4. Juli 2021

„Wenn ein Volk kei­ne Stim­me hat, merkt man es sogar beim Sin­gen der Nationalhymne.”
Sta­nisław Jer­zy Lec

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Mut­maß­li­cher Lumpenjournalismus.

Mer­ke, zum ers­ten: Der „Angriff” der mut­maß­li­chen Neo­na­zis geschah nicht „mut­maß­lich”, denn der mut­maß­li­che Mes­ser­ban­dit hat ihn ja sel­ber bezeugt.

Mer­ke, zum zwei­ten: Es „war” in Hanau zu töd­li­chen Schüs­sen „gekom­men”.

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Der Süd­deut­sche Beob­ach­ter, besorgt um die Volks­ge­sund­heit, hat einen Sabo­teur aus­fin­dig gemacht.

Egal in wel­cher Kos­tü­mie­rung sie auf­tritt, die Nazi­men­ta­li­tät ist in die­sem Volk anschei­nend unaus­rott­bar. Der Volks­ge­nos­se muss kon­trol­liert, in den kol­lek­ti­ven Gleich­schritt gezwun­gen, zum Schwei­gen gebracht und not­falls bestraft wer­den, was wegen einer gewis­sen all­ge­mei­nen Idio­syn­kra­sie gegen ver­gos­se­nes Blut auf das Ver­sto­ßen­wer­den in irgend­ei­ne Sozi­al­wüs­te hinausläuft.

Offen­bar haben sie jetzt Reit­schus­ter am Wickel.

Vor­ges­tern schrieb er:

Heu­te nun:

Wei­ter hier.

Die Grü­nen suchen der­weil neue Hel­fer zur Auf­spü­rung von Falsch­mei­nern und zur Durch­set­zung der tota­len Toleranz.

Viel­leicht ist es ein­fach schlau, den deut­schen Habi­tus-Nazi nicht zu bekämp­fen, son­dern zu rekru­tie­ren; man muss ihm heu­te ledig­lich ein­re­den, dass er gegen Nazis kämpft.

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Noch ein Einzelfall.

Dar­win Awards? Schei­dung auf afgha­nisch ein­mal anders? Oder bei­des zugleich bzw. kreuzweise?

„Die Ver­bre­chen Ein­zel­ner sind aber nie­mals auf Bevöl­ke­rungs­grup­pen, Reli­gio­nen, Staats­an­ge­hö­rig­kei­ten zurückzuführen.”
Also sprach, noch trä­nen­nass, Chris­ti­an Schu­chardt, Bür­ger­meis­ter von Würz­burg und Schubladendenkenbeender.

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In man­chen Situa­tio­nen ist der Ruf nach mehr Dif­fe­ren­zie­rung die letz­te Zuflucht des Feiglings.

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„Es gab Zei­ten, da man die Skla­ven legal kau­fen mußte.”
Sta­nisław Jer­zy Lec

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Wenn ein deut­scher His­to­ri­ker eine Vor­le­sungs­rei­he unter dem Titel „Ver­tei­di­gung des deut­schen Kolo­nia­lis­mus” anbö­te oder mit einem Manu­skript die­ses Titels bei einem soge­nann­ten Publi­kums­ver­lag vor­sprä­che, kann sich jeder aus­rech­nen, was ihm wider­fah­ren wür­de. Der euro­päi­sche Kolo­nia­lis­mus hat aus­schließ­lich mit nega­ti­vem Zun­gen­schlag beschrie­ben zu wer­den, sei­ne zahl­rei­chen Ambi­va­len­zen dür­fen par­tout nicht gese­hen wer­den. Natür­lich ist eine sol­che Sicht­wei­se völ­lig ahis­to­risch, wie jeder Ver­stän­di­ge sogar dann wüss­te, wenn er nicht die gerings­ten Kennt­nis­se über die­se his­to­ri­sche Peri­ode besä­ße. Aber die Geschich­te ist bekannt­lich kei­ne Wis­sen­schaft, son­dern nur ein genea­lo­gi­sches, mytho­ge­nes, ideo­lo­gi­sches und neu­er­dings schuld­theo­lo­gi­sches Arse­nal für die poli­ti­schen Kämp­fe der Gegen­wart; „was ihr den Geist der Zei­ten heißt, das ist im Grun­de nur der Her­ren eige­ner Geist, in dem die Zei­ten sich bespie­geln” (Faust zu Wag­ner, Faust I, Ers­ter Teil, „Nacht”).

In einer Repu­blik, die sich „als ein staats­för­mig orga­ni­sier­tes Süh­ne­pro­jekt ver­steht” (Thors­ten Hinz), bekom­men die­je­ni­gen Geschichts­deu­ter die größ­te Auf­merk­sam­keit und erhal­ten die meis­ten För­der­mit­tel, die mit einer durch­aus per­ver­sen Lust die Geschich­te ihres Lan­des so nega­tiv wie nur mög­lich dar­stel­len. Still und emsig hat sich dabei die Kolo­ni­al­schuld­leug­nung neben der Holo­caust­leug­nung als einst­wei­len nur geis­ti­ger Straf­tat­be­stand eta­bliert; dem­nächst dürf­te die Ers­te­re der Letzt­ge­nann­ten den Rang abge­lau­fen haben, ob mit juris­ti­schen Kon­se­quen­zen für den Frev­ler, wird sich zeigen.

Aber bereits der, im paw­low­schen Sin­ne gespro­chen, beding­te Reflex der Nach­ge­bo­re­nen, die Kolo­ni­al­zeit so selbst­ver­ständ­lich wie kennt­nis­los zu kri­mi­na­li­sie­ren, darf als eine beacht­li­che Dres­sur­leis­tung sei­tens der soge­nann­ten Anti­ko­lo­nia­lis­ten bestaunt wer­den. Über die Geschich­te selbst hat uns die­ser Reflex wenig mit­zu­tei­len, er wird viel­mehr sel­ber ein­mal den Gegen­stand künf­ti­ger Geschichts­schrei­bung bilden.

Ein belie­bi­ges Bei­spiel. In einem Arti­kel zum 80. Jah­res­tag des deut­schen Angriffs heim­tü­cki­schen deut­schen Über­falls auf die fried­lie­ben­de Sowjet­uni­on schrieb die Frank­fur­ter Rund­schau:

In nuce soll das hei­ßen: Es gibt eine Ver­bin­dung von „Win­huk nach Ausch­witz” (so lau­te­te tat­säch­lich der Titel eines 2011 in der auf­er­ste­hen­den DDR erschie­ne­nen Buches). Mit der his­to­ri­schen Wirk­lich­keit hat das nichts zu tun – die deut­schen Kolo­nia­lis­ten woll­ten die Kolo­ni­sier­ten ent­wi­ckeln, nicht ver­nich­ten, des­we­gen war A. Hit­ler auch ein ent­schie­de­ner Geg­ner des Kolo­nia­lis­mus –, den­noch hat sich die­se Idée fixe in den Köp­fen der Mei­nungs­hu­ber fest­ge­setzt, weil sie der trend­kon­for­men Dau­er­an­kla­ge deut­scher Schuld ein neu­es Ter­rain erschloss. Die mit Ahnen­rei­hen wie „Von Bis­marck (wahl­wei­se auch Fried­rich d. Gr. oder Luther) zu Hit­ler” anti­ch­am­brie­ren­de Kau­sa­li­täts­my­tho­lo­gie konn­te so auf die Kolo­nien aus­ge­wei­tet wer­den. Intel­lek­tu­ell ist das lang­wei­lig – „Genea­lo­gien kos­ten nichts, nur Biblio­theks­zeit” (Jacob Tau­bes) –, aber wie steht es mit den his­to­ri­schen Tat­sa­chen dahinter?

„Allen aka­de­mi­schen Arbei­ten zum deut­schen Kolo­nia­lis­mus der ver­gan­ge­nen drei Jahr­zehn­te fehlt jeg­li­che Aus­sa­ge­kraft”, sta­tu­iert nun ein kana­di­scher His­to­ri­ker und fügt die erfri­schen­de The­se hin­zu: „Der Kolo­nia­lis­mus war der eigent­li­che ‚Befrei­ungs­kampf’.” Der kecke Herr heißt Bruce Gil­ley und ist Pro­fes­sor für Poli­tik­wis­sen­schaft an der Port­land Sta­te Uni­ver­si­ty (Ore­gon). Gil­ley hat in Prince­ton und Oxford stu­diert und pro­mo­viert, sich als ver­glei­chen­der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler auf Asi­en und Afri­ka spe­zia­li­siert, und sein aktu­el­les Buch trägt in der Tat den ket­ze­ri­schen Titel: „Ver­tei­di­gung des deut­schen Kolo­nia­lis­mus”. Ist das nicht entzückend?

Gil­ley prä­sen­tiert ganz bewusst eine Gegen­erzäh­lung zu den her­kömm­li­chen Ver­dam­mungs­or­gi­en, aller­dings hiel­te ich sogar eine Hagio­gra­phie für ange­bracht, um die herr­schen­de per­fi­de Ein­sei­tig­keit wenigs­tens ein biss­chen zu erschüt­tern. Zumal die Wahr­heit in die­sem Fal­le gewiss nicht in der Mit­te liegt, dafür hat die Ankla­ge­sei­te zu ein­deu­ti­ge poli­ti­sche und finan­zi­el­le Inter­es­sen und ein äußerst gerin­ges Inter­es­se an Fairness.

Jeden­falls las­sen sich für alle deut­schen Kolo­nien – Ost­afri­ka, Kame­run, Togo, Süd­west­afri­ka, Süd­see – Gemein­sam­kei­ten fest­stel­len, die zumin­dest die The­se ad absur­dum füh­ren, der gesam­te Kolo­nia­lis­mus sei ein Ver­bre­chen gewe­sen und gegen den Wil­len der Ein­ge­bo­re­nen durch­ge­setzt worden.

Ers­tens.
Über­all tra­fen die Kolo­nia­lis­ten auf eine Welt aus Gesetz­lo­sig­keit, Will­kür, Stam­mes­krie­gen, Leib­ei­gen­schaft und Skla­ven­han­del. Bei jenen Stäm­men – man hat­te es dort immer mit Stäm­men zu tun –, die unter die­sen Zustän­den lit­ten, waren sie des­halb meist will­kom­men. Im Togo­land ein­ten die Deut­schen ein Gebiet, das 200 Jah­re lang von Krie­gen und Kon­flik­ten zer­ris­sen wor­den war. In Deutsch-Süd­west­afri­ka fan­den die Mis­sio­na­re, Händ­ler und Sied­ler, „ein Land vor, das”, so Gil­ley, „in jeder Bezie­hung gesetz­los und gewalt­tä­tig war. Die unter­schied­li­chen Volks­grup­pen leb­ten hier in flie­ßen­den Gebie­ten ohne klar umris­se­ne Gren­zen. Das heu­ti­ge Nami­bia war lan­ge vor der Ankunft der Deut­schen ein gefähr­li­cher Ort vol­ler Rin­der­die­be, Skla­ven­trei­ber und Krieg.” Der His­to­ri­ker ver­weist auf das Mas­sa­ker der Nama an den Here­ro am 23. August 1850, voll­zo­gen an einem Ort, der heu­te noch „Mord­kup­pe” heißt.

Zwei­tens.
Rein zah­len­mä­ßig ver­schwan­den die Kolo­nia­lis­ten förm­lich in der Mas­se der Ein­hei­mi­schen. Ohne die bereit­wil­li­ge Mit­wir­kung gro­ßer Tei­le der Kolo­ni­al­völ­ker hät­te der Kolo­nia­lis­mus über­haupt nicht funk­tio­nie­ren kön­nen. Der bes­te Beweis für die Aner­ken­nung der deut­schen Herr­schaft durch die Ein­hei­mi­schen sei die win­zi­ge Mili­tär- und Poli­zei­prä­senz in den Kolo­nien gewe­sen, notiert der His­to­ri­ker. 1904 ver­wal­te­ten 280 deut­sche und 50 ein­ge­bo­re­ne Beam­te das gesam­te Deutsch-Ost­afri­ka, eine Kolo­nie, in der acht Mil­lio­nen Afri­ka­ner leb­ten und die fast dop­pelt so groß wie das Deut­sche Kai­ser­reich war (natür­lich hat man vie­ler­orts die Exis­tenz einer Kolo­ni­al­macht über­haupt nicht bemerkt). Bis 1913 stieg die Zahl der Beam­ten auf 737. Die Mili­tär­prä­senz war ver­gleich­bar nied­rig: 1913 befeh­lig­ten 68 Offi­zie­re 134 deut­sche und 2472 ein­hei­mi­sche Sol­da­ten. In Deutsch-Kame­run waren 1913 66 Offi­zie­re und 118 Sol­da­ten sta­tio­niert, ergänzt um 1650 ein­hei­mi­sche Sol­da­ten und 1000 ein­hei­mi­sche Polizisten.

Drit­tens.
Die deut­schen Kolo­ni­sa­to­ren brach­ten den Fort­schritt. Sie erschlos­sen Land, bau­ten Stra­ßen, Bahn­li­ni­en, Häfen, Kran­ken­häu­ser und Schu­len, errich­te­ten sta­bi­le Ver­wal­tun­gen und bil­de­ten ein­hei­mi­sche Beam­te aus. Zwi­schen 1894 und 1913 ver­drei­fach­te sich der land­wirt­schaft­li­che Umsatz in Deutsch-Ost­afri­ka. Die 1250 Kilo­me­ter lan­ge Bahn­li­nie vom Tan­ga­nyika-See nach Dar-es-Salaam ist noch heu­te eine wirt­schaft­li­che Haupt­ach­se in Tan­sa­nia und die Ver­bin­dung nach Sam­bia. In Kame­run wur­den bis 1913 bei­na­he 600 Kakao­plan­ta­gen gegrün­det; außer­dem lie­ßen die Deut­schen Gum­mi­plan­ta­gen anle­gen, um die wil­de Ern­te von Gum­mi­bäu­men zu been­den. Gum­mi- und Kakao­ex­port wur­den zur Haupt­ein­nah­me­quel­le von Deutsch-Kame­run. Es bil­de­te sich eine schwar­ze Mit­tel­klas­se aus Pro­du­zen­ten und Händ­lern. In Togo­land, des­sen Trans­port­sys­tem zuvor aus Trä­gern und Ein­baum­padd­lern bestand, errich­te­ten die Deut­schen 1000 Kilo­me­ter Stra­ßen, drei Eisen­bahn­li­ni­en und einen Hafen in Lomé.

In Deutsch-Ost­afri­ka eröff­ne­te die Kolo­ni­al­ver­wal­tung von 1902 bis 1914 99 öffent­li­che Schu­len und 1800 Mis­sio­nars­schu­len. Ver­gleich­ba­res voll­zog sich in den ande­ren Kolo­nien. Das war ein für die dama­li­ge Zeit außer­ge­wöhn­li­ches Invest­ment einer Kolo­ni­al­ver­wal­tung in die Bil­dung und die geis­ti­gen Fähig­kei­ten eines Unter­ta­nen­vol­kes (man begreift, war­um Hit­ler ein Geg­ner des Kolo­nia­lis­mus alter Prä­gung war). „Die Deut­schen haben Wun­der voll­bracht”, hieß es in einem Bericht der Bri­ten von 1924 über die Bil­dungs­po­li­tik in den Kolonien.

Der Mis­sio­nar Ernst Bür­gi ver­öf­fent­lich­te zwan­zig Bücher über das Land und die Spra­che der Ewe, womit er „mehr zur Ver­ein­heit­li­chung der Dia­lek­te der Ewe-Spre­cher in Togo und Gha­na bei­getra­gen als jeder ande­re”, wie ein His­to­ri­ker kon­sta­tier­te. 1896 erließ der Ost­afri­ka-Gou­ver­neur Her­man von Wiss­man Geset­ze, um die Wil­de­rei auf Ele­fan­ten zu ver­bie­ten und die ers­ten Reser­va­te zu schaf­fen. Der Natur­kund­ler Carl Georg Schil­lings schlug die Errich­tung von Natur­schutz­parks vor; die heu­ti­ge Seren­ge­ti ist ein Resul­tat die­ser Bestrebungen.

Im Jahr 1898 pach­te­te das Kai­ser­reich die nord­chi­ne­si­sche Hafen­stadt Quing­dao auf 99 Jah­re. Moder­ni­sie­rer aus ganz Chi­na besuch­ten die Mus­ter­ko­lo­nie („das deut­sche Hong­kong”). Chi­ne­si­sche Pro­vinz­gou­ver­neu­re lob­ten die deut­sche Ver­wal­tung und kopier­ten deren Metho­den. Das gewöhn­li­che Volk wan­der­te in Scha­ren ein. Der ers­te Prä­si­dent des moder­nen Chi­na, Sun Yat-Sen, erklär­te: „In drei­tau­send Jah­ren hat Chi­na in Quing­dao nicht geschafft, was die Deut­schen in fünf­zehn Jah­ren geschafft haben.”

Den Kolo­ni­al­haus­halt, den der Reichs­tag 1914 ver­ab­schie­de­te und der umfas­sen­de Refor­men für die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, die Aus­bil­dung, die Eigen­tums­rech­te, die Min­dest­löh­ne und Arbeits­zeit­be­gren­zun­gen der Ein­hei­mi­schen vor­sah, nann­te der His­to­ri­ker Woo­d­ruff D. Smith in sei­nem Buch „The Ger­man Colo­ni­al Empi­re” (1978) „die umfas­sends­te Erklä­rung einer Kolo­ni­al­macht über ihre selbst­auf­er­leg­te Ver­ant­wor­tung gegen­über den Kolo­ni­al­völ­kern und der Begren­zung der Kolonialmacht”.

Vier­tens.
Der größ­te huma­ni­tä­re Bei­trag der Deut­schen war die Hei­lung der afri­ka­ni­schen Schlaf­krank­heit, einer durch die Tse­t­se-Flie­ge ver­brei­te­ten Seu­che, die allein in Ost­afri­ka im Jahr 1903 bis zu einer Mil­li­on Men­schen dahin­raff­te. Robert Koch gelang 1910 der Durch­bruch bei der Bekämp­fung des Erre­gers ver­mit­tels syn­the­tisch her­ge­stell­ter Che­mi­ka­li­en. 1916 ent­wi­ckel­te Bay­er den ers­ten Impf­stoff: „Ger­ma­nin”. Allein auf­grund die­ser medi­zi­ni­schen Errun­gen­schaft, schrei­ben die gha­nai­schen His­to­ri­ker Isaac Bra­ko und Seth Peter Frim­pong, kön­ne man „die deut­sche Prä­senz in Afri­ka als völ­lig gerecht­fer­tigt bezeichnen”.

Fünf­tens.
Wohin die Deut­schen ihre Stie­fel setz­ten, been­de­ten sie die Skla­ve­rei. In Deutsch-Kame­run etwa wur­de die Skla­ve­rei 1895 abge­schafft, bis 1900 war sie völ­lig ver­schwun­den. Die Zahl der Skla­ven in Ost­afri­ka unter deut­scher Herr­schaft fiel von ca. einer Mil­li­on anno 1890 auf ca. 200.000 im Jahr 1914; in den 1920er Jah­ren war sie ver­schwun­den. 2017 schrie­ben zwei For­scher aus Tan­sa­nia: „Die alt­her­ge­brach­te Sor­ge um per­sön­li­che Sicher­heit vor Skla­ven­händ­lern und vor Stam­mes­krie­gen wich einer neu­en Normalität.”

Sechs­tens.
Das Han­dels­vo­lu­men aller deut­schen Kolo­nien über­stieg nie mehr als 0,5 Pro­zent des gesam­ten Han­dels des Deut­schen Rei­ches; die The­se, das Reich habe die Kolo­nien „aus­ge­plün­dert”, ist schwer zu hal­ten. Eher war der Kolo­nia­lis­mus für das Kai­ser­reich ein Ver­lust­ge­schäft. Sym­pto­ma­tisch ist Bis­marcks Stoß­seuf­zer: „Ich will nichts von neu­en Land­ge­win­nen hören, ich will wirt­schaft­li­che Erfol­ge in Ost­afri­ka sehen.” In Deutsch-Neu­gui­nea über­stie­gen die Ver­wal­tungs­kos­ten die Gewin­ne teil­wei­se um das Acht­fa­che. Togo­land sei neben Deutsch-Samoa die ein­zi­ge Kolo­nie gewe­sen, die 1914 nicht mehr aus Ber­lin sub­ven­tio­niert wer­den muss­te, notiert Gil­ley: „Der größ­te Effekt des deut­schen Kolo­ni­al­rei­ches war es, das Leben der Ein­hei­mi­schen zu verbessern.”

Sieb­tens.
Selbst­ver­ständ­lich kam es auch in den deut­schen Kolo­nien zu Kon­flik­ten und Über­grif­fen. Ein Per­so­nal, das sich für Kolo­ni­al­pro­jek­te rekru­tie­ren lässt, besteht natur­ge­mäß zu einem nicht uner­heb­li­chen Pro­zent­satz aus Aben­teu­rern und zwie­lich­ti­gen Gesel­len. Über­grif­fe sei­tens der Kolo­ni­al­ver­wal­tung wur­den immer­hin akten­kun­dig und regel­mä­ßig im Reichs­tag debat­tiert – mit­un­ter sogar erfun­den, wie der „Kolo­ni­al­skan­dal” in Kame­run 1906, als das Gerücht in den Schlag­zei­len kur­sier­te, die Schutz­trup­pe hät­ten auf Befehl des Gou­ver­neurs 50 Kin­der aus Rebel­len­grup­pen in Bast­kör­be gesetzt und über den Nagi­tall-Was­ser­fall in den Tod geschickt. Der Sozi­al­de­mo­krat August Bebel, der Urhe­ber der Sto­ry, muss­te schließ­lich zuge­ben, dass er der Erfin­dung eines Infor­man­ten auf­ge­ses­sen war.

Im Jahr 1893 brach­te Bebel den „Fall Leist” vor den Reichs­tag. Der stell­ver­tre­ten­de Gou­ver­neur von Deutsch-Kame­run hat­te nach einem gegen ihn gerich­te­ten Mord­an­schlag eini­ge Rebel­len samt ihren Frau­en aus­peit­schen las­sen. Nach der Reichs­tags­de­bat­te ging der Fall an den Dis­zi­pli­nar­ge­richts­hof Pots­dam, der Leist für schul­dig erklär­te. In den Kolo­nien, notiert Gil­ley, sei dar­auf­hin die Gesetz­ge­bung ver­schärft wor­den, um einen bes­se­ren Schutz der Ein­hei­mi­schen durch­zu­set­zen. Was also sagt die­ser Fall aus? Für die einen han­delt es sich um einen Beleg, wie schlimm sich die Deut­schen auf­führ­ten, für die ande­ren, wie sehr sie an geord­ne­ten Ver­hält­nis­sen inter­es­siert waren.

Für emp­find­sa­me Gemü­ter der Genera­ti­on „Schnee­flöck­chen” ist es ent­setz­lich, dass in den Kolo­nien, etwa in Ost­afri­ka, die Prü­gel­stra­fe zum Ein­satz kam. Der Hin­weis, dass die­ses Form der Bestra­fung all­ge­mein akzep­tiert wur­de und die Ein­ge­bo­re­nen von ihren Häupt­lin­gen Prü­gel gewohnt waren  – Gil­ley ver­weist auf einen Fall, wo sich der Ver­wal­ter die Nil­pferd­peit­sche von einem Stam­mes­füh­rer lieh –, führt hier nicht wei­ter. Eigent­lich hät­ten die Deut­schen Gefäng­nis­se bau­en und Delin­quen­ten nach deren Ver­ur­tei­lung ein­sper­ren müs­sen. Aller­dings wäre in einem sol­chen Fall einer Fami­lie der Ernäh­rer weg­ge­nom­men und sie damit dem Hun­ger über­ant­wor­tet wor­den, wes­halb die Kör­per­stra­fe als das gerin­ge­re Übel, mit­hin als huma­ner galt.

Ach­tens.
Wären die frem­den Herr­scher unpo­pu­lär oder ver­hasst gewe­sen, hät­te es nicht so vie­le Bei­spie­le für die Anhäng­lich­keit der Ein­hei­mi­schen gege­ben. Das zeig­te sich vor allem wäh­rend der Loya­li­täts-Nagel­pro­be des Ers­ten Welt­kriegs. Hein­rich Schnee, der letz­te Gou­ver­neur von Deutsch-Ost­afri­ka, beschreibt in sei­nen Erin­ne­run­gen die uner­müd­li­chen Anstren­gun­gen der afri­ka­ni­schen Sol­da­ten und Hel­fer im Kampf gegen die Trup­pen der Entente. Die tap­fe­ren, meis­tens mus­li­mi­schen schwar­zen Aska­ri, Allah seg­ne sie und erfül­le ihre Wün­sche im Jen­seits, kämpf­ten bis zum 23. Novem­ber 1918 wei­ter, bis nach der Kapi­tu­la­ti­on. Der Begriff „Aska­ri­treue” wur­de damals sprich­wört­lich. Spä­te­re, ganz und gar unhe­roi­sche, zur Kol­la­bo­ra­ti­on mit jeder Art von Zeit­geist berei­te His­to­ri­ker schmäh­ten sie als „Kol­la­bo­ra­teu­re”.

In Deutsch-Kame­run ver­lo­ren Bri­ten und Fran­zo­sen bei ihrem ers­ten Angriff auf Jaun­de (die heu­ti­ge Haupt­stadt Yaoun­dé) 900 Sol­da­ten. Als die Kolo­nie schließ­lich erobert wur­de, flo­hen über 6.000 ein­hei­mi­sche Sol­da­ten und 12.000 ande­re Ein­ge­bo­re­ne – da es sich um eine deut­sche Kolo­nie han­del­te, ist man geneigt zu sagen: Zivi­lis­ten – sowie 117 Häupt­lin­ge samt Gefol­ge mit den Deut­schen aus Kame­run nach Spa­nisch-Gui­nea. Wei­te­re 20.000 Kame­ru­ner, die den Kolo­ni­sa­to­ren ins Exil fol­gen woll­ten, wur­den von den spa­ni­schen Behör­den zurück­ge­wie­sen. „Unse­re Lie­be und Treue sind unver­brüch­lich”, schrie­ben die 117 Häupt­lin­ge in einem Brief an den spa­ni­schen König. „Wir hegen nur einen Wunsch: mit der deut­schen Regie­rung nach Kame­run zurückzukehren.”

Als ihr Anfüh­rer Samu­el Maha­re­ro 1923 starb, hiel­ten die Here­ro ein deut­sches Staats­be­gräb­nis für ihn ab und prä­sen­tier­ten sich als deut­sche Reichs­bür­ger. „Für die Here­ro war die Beer­di­gung Maha­he­ros das größ­te sozia­le und poli­ti­sche Ereig­nis seit dem Krieg, das für sie den Beginn einer neu­en Ära mar­kier­te. Sie zeig­ten sich wie­der als sich selbst ver­wal­ten­de poli­ti­sche Gemein­schaft“, liest man in der Wiki­pe­dia unter Beru­fung auf einen füh­ren­den deut­schen Kolo­ni­al­schuld­be­wirt­schaf­ter. In deut­schen Uni­for­men, die bei den Here­ro auch nach der Kolo­ni­al­zeit gro­ße Beliebt­heit genos­sen, zeig­ten sie sich als Selbst­ver­wal­ter – das muss man nicht wei­ter kommentieren.

Mar­tin Dio­bo­be, der als 20jähriger aus Kame­run nach Deutsch­land kam und sich dort zum „Zug­füh­rer Ers­ter Klas­se” empor­ar­bei­te­te, ver­si­cher­te im Mai 1919 in einem Schrei­ben an den letz­ten deut­schen Kolo­ni­al­mi­nis­ter Johan­nes Bell, der „ein­zi­ge Wunsch der Ein­ge­bo­re­nen” sei es, „deutsch zu blei­ben”. Am 19. Juni 1919 sand­te Dio­bo­be „als beru­fe­ner Ver­tre­ter der Dua­la Leu­te aus Kame­run“ eine gleich­lau­ten­de „Ein­ga­be der in Deutsch­land leben­den Afri­ka­ner an die Natio­nal­ver­samm­lung”; sie schloss mit der Auf­for­de­rung, die­ses Schrei­ben in allen Zei­tun­gen zu ver­öf­fent­li­chen, „damit die Bevöl­ke­rung weiß, wir sind reich­streu”. Auch der Bund der deut­schen Togo­län­der wand­ten sich an den Völ­ker­bund, um eine Rück­kehr zur deut­schen Kolo­ni­al­herr­schaft zu fordern.

Neun­tens.
Wir kom­men zum inzwi­schen alles über­la­gern­den Aspekt des deut­schen Kolo­nia­lis­mus: der gewalt­sa­men Nie­der­wer­fung von Auf­stän­den. In Deutsch-Süd­west­afri­ka soll sogar ein Völ­ker­mord an den Here­ro und Nama statt­ge­fun­den haben, für den unser amt­li­cher Außen­schuld­ab­trä­ger H. Maas 1,1 Mil­li­ar­den Euro­nen über 30 Jah­re ver­teilt aus dem Spar­strumpf bzw. den Druck­ma­schi­nen zau­bern will, aber so blöd sind die ehe­ma­li­gen Hot­ten­tot­ten nicht, die haben aus den Medi­en erfah­ren, dass die Koh­le nichts wert ist, denn die EZB hat allein in der ver­gan­ge­nen Woche das 140fache die­ses Sümm­chens aus­ge­wor­fen, um die spä­ten Nach­kom­men der Kolo­ni­al­her­ren über die wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Coro­na­maß­nah­men zu beru­hi­gen und ihnen dann via Infla­ti­on die Kos­ten aufzubürden.

Aber war es ein Völ­ker­mord? „Zu den Vor­aus­set­zun­gen für einen Völ­ker­mord zäh­len sowohl der Vor­satz wie die bewuss­te Ent­schei­dung, eine bestimm­te Volks­grup­pe aus­zu­lö­schen. Bei­de waren in die­sem Fall nicht gege­ben”, kon­sta­tiert Gil­ley kühl. (Robert Habeck wür­de dar­über hin­aus ein­wen­den, dass es über­haupt kei­ne Völ­ker gibt und inso­fern der gan­ze Tat­be­stand gegen­stands­los sei, aber die­ses Fass machen wir nicht schon wie­der auf.) Dem angeb­li­chen Völ­ker­mord vor­aus ging umge­kehrt eine Völ­ker­ret­tung, näm­lich zur Zeit der gro­ßen Rin­der­pest 1896/97, die den Here­ro einen Groß­teil ihrer Her­den hin­weg­raff­te. Die Deut­schen errich­te­ten sofort eine Qua­ran­tä­ne­zo­ne. „Ohne Lohn und Nah­rung von den deut­schen Sied­lern wäre ein Groß­teil der Here­ro auf­grund der Rin­der­pest sicher ver­hun­gert”, schreibt Gil­ley. „Die Nama oder ande­re Volks­grup­pen hät­ten kaum Sup­pen­kü­chen für sie eingerichtet.”

In den Jah­ren 1903/04 setz­te die Reichs­re­gie­rung die Ober­gren­ze für Sied­ler in Deutsch-Süd­west aus. Kei­ne Ober­gren­ze!, das war schon damals ein Feh­ler, die Zahl der Sied­ler Sie­deln­den stieg rasch auf 14.000, die Frem­den­feind­lich­keit bei den Here­ro und Nama wuchs, schließ­lich grif­fen sie Far­men, Höfe und Mis­sio­nen an, sabo­tier­ten Eisen­bah­nen und Tele­gra­fen. Am ers­ten Tag der Erhe­bung brach­ten die Auf­stän­di­schen 123 Deut­sche um. Das Aus­maß der Gewalt­aus­übung bei der Nie­der­wer­fung der Emeu­te durch Gene­ral Lothar von Tro­tha, der alle Here­ro und Nama in die Oma­he­ke-Tro­cken­sa­van­ne trieb und auf jeden schie­ßen ließ, der umkeh­ren woll­te, war der Bedro­hung indes völ­lig unan­ge­mes­sen. Tro­tha wur­de gerügt, abbe­ru­fen und sei­ne Poli­tik beendet.

Der His­to­ri­ker Jür­gen Zim­me­rer, ein klei­ner Put­to, der sich am Ran­de des deut­schen Gesamt­schuld­fres­kos in den Kolo­ni­al­ran­ken räkelt, erklär­te in einem Spie­gel-Inter­view, dass von Tro­tha „nach heu­ti­gen Kri­te­ri­en ein Kriegs­ver­bre­cher war” und vor Gericht gestellt wer­den wür­de. Das sei rich­tig, bestä­tigt Gil­ley, aller­dings wären „nach heu­ti­gen Kri­te­ri­en wohl alle afri­ka­ni­schen Herr­scher vor und nach der Kolo­ni­al­zeit Kriegs­ver­bre­cher, die vor Gericht gestellt wer­den soll­ten”. Die Nie­der­wer­fung der Here­ro und Nama sei „ein unge­plan­ter Aus­rei­ßer” gewe­sen, der „im Wider­spruch zur übli­chen deut­schen Kolo­ni­al­po­li­tik stand”. Die Gewalt­an­wen­dung im deut­schen Kolo­nia­lis­mus sei ansons­ten prag­ma­tisch gewe­sen, sol­che Ope­ra­tio­nen „dien­ten nicht der Eli­mi­nie­rung bestimm­ter Grup­pen, son­dern der Eli­mi­nie­rung von Sicherheitsbedrohungen”.

Eta­blier­te Kolo­ni­al­his­to­ri­ker hal­ten sofort den Maji-Maji-Auf­stand in Deutsch-Ost­afri­ka 1905-07 dage­gen, der von ihnen als Befrei­ungs­be­we­gung dar­ge­stellt wird. Auch hier wider­spricht der kana­di­sche Ket­zer: „Die locke­re Ansamm­lung von Kriegs­herrn und ara­bi­schen Skla­ven­händ­lern, die sich bei die­sem Auf­stand zusam­men­rot­te­te, um die Deut­schen zu ver­trei­ben, woll­te nie­man­den befrei­en. Es war ihr aus­drück­li­ches Ziel, ihre alt­her­ge­brach­ten Pri­vi­le­gi­en durch das Plün­dern und Über­fal­len schwä­che­rer Stäm­me wie­der zu erlan­gen, Skla­ven zu hal­ten und zu ver­kau­fen, mit Frau­en zu han­deln und neue Han­dels­eli­ten von der Macht aus­zu­schlie­ßen.” Man habe ein­fach zu den „Haupt­ak­ti­vi­tä­ten die­ser Stäm­me vor der Kolo­ni­al­zeit, näm­lich Rau­ben und Plün­dern”, zurück­eh­ren wol­len. Spä­ter, so Gil­ley, hät­ten anti­ko­lo­nia­le For­scher die Todes­zah­len „ins Astro­no­mi­sche getrie­ben”, indem sie alle Todes­op­fer durch Hun­ger, Seu­chen und Stam­mes­kon­flik­te dazu­zähl­ten, die nach der Nie­der­schla­gung des Auf­stan­des star­ben. „Egal, wie hoch die zivi­len Opfer­zah­len waren – die­se Toten waren Opfer des Auf­stan­des, nicht der deut­schen Ord­nungs­macht. Die Rebel­len zer­stör­ten den Frie­den, den die Deut­schen gebracht hatten.”

Die Legen­de, dass die Maji-Maji-Rebel­len „gute Natio­na­lis­ten” gewe­sen sei­en, die ihr Land von der Fremd­herr­schaft befrei­en woll­ten (ein typi­sches „Nar­ra­tiv” der Ost­block-Mar­xis­ten übri­gens), habe erst der bri­ti­sche His­to­ri­ker John Ilif­fe im Diens­te des post­ko­lo­nia­len Dik­ta­tors  Juli­us Nye­re­re erfun­den, der für sein Reich einen Grün­dungs­my­thos benötigte.

Das führt uns zum letz­ten Punkt, der Deko­lo­nia­li­sie­rung, also: Zehn­tens.
Gil­ley nennt die Ent­ko­lo­nia­li­sie­rung einen „Alb­traum”: „Inner­halb weni­ger Mona­te oder Jah­re wur­de die Kri­se zur Nor­ma­li­tät, die Län­der wur­den wie­der in die vor­ko­lo­nia­le Stein­zeit kata­pul­tiert.” Das Ein-Par­tei­en-Expe­ri­ment Juli­us Nye­re­res in Tan­sa­nia erzwang die gewalt­sa­me Umsied­lung von elf Mil­lio­nen Men­schen in zwangs­kol­lek­ti­vier­te „Uja­maa-Dör­fer” mit gro­ßen Hun­gers­nö­ten in den Jah­ren 1974 und 1981 als Fol­ge. Togo und Kame­run wur­den Dik­ta­tu­ren. Die Unab­hän­gig­keit von Papua-Neu­gui­nea 1975 und Nami­bia 1990 ver­lief nicht bes­ser. In Chi­na über­nah­men Kom­mu­nis­ten die Kolo­nie Quing­dao und plün­der­ten sie sofort für die KP.

Hier sind ein Ein­schub und eine lei­se Kri­tik fäl­lig. Ich kann unmög­lich alle Zah­len Gil­leys über­prü­fen, aber an zwei Stel­len ist mir auf­ge­fal­len, dass er durch­aus wurs­tig damit umgeht. So schreibt er, dass beim Gue­ril­la­krieg der unter ande­rem von der DDR unter­stütz­ten „South-West Afri­ca People’s Orga­ni­sa­ti­on” (SWAPO) „Mil­lio­nen Men­schen” gestor­ben sei­en, „weit mehr als durch Lothar von Tro­tha” – eine für mich unve­ri­fi­zier­ba­re Zahl. (Nami­bia hat heu­te übri­gens gera­de mal 2,3 Mil­lio­nen Ein­woh­ner.) Etwas spä­ter for­dert er, Nami­bia möge sei­ne Rol­le im Gro­ßen Afri­ka­ni­schen Welt­krieg – bekann­ter als Zwei­ter Kon­go­krieg – erklä­ren, bei dem sechs Mil­lio­nen Afri­ka­ner (offi­zi­ell über drei Mil­lio­nen) gestor­ben sei­en, ohne dass in den Stra­ßen von Windhoek Demons­tra­tio­nen für Wie­der­gut­ma­chung statt­fän­den. Frei­lich nahm nur ein 2000 Mann star­kes Kon­tin­gent der nami­bi­schen Armee an die­sen Krieg teil; was die­se Trup­pe auf dem Kerb­holz hat und ob es für Demons­tra­tio­nen genügt, konn­te ich auf die Schnel­le nicht ermit­teln. Ein­schub beendet.

Die größ­ten Anti­ko­lo­nia­lis­ten der Drit­ten Welt leben heu­te lie­ber im Wes­ten statt in ihren „befrei­ten” Hei­mat­län­dern. In ihrer Mit­te lär­men erstaun­lich vie­le Wei­ße, was aus opti­mis­ti­scher Sicht dafür spricht, dass es sich ledig­lich um eine Mode han­delt wie den Vega­nis­mus und den Vagi­nis­mus (Vagi­no­zen­tris­mus). Die Anti­ko­lo­nia­lis­ten wer­fen den wei­ßen Kolo­nia­lis­ten heu­te sogar vor, die Erfor­schung der Sit­ten der Ein­ge­bo­re­nen – „im Pazi­fik benah­men sich die Deut­schen eher wie Muse­ums­ku­ra­to­ren und Kul­tur­be­auf­trag­te statt wie Kolo­ni­al­herr­scher” (Gil­ley) – sei nichts als ras­sis­ti­scher Her­ren­men­schen­dün­kel gewe­sen, also, sofern das stimmt, unge­fähr das­sel­be, was heu­te die Anti­ko­lo­nia­lis­ten ver­brei­ten. Auch der Ver­such, den Afri­ka­nern Zugang zur Bil­dung im euro­päi­schen Sin­ne zu ermög­li­chen, bedeu­tet aus die­ser uner­bitt­lich iden­ti­tä­ren Per­spek­ti­ve ledig­lich eine Unter­drü­ckung der afri­ka­ni­schen Eigen­art. Für die ech­ten Zelo­ten unter die­sen Eife­rern fällt wohl sogar die Abschaf­fung von Kan­ni­ba­lis­mus und Men­schen­op­fern unter kul­tu­rel­le Unterdrückung.

Was also war der deut­sche Kolo­nia­lis­mus? In einem Satz zusam­men­ge­fasst viel­leicht: „Der nie­der­säch­si­sche Medi­zi­ner und Ent­de­cker Lud­wig Wolf über­zeug­te den König von Dahome, sei­ne Skla­ven nicht bei den all­jähr­li­chen Opfer­ri­ten zu mas­sa­krie­ren, son­dern in der Land­wirt­schaft einzusetzen.”

(Das Buch kann man hier bestellen.)

***

PS: „Sie haben mich davor bewahrt zu glau­ben, gemein­sam mit afri­ka­ni­schen Gesprächs­part­nern von aus­nahms­los allen Euro­pä­ern aus­ge­grenzt zu wer­den”, schreibt Leser *** aus Lomé, der Haupt­stadt von Togo. „Es gibt doch noch wel­che, die Geschich­te nicht so lan­ge ver­dre­hen, bis die Wunsch­vor­stel­lun­gen der eige­nen Ver­derbt­heit ent­spre­chen. Zur Unter­ma­lung Ihrer Rezen­si­on hier ein Link auf eine unter­halt­sa­me Foto­stre­cke: Gedenk­fei­er (2019) anläss­lich der Unter­zeich­nung der Pro­tek­to­rats­ver­trä­ge von 1884 in Bagui­da bei Lomé.”

Wie man sieht, wehen noch heu­te in Togo deut­sche Fah­nen, auch wenn kei­ne deut­schen Offi­zi­el­len sich bli­cken las­sen, gewiss aus Grün­den schwers­ter Kolonialschuldzerknirschung.

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Noch zum Vorigen.
„Der Natio­nal­so­zia­lis­mus und der Holo­caust waren ein Bruch mit den euro­päi­schen Tra­di­tio­nen des Kolo­nia­lis­mus statt einer Kon­ti­nui­tät.” Robert Gerwarth/Stephan Mali­niw­ski: „Han­nah Arendt’s Ghosts: Reflec­tions on the Dis­pu­ta­ble Path from Windhoek to Ausch­witz”, 2009

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„Die wei­ßen Fle­cken sind von den Land­kar­ten ver­schwun­den. Sie sie­del­ten in die Geschichts­bü­cher über.”
Noch­mals Sta­nisław Jer­zy Lec

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Immer noch zum Vorigen.
2016 ver­öf­fent­lich­te von Rebek­ka Haber­mas das Buch: „Skan­dal in Togo: ein Kapi­tel deut­scher Kolo­ni­al­herr­schaft”. Es geht um die Ver­ge­wal­ti­gung einer Togo­le­sin durch einen jun­gen Kolo­ni­al­of­fi­zier, der Fall gelang­te in die Ber­li­ner Pres­se, wur­de im Reichs­tag und vor Gericht ver­han­delt, der Ange­klag­te wur­de frei­ge­spro­chen, ver­lor aber sei­ne Stel­le, kurz­um: Der „Skan­dal” zeig­te, dass die deut­sche Ver­wal­tung halb­wegs funk­tio­nier­te und Über­grif­fe kei­nes­wegs gedul­det wur­den, mit­hin also das genaue Gegen­teil des­sen, was uns die Toch­ter von St. Jür­gen weis­ma­chen will.

Ein Ama­zon-Renzen­sent schreibt: „ ‚Die angeb­li­che Über­le­gen­heit der Euro­pä­er’ – der gewohn­heits­mä­ßi­ge Eth­no­ma­so­chis­mus beruht auf einem Denk­feh­ler: Ein Tro­pen­arzt, der 26 Jah­re auf der Schul­bank ver­bracht hat, ist den bar­fü­ßi­gen Analpha­be­ten haus­hoch über­le­gen. Das Ergeb­nis der Kolo­ni­sa­ti­on ist am Ende näm­lich der gleich­wer­ti­ge togoi­sche Facharzt.

2016 lau­tet das Fazit von Haber­mas: ‚So muss­te das Togo­er Baum­woll­pro­jekt wie so vie­le ande­re kolo­ni­al­wirt­schaft­li­che Unter­neh­mun­gen als geschei­tert gel­ten.’ Fazit der Togo­er: Am 19. Mai 2017 berich­te­te der Direk­tor der Nou­vel­le Socié­té Coton­niè­re du Togo: Die Ern­te von Roh­fi­bern betrug 2016/17 ins­ge­samt 108.000 Ton­nen Roh­fa­sern (+16%), und die Anbau­flä­che soll bis 2020 auf eine Pro­duk­ti­on von 160.000 Ton­nen erhöht werden.”

***

Merk­wür­dig: Als Mer­kel zur Kanz­le­rin gewählt wur­de, gab es so etwas noch nicht.

Kau­sa­li­tät oder Koinzidenz?

 

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