16. Juli 2021

Der Tenor Leo Sle­zak (1873–1946) war das, was man zu sei­ner Zeit noch ein „Manns­bild” nann­te, also beschaf­fen, wie ein ech­ter Büh­nen­held damals eben beschaf­fen zu sein hat­te, um fröh­lich die gro­ßen Wag­ner-Par­tien zu stem­men: fast zwei Meter groß, fast drei Zent­ner schwer, von ent­spre­chen­der Tafel­freu­de und neben­her ein Ori­gi­nal, um das sich vie­le Anek­do­ten, wie man sagt, ran­ken. Er gab sein Debüt als Lohen­grin (heu­te unvor­stell­bar) und säum­te sei­ne Kar­rie­re mit Zeug­nis­sen eines gött­li­chen Unernstes.

Legen­där wur­de die Fra­ge, der er in Rich­tung der Büh­nen­ar­bei­ter stell­te, nach­dem die bei einer „Lohengrin”-Aufführung irgend­wo in der öster­rei­chi­schen Pro­vinz Kahn und Zug­tier für ihn uner­reich­bar schnell in die Kulis­sen zogen: „Wann geht der nächs­te Schwan?” Ein­mal sprang er in der­sel­ben Par­tie ein, ohne zuvor geprobt zu haben, und lern­te gleich dem Schwa­nen­rit­ter sei­ne Elsa erst auf der Büh­ne ken­nen, was sich so gestal­te­te, dass er dem berühm­ten Fra­ge­ver­bot sein „Elsa, ich lie­be dich” fol­gen ließ und bei der anschlie­ßen­den Umar­mung der Kol­le­gin dis­kret ins Ohr flüs­ter­te: „Gestat­ten: Sle­zak.” In Bay­reuth erschien er als noch unbe­kann­ter Nach­wuchs­te­nor zum Vor­sin­gen und lös­te bei Cosi­ma Wag­ner und ihrer künst­le­ri­schen Entou­ra­ge einen Eklat aus, weil er Leon­ca­val­los Bajaz­zo-Arie anstim­men woll­te, was dort auf Blas­phe­mie hin­aus­lief (er wur­de aus einem ande­ren Grund nicht engagiert).

Leo Sle­zak gas­tier­te häu­fig in Mün­chen und speis­te mit Vor­lie­be in einem klei­nen jüdi­schen Restau­rant. Als des­sen Besit­zer, der die­se Ehre sehr zu schät­zen wuss­te, sei­nen Star­gast ein­mal mit der Fra­ge emp­fing: „Herr Kam­mer­sän­ger, was wer­den wir denn heu­te essen?” ant­wor­te­te Sle­zak ent­schie­den und bün­dig: „Gän­se.”

Die letz­te Anek­do­te stammt aus dem Buch „Die Tan­te Jolesch oder Der Unter­gang des Abend­lan­des in Anek­do­ten” von Fried­rich Tor­berg, und ich kom­me dar­auf, weil ich’s zum einen gera­de lese, zum ande­ren in einem der letz­ten Ein­trä­ge nach dem Vor­bild des Bon­mots „Frau­en spie­len nicht Fuß­ball; sie spie­len, dass sie Fuß­ball spie­len” frag­te. Wie Leser *** sofort erkann­te, stammt es aus Thor­bergs so amü­san­ter wie weh­muts­grun­dier­ter Geschich­ten­samm­lung („Es ist vor­bei mit der Espla­na­de, vor­bei mit allem, was einst­mals Ischl war, mit sei­ner ein­ma­li­gen Struk­tur und Atmo­sphä­re, es ist vor­bei”). Das Kapi­tel „Am Kar­ten­tisch” han­delt unter ande­rem vom „alten Schwarz”, einem legen­dä­ren und gefürch­te­ten Wie­ner Bridge-Spie­ler, genannt „Old Black”. Schwarz nahm an inter­na­tio­na­len Bridge-Tur­nie­ren teil, war Wit­wer und Vater einer unver­hei­ra­tet geblie­be­nen Toch­ter, die sich lei­der eben­falls dem Kar­ten­spiel ver­schrie­ben hat­te, es aller­dings nicht annä­hernd zur väter­li­chen Meis­ter­schaft brach­te, was dazu führ­te, dass „Old Black” ihr ver­bot, an sei­nem Tische mit­zu­spie­len, ja auch nur in dem Raum zu ver­wei­len, wo er spiel­te. Weil die Toch­ter, The­re­se mit Namen, sich die­sen Restrik­tio­nen nicht unter­wer­fen woll­te, kam es schließ­lich zu einem völ­li­gen Zer­würf­nis mit ihrem Vater.

Ja, und die­se Toch­ter inspi­rier­te einen „Apho­ris­ti­ker des Kar­ten­tischs” (Tor­berg) zu der Sen­tenz: „Frau­en spie­len nicht Bridge, sie spie­len Bridgespielen.”

Leser *** hat­te nicht nur das Zitat, son­dern auch den Hin­ter­grund in pet­to. Ein ande­rer Leser, der mein­te, der Aus­spruch stam­me von Max Goldt, lag knapp daneben.

***

Das Dra­ma der unbe­gab­ten Frau ist heu­te pas­sé, da sei die Quo­te vor. Vor ein paar Tagen emp­fahl mir der goog­le-Zufalls­ge­ne­ra­tor die­sen Artikel.

Die Ver­wand­lung des uned­len Metalls in Gold voll­zog sich in einem „zwölf­wö­chi­gen Boot­camp”. Kann das sein?, frug ich mich, der ich ja bereits in mei­ner frü­hen Jugend den Alche­mis­ten nicht über den Weg trau­te. Gewäh­ren sie dem Relo­ti­us an der gleich­na­mi­gen Spit­ze etwa ein Gna­den­brot? Nein, das kann nicht sein, ant­wor­tet der in sol­chen Belan­gen recht ver­läss­li­che Had­mut Danisch, der, im Gegen­satz zu mir, immer­hin vom Fach ist. (Also Relo­ti­us, das kann schon sein, nur die Sto­ry in dem Arti­kel kann nicht stim­men.) Der Bei­trag sei eine Mischung aus femi­nis­ti­scher Pro­pa­gan­da, Nebel­zau­ber und Schleichwerbung.

Scha­de eigent­lich. Ich hat­te mich schon auf die Fol­ge­ar­ti­kel gefreut. So in der Art wie: „Poli­tik­wis­sen­schafts­stu­di­um, Prak­ti­kum bei den Grü­nen, ers­ter Job: Anna war auf einem guten Kar­rie­re­weg. Bis sie im Shut­down ihre Lei­den­schaft für Sta­tik ent­deck­te. Heu­te ent­wirft sie Hän­ge­brü­cken in Asi­en.” Oder: „Por­no­aus­stei­ge­rin Petra zog es in die Phy­sik. Noch wäh­rend ihres sechs­wö­chi­gen Prak­ti­kums am CERN wies sie das x‑Boson nach”.

***

Im Wes­ten nichts Neues?

Doch! Sie müs­sen nur sehr genau suchen. Die­se Rassisten!

(Ich dan­ke Leser *** für die Zusendung.)

Man wird uns nach den Über­flu­tun­gen in NRW und Rhein­land-Pfalz wie­der ein­zu­re­den ver­su­chen, dass letzt­lich der Ver­bren­nungs­mo­tor und die wei­ßen­ge­mach­te Indus­trie die Schuld an allem trü­gen, also der men­schen­ge­mach­te Kli­ma­wan­del, als ob Natur­ka­ta­stro­phen und dar­in wie­der­um Unwet­ter­schä­den nicht ein bas­so con­ti­nuo der Mensch­heits­ge­schich­te wären.

Zur Erin­ne­rung: Bei der gro­ßen men­schen­ge­mach­ten Sturm­flut zu Ham­burg im Febru­ar 1962 gab es 315 Opfer. Die Flut for­der­te sie nicht nur, son­dern nahm sie. Kat­rin Göring-Eckardt kann das nicht wis­sen, sie war damals –4.

KGE und ihr gan­zer grü­ner Ver­ein leben davon zu behaup­ten, sie sei­en der letz­te Ver­tei­di­gungs­ring gegen die Kli­ma­ka­ta­stro­phe, unge­fähr wie A. Hütt­ler davon leb­te zu behaup­ten, er und sein eben­falls woker („erwach­ter”) brau­ner Ver­ein sei­en der letz­te Ver­tei­di­gungs­ring gegen den Bol­sche­wis­mus. Und hat es den Bol­sche­wis­mus gege­ben oder nicht? Eben. Des­we­gen ist alles Kli­ma­ka­ta­stro­phe, der zu kal­te und der zu war­me Win­ter, der zu dür­re oder zu feuch­te Som­mer, Hit­ze sowie­so. Aber auch Kälte.

Wie die grü­nen Kli­ma­ret­ter inzwi­schen mit dem woken Teil der Unter­neh­mer­schaft koope­rie­ren, denen das Elend des Wett­be­werbs dank flie­ßen­der Sub­ven­tio­nen erspart wird, wäh­rend sie oben­drein noch ein grü­nes Güte­sie­gel bekom­men, also den mora­li­schen Hei­li­gen­schein, beschreibt sehr erhel­lend die­ser Publi­co-Bei­trag. Wie die Kli­ma­kri­se gibt der gute alte Sta­mo­kap jetzt erst rich­tig Bio­gas! Es muss eine Won­ne sein, als Grüne/r zu leben! Man kann behaup­ten und for­dern, was einem so durch die Rübe rauscht, macht sich ein gutes und ande­ren ein schlech­tes Gewis­sen und bezieht dafür ein regel­mä­ßi­ges Ein­kom­men. Wer die Cho­se am Ende bezahlt, dürf­te klar sein.

Zurück zu den Über­flu­tun­gen. Mehr als 100 Men­schen sind dabei umge­kom­men. Die Kanz­le­rin hat schnell ihr Bei­leid bekun­det, da die Täter wei­ße Män­ner waren. Per­sön­lich konn­te sie nicht vor­bei­kom­men, weil sie noch zu tun hat­te und über­dies über wich­ti­ge Zukunfts­be­lan­ge medi­tie­ren muss.

Sag­te ich sin­nie­ren? In der Tat.

Sie will her­aus­fin­den, was sie interessiert.

Die­ser kul­tur- und empa­thie­lo­se Tram­pel hat nun 16 Jah­re lang Deutsch­land regiert und wäre sogar bei­na­he noch von einem Tram­po­lin abge­löst wor­den. Und nun freue dich Berlin!

***

Wenn Sie genug über­flu­te­te Stra­ßen und weg­ge­spül­te Autos gese­hen haben, emp­feh­le ich auf You­tube „Riots South Afri­ca” ein­zu­ge­ben: Die­ser Gesell­schafts­kli­ma­wan­del, dem in den USA die „Black lives matters”-Krawalle vor­aus­ge­eilt sind, dürf­te das eigent­li­che Pro­blem unse­res Jahr­hun­derts werden.

***

Was macht die Regie­rungs­pres­se sonst? Na, sich locker.

Die EZB will die Infla­ti­on „tole­rie­ren”. Und die Gur­ken, die sol­che Über­schrif­ten for­mu­lie­ren, ver­die­nen ein Drit­tel von dem, was ihre Vor­gän­ger in den seli­gen 90ern bekamen.

Wie gesagt: Die Some­whe­res, die sich für Any­whe­res hal­ten, wer­den sich noch gewal­tig umgucken.

***

Leser *** moniert im ges­tern hier zitier­ten Welt­wo­che-Kom­men­tar „eine inzwi­schen zur ‚Urban Legend’ ent­wi­ckel­te For­mu­lie­rung, die über­haupt nicht akzep­ta­bel ist”, näm­lich „die immer und immer wie­der­hol­te Fehl­zi­ta­ti­on der Äuße­rung der Abriss­bir­ne aus der Ucker­mark (den Begriff hab’ ich geklaut, ist aber unüber­treff­bar). Aus Mer­kels For­mu­lie­rung, die Ergeb­nis­se der Wahl müss­ten rück­gän­gig gemacht wer­den – ein legi­ti­mes poli­ti­sches Anlie­gen – wird die For­mu­lie­rung, eine Wahl müss­te rück­gän­gig gemacht wer­den. Ich den­ke, dazwi­schen ist ein him­mel­wei­ter Unter­schied. Es ist scha­de und ent­täu­schend, dass Sie das unkom­men­tiert las­sen. Mer­kel hat die Aus­wir­kun­gen einer Wahl rück­gän­gig machen wol­len – und es lei­der auch erreicht. Das ist poli­ti­sches Tages­ge­schäft. Ein Wahl­er­geb­nis rück­gän­gig machen zu wol­len, wäre dage­gen ein Ver­stoß gegen die Ver­fas­sung, Das war viel­leicht inten­diert, fand aber nicht statt.”

Das, geehr­ter Herr ***, sehe ich nicht so. Mer­kel sag­te wort­wört­lich: „Da die Kon­stel­la­ti­on abseh­bar war, wie im drit­ten Wahl­gang gewählt wur­de, muss man sagen, dass die­ser Vor­gang unver­zeih­lich ist und des­halb auch das Ergeb­nis wie­der rück­gän­gig gemacht wer­den muss.” Das Erge­bis die­ser Wahl muss rück­gän­gig gemacht wer­den – das ist, aus dem Mun­de der Regie­rungs­chefin, unmiss­ver­ständ­lich ver­fas­sungs­feind­lich. Davon abge­se­hen, dass es die Kanz­le­rin einen Sie wis­sen schon angeht, wer wen in einem Bun­des­land in die Regie­rung wählt. Der legi­ti­me thü­rin­gi­sche Minis­ter­prä­si­dent Kem­me­rich ist atta­ckiert wor­den, sein Haus wur­de von einem Mob bela­gert, sei­ne Fami­lie tät­lich ange­grif­fen. Kem­me­richs Rück­tritt ist mit Gewalt erzwun­gen wor­den. Zu unter­su­chen wäre, inwie­weit Mer­kels Wor­te dabei als Brand­be­schleu­ni­ger wirk­ten. Immer­hin durf­te der Mob ihre Wor­te als einen Frei­brief betrach­ten, die Kor­rek­tur der sata­ni­schen Wahl selbst in die Hand zu neh­men, indem man den Amts­in­ha­ber und des­sen Fami­lie bedrohte.

In den Wor­ten eines hier schon zitier­ten Lesers, Jurist im Staats­dienst, müss­te der Gene­ral­bun­des­an­walt Ermitt­lun­gen gemäß § 105 I Nr. 3 StGB „Nöti­gung von Ver­fas­sungs­or­ga­nen” gegen Mer­kel durch­füh­ren. „In der Straf­rechts­dog­ma­tik heißt das Bei­hil­fe, even­tu­ell sogar Anstif­tung. Immer­hin ein Verbrechen.”

Zu klä­ren wäre fer­ner, inwie­weit die Kanz­le­rin die FDP in den Bun­des­län­dern unter Druck gesetzt hat, wo die Uni­on gemein­sam mit der FDP regiert (Schles­wig-Hol­stein, NRW). Auch die­se Ein­mi­schung in die Lan­des­po­li­tik wäre unstatthaft.

Natür­lich wären sol­che Ermitt­lun­gen in gewis­ser Wei­se eben­falls unver­zeih­lich. Damit der­glei­chen nicht pas­siert, sind im Beu­te­staat der Alt­par­tei­en die Ver­fas­sungs­rich­t­er­stel­len nach Par­tei­pro­porz besetzt worden.

***

„Im Kon­go war des Mobil­funk­netz sta­bi­ler als in Deutschland.”
(Ein Mit­rei­sen­der im ICE)

***

Wahl­kampf­im­pres­si­on, in fort­schritt­li­chen Gegen­den wahr­schein­lich unmög­lich, weil sich dort der Volks­zorn die gerech­te anti­fa­schis­ti­sche Erre­gung rüh­ren würde.

***

Ich las­se an der Ehe­ma­li­gen ja sel­ten ein gutes Haar, aber eines muss man den Genos­sen zuge­ste­hen: Im Real­so­zia­lis­mus war Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät Stan­dard, und die Lust des Flei­sches gehör­te zu den erwünsch­ten Ver­gnü­gun­gen der Werktätigen.

Ansons­ten lässt sich über Geschmack natür­lich strei­ten (Chem­nitz, Stadthalle).

 

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