Joachim Fest

Genie der Nüchternheit 

Joa­chim Fest, der gro­ße Geschichts­schrei­ber, ist tot. Die soeben erschie­ne­nen Jugend­er­in­ne­run­gen schil­dern sei­nen Weg in die geis­ti­ge Unabhängigkeit

Nor­mal ist es nicht, dass einer bei­des kann: auf der einen Sei­te so kennt­nis­reich wie form­voll­endet über Hit­ler, Himm­ler und Albert Speer schrei­ben, auf der ande­ren auf die­sel­be Wei­se über Goe­the, Richard Wag­ner und den Renais­sance-Bau­meis­ter Andrea Pal­la­dio. Auf der einen Sei­te über die letz­ten Tage im Füh­rer­bun­ker, auf der ande­ren über den Zeich­ner Horst Jans­sen. Es ist im Gegen­teil ein­zig­ar­tig, dass einer die für abseh­ba­re Zeit maß­geb­li­che Hit­ler-Bio­gra­fie ver­fasst und ein paar Jah­re spä­ter sozu­sa­gen das Gen­re der ita­lie­ni­schen Rei­se des deut­schen Bil­dungs­bür­gers mit einem Buch abschließt, das der „Cor­rie­re del­la Sera“ sofort neben jenes Goe­thes stellte.Joachim Fest konn­te es. Er hat die­ses Neben­ein­an­der der sich gemein­hin aus­schlie­ßen­den The­men­spek­tren zuwe­ge gebracht – wobei bei­de Tei­le des Werks auch für sich allein Bestand hät­ten. Die bin­den­de Klam­mer war sein Stil: unauf­ge­regt, aber auch unbe­irrt, gelehrt, aber nie beleh­rend, mög­lichst wei­te Per­spek­ti­ven suchend, aber Theo­rien eher bezwei­felnd als vor­tra­gend, nüch­tern und den­noch hoch­ar­ti­fi­zi­ell, ver­ständ­lich, aber den Begriff „Wort­schatz“ beim Wor­te neh­mend. Auf die­se Wei­se ist Fest sogar die Denk­wür­dig­keit gelun­gen, mehr als 1000 Sei­ten über Hit­ler zu schrei­ben, denen man, halb erstaunt, halb wider­wil­lig, ins­ge­samt wohl wird zubil­li­gen müs­sen, dass sie ein emi­nen­tes ästhe­ti­sches Ver­gnü­gen berei­ten. Golo Mann übri­gens fand das anstö­ßig; eine Krea­tur wie Hit­ler, ver­si­cher­te er dem Bio­gra­fen, habe „kein Anrecht auf den Geist von unsereinem“.Ein lebens­lan­ger Sujet­s­pa­gat also. Wie Fest in ihn hin­ein­ge­riet, dar­über geben sei­ne Kind­heits- und Jugend­er­in­ne­run­gen Aus­kunft, deren ers­te Exem­pla­re nahe­zu gleich­zei­tig mit der Nach­richt von sei­nem Tod die Öffent­lich­keit erreich­ten. Zumin­dest die Druck­fah­nen hat er noch in den Hän­den gehal­ten. Sei­nen 80. Geburts­tag aber soll­te er nicht mehr erleben.„Ich nicht“ heißt das Buch, und es erzählt, wie Fest zu jenem gesin­nungs­ab­hol­den bür­ger­li­chen Frei­geist wur­de, der er zeit­le­bens gewe­sen ist. Es beschreibt den inner­fa­mi­liä­ren Wider­stand gegen die Nazis (und könn­te inso­fern auch hei­ßen „Wir nicht“); zugleich schil­dert es ein Milieu, das sich auf rüh­ren­de Wei­se mit Bil­dung gegen die Übel der Zeit zu wapp­nen versuchte.

Poli­tik beginnt für den fünf­jäh­ri­gen Joa­chim damit, dass er eines Abends sei­nen Vater, Rek­tor, akti­ver Poli­ti­ker der Zen­trums­par­tei und füh­ren­des Mit­glied des „Reichs­ban­ner“, mit zer­ris­se­ner Jacke und blu­ten­dem Kopf heim­kom­men sieht – ein kom­mu­nis­ti­sches Roll­kom­man­do hat mit Holz­knüp­peln auf die Saal­wa­che einer Ver­an­stal­tung ein­ge­prü­gelt. Im April 1933 wird Johan­nes Fest vom Schul­dienst sus­pen­diert. Trotz wie­der­hol­ter Stel­len­of­fer­ten der Macht­ha­ber – ein­mal sogar als Schul­lei­ter, frei­lich soll er dafür in die Par­tei ein­tre­ten – ver­wei­gert sich der katho­li­sche Preu­ße bis zum Kriegs­en­de dem Regime. „Er ver­stand das Leben als eine Fol­ge von Auf­ga­ben, die man ohne Getue, mit fes­ten Über­zeu­gun­gen und mög­lichst gut­ge­launt abzu­leis­ten habe“, schreibt der Sohn.

Halt bie­tet der Fami­lie die Lite­ra­tur – mit zuwei­len skur­ri­len Neben­ef­fek­ten. Vater Fest zahlt sei­nen Kin­dern für jedes aus­wen­dig gelern­te Gedicht zehn Pfen­nig. 25 Pfen­nig wie­der­um ver­langt eines Tags der älte­re Bru­der Wolf­gang für die Aus­lei­he von „zehn Nackt­fo­tos fran­zö­si­scher Her­kunft“, so dass der Jün­ge­re „wie­der Gedich­te ler­nen mußte“.

Fest juni­or fliegt von der Ber­li­ner Schu­le, nach­dem er eine Hit­ler-Kari­ka­tur ins Schreib­pult geschnitzt hat („eine unfaß­li­che Dumm­heit“), die Alter­na­ti­ve ist ein Frei­bur­ger Inter­nat, des­sen Leh­rer ihm ins Abgangs­zeug­nis schrei­ben: „Joa­chim F. ist ohne geis­ti­ges Inter­es­se.“ Er kommt zur „Pflicht-HJ“, zum Reichs­ar­beits­dienst und schließ­lich zur Luft­waf­fe. Bru­der Wolf­gang stirbt 1944 als Sol­dat im Laza­rett hin­ter der Ostfront.

Wäh­rend der Sohn in ame­ri­ka­ni­scher Kriegs­ge­fan­gen­schaft eine bio­gra­fi­sche Stu­die des Renais­sance-Söld­ner­füh­rers und Mäzens Cas­t­ruc­cio Cas­tra­ca­ni ver­fasst, sitzt der Vater in rus­si­scher Gefan­gen­schaft; aus die­ser zurück­ge­kehrt, beklagt er nicht den Ver­lust des Hau­ses am meis­ten, son­dern den sei­ner Biblio­thek, vor allem jener Goe­the-Aus­ga­be, die er sich vor Jahr­zehn­ten von sei­nem ers­ten Gehalt gekauft hatte.

Der Ein­bruch Hit­lers und der Nazis in die von Geist, Bil­dung und Gesit­tung gepräg­te Welt des Halb­wüch­si­gen war mit der Höl­len­fahrt des Regimes nicht been­det. Zeit­le­bens soll­te Joa­chim Fest vom The­ma Drit­tes Reich nicht los­kom­men, er schrieb Por­trät­skiz­zen des NS-Füh­rungs­per­so­nals, zwei Bücher über Albert Speer, eines über die Män­ner des 20. Juli 1944, eines über Hit­lers letz­te Tage (die Vor­la­ge für den Film „Der Unter­gang“). Die jah­re­lan­ge lite­ra­ri­sche Beschäf­ti­gung mit Deutsch­lands Dämon hat Fest als eine „Art Galee­re“ emp­fun­den, sei­ne „per­sön­li­che Nei­gung“ habe „immer ande­ren, davon weit ent­fern­ten Gegen­stän­den gehört“, bekann­te er 1981, aber er muss­te die­ses Ali­en aus Brau­nau gewis­ser­ma­ßen aus dem Weg schrei­ben, um sich, bei­spiels­wei­se, wie­der sei­ner gelieb­ten Renais­sance zuwen­den zu kön­nen. Denn natür­lich war ihm Nietz­sches Dik­tum geläu­fig, dass es „einen Grad von Schlaf­lo­sig­keit, von Wie­der­käu­en, von his­to­ri­schem Sinn“ gibt, „bei dem das Leben­di­ge zu Scha­den kommt, und zuletzt zugrun­de geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Cultur“.

Womög­lich ist Joa­chim Fest der Letz­te einer Tra­di­ti­ons­ket­te gewe­sen, die in Deutsch­land mit Schil­lers „Geschich­te des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges“, in Eng­land nahe­zu gleich­zei­tig mit Edward Gib­bons „Ver­fall und Unter­gang des römi­schen Impe­ri­ums“ beginnt und über das Werk von Män­nern wie Theo­dor Momm­sen, Jacob Burck­hardt, Egon Frie­dell oder Golo Mann zu ihm führt: Geschichts­schrei­bung als Kunst, als Lite­ra­tur für ein gro­ßes Publi­kum. Sei­ne Hit­ler-Bio­gra­fie ist, wie gesagt, auch lite­ra­risch ein Werk höchs­ten Ran­ges. „Phan­ta­sie und Ein­füh­lungs­ver­mö­gen“, beharr­te Fest, sei­en für den his­to­risch Den­ken­den unent­behr­lich, wer „eine Zeit begrei­fen“ wol­le, wer­de allein aus „pedan­tisch zusam­men­ge­tra­ge­nen Mate­ri­al­hau­fen kein leben­di­ges Bild gewinnen“.

Dar­in liegt der Grund, war­um die lite­ra­ri­sche His­to­rio­gra­fie eine viel höhe­re Halb­werts­zeit besitzt als die rein aka­de­mi­sche. Fried­rich Schil­ler hat dies als wohl Ers­ter in Wor­te gefasst: Schrif­ten, die nur den jeweils aktu­el­len Stand der Erkennt­nis vor­trü­gen, wür­den mit der Zeit „ent­behr­lich“, schrieb er 1795 an Fich­te, Tex­te aber, „die einen von ihrem logi­schen Gehalt unab­hän­gi­gen Effekt machen und in denen sich ein Indi­vi­du­um lebend abdrückt, nie“. „Die Wahr­heit mag den Aus­schlag geben“, sekun­dier­te 180 Jah­re spä­ter der Apho­ris­ti­ker Nicolás Gómez Dávi­la, „aber nur der Stil rettet.“

Im Gegen­satz zu sei­nen Vor­gän­gern muss­te Fest aller­dings in einer zeit­geis­ti­gen Atmo­sphä­re schrei­ben, die Ver­gan­ge­nes zuneh­mend als etwas Rück­stän­di­ges, Fal­sches, zu Über­win­den­des betrach­tet: „Im Grun­de bie­tet die Ver­gan­gen­heit dem Zeit­geist nur noch Vor­wän­de, Gericht zu hal­ten. Allem Zurück­lie­gen­den nähert er sich nicht in der ver­ste­hen­den Hal­tung des His­to­ri­kers, son­dern mit den Werk­zeu­gen des Ent­lar­vungs­tech­ni­kers.“ Aus die­ser War­te gibt es in der Tra­di­ti­on nichts Bei­spiel­haf­tes und Erhal­tens­wer­tes, son­dern das his­to­ri­sche Gesche­hen ist eine Abfol­ge von Schlech­tig­kei­ten: Klas­sen­herr­schaft, Patri­ar­chat, Ras­sis­mus, Frauen‑, Homosexuellen‑, Min­der­hei­ten­un­ter­drü­ckung, und, was Deutsch­land angeht, alles pfeil­ge­ra­de ins Drit­te Reich mündend.

Die­sen Ges­tus des Abräu­mens und Ganz-von-vorn-Begin­nens hat­te Fest schon ein­mal erlebt. „Nichts“, wuss­te er, „ver­band Hit­ler mit der Ver­gan­gen­heit.“ Fests Aver­si­on gegen das „gedan­ken­lo­se Destruk­ti­ons­thea­ter“ der Jah­re 1968 ff. rührt aus sei­ner Erfah­rung mit dem brau­nen Regime, aus wel­cher er eben nicht gefol­gert hat­te, dass nun ein völ­lig ande­rer Zeit­geist herr­schen müs­se, son­dern am bes­ten über­haupt nie wie­der einer. In die­sem Sin­ne mag man auch sei­ne Äuße­rung ver­ste­hen, aus den NS-Jah­ren sei mora­lisch nichts zu ler­nen, denn dass man Men­schen nicht umbrin­gen dür­fe, sei schon vor­her bekannt gewe­sen. Sei­ner gele­gent­li­chen Gesprächs­part­ne­rin Ulri­ke Mein­hof, deren Mei­nun­gen er nie teil­te, aber tole­rier­te (auch das war typisch für ihn), beschei­nig­te er, das letz­te Mal vor ihr habe er „soviel ener­gi­sche Gewiß­heit über den Lauf und die Bestim­mung der Welt von unse­rem soge­nann­ten NS-Füh­rungs­of­fi­zier vernommen“.

Als die „Seil­schaf­ten der herr­schafts­lüs­ter­nen Kom­mu­ni­ka­ti­on“ schließ­lich die Dis­kur­s­ho­heit errun­gen hat­ten und Hit­ler zu jenem „Totem­pfahl“ gewor­den war, „vor dem der bon sau­va­ge der Gegen­wart ritu­el­le Tän­ze auf­führt und Opfer bringt“, hielt er dies auch für den „Ver­such einer geis­tig auf vie­len Gebie­ten unpro­duk­tiv gewor­de­nen Nati­on, wenigs­tens durch Hit­ler und die Greu­el jener Jah­re eini­ge Auf­merk­sam­keit zu erregen“.

Im His­to­ri­ker­streit 1986/87 fand man ihn nicht des­we­gen auf der Sei­te Ernst Nol­tes, weil er des­sen The­sen teil­te – Fest war, wie gesagt, eher skep­tisch gegen Theo­rien –, son­dern weil er als gebrann­tes Kind die Frei­heit der Dis­kus­si­on gegen die Tabus der Dis­kurs-Kon­trol­leu­re ver­tei­di­gen woll­te. Er stritt (wenn das bei sei­nem Duk­tus über­haupt ein ange­mes­se­nes Wort ist) mit dem sau­be­ren Gewis­sen eines Liber­tins, der durchs Eltern­haus vom Nazi-Wahn ver­schont „und folg­lich nie in Ver­su­chung gera­ten“ war, „die Ver­lo­gen­hei­ten und ritu­ell gewor­de­nen Reue­be­kennt­nis­se abzu­leis­ten“, wäh­rend eini­ge sei­ner Kon­tra­hen­ten die eige­ne oder die Nazi-Ver­gan­gen­heit ihrer Väter, wie es heißt, „auf­ar­bei­te­ten“. Noch im Dezem­ber 2005 beklag­te die „Frank­fur­ter Rund­schau“, in Sachen His­to­ri­ker­streit sei bei ihm „kei­ne Spur von Ein­sicht oder nach­träg­li­cher Refle­xi­on erkenn­bar“ gewe­sen; er war über­haupt so ein Unre­flek­tier­ter, der Herr Fest.

Sein heim­li­ches Haupt­werk ist frei­lich das ita­lie­ni­sche Rei­se­ta­ge­buch „Im Gegen­licht“, gewis­ser­ma­ßen sein ganz per­sön­li­cher „Unter­gang des Abend­lan­des“. Im Nie­der­gang des exem­pla­ri­schen Süd­weh- und Bil­dungs­hun­ger­lan­des des deut­schen Bür­ger­tums spie­gelt sich für Fest der euro­päi­sche Ver­fall über­haupt. „Zum ers­ten Mal wer­den wir Zeu­gen eines Deka­denz­pro­zes­ses, den kei­ne Ver­fei­ne­run­gen beglei­ten, der dem Bewußt­sein der eige­nen Ver­gäng­lich­keit weder Grö­ße noch Stil abge­winnt“, notiert der Rei­sen­de. „Das wird, ganz belie­big, am Bru­ta­lis­mus der Archi­tek­tur wie der Küns­te über­haupt deut­lich, an der Pri­mi­ti­vie­rung der Spra­che und der Aus­drucks­for­men, des­glei­chen an der ordi­nä­ren Lust zu allem Massenhaften.“

War Goe­thes „Ita­lie­ni­sche Rei­se“ ein Buch der Selbst­fin­dung, ist jene sei­nes spät­ge­bo­re­nen Geis­tes­ge­nos­sen ein Werk des Ver­lus­tes, des Abschieds, der tief ste­hen­den Son­ne, des gedämpf­ten Tons, was kei­nes­wegs (nur) mit dem ver­schie­de­nen Alter der bei­den zu tun hat – Goe­the war 37, als er aus Wei­mar deser­tier­te, Fests Noti­zen sind die eines Man­nes um die 60. Der spä­te Rei­sen­de nimmt Abschied von den Schön­hei­ten Ita­li­ens, die dem ver­meint­li­chen Fort­schritt wei­chen oder im Mas­sen­tou­ris­mus mit allen sei­nen archi­tek­to­ni­schen Begleit­zu­mu­tun­gen ver­sin­ken. Frü­he­re Epo­chen, schreibt er, hät­ten „in der Gewiß­heit jeder­zeit wie­der­her­stell­ba­rer Schön­heit“ gelebt, die der Gegen­wart aber abhan­den gekom­men sei. „Das Zer­stör­te weckt nicht nur Trau­er über den Ver­lust. Fast noch bedrü­cken­der ist die Ahnung des Häß­li­chen, das an sei­ne Stel­le tre­ten wird.“ Er nimmt Abschied von den regio­na­len Beson­der­hei­ten – „Wir wer­den jetzt alle moder­ne Men­schen: auf­ge­klärt, bor­niert und unun­ter­scheid­bar“, zitiert er einen Mafio­so aus Paler­mo – und letzt­lich von der Geschich­te: „Viel­leicht, so schien mir im Gedrän­ge auf dem Forum, inmit­ten des Aus­flugs­be­triebs, ist das Nicht­mehr­wis­sen der eigent­li­che Unter­gang Roms. Dann fän­de die jahr­hun­der­te­lang erforsch­te und im Streit erör­ter­te Fra­ge, wann er sich ereig­net habe, jetzt eine Ant­wort.“ Oder, als gleich­sam müde lächeln­de Anti­kli­max, über die Küs­ten­stadt Locri (das anti­ke Lok­ris): „Berühmt war im Alter­tum das Hei­lig­tum der Per­se­pho­ne, und frü­her als jede ande­re grie­chi­sche Stadt soll Lok­ris sei­ne Geset­ze schrift­lich nie­der­ge­legt haben. Auch erober­te es das mäch­ti­ge Kro­ton. Heu­te wer­den in der Stadt Gar­ten­zwer­ge hergestellt.“

Als ein Mensch, der wie aus einer ande­ren Epo­che hin­ein­rag­te ins Hier und Jetzt, wur­de er nicht ver­le­gen, die herr­schen­den Vul­ga­ri­tä­ten anzu­pran­gern. „Die Archi­tek­tur der Gegen­wart“, klagt er in einem Auf­satz über Pal­la­dio, „besitzt über­haupt kein Men­schen­bild mehr.“ Über das moder­ne Thea­ter äußer­te er schon 1971, es spie­le, „außer einer para­si­tä­ren, kei­ne Rol­le mehr“. Auch hier müs­se man Valet sagen: „Das ist, für sicher­lich nicht weni­ge, so schmerz­lich wie ande­re Abschie­de auch: der von der Bel­eta­ge, von den Klas­sen­schran­ken, der ehe­li­chen Treue oder vom Dienst­per­so­nal.“ Über die deut­sche Debat­ten-Eng­stir­nig­keit: „Zu den Ein­bu­ßen der Gegen­wart zählt, daß sie den Glücks­fall frem­den Den­kens nicht mehr emp­fin­det.“ Anders als die zahl­lo­sen Ein­heits­mei­ner der trotz­dem gern so genann­ten Streit­kul­tur ver­stand er „Kul­tur als Prin­zip der Ver­schie­den­heit gegen die Bar­ba­rei des Einhelligen“.

Fest war, befand Johan­nes Gross vor über 25 Jah­ren, „der Ers­te unter den his­to­ri­schen Schrift­stel­lern Deutsch­lands“. Er war dies bis zur letz­ten Zeile.

Erschie­nen in: Focus 38/2006, S. 68 ff.