wirk­lich ernst mei­nen: Dreck.

 

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