3. September 2021

„Im Gegen­satz zu älte­ren For­men poli­ti­scher Pro­pa­gan­da, die dazu neigt, sich auf die Ver­gan­gen­heit zu beru­fen, um Gegen­wär­ti­ges zu recht­fer­ti­gen, benutzt tota­li­tä­re Pro­pa­gan­da die Wis­sen­schaft, um die Zukunft zu prophezeien.”
Han­nah Arendt

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Sel­ten haben Demo­sko­pen vor einer Wahl der­art ver­blüf­fen­de und sich umkeh­ren­de Wäh­ler­wan­de­run­gen regis­triert wie der­zeit; die Grü­nen stei­gen erst bal­lon­gleich auf und schmie­ren mun­ter wie­der ab, des­glei­chen sackt die Uni­on plötz­lich in die Tie­fe, der­weil die Zustim­mung zur SPD sur­re­al oder zumin­dest spek­ta­ku­lär wächst und auch die FDP beharr­lich zulegt. Nur eine Par­tei ver­harrt wie fest­ge­na­gelt auf ihren Wer­ten, die Wäh­ler mäan­dern an ihr vor­bei und um sie her­um wie Wan­der­amei­sen um einen Stein. Merk­wür­dig, nicht wahr?

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„Ein Grü­ner muß­te Josef K. denun­ziert haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hät­te, wur­de er eines Mor­gens von der Steu­er­fah­nun­dung verhaftet.”
(Leser ***)

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Ihre Steu­er­gel­der bei der Arbeit, x.-te Fol­ge. Das ZDF klärt auf:

Wenn bei­spiels­wei­se zwei Afgha­nen in Ber­lin ihre Schwes­ter mes­sern, weil sie auf west­li­che, also unrei­ne Art leben woll­te, hat das nichts mit der Her­kunfts­kul­tur und reli­giö­sen Prä­gung der Brü­der zu tun, son­dern ist ein Fami­li­en­dra­ma, wie es sich prak­tisch über­all ereignet.

(Dass sie beim ZDF nicht wis­sen, was der Begriff „Res­sen­ti­ment” bedeu­tet, ist hilf­reich im Sin­ne der Anklage.)

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Ange­le­gent­lich der von mir zustim­mend zitier­ten Wor­ten Alex­an­der Gau­lands vor dem Bun­des­tag: „Um Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit in die mus­li­mi­sche Welt zu tra­gen, muss­ten deut­sche Män­ner dort ihr Leben las­sen”, will mich Leser *** offen­bar aufs Glatt­eis füh­ren, indem er fragt:

„Gibt es etwas Ehren­vol­le­res für einen Mann, als sein Leben für die Rech­te von Frau­en zu ris­kie­ren? Und nur von ele­men­ta­ren Rech­ten spre­che ich, z.B. sein Gesicht zei­gen und in die Schu­le gehen zu dür­fen, nicht von Gendersternchen.
Und was hat­ten die Ame­ri­ka­ner 1944 eigent­lich in Euro­pa zu suchen?”

Was gibt es Ehren­vol­le­res für einen Mann, als sein Leben für die Rech­te von Lui­sa Neu­bau­er, Clau­dia Kip­ping-Eckardt und Ursu­la von der Ley­en zu ris­kie­ren? Kei­ne Ahnung, viel­leicht eine Mat­ter­horn-Bestei­gung? Eine Kaval­le­rie-Atta­cke? Ein Phy­sik-Nobel­preis? Es gehört zur Ehre eines Man­nes, eine Frau zu ver­tei­di­gen, die in sei­ner Gegen­wart ange­grif­fen wird. Sein Leben für Frau­en­rech­te in einer Welt­ge­gend zu ris­kie­ren, wo die­se Rech­te als west­li­ches Hirn­ge­spinst gel­ten, mag ehren­wert sein, ist aber zugleich ein biss­chen töricht. Und hoffn­unglos. Die­se Welt kennt das Indi­vi­du­um nicht. Wer einer Afgha­nin Frau­en­rech­te ver­schaf­fen will, muss sie ent­füh­ren und hof­fen, dass sie es ihm dankt und nicht dort­hin zurück­will, wo sie recht­los, aber zuhau­se ist. Die Fra­ge müss­te also min­des­tens lau­ten: Gibt es Ehren­vol­le­res für einen Mann, als sein Leben für die Rech­te von Frau­en zu ris­kie­ren, die nach die­sen Rech­ten verlangen?

Wenn ich schrei­be, dass uns Afgha­ni­stan nichts angeht, mei­ne ich das real­po­li­tisch im Sin­ne des Bis­marck­schen Aus­spruchs, der Bal­kan sei ihm nicht die Kno­chen eines ein­zi­gen pom­mer­schen Gre­na­diers wert. Afgha­ni­stan ist weder zu „bes­sern” noch zu „demo­kra­ti­sie­ren”, das sind archa­isch-isla­mi­sche Stam­mes- und Clan­ge­sell­schaf­ten, die kei­ner­lei Inter­es­se an unse­rer Art zu leben (und Wer­te zu set­zen) haben, was eben auch die meis­ten Frau­en ein­schließt. Wer durch­set­zen woll­te, dass afgha­ni­sche Frau­en „ihr Gesicht zei­gen”, wür­de vor allem Ver­ge­wal­ti­gun­gen und Ent­füh­run­gen beför­dern. Die Bur­ka, so para­dox es klingt, schützt Frau­en dort vor Über­grif­fen und die männ­li­chen Ver­wand­ten vor der Pflicht zur Blutrache.

Nun folgt also der Ein­wand, dass die­ses Nicht­ein­mi­schungs­ge­bot kon­se­quen­ter­wei­se auch für die Inva­si­on 1944 hät­te gel­ten müs­sen. Aber hier lie­gen die Din­ge ein biss­chen anders. Zunächst ein­mal fin­det am Hin­du­kusch kein Völ­ker­mord statt, die Afgha­nen las­sen ihre Nach­barn in Ruhe und errich­ten auch kei­ne Todes­la­ger für Sys­tem­ge­ge­ner und uner­wünsch­te Eth­ni­en. Hät­te sich Hit­ler auf Deutsch­land beschränkt, wären die Amis daheim geblie­ben. Außer­dem führ­ten die Ame­ri­ka­ner den Krieg inner­halb ihres Kul­tur­krei­ses mit Ver­bün­de­ten inner­halb des­sel­ben. Der Zwei­te Welt­krieg war im Wesent­li­chen eine inner­west­li­che Ange­le­gen­heit. Die Ame­ri­ka­ner – rech­nen wir ihre macht­po­li­ti­schen Ambi­tio­nen und ihr fata­les Bünd­nis mit den Bol­sche­wi­ken her­aus – stell­ten in West­deutsch­land jene zivi­li­sa­to­ri­schen Stan­dards wie­der her, die bereits vor­her dort herrsch­ten. Des­we­gen stie­ßen sie nach dem Zusam­men­bruch des Drit­ten Reichs auch nicht mehr auf Wider­stand. Etwas Ähn­li­ches pas­siert gera­de in Afgha­ni­stan: Die Regeln des Zusam­men­le­bens, die vor­her dort gal­ten, gel­ten jetzt ein­fach wie­der. Eben des­halb brach auch dort­zu­lan­de der Wider­stand sofort in sich zusammen.

Und nun freue dich, Kabul!

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Aus Chro­nis­ten­pflicht: „Über­ra­schen­der­wei­se hat das IPCC die mit­tel­al­ter­li­che Wär­me­pe­ri­ode von 900 bis 1200 aus dem Kli­ma­be­richt und somit aus Kli­ma­ge­dächt­nis der Mensch­heit gestri­chen. Die ers­te Gra­fik des Berichts, SPM.1, gibt den Tem­pe­ra­tur­ver­lauf der letz­ten 2.000 Jah­re wie­der. Vom Jah­re 1 an zeigt die Kur­ve einen stän­dig leicht abfal­len­den Trend bis 1850, um dann die Tem­pe­ra­tur bis heu­te stark anstei­gen zu las­sen. Ein neu­er Hockey­stick ist erschaf­fen. So kann der Welt­kli­ma­rat behaup­ten, dass es seit 125.000 Jah­ren noch nie so warm war wie heute.

Zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen (an fünf war ich selbst betei­ligt)  doku­men­tie­ren zwar, dass die mit­tel­al­ter­li­che Wär­me­pe­ri­ode etwa so warm war wie heu­te (wie es auch noch der 5. Kli­ma­zu­stand­be­richt beschrieb). Aber nun wird auch noch das Atlan­ti­kum vor 6.500 bis 8.500 Jah­ren kalt­ge­schrie­ben. Das war die Zeit, in der sich Nil­pfer­de in der Saha­ra tum­mel­ten und wenig spä­ter Ötzi über die Ötz­ta­ler Alpen wan­der­te. Dut­zen­de von Ver­öf­fent­li­chun­gen hat­ten belegt, dass die Tem­pe­ra­tu­ren damals 3 Grad höher waren als heu­te. Alles nicht mehr wahr.”

(Fritz Vah­ren­holt auf ach­gut.)

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Sach­sen – in die­sem Fal­le das Wes­terz­ge­bir­ge – bleibt bunt!

(Auf­ge­nom­men am Ran­de einer Samis­dat-Lesung zu Schwar­zen­berg, unweit mei­nes Geburtsortes.)

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Selt­sa­me Din­ge bege­ben sich und tra­gen sich zu im natür­lich unbe­strit­ten nach wie vor bes­ten Deutsch­land, das es je gab.

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Das führt uns zu den Ver­schwö­rungs­theo­rien, derer zwei ich hier aus Chro­nis­ten­treue und selbst­ver­ständ­lich cont­re coeur zitiere.

„If a lar­ge popu­la­ti­on of mil­li­ons of peop­le remain unvac­ci­na­ted after the next cou­p­le of years, then they will repre­sent a sizab­le and unde­nia­ble con­trol group. A con­trol group is a group of sub­jects that act as a pure sam­ple untouched by a drug or vac­ci­ne expe­ri­ment. If the vac­ci­na­ted group beco­mes ill or dies from spe­ci­fic con­di­ti­ons and the con­trol group does not have tho­se same con­di­ti­ons, then that is a pret­ty good sign that your vac­ci­ne or drug is poison. (…)
If the vac­ci­nes are a Tro­jan hor­se that cau­ses widespread ill­ness or infer­ti­li­ty, and the glo­ba­lists get caught becau­se a con­trol group exists, then it will mean out­right rebel­li­on along with ropes and lamp­posts for them. Their ‚Gre­at Reset’ will fall apart.”

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Ich hat­te ges­tern an mei­nem Wahl­stand in Chem­nitz eine klei­ne, aber fei­ne Gegendemo.
Die AfD-Klet­te zur Rech­ten stellt ein Zitat von Sophie Scholl aus dem Jahr 1943 zur Schau. Die Scham­lo­sig­keit sol­cher Main­stream-Nudeln ist immer wie­der ver­blüf­fend. Wenn sich eine juve­ni­le „Quer­den­ke­rin” mit Sophie Scholl ver­gleicht, sind ihr der Spott und die Ver­ach­tung des Kom­men­ta­ri­ats sicher, obwohl das Mädel immer­hin gegen den Strom schwimmt. Frei­lich, im wil­den Osten haben vie­le nicht ver­ges­sen, dass die SED-Vög­te ihre ein­zi­ge Legi­ti­ma­ti­on aus ihrem soge­nann­ten „Anti­fa­schis­mus” bezo­gen – auf­grund einer Art Inzest­scheu hieß der Natio­nal­so­zia­lis­mus bei den Real­so­zia­lis­ten „Faschis­mus” –, und so wur­de den enga­gier­ten Anti­fa­schis­ten auf der Gegen­sei­te aus vor­bei­fah­ren­den Autos mehr­fach der von einem fröh­li­chen Hupen beglei­te­te Sie-wis­sen-schon-Fin­ger gezeigt. Felix Saxo­nia!
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Durch Chem­nitz fährt eine Stra­ßen­bahn, die ein loka­ler Radio­sen­der mit dem Wer­be­slo­gan „Wir lie­ben Chem­nitz” ver­se­hen hat. Das ist gestat­tet. „Wir lie­ben Sach­sen” gin­ge zwar noch, schramm­te aber an der Gren­ze zum dun­kel­deutsch-Skan­da­lö­sen, wäh­rend „Wir lie­ben Deutsch­land” ein­deu­tig die rote Linie zum Natio­na­lis­mus und völ­ki­schen Den­ken über­schrit­te. „Wir lie­ben Euro­pa” wäre wie­der­um genehm, zumin­dest noch – der wei­ße Supre­ma­tis­ten­erd­teil geht har­ten Süh­ne- und Selbst­gei­ße­lungs­zei­ten ent­ge­gen. „Wir lie­ben die Afri­ka” wirk­te zwar unglaub­wür­dig, stün­de aber außer­halb jeder Kri­ti­sier­bar­keit. Bis zur Ent­de­ckung außer­ir­di­schen Lebens unan­ge­foch­ten poli­tisch kor­rekt wäre „Wir lie­ben die Welt”. Wobei es uli­ti­ma­tiv kor­rekt hei­ßen müss­te: „Wir lie­ben die Welt mit Aus­nah­me der (wei­ßen) Nationen”.
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Ein gefun­de­nes Fres­sen für ras­sis­ti­sche Het­zer sind Mel­dun­gen wie diese:
Wie unlängst unver­ant­wort­li­cher­wei­se von man­chen Medi­en – nicht von der kul­tur­sen­si­blen Zeit! – gemel­det wur­de, voll­zie­hen sich der­glei­chen aus dem Ruder lau­fen­de kol­lek­ti­ve Will­kom­mens­dank­ab­stat­tun­gen in ’schland inzwi­schen im Schnitt zwei­mal am Tag.
Dar­auf, dass von der ande­ren Hälf­te min­des­tens wie­der­um die Hälf­te noch nicht beson­ders lan­ge deutsch ist, wet­te ich eine Kis­te Sassicaia.
Die eben erwähn­te Zeit berich­tet immer­hin kri­tisch über die Lage der Frau­en in isla­mi­schen Ländern.
Par­don, das war ein Ver­le­ser aus Grün­den unre­flek­tier­ter Vorurteile.
Sol­che Vor­fäl­le, wenn es denn wirk­lich sein muss, jour­na­lis­tisch ange­mes­sen zu ver­mit­teln, weiß ver­läss­lich der Süd­deut­sche Beob­ach­ter.
Ein „Mann”, ein „46-Jäh­ri­ger” – mehr muss die Lese­rin nicht wis­sen. Sas­si­ca­ia habe ich heu­te schon ver­wet­tet. Wie wäre es in die­sem Fal­le mit einer Kis­te Châ­teau­neuf-du-Pape? So viel ist mir die Zer­streu­ung von Vor­ur­tei­len alle­mal wert.
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