29. Juli 2021

Jeder Satz, der mit den Wor­ten: Die Wis­sen­schaft sagt… beginnt, endet in einer Unwahr­heit. Die Wis­sen­schaft gibt es nicht, und vor allem ist sie kein oder allen­falls ein höchst dis­so­nan­ter Chor. Der Stand der Wis­sen­schaft ist, was zufäl­lig noch nicht widerlegt/weiterentwickelt/in neue Zusam­men­hän­ge gestellt wur­de. Was heu­te wis­sen­schaft­lich gilt, ist der Irr­tum von mor­gen. Und selbst im rein theo­re­ti­schen Fal­le, dass sämt­li­che Wis­sen­schaft­ler eines Fachs über ein The­ma der­sel­ben Mei­nung sind, wäre das nichts­sa­gend. 1931 erschien ein Buch namens „100 Autoren gegen Ein­stein”. Ein­steins Replik lau­te­te: Es genügt einer, der mich widerlegt.

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Spit­zel, Klimarettungsweiber
Anti­fan­ten, Twitterschreiber
„Nazi”- und Karbon-Vertreiber
Tribalismus-Einverleiber

Grün und reich in Wahlverwandtschaft
Zog das durch die Windradlandschaft
Hüpf­te, seim­te, gröl­te, schrie:
Bunt­heit und Diversity!

(frei nach Brecht: „Der ana­chro­nis­ti­sche Zug”)

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Die Zei­tung für Deutsch­land ver­sucht zu unter­schei­den zwi­schen alter­na­tiv und alternativlos.

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Es gibt in der Geschichts­wis­sen­schaft – die­ser Begriff ist ein Oxy­mo­ron, ich weiß – bekannt­lich Fra­gen, die von Tabus umstellt sind. Die Exis­tenz his­to­ri­scher Tabus hat immer und aus­schließ­lich mit poli­ti­schen Macht­an­sprü­chen in der jewei­li­gen Gegen­wart zu tun. Sol­che Denk­be­schrän­kun­gen haben also kei­ner­lei Anspruch auf Digni­tät; sie zu atta­ckie­ren ist die Pflicht jedes gemüt­vol­len Geis­tes­men­schen. In die­sem Sin­ne ist ein revi­sio­nis­ti­scher His­to­ri­ker ein wei­ßer Schim­mel – das Gegen­teil wäre der Staats- oder Kir­chen­his­to­ri­ker. Da die meis­ten Pro­fes­so­ren Staats­be­am­te sind bzw. vom Staat finan­ziert wer­den, ver­tre­ten auch die meis­ten Geschichts­pro­fes­so­ren die in ihrem Fach poli­tisch erwünsch­ten Posi­tio­nen. Wenn es dort Tabus gibt, wer­den sie mehr­heit­lich nicht dar­an rüh­ren, denn das bräch­te nur Ärger. Aller­dings schützt im Umkehr­schluss nicht not­wen­dig jedes Tabu eine Legen­de oder eine Mythe; es kann auch eine Wahr­heit schüt­zen, so wie gewis­se Wahr­hei­ten „ras­sis­tisch” sein kön­nen und Dik­ta­to­ren im Recht. Jeden­falls dürf­te es auf Erden nur weni­ge Län­der geben, in denen tabu­los über sämt­li­che his­to­ri­schen Fra­gen dis­ku­tiert wer­den kann, irgend­ei­ne staats­tra­gen­de Erzäh­lung war und ist immer gefährdet.

Alle Tabus im bes­ten Deutsch­land, das es je gab, hän­gen mit dem Drit­ten Reich zusam­men. Des­sen Über­füh­rung aus der His­to­rio­gra­fie in die Dämo­no­lo­gie ist hier­zu­lan­de halb­wegs abge­schlos­sen. Das heißt, die Natio­nal­so­zia­lis­ten dür­fen nie­mals, mit kei­ner ihrer Hand­lun­gen und auch nicht im absei­tigs­ten Detail, im Recht gewe­sen sein, denn das wür­de ihre Ver­bre­chen rela­ti­vie­ren, wie das eta­blier­te Esels­wort heißt. Vor die­sem Hin­ter­grund muss man auch die Dis­kus­si­on über die soge­nann­te Prä­ven­tiv­kriegs­the­se betrach­ten, also die Fra­ge, ob Hit­ler im Juni 1941 Sta­lin mit sei­nem Angriff nur zuvorkam.

Zuletzt hat sich Wla­di­mir Putin zu die­sem The­ma geäu­ßert, und zwar unge­fähr so, wie sich ein KPdSU-Gene­ral­se­kre­tär dazu hät­te äußern kön­nen: Die Sowjet­uni­on tra­ge, ers­tens, kei­ne Mit­schuld am Aus­bruch des Welt­krie­ges, den sie, zwei­tens, prak­tisch im Allein­gang gewon­nen habe. Putin hat den Sieg der Roten Armee über die Wehr­macht zur ent­schei­den­den iden­ti­täts­stif­ten­den Tat für das neue Russ­land erko­ren, wor­in er sich nicht son­der­lich von sei­nen kom­mu­nis­ti­schen Amts­vor­gän­gern unter­schei­det. Den Kom­mu­nis­mus sel­ber hat er aller­dings ver­ab­schie­det. Wie der His­to­ri­ker Jörg Babe­row­ski fest­stell­te, hat der Kreml-Chef ein Land über­nom­men, das in Täter und Opfer des Kom­mu­nis­mus geteilt war, und die Chan­ce zur Her­stel­lung der inne­ren Ein­heit dar­in erblickt, alle gemein­sam zu Sie­gern über Nazi­deutsch­land zu erklä­ren. Kol­lek­tiv Sie­ger zu sein ist ein Ange­bot, das sich schwer ableh­nen lässt. Ein spie­gel­ver­kehr­ter Pro­zess lief bekannt­lich im wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­land ab, des­sen Grün­dungs­my­thos nach dem Wil­len u.a. des Hl. Josch­ka und sei­nes Ordens vom erb­schuld­haf­ten Deutsch­sein Ausch­witz heißt – Ein­schal­tung für Esel*innen: Ausch­witz ist kein Mythos – und des­sen gesam­te Men­ta­li­tät vom Zusam­men­bruch 1945 geprägt ist. (Natür­lich ging es auch hier pri­mär um die Macht­fra­ge; die 68er hät­ten ihre Väter ver­göt­tert, wenn sie den Krieg gewon­nen hät­ten. So geriet ich unter die Niederlagenfeierer…)

Bevor ich noch wei­ter abschwei­fe, zur Sache. Vor vier Tagen fand in Schnell­ro­da eine Podi­ums­dis­kus­si­on zwi­schen dem AfD-Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Maxi­mi­li­an Krah und dem His­to­ri­ker Ste­fan Scheil statt, in der das The­ma kon­tro­vers – tat­säch­lich kon­tro­vers – dis­ku­tiert wur­de. Hier tref­fen zwei Dis­ku­tan­ten auf­ein­an­der, von denen der eine sich für mei­ne Begrif­fe zu sehr die rus­si­sche Posi­ti­on zu eigen macht, wäh­rend der ande­re in Bezug auf Hit­ler und die Sei­nen die Gren­ze zwi­schen Ver­ste­hen und Ver­ständ­nis – ich könn­te auch sagen: Exkul­pa­ti­on – ver­wischt. Aber es ist ein inter­es­san­ter, frei­mü­ti­ger Dia­log, und allein des­we­gen hörenswert.

Die Ver­an­stal­tung stand unter dem pla­ka­ti­ven Mot­to: „1941 – Prä­ven­tiv­krieg oder Über­fall”. Ein Über­fall war das Unter­neh­men „Bar­ba­ros­sa” kei­nes­wegs; wenn zwei hoch­ge­rüs­te­te Rie­sen­ar­me­en gegen­ein­an­der auf­mar­schiert sind, kann die­je­ni­ge, die mit den Kampf­hand­lun­gen beginnt, die ande­re Sei­te schwer­lich über­fal­len. Über­fal­len kann man nur einen unvor­be­rei­te­ten Geg­ner. Der „Über­fall” war ein Angriff. Aber ein Präventivkrieg?

Die Sache mit dem Prä­ven­tiv­krieg hat zunächst eine tri­via­le Sei­te. Nahe­zu jeder Angriff eines Staa­tes auf einen ande­ren wur­de im Nach­hin­ein als Prä­ven­tiv­schlag ver­kauft, also als Ver­such, dem Geg­ner zuvor­zu­kom­men. (Sogar das Impe­ri­um Roma­num ist eigent­lich nur ent­stan­den, weil die Römer ihre Gren­zen sichern woll­ten und sie des­halb immer wei­ter ver­scho­ben.) Nach die­sem Mus­ter hät­te Sta­lin, wenn er 1941 ange­grif­fen hät­te, einen Prä­ven­tiv­krieg geführt. So hat­te es ihm Mar­schall Schu­kow in sei­nem Memo­ran­dum vom 15. Mai 1941 ja auch vor­ge­schla­gen: Wir müs­sen Hit­ler zuvor­kom­men. Wört­lich: „Wenn man in Betracht zieht, dass Deutsch­land sein Heer mit ein­ge­rich­te­ten Rück­wär­ti­gen Diens­ten mobil gemacht hält, so kann es uns beim Auf­marsch zuvor­kom­men und einen Über­ra­schungs­schlag füh­ren. Um dies zu ver­hin­dern und die deut­sche Armee zu zer­schla­gen, erach­te ich es für not­wen­dig, dem deut­schen Kom­man­do unter kei­nen Umstän­den die Initia­ti­ve zu über­las­sen, dem Geg­ner beim Auf­marsch zuvor­zu­kom­men und das deut­sche Herr dann anzu­grei­fen, wenn es sich im Auf­marsch­sta­di­um befin­det, noch kei­ne Front auf­bau­en und das Gefecht der ver­bun­de­nen Waf­fen noch nicht orga­ni­sie­ren kann.”

Wenn man weit genug vom Pan­ora­ma­ge­mäl­de des Zwei­ten Welt­kriegs zurück­tritt, wenn man gewis­ser­ma­ßen vom Mars auf die Erde blickt und zugleich einen grö­ße­ren Zeit­raum als nur den Som­mer 1941 ins Auge fasst, dann führ­te Hit­ler gegen Sta­lin einen Prä­ven­tiv­krieg, weil er eben der­je­ni­ge war, der als ers­ter angriff. Die bei­den gro­ßen Ideo­lo­gie­staa­ten des 20. Jahr­hun­derts muss­ten irgend­wann auf­ein­der­sto­ßen, und einer hat­te den Anfang zu machen. Egal, wer von bei­den die­sen Anfang mach­te, er kam dem ande­ren zuvor. Wir dre­hen uns im Krei­se einer Tau­to­lo­gie. Hat der Begriff Prä­ven­tiv­krieg dann noch einen Sinn?

Um die Fra­ge ein­zu­schrän­ken, muss sie lau­ten: Befahl Hit­ler auch sub­jek­tiv einen Prä­ven­tiv­krieg? War er sich die­ser Tat­sa­che bewusst? Oder führ­te er sozu­sa­gen einen unbe­wuss­ten Präventivkrieg?

Der Feld­zug gegen die Sowjet­uni­on wer­de ein „Sand­kas­ten­spiel”, froh­lock­te der deut­sche Füh­rer vor dem Angriff; die Rote Armee sei ein „Witz”. Alfred Jodl ließ sei­nem Stab aus­rich­ten, „nur das für den Som­mer nöti­ge Gepäck” mit­zu­neh­men, bis Herbst sei man „bestimmt wie­der zurück”. „Der Bol­sche­wis­mus wird wie ein Kar­ten­haus zusam­men­bre­chen”, notier­te Joseph Goe­b­bels in sein Tage­buch. Die Rus­sen wür­den „über­rannt wie bis­her kein Volk”. In der Nacht vor Beginn des „Sand­kas­ten­spiels” schien Hit­ler indes eine Ahnung zu beschlei­chen. Ihm sei zumu­te, sag­te er, als wür­de er „die Tür zu einem dunk­len, nie gese­he­nen Raum” auf­sto­ßen, „ohne zu wis­sen, was sich dahin­ter befin­det”. Spricht so jemand, der prä­ven­tiv zu han­deln meint? Der Unwil­le der Nazi-Füh­rung, zwi­schen einem Krieg gegen den Bol­sche­wis­mus und einem Krieg gegen die „sla­wi­schen Unter­men­schen” zu unter­schei­den – also einen anti­kom­mu­nis­ti­schen Befrei­ungs­krieg aus­zu­lö­sen und so das Sowjet­reich zum Ein­sturz zu brin­gen –, spricht eben­falls gegen die Präventivkriegsthese.

Mit der Hybris auf sei­ten der Natio­nal­so­zia­lis­ten kor­re­spon­dier­te eine ver­blüf­fen­de Unkennt­nis der Kräf­te des Geg­ners. Die Wehr­macht war sowohl über­rascht von der enor­men Zahl als auch von der Qua­li­tät der sowje­ti­schen Waf­fen. Schwe­re Pan­zer wie den T 34 oder den Kli­ment Woro­schi­low (KW) besa­ßen die Angrei­fer nicht. Heinz Gude­ri­an schreibt in sei­nen Erin­ne­run­gen, dass Hit­ler noch im Früh­jahr 1941 einer rus­si­schen Offi­ziers­kom­mis­si­on gestat­tet habe, die deut­schen Pan­zer­schu­len und Pan­zer­fa­bri­ken zu besich­ti­gen, und die Rus­sen ange­sichts des Pan­zers IV nicht glau­ben woll­ten, „daß die­ser unse­ren schwers­ten Typ dar­stell­te. Sie erklär­ten immer wie­der, wir ver­heim­lich­ten ihnen unse­re neu­es­ten Kon­struk­tio­nen, deren Vor­füh­rung ihnen Hit­ler zuge­sagt habe.” Hit­ler sel­ber hat beteu­ert, dass ihm der Ent­schluss, die UdSSR anzu­grei­fen, weit schwe­rer gefal­len wäre, wenn er gewusst hät­te, auf wel­chen Geg­ner er sich einließ.

Auf den ratio­na­len Kern zusam­men­ge­schmol­zen und von ideo­lo­gi­schem Tam­tam befreit, bleibt von der soge­nann­ten Prä­ven­tiv­kriegs­the­se die Fra­ge übrig: Plan­te auch Sta­lin einen Krieg, und wenn ja, mit wel­chen Zie­len? Sta­lin war ein Fuchs, ver­schla­gen, schlau und arg­wöh­nisch. Hit­ler war ein Hasar­deur, er spiel­te immer va ban­que, und er war beses­sen von der Idee, dass er zu sei­nen Leb­zei­ten alle sei­ne Zie­le errei­chen müs­se. In die­sem sin­gu­lär ego­zen­tri­schen Welt­bild spiel­te prä­ven­ti­ves Han­deln so wenig eine Rol­le wie das Den­ken in tra­di­tio­nel­len staat­li­chen Ein­fluss­sphä­ren. Der Hasar­deur befahl den Angriff auch des­halb, weil das in sei­ner Natur lag. Der Fuchs hat den Hasar­deur bekannt­lich besiegt. Bereits im Sep­tem­ber 1939 hat­te der Fuchs dem Hasar­deur bei der Beset­zung Polens den Vor­tritt gelas­sen und zwei Wochen abge­war­tet, so dass Hit­ler­deutsch­land ganz allein als Aus­lö­ser des Welt­krie­ges daste­hen und die Kriegs­er­klä­run­gen Frank­reichs und Eng­lands in Emp­fang neh­men konn­te. Ob Sta­lin im Som­mer 1941 für einen Angriffs­krieg gegen Deutsch­land bereit war, steht dahin. Wie weit er vor­sto­ßen woll­te, eben­falls. Dass er angrei­fen woll­te, wenn sein deut­scher Zwil­lings­bru­der in einem Krieg im Wes­ten gebun­den sein wür­de, steht außer Zwei­fel. Sta­lin war das rus­si­sche Volk so egal wie Hit­ler das deut­sche. Aber den Selbst­mord betrach­te­te der rote Mas­sen­mör­der nicht als per­sön­li­che Opti­on. Va ban­que hät­te er nie gespielt.

Über all das soll­te man frei dis­ku­tie­ren kön­nen. Lei­der scheint sich Wla­di­mir Putin ent­schie­den zu haben, dem deut­schen Tabu-Gat­ter ein rus­si­sches Gegen­stück beizugesellen.

***

Bei der ande­ren, der pie­fi­gen, der Kreis­li­ga-Dik­ta­tur, an deren ver­schwie­mel­ter Wie­der­kehr in neu­er Kos­tü­mie­rung die Lin­ken arbei­ten (so merk­wür­dig das Wort „arbei­ten” im Zusam­men­hang mit Lin­ken anmu­tet), dort pur­zeln indes die Tabus.

Oder so:

(Netz­fund)

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