5. Oktober 2021

Die Ber­li­ner Wahl­lei­te­rin ist zurück­ge­tre­ten. Die Ergeb­nis­se müs­sen jetzt neu geschätzt werden.

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„Ande­re Völ­ker lie­ben ihr Land und ver­ach­ten den Staat. In Deutsch­land ist es umgekehrt.”
Irgend­wo im Netz gele­sen. Erklärt zwar nichts, erhellt aber einiges.

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Wenn du bekannt wer­den willst, pink­le irgend­ein Denk­mal an, das älter als 20 Jah­re ist.

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Was ges­tern Geschmacks­ver­ir­rung war, ist heu­te Trend und mor­gen Mode, sogar in der Kunst.

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Auch für den Selbst­mord kann es zu spät sein.

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Kein Gang mehr durch Ber­lin, der nicht an Bett­lern vor­bei­führ­te. Immer­hin mar­kie­ren sie exakt die Fall­hö­he für den Sturz von jenem Seil, auf wel­chem unser­eins sei­ne Pirou­et­ten dreht.

Indes: „Unser­eins fällt ja nicht tief.” (Sebas­ti­an Haffner)

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Der Mensch schreibt über ande­re, um über sich zu schreiben.

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„Mit ein paar Tagen Abstand gewin­ne ich den Ein­druck, dass Sie einen Nerv getrof­fen haben”, schreibt Leser *** aus Chem­nitz. „Ihre Ansa­ge, aus der Kul­tur­haupt­stadt 2025 Blei­ben­des zu gene­rie­ren, hat die Betei­lig­ten offen­sicht­lich in Panik ver­setzt. Das Geld ist längst ver­teilt und nur die Umset­zung muss­te noch nach bewähr­tem Mus­ter orga­ni­siert wer­den. Weder die Kür von Chem­nitz, noch die bis­he­ri­gen Wah­len erschei­nen zufäl­lig. Aus bis­he­ri­gen Kul­tur­haupt­städ­ten gibt es schon die Kun­de vom kar­tel­l­arti­gen Wan­der­zir­kus, der die Gel­der abzieht.
Für mich ist es ein mathe­ma­tisch-sta­tis­ti­sches Mys­te­ri­um, dass Ihre Brief­wahl- und Wahl­lo­kal-Stim­men so von­ein­an­der abweichen.”

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„Der Rausch” mit Mads Mikkel­sen im Kino gese­hen. Es ist ein Film über die all­ge­mei­ne Beschis­sen­heit der mensch­li­chen Exis­tenz in spe­zi­fisch skan­di­na­vi­scher Mit­tel­klas­sen­öde. Die Hand­lung ent­springt der schlüs­si­gen The­se eines nor­we­gi­schen Psych­ia­ters, jeder Mensch kom­me mit einem Blut­al­ko­hol­spie­gel-Defi­zit von 0,5 Pro­mil­le zur Welt und wer­de erst durch die Til­gung die­ses Defi­zits sozi­al ver- bzw. erträg­lich, ja sogar interessant.

Viel­leicht soll­te man den Kreis ein­schrän­ken und prä­zi­sie­ren: zumin­dest jeder Nord­mensch – vie­le Schwar­ze sind ja schon nüch­tern erstaun­lich blen­dend gelaunt, Asia­ten haben gewis­se Alko­hol­ver­träg­lich­keits­pro­ble­me, wäh­rend ori­en­ta­li­sche Heiß­blü­ter ange­schi­ckert womög­lich noch eher aus­ras­ten als ohne­hin schon –, was mit der Bemer­kung Bis­marcks kor­re­spon­dier­te, der Deut­sche wer­de erst durch eine Fla­sche Cham­pa­gner zum Men­schen. (Die Natio­nen im Wein­gür­tel Euro­pas ken­nen das Pro­blem eher nicht, wenigs­tens kann­ten sie es bis­lang nicht, weil sie unter der Son­ne des Südens den Augen­trost ihrer Kul­tur­land­schaf­ten und Piaz­z­as genie­ßen kön­nen und über­dies trotz­dem trinken.)

Der Mensch trinkt, um ganz Mensch zu wer­den. Wie soll man sonst die Ande­ren ertra­gen? Das klein­bür­ger­li­che Elend muss illu­mi­niert, die Höl­le der Ande­ren in eine lus­ti­ge Run­de, die natür­li­che Aver­si­on oder zumin­dest Gleich­gül­tig­keit in tem­po­rä­re Kum­pa­nei ver­wan­delt wer­den. Im Film ver­an­stal­ten vier Leh­rer die Pro­be aufs Exem­pel, und sie­he, ihr Unter­richt wird frei­er, locke­rer, und die Schü­ler lang­wei­len sich nicht mehr. Aber König Alko­hol ist ein stren­ger Gebie­ter, er for­dert Opfer, und er bekommt sie. In den Pro­ben zum Film began­nen die Dar­stel­ler übri­gens tat­säch­lich zu trin­ken, lese ich; der Regis­seur habe dar­auf­hin Alko­hol wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten ver­bo­ten – die „Method Acting”-Recherche gehört ja nicht direkt ans Set.

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Nein.

(Netz­fund)

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Nach einem Bom­ben­tref­fer auf ein benach­bar­tes Haus in Brüs­sel notier­te die ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­lis­tin Cla­re Boot­he am 10. Mai 1940 stil­si­cher und prio­ri­täts­be­wusst: „Ich besann mich dar­auf, einen Extra­vor­rat an Puder, Lip­pen­stift und Feuch­tig­keits­creme in mei­ne Hand­ta­sche zu packen und die ein­zi­gen Schu­he mit fla­chen Absät­zen aus dem Kof­fer zu holen.”

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„Wer die Abschaf­fung der Tra­di­ti­on betreibt und immer nur wei­ter will, hat nicht begrif­fen, daß er mor­gen buch­stäb­lich nackt in der Käl­te ste­hen wird.”
Han­nah Arendt

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Dun­kel­deutsch­land, neu defi­niert von den Klär­an­la­gen­ab­schme­ckern der Zeit:

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„Das Reich der Lüge ist glo­bal gewor­den”, schreibt Thors­ten Hinz, eine berühm­te For­mu­lie­rung Arnold Geh­lens auf­grei­fend, in der JF über die welt­wei­te Aus­brei­tung von Poli­ti­scher Kor­rekt­heit, Iden­ti­täts­po­li­tik, Kli­ma­pa­nik und Coro­nadres­sur. Wenn sich die Pio­nie­re der one world durch­set­zen, gibt es für unse­re Nach­fah­ren kei­ne Exi­le mehr. Der Sowjet­kom­mu­nis­mus konn­te nur des­halb zusam­men­bre­chen, weil es ein Außen gab.

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Man – die­ses ewi­ge, abscheu­li­che Man, wie Flau­bert es nann­te – hat sich dar­an gewöhnt:

In Rede steht nicht das Dep­pen­wort „Gegen­pro­tes­te” – das allen­falls dann zuträ­fe, wenn der Par­tei­tag sel­ber als Pro­test bewer­tet wür­de –, son­dern die Tat­sa­che, dass einer in allen Par­la­men­ten ver­tre­te­nen, von Mil­lio­nen Deut­schen gewähl­ten Par­tei stän­dig und unter Andro­hung von Gewalt oder sozia­ler Äch­tung an die Adres­se der Ver­mie­ter Räu­me ver­wei­gert wer­den und, wie hier, ein Magis­trat, also eine öffent­li­che und steu­er­fi­nan­zier­te Behör­de, sich dafür recht­fer­ti­gen muss, dass man abwechs­lungs­hal­ber den nor­ma­len zivi­len, grund­ge­setz­lich garan­tier­ten Gepflo­gen­hei­ten zu oblie­gen nicht umhinkommt.

Der FAZ-Jour­na­list Jus­tus Ben­der, jeder Zoll eine Cha­rak­ter­na­tur, nann­te die AfD nicht ohne Beha­gen eine „Par­tei der Unbe­rühr­ba­ren”, also der Pari­as, der Tschanda­las. Im indi­schen Kas­ten­we­sen sind die Unbe­rühr­ba­ren die unters­te Art Mensch, eine Tschanda­la-Frau etwa ist unrei­ner als eine Hün­din, mit Tschanda­las redet man nicht, man beschäf­tigt sie nicht, nimmt nichts von ihnen, mei­det ihre Nähe, geschwei­ge dass man mit ihnen einen Kaf­fee trän­ke (Söder), zu Tische säße (ich erin­ne­re an die Ent­las­sung von Hans Joa­chim Men­dig) oder sich gar mit ihnen paarte.

Ben­der, der mit mäßi­gem Talent, aber nicht ohne Eifer an der Unbe­rühr­bar­ma­chung die­ses poli­ti­schen Milieus mit­ge­wirkt, mit­stig­ma­ti­siert hat, trifft mit die­sem Begriff „durch­aus etwas Rich­ti­ges, ver­kennt aber die Poin­te der eige­nen Argu­men­ta­ti­on”, schreibt Karl­heinz Weiß­mann. „Denn die Exis­tenz als Paria ist nicht selbst­ver­schul­det – auch wenn das die Her­ren so sehen –, son­dern zudik­tiert. Genau das trifft auf die Mit­glie­der und Anhän­ger der AfD zu. Sie wer­den fak­tisch als Pari­as behan­delt, wenn man sie weder nach den übli­chen Regeln der Fair­neß behan­delt, noch gerech­te Teil­ha­be ein­räumt. Schmä­hung ist an der Tages­ord­nung, und Atta­cken auf ihr Eigen­tum, aber auch auf Leib und Leben sind längst kei­ne Aus­nah­me mehr, son­dern die Regel, was die All­ge­mein­heit mit Ach­sel­zu­cken quit­tiert. Selbst wenn zur Tötung ihrer Repä­sen­tan­ten auf­ge­ru­fen wird, bleibt die sonst so leicht erreg­ba­re öffent­li­che Empö­rung stumm. (…)

Wer vom Nach­barn gegrüßt, von Kol­le­gen ein­ge­la­den und im Ver­ein wohl­ge­lit­ten sein möch­te, wer auf eine Kar­rie­re wert­legt oder sich von Auf­trä­gen abhän­gig weiß, ver­steht die War­nung und mei­det die Unbe­rühr­ba­ren. Denn im Deutsch­land des 21. Jahr­hun­dert genügt wie im alten Indi­en, daß der Schat­ten eines Pari­as auf jeman­den fällt, um Unheil über ihn zu brin­gen. Ohne Zwei­fel ein archai­sches Muster.”

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„Nur hin­ter Huren, sagt sie, schwän­zelst du.
Sie hat ja recht, doch war­um gibt sie’s zu?”
Peter Hacks

Erst heu­te habe ich begrif­fen, dass auch gemeint sein könn­te, sie sei sel­ber eine …

PS: „Wie denn auch sonst?”, erkun­digt sich Leserin ***.
Na als indi­rek­ten Vor­wurf an sie, eben kei­ne zu sein – ich mei­ne: in ihren Begabungen…

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„Für mich”, sag­te Rich­ter Mai­er auf dem Lis­ten­par­tei­tag der säch­si­schen AfD im Febru­ar, „ist Andre­as Kal­bitz immer noch Mit­glied der Partei.”

Für mich ist Jens Mai­er übri­gens immer noch Mit­glied des Bundestags.

🤣🤣🤣

 

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