Manchmal wissen sie beim „Spiegel” gar nicht…

…, wie recht sie haben.

 

PS: Offen­bar miss­in­ter­pre­tiert Leser *** die­se Anspie­lung, indem er mir ein Zitat eines Autors namens Mar­tin Win­ecki schickt, den ich nicht ken­ne und der sich wie folgt geäu­ßert hat:

„Auf die münd­li­chen Tra­di­tio­nen ver­schie­de­ner indi­ge­ner Kul­tu­ren Nord­ame­ri­kas zurück­grei­fend, schreibt der india­ni­sche Gelehr­te Jack D. For­bes in sei­nem Buch ‚Colum­bus and Other Can­ni­bals’: ‚Seit meh­re­ren Jahr­tau­sen­den haben Men­schen unter einer Pest gelit­ten, schlim­mer als Lepra, eine Krank­heit, schreck­li­cher als Mala­ria und ent­setz­li­cher als die Pocken.’ Die Algon­quin und ande­re indi­ge­ne Völ­ker bezeich­ne­ten die Geis­tes­krank­heit des wei­ßen Man­nes, der im 15. und 16. Jahr­hun­dert in ihren Hei­mat­län­dern ankam, als ‚Weti­ko’. Wört­lich über­setzt bedeu­tet das Kan­ni­ba­lis­mus: ‚der Kon­sum eines ande­ren Lebens für den eige­nen pri­va­ten Nut­zen oder Pro­fit’. For­bes schließt dar­aus: ‚Die­se Krank­heit ist die schlimms­te Epi­de­mie, die der Mensch jemals erlebt hat.’

Weti­ko – oft als men­ta­les Virus ver­stan­den – ver­brei­tet die tief­sit­zen­de Illu­si­on, als Mensch hoff­nungs­los im Käfig eines von der Welt getrenn­ten Egos gefan­gen zu sein. Aus die­ser Per­spek­ti­ve der Iso­la­ti­on erschei­nen ande­re ent­we­der als Kon­kur­ren­ten oder (mög­li­che) Beu­te. In einem Welt­bild der Angst erschei­nen Kampf und Aus­beu­tung als ratio­nal – und Anteil­nah­me als lächer­li­ches und sen­ti­men­ta­les Gefühl.

Nach 5000 Jah­ren Patri­ar­chat, 500 Jah­ren Kapi­ta­lis­mus und 50 Jah­ren Neo­li­be­ra­lis­mus bestimmt die Weti­ko-Krank­heit fast alle Berei­che unse­rer west­li­chen Gesell­schaft. Dass wir ein öko­no­mi­sches Sys­tem akzep­tie­ren, wel­ches die größt­mög­li­che Ver­nich­tung der natür­li­chen Welt als ‚Erfolg’ fei­ert, ist ein Sym­ptom unse­rer Infi­zie­rung mit dem Virus. Weti­ko hat unse­re Her­zen betäubt und macht es uns unmög­lich, die Hei­lig­keit und den Schmerz des Lebens zu emp­fin­den – weder in uns noch um uns her­um. Unzäh­li­ge Wesen gehen heu­te an die­ser chro­ni­schen Unfä­hig­keit zum Mit­ge­fühl zugrunde.

Von der zwang­haf­ten Fixie­rung auf künst­li­che Wer­te wie die Pro­fit­ma­xi­mie­rung in der Öko­no­mie bis zur Pan­de­mie geschei­ter­ter und miss­bräuch­li­cher Lie­bes­be­zie­hun­gen wur­de die Weti­ko-Krank­heit so weit Teil unse­rer Nor­ma­li­tät, dass sie kaum noch als Krank­heit erkannt wird. Ein Kult von Selbst­be­zo­gen­heit hat das sozia­le Gewe­be der Mensch­heit von innen her ver­fault gemacht und die Erde ent­hei­ligt. Die Fol­ge ist eine Welt vol­ler Angst – Angst vor Tren­nung, Angst vor dem Tod, Angst vor dem Leben, vor Sexua­li­tät, vor Bestra­fung, vor dem kom­men­den Kol­laps… Hin­ter der Fas­sa­de bür­ger­li­chen Anstands ver­birgt sich ein psy­cho­lo­gi­scher Unter­grund, in dem die Fol­gen der struk­tu­rel­len Angst unge­hin­dert um sich grei­fen: Dau­er­wut, all­ge­mei­nes Miss­trau­en, Sucht, Depres­si­on, Lan­ge­wei­le, Per­ver­si­on, zwang­haf­ter Kon­su­mis­mus, Kon­troll­zwang und eine heim­li­che oder offe­ne Fas­zi­na­ti­on für Gewalt.”

 

Spon­tan ist man geneigt, die­ser Dia­gno­se bei­zu­pflich­ten. Sol­cher Zustim­mung will ich als gebo­re­ner Spiel­ver­der­ber aller­dings die Fra­ge in den Weg stel­len: Ver­gli­chen womit? Zitiert wird ein nord­ame­ri­ka­ni­scher India­ner. Deren Stäm­me fan­den seit Olims Zei­ten Ver­gnü­gen dar­an, sich gegen­sei­tig zu bekrie­gen, zu mas­sa­krie­ren, zu opfern und zu mar­tern; um Gefan­ge­ne zu ver­skla­ven, hät­ten sie sich in irgend­ei­ner Wei­se wirt­schaft­lich ent­wi­ckeln müs­sen (denn das haben Skla­ven mit Gast­ar­bei­tern gemein­sam: Man braucht Jobs für sie). Der Zusam­men­stoß mit den wei­ßen Erobe­rern führ­te zu einem sich-gegen­sei­tig-Über­bie­ten mit Greu­el­ta­ten. Die Lage der India­ner, die auf ihrem Kon­ti­nent von jenen Bleich­ge­sich­tern ver­drängt wur­den, deren Nach­kom­men heu­te als Ent­schul­di­gung nicht mehr „India­ner” sagen oder spie­len dür­fen sol­len, war tra­gisch, gewiss, aber wie sähe die Alter­na­ti­ve aus? Hät­te Ame­ri­ka ein bis heu­te von gen­til­ge­sell­schaft­lich orga­ni­sier­ten Noma­den äußerst dünn besie­del­ter Erd­teil blei­ben sollen?

Die India­ner waren so bru­tal und „unmensch­lich” wie die Wei­ßen auch; wel­cher heu­ti­ge Anti­ras­sist wäre, sagen wir um 1700 einem Trupp Iro­ke­sen oder um 1800 einem Rei­ter­schwa­dron der Coman­chen gern in die Hän­de gefal­len? Aber sie leb­ten im Ein­klang mit der Natur!, wer­den sofort unse­re Öko-Eso­te­ri­ker und Spät-Rous­se­auis­ten rufen. Aber was gibt es Gräss­li­che­res als die Natur? Wie herr­lich und einst­wei­len noch sicher lässt es sich dage­gen in der „Wetiko”-Zivilisation leben! Die Natur ist ein ein­zi­ges Gemet­zel, jedes Wesen lebt umstellt von Zäh­nen, Klau­en, Kral­len, Gift­sta­cheln und Zan­gen, kein Leben ist hei­lig, kein Tier stirbt in Wür­de im Alter, son­dern wird in sei­ner Schwä­che zu Tode gehetzt und wäh­rend der Ago­nie gefres­sen, ob nun von Hyä­nen, Gei­ern, Art­ge­nos­sen oder Amei­sen, wäh­rend dem Raub­tier am bes­ten das Neu­ge­bo­re­ne des Beu­te­tiers mun­det. Spra­chen wir schon von Hit­ze und Käl­te, von Para­si­ten­be­fall, Stech­mü­cken, Viren und Bak­te­ri­en, von der wirk­li­chen Pest, von Cho­le­ra, Typhus, Schlaf­krank­eit und Pocken? Es waren von „Weti­ko” Beses­se­ne, die die­se Pla­gen aus­rot­te­ten, den Men­schen Stra­ßen, Kran­ken­häu­ser, Kana­li­sa­ti­on, Strom, flie­ßen­des Was­ser, Fern­waf­fen, fes­te Gebäu­de, Kühl­schrän­ke und sogar war­me Mahl­zei­ten im Flie­gen ver­schaff­ten. Wie lächer­lich mir die Natur­ro­man­tik ist! Spe­zi­ell wenn sie von Leu­ten ver­brei­tet wird, die in der ech­ten frei­en Natur kei­ne Woche – wenn Raub­tie­re in der Nähe sind kei­ne fünf Minu­ten – über­le­ben wür­den. Die Natur genuss­voll von außen zu betrach­ten, ist das eine, Natur zu sein das ande­re, hat Scho­pen­hau­er geschrie­ben. Lie­be zur Natur, ich wie­der­ho­le es, ist ein Stock­holm-Syn­drom. Die Natur bringt uns ver­läss­lich um. Die ein­zig erträg­li­che Natur ist die vom Men­schen domes­ti­zier­te oder ein­ge­heg­te bzw. ausgesperrte.

Aus­schließ­lich dem Wes­ten „Weti­ko” zu unter­stel­len, ver­kennt, dass es nir­gends, wo Leben ist, etwas ande­res gibt und dass die soge­nann­te Natur mit Über­flu­tung, Vul­kan­aus­bruch, Erd­be­ben, Aste­ro­iden­ein­schlag und Kli­ma­wan­del mehr Arten vom Ant­litz der Erde getilgt hat, als es dem Men­schen je ver­gönnt sein wird.

Aber natür­lich sind die wirt­schaft­li­chen und tech­ni­schen Erfol­ge der aus­ge­präg­tes­ten „Wetiko”-Lebensart ver­ant­wort­lich dafür, dass auf die­sem Pla­ne­ten heu­te knapp acht und bald zwölf Mil­li­ar­den Men­schen leben, wes­halb die Mensch­heit einer dunk­len, von Ver­tei­lungs­kämp­fen und Staats­zu­sam­men­brü­chen gepräg­ten Zukunft ent­ge­gen­strebt. „Weti­ko” hat die gleich­gül­tig-teil­nahms­lo­se Har­mo­nie der Natur gestört und das bei­spiel­lo­se Wag­nis begon­nen, eine Spe­zi­es aus die­sem lang­wei­li­gen Kreis­lauf aus­bre­chen zu las­sen. Wie auch immer das Expe­ri­ment aus­geht: Ein Gewehr, ein Kom­pass oder eine Mus­kat­nus­s­ta­schen­rei­be sind mehr wert als der Grand Canyon.

 

PPS: Leser *** ergänzt, dass:

„1. die Mehr­heit der Urein­woh­ner der bei­den Ame­ri­kas den kuli­na­ri­schen und/oder den ritu­el­len Kani­ba­lis­mus praktizierte;
2. Skla­ve­rei durch­aus weit ver­bei­tet war, ins­be­son­de­re bei den land­wirt­schaft­lich akti­ven Stäm­men ent­lang der Ost­küs­te der heu­ti­gen USA;
3. die Wahr­schein­lich­keit, eines gewalt­sa­men Todes zu ster­ben, unge­fähr 27Mal höher war als in den heu­ti­gen USA;
4. das Patri­ar­chat auch durch die weib­li­chen Sip­pen- und Stam­mes­ober­häup­ter kei­nes­wegs ‚gebro­chen’ war, son­dern Kon­ti­nui­tät gewähr­leis­te­te in einem Umfeld, in dem Män­ner ein­fach eine gerin­ge Lebens­er­war­tung hat­ten bzw. stän­dig in gefähr­li­chen Akti­vi­tä­ten gebun­den waren. Der ‚Clue’ für die India­ner­ro­man­ti­ker ist dabei der Begriff ‚Krie­ger’, der in allen ein­hei­mi­schen Spra­chen syn­onym für ‚Mann’ ver­wen­det wurde;
5. Men­schen, die trotz­dem alt wur­den, wur­den ihres Hab und Gutes erleich­tert und in der Wild­nis aus­ge­setzt, damit sie nicht zur Belas­tung ihrer Ange­hö­ri­gen wur­den. Essen auf Räder, ambu­lan­ter Pfle­ge­dienst oder Zivil­dienst­leis­ten­de lern­ten die Urein­woh­ner erst ken­nen, als sie vom wei­ßen ‚Virus’ infi­ziert wurden.”
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