Zum Bewerbungsvideo von Eric Zemmour

„Die Jour­na­lis­tin, die das Bewer­bungs­vi­deo Zem­mours als ‚lächer­li­che Insze­nie­rung’ bezeich­net, ver­deut­licht eigent­lich nur ein­mal mehr, daß Jour­na­lis­ten dazu nei­gen, unge­bil­de­te Ein­falts­pin­sel zu sein. Eric Zem­mours Insze­nie­rung ist näm­lich tat­säch­lich das, eine Insze­nie­rung. Das Ensem­ble mit dem bul­ki­gen Mikro­fon, den bedruck­ten Blät­tern, von denen er ohne auf­zu­bli­cken abliest, und Beet­ho­vens Sie­ben­te im Hin­ter­grund, sind näm­lich eine offe­ne Anspie­lung an eine bestimm­te Sze­ne aus einem bestimm­ten Film: Die per Radio über­tra­ge­ne Rede Geor­ge VI. an sein Volk zu Beginn des Zwei­ten Welt­kriegs aus dem Film ‚The King’s Speech’. Es ist sicher­lich kein Zufall, nur die exis­ten­ti­el­le Bedro­hung ist eine neue.”
(Leser ***)

Dem wider­spricht Lese­rin *** wie folgt:

„Ich habe einen Teil mei­nes Lebens in Frank­reich direkt mit Fran­zo­sen ver­bracht. Ich habe Revo­luz­zer, Gut­bür­ger­li­che, Intel­lek­tu­el­le, Ange­hö­ri­ge der soge­nann­ten ‚clas­ses popu­lai­res’, Fran­zo­sen jeden Alters ken­nen­ge­lernt.  Selbst in der Bio-Bau­ern­hof-Kom­mu­ne im Dépar­te­ment La Creu­se war der ‚L’ap­pel du 18 juin’ ein Gesprächs­the­ma bei Tische – und das Erstau­nen war gross, dass ‚cet­te alle­man­de’ mit die­sem Datum etwas anfan­gen konn­te. Besag­ter ‚appel’ bezieht sich auf die Radio-Anspra­che von Bri­ga­de-Gene­ral Charles de Gaul­le, in der er am Abend des 18. Juni 1941 die Fran­zo­sen zum akti­ven Wider­stand gegen die deut­schen Besat­zer und die mit dem Drit­ten Reich kol­la­bo­rie­ren­de Vichy-Regie­rung des Maré­chal Pétain auf­ge­ru­fen hat. Das  Foto von die­ser Radio-Auf­nah­me in einem Stu­dio der BBC fin­det sich in jedem respek­ta­blen Geschichts­buch über Frank­reich. Es zeigt genau ein solch klo­bi­ges Mikro­fon – damals ver­mut­lich Stand der Tech­nik – und den kon­zen­triert spre­chen­den Géné­ral de Gaul­le. Die­se Anspra­che gilt als die Geburts­stun­de der Résis­tance, der Samm­lung der ver­spreng­ten mili­tä­ri­schen Ein­hei­ten, die sich de Gaul­le anschlos­sen, im wei­tes­ten Sin­ne als der Zün­dungs­zeit­punkt für die Bewe­gung, die in die ‚Libé­ra­ti­on’ Frank­reichs unter Feder­füh­rung der USA mündete.

Also: der 18. Juni 1941 und der bild­li­che Kon­text mit de Gaul­le vor dem Mikro­phon hat in Frank­reich für jedes Schul­kind (wenigs­tens für die mit Schul­ab­schluss vor der Zer­stö­rung des Bil­dungs­sys­tems) etwa den Stel­len­wert wie der 20. Juli 1944 in Deutsch­land (mit der glei­chen Ein­schrän­kung in Bezug auf das Bil­dungs­sys­tem). Jeden­falls bei der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung ist das Datum spon­tan abruf­bar und wird mit der Ret­tung Frank­reichs durch Charles de Gaul­le asso­zi­iert – der, in aus­sichts­lo­ser Lage, völ­lig auf sich allein gestellt, gera­de zum Tode ver­ur­teilt, den bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­ter Chur­chill über­zeu­gen konn­te, ihm die­se weni­gen Minu­ten im BBC zur Ver­fü­gung zu stellen.

War­um soll­te Eric Zem­mour sich auf einen bri­ti­schen (!) Film bezie­hen, um alles in der Welt? Zem­mours Wahl­slo­gan: Impos­si­ble – ce n’est pas fran­çais ! (etwa: ‚unmög­lich gibt es für Fran­zo­sen nicht’) deu­tet in die glei­che Rich­tung und wird als Aus­spruch Napo­le­on zuge­schrie­ben, der sich in mili­tä­risch pre­kä­rer Lage, die er doch noch für die Fran­zo­sen zum Sieg wen­den konn­te, ähn­lich geäus­sert haben soll. Anders als für Deut­sche gibt es für Fran­zo­sen genug Anker­punk­te in ihrer eige­nen Geschich­te, auf die sich sogar im Jah­re 2021 eine Wahl­kam­pa­gne mit dem Tenor: ‚Frank­reich muss geret­tet wer­den!’ grün­den lässt.

Ange­sichts der in den deut­schen Haupt­strom-Medi­en stän­dig beschwo­re­nen deutsch-fran­zö­si­schen Freund­schaft ist es aller­dings bemer­kens­wert, dass anstel­le von Kennt­nis­sen der Geschich­te und Spra­che eines frem­den Lan­des, über das der Jour­na­list berich­ten will, inzwi­schen die kor­rek­te poli­ti­sche Hal­tung genügt, Bil­dung stört nur. Kom­men­tar in der Welt’ in etwa: Zem­mour, die­ser Rechts­ex­tre­mist, ist ent­larvt, er wählt für sein Kan­di­da­tur-Video ‚ein Nazi-Mikro­phon’ … armes Deutsch­land. – Vive la France!”

Nach The­se und Anti­the­se schrei­tet Leser *** kühn zur Synthese:

„Natür­lich liegt nahe, daß Zem­mour sich auf die in Frank­reich jedem Kind bekann­te Rede de Gaulles bezieht, in des­sen Tra­di­ti­on er sich ganz offen­sicht­lich stel­len möch­te. Aller­dings sind die Par­al­le­len zu der von Ihrem Leser erwähn­ten Rede König Georgs aus ‚The King’s Speech’ so offen­sicht­lich, daß es sich nicht um einen Zufall han­deln kann. Ob Zem­mour bewußt auf die­se Sze­ne anspie­len woll­te, oder ob er sich nur des dra­ma­ti­schen Effekts wegen der­sel­ben Hin­ter­grund­mu­sik und ähn­li­cher Ein­blen­dungs­tech­ni­ken bedient hat, muß wohl eine offe­ne Fra­ge blei­ben. Gut mög­lich, daß er das Kunst­stück fer­tig­bringt, mit sei­ner zehn­mi­nü­ti­gen Bewer­bungs­re­de auf gleich zwei Vor­bil­der anzu­spie­len, war­um denn nicht?
Inter­es­sant – und einen bezeich­nen­den Kon­trast zur Qua­li­tät der Stel­lung­nah­men von Poli­ti­kern des eta­blier­ten Spek­trums – fin­de ich, in wel­chem Maß die­ses Video Zem­mours jen­seits der rein inhalt­li­chen Ebe­ne zur Inter­pre­ta­ti­on einlädt.”
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