24. Juli 2021

Der Stand der Din­ge, ver­dich­tet in einer belang­lo­sen Meldung.

Das Zen­tral­or­gan Höhe­rer Han­sea­ti­scher Huma­nis­tin­nen (ZHHH, frü­her Die Zeit) eröf­fent zwei Gast-Ethi­kern die Mög­lich­keit, der selek­ti­ven Dis­kri­mi­nie­rung beizupflichten.

Nun, sei’s drum, mir ist längst jede Dis­kri­mi­nie­rung recht.

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Über Geld redet man, Geld hat man nicht.

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Man­che Prei­se wer­den sich von ihren Trä­gern nie erholen.

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Frü­her hat­ten Men­schen Las­ter. Heu­te sind sie „authen­tisch”.

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Die am wei­tes­ten ver­brei­te­te Amne­sie ist die kulturelle.

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Ges­tern Stra­ßen­wahl­kampf in der Chem­nit­zer Innen­stadt. Ein Gast aus Bay­ern wun­dert sich, dass weder Poli­zei noch Anti­fa zu sehen sind. Wer auf die ritu­el­len Abscheu­be­kun­dun­gen war­tet, muss sich lan­ge gedul­den. Es gibt derer ins­ge­samt zwei, in bei­den Fäl­len han­delt es sich bio­deut­sche Jüng­lin­ge; der eine zeigt vor­bei­ra­delnd den Rosen­öl­fin­ger, der ande­re schreit beim Vor­über­ei­len: Ver­pisst euch, ihr Scheiß-Jud… – nein, quatsch, er hat bestimmt Nazis geru­fen. Es war nicht ganz klar zu ver­ste­hen, denn er trug eine FFP2-Mas­ke, auf einem öffent­li­chen Platz, und sein mit­tel­fin­ger­re­cken­der Milch­bru­der hat­te sich den Dres­sur­nach­weis sogar fürs Rad­fah­ren über Mund und Nase gezo­gen. Ich ver­mu­te schon län­ger, dass die Din­ger eine Sauer­stoff­un­ter­zu­fuhr des Gehirns bewir­ken. Es könn­te aber auch sein, dass die bei­den Auf­rech­ten sich nur gewohn­heits­hal­ber ver­mummt haben, um uner­kannt zu blei­ben und auf dem Heim­weg nicht einer der übli­chen Chem­nit­zer Hetz­jag­den zum Opfer zu fallen.

Die lus­tigs­te Fra­ge stellt eine Pas­san­tin: „Sie kom­men doch gar nicht aus Chem­nitz. War­um wol­len Sie dann hier Bür­ger­meis­ter werden?”

Für den Höhe­punkt der Ver­an­stal­tung sorg­te ein Entrepe­neur aus dem Krei­se der oft Gold­stü­cke genann­ten im wei­tes­ten Sin­ne Geflüch­te­ten. In die­sem Fall flüch­te­te der juve­ni­le Heiß­sporn indes nicht sel­ber, son­dern ein ande­rer, ein paar Jah­re älte­rer Bür­ger mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund vor ihm, und zwar aus­ge­rech­net an den AfD-Stand. (Eine gute Idee für die „Ver­steck­te Kame­ra” übri­gens.) Wor­um es bei der Hatz ging, blieb unklar, der Dieb­stahl des Hän­dis des Jün­ge­ren durch den Älte­ren stand in Rede, außer­dem habe Letz­te­rer, des­sen Natio­na­li­tät mir ver­bor­gen blieb, Pfef­fer­spray gegen sei­nen Ver­fol­ger ein­ge­setzt. Jener wie­der­um sprach bzw. schrie und fluch­te ara­bisch, fiel aber, da er vor über­wie­gend indi­ge­nem Publi­kum agier­te, immer wie­der ver­söhn­lich ins Deut­sche. Er for­der­te, wir mögen die Poli­zei rufen. („Ihr seid irgend­was mit Poli­tik, wie?”) Da der Bur­sche immer aggres­si­ver wur­de und augen­schein­lich unter Dro­gen stand – von den kör­per­ei­ge­nen abge­se­hen –, war das kei­ne schlech­te Idee. Also ward die Staats­ge­walt über Not­ruf einbestellt.

„Doch seht, die bra­ve Polizei/Eilt wie gewöhn­lich schnell her­bei!“, reimt Wil­helm Busch. Eine ande­re Ver­si­on lau­tet: Was haben eine Nym­pho­ma­nin und die Poli­zei gemein­sam? Nie sind sie da, wenn man sie braucht. Nach einer hal­ben Stun­de immer­hin tra­fen die bra­ven Beam­ten ein, dafür gleich mit vier Ein­satz­fahr­zeu­gen, man kann ja nicht wis­sen. Das heißt, dem womög­lich bestoh­le­nen und ohne­hin schon hin­rei­chend illu­mi­nier­ten Heiß­blut wahr­schein­lich tune­si­scher oder liba­ne­si­scher Her­kunft blieb aus­rei­chend Zeit, um eine jener emo­tio­na­len Schau­spiel­ein­la­gen abzu­lie­fern, die die­sem Men­schen­schlag hier­zu­lan­de so vie­le Sym­pa­thien und Will­kom­mens­be­kun­dun­gen ein­ge­tra­gen haben: Der Bub schrie her­um, ges­ti­ku­lier­te, drang immer wie­der auf den Älte­ren ein (vor den sich inzwi­schen schüt­zend zwei kräf­ti­ge­re Her­ren vom Wahl­stand gestellt hat­ten), um ihm zu ver­si­chern, er wer­de sei­ne Mut­ter und als­dann sämt­li­che weib­li­chen Ange­hö­ri­gen sei­ner Fami­lie ficken, erwei­ter­te sodann den Kreis der von ihm zu Ficken­den auf ande­re Umste­hen­de und deren teil­wei­se gar nicht anwe­sen­den weib­li­chen Fami­li­en­mit­glie­der, ver­deut­lich­te sei­ne Ansa­ge durch osten­ta­ti­ve Grif­fe an sein vor­aus­sicht­li­ches Tat­werk­zeug, und ver­si­cher­te, dass er vor nie­man­dem Angst habe, weil aus­schließ­lich Allah über ihn rich­ten wer­de (wahr­schein­lich ohne auf den Gedan­ken zu kom­men, dass ein ergrimm­ter Allah ihm am Jüngs­ten Tag wegen schlech­ten Beneh­mens sei­ne Miss­bil­li­gung aus­spre­chen könnte).

Wäh­rend­des­sen geschah, was oft in sol­chen Situa­tio­nen oft zu gesche­hen pflegt und auch den bei­den Her­ren, die den an den Stand Geflüch­te­ten abschirm­ten, die Fäus­te band: Es tauch­ten immer mehr der­je­ni­gen auf, die noch nicht län­ger hier leben, also deren Wie­gen nicht zwi­schen, sagen wir, Sei­ne und Wol­ga stan­den, um sich das Spek­ta­kel anzu­se­hen und gege­be­nen­falls Par­tei zu ergreifen.

Bis die Poli­zei erschien.

Jemand sag­te spä­ter: Man muss sich über­le­gen, was noch vor zehn Jah­ren unvor­stell­bar war, um sich aus­ma­len zu kön­nen, wie die­ses Land in zehn Jah­ren aus­se­hen wird.

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„Wer mich nicht wählt, ist kein Demokrat.”
(Apo­kryph, oft fälsch­lich – und durch Cor­rec­tiv wider­legt – einem gewis­sen M. Wan­der­witz zugeschrieben)

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Ehre, wem Ehre gebürt!

Bei­spiels­wei­se Bernd Zel­ler für die luzi­de Wort­schöp­fung „Anschein­s­idio­tis­mus”.

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Man kann nicht behaup­ten, dass sie ihre Plä­ne verheimlichen.

Es feh­len noch die Punk­te „Post-indi­vi­du­al” und „Post-thin­king socie­ty”. Aber wer ist jenes all­wis­sen­de, all­se­hen­de, wenn auch gewiss nicht all­er­bar­men­de Wir, das prä­zi­se zu wis­sen vor­gibt, „was Leu­te tun und möch­ten”? Der Absen­der ist ein veri­ta­bles Bun­des­mi­nis­te­ri­um. Wür­den Sie sol­chen Nor­mie­rungs­f­atz­kes und Rechen­schie­ber­see­len Ihre Zukunft anvertrauen?

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