Acta diurna

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Sämt­li­che Tex­te in die­sem Dia­ri­um geben aus­schließ­lich pri­va­te Mei­nun­gen des Autors wie­der bzw. schil­dern Ereig­nis­se aus des­sen ganz pri­va­ter Sicht. 

Das woke Gesicht des Rassismus

Mein Pod­cast zum The­ma „kul­tu­rel­le Aneig­nung”, fürs Pro­to­koll verschriftlicht.

Ein Gespenst geht um in der west­li­chen Welt, es heißt „kul­tu­rel­le Aneig­nung“ oder „cul­tu­ral appro­pria­ti­on“. Was mag das sein? Fra­gen wir die all­wis­sen­de Abraum­hal­de. Als „kul­tu­rel­le Aneig­nung“, steht auf der Wiki­pe­dia zu lesen, „wird die Über­nah­me von kul­tu­rel­len Aus­drucks­for­men oder Arte­fak­ten, Geschich­te und Wis­sens­for­men von Trä­gern einer ande­ren Kul­tur oder Iden­ti­tät bezeichnet“.

Das müs­sen wir uns mer­ken: Aus­drucks­for­men, Arte­fak­te, Geschich­te, Wissensformen.

Ist es „kul­tu­rel­le Aneig­nung“, wenn die Tür­ken die Hagia Sophia als Moschee benut­zen? Ist es „kul­tu­rel­le Aneig­nung“, wenn ein Ara­ber ein Mobil­te­le­fon gebraucht? Ist es „kul­tu­rel­le Aneig­nung“, wenn ein Schwar­zer Anzug und Kra­wat­te oder eine Jeans trägt? Ist es „kul­tu­rel­le Aneig­nung“, wenn der chi­ne­si­sche Pia­nist Lang Lang Mozart und Beet­ho­ven spielt? Ich kann Sie beru­hi­gen: Das alles gehört, zumin­dest offi­zi­ell, nicht zur „kul­tu­rel­len Aneignung“.

Denn, wei­ter in der Wiki­pe­dia: „Im enge­ren Sinn wird als ‚kul­tu­rel­le Aneig­nung‘ ange­se­hen, wenn Trä­ger einer ‚domi­nan­te­ren Kul­tur‘ Kul­tur­ele­men­te einer ‚Min­der­heits­kul­tur‘ über­neh­men und sie ohne Geneh­mi­gung, Aner­ken­nung oder Ent­schä­di­gung in einen ande­ren Kon­text stel­len. Die ethi­sche Dimen­si­on kul­tu­rel­ler Aneig­nung wird in der Regel nur dann the­ma­ti­siert, wenn die über­nom­me­nen Kul­tur­ele­men­te einer Min­der­heit ange­hö­ren, die als sozi­al, poli­tisch, wirt­schaft­lich oder mili­tä­risch benach­tei­ligt gilt.“

Zwar sind Chris­ten eine Min­der­heit in der Tür­kei, und die Chi­ne­sen sind den Her­kunfts­län­dern von Mozart und Beet­ho­ven heu­te mili­tä­risch klar über­le­gen, aber wir wol­len nicht klein­lich sein. „Kul­tu­rel­le Aneig­nung“ ist ein Delikt, wel­ches aus­schließ­lich von wei­ßen Bewoh­nern der west­li­chen Welt began­gen wer­den kann. Es han­delt sich um eine Art Raub – nicht Kunst­raub, der ist allen­falls ein Unter­ka­pi­tel und dient immer peku­niä­ren Inter­es­sen, son­dern eben Kul­tur­raub. Von die­sem Kul­tur­raub ist bekannt, dass zwar nie­mals jeman­dem dadurch etwas fehlt, aber er ver­letzt – angeb­lich – Gefüh­le. Mar­kan­ter­wei­se han­delt es sich fast nie um die Gefüh­le der angeb­lich oder tat­säch­lich Beraub­ten, son­dern um Gefüh­le Drit­ter, und das sind meis­tens west­li­che Wei­ße. Die­se emo­tio­nal ver­letz­ten Anklä­ger ver­lan­gen nicht, dass das Raub­gut an die Besit­zer zurück­er­stat­tet wird, denn das ist in der Regel nicht mög­lich, weil der Raub fast immer ein sym­bo­li­scher ist. Es geht nur um Symbolik.

Die ein­zi­ge Aus­nah­me besteht im tat­säch­li­chen Kunst­raub, der ein Unter­ka­pi­tal der „kul­tu­rel­len Aneig­nung“ bil­det. Das aktu­el­le Stich­wort heißt hier: Benin-Bron­zen. Sol­che Expo­na­te gel­ten heu­te als Beu­te­kunst, und der Wes­ten wird dafür ange­pran­gert, sie den ursprüng­li­chen Besit­zern ent­wen­det zu haben. Aller­dings ver­hält es sich oft­mals so, dass nur die west­li­chen Samm­ler sol­che Arte­fak­te über­haupt wert­zu­schät­zen wuss­ten und sie vor dem Ver­fall oder der Ver­nich­tung bewahr­ten. West­li­che Ent­de­cker und Gelehr­te haben frem­de Kul­tu­ren erforscht und kon­ser­viert – natür­lich mit „ihrem Blick“ dar­auf, wie es immer heißt, mit wel­chem denn sonst? –, aber ohne ihr Wir­ken wür­den vie­le Zeug­nis­se der frü­hen Kul­tu­ren und Hoch­kul­tu­ren über­haupt nicht mehr existieren.

Das bes­te Bei­spiel dafür sind die Hin­ter­las­sen­schaf­ten der Alten Ägyp­ter. Die Ara­ber, die das Nil­land im Zuge der isla­mi­schen Expan­si­on erober­ten, haben sich jahr­hun­der­te­lang für all die Tem­pel, Pyra­mi­den, Obe­lis­ke und Sta­tu­en nicht die Sau­boh­ne inter­es­siert, die archi­tek­to­ni­schen Groß­re­lik­te des Pha­rao­nen­reichs waren in ihren Augen heid­ni­sches Gerüm­pel und allen­falls Stein­brü­che für ihre eige­nen Bau­ten, und wenn die neu­en Bewoh­ner des Nil­lan­des in der Lage gewe­sen wären, ver­gleich­bar kühn zu bau­en, gäbe es die Pyra­mi­den von Gizeh heu­te nicht mehr. Der Diplo­mat und Kunst­samm­ler Vivant Denon, der am Napo­le­on-Feld­zug nach Ägyp­ten teil­nahm, ein Buch dar­über schrieb und spä­ter Direk­tor des Lou­vre wur­de, hat berich­tet, dass die Bedui­nen und Fel­la­chen die ägyp­ti­schen Mumi­en als Brenn­ma­te­ri­al für ihre Lager­feu­er benutz­ten. Die alten Ägyp­ter haben ja alles mumi­fi­ziert, was lief, kroch oder fleuch­te, nicht nur Men­schen, son­dern auch Hun­de, Kat­zen, Affen, Vögel, Kro­ko­di­le, sogar Stie­re, da gab es spä­ter eini­ges zu ver­hei­zen. Erst als ver­rück­te Euro­pä­er anfin­gen, die­se Zeug­nis­se zu ber­gen, zu sam­meln, in ihren Muse­en aus­zu­stel­len, für deren Erwerb Geld zu bezah­len, erst als Bil­dungs­rei­sen­de als Vor­läu­fer der heu­ti­gen Tou­ris­ten an den Rui­nen auf­tauch­ten, erkann­ten die Ein­hei­mi­schen, dass es hier etwas zu ver­die­nen gab. Seit­her pochen die Ägyp­ter dar­auf, dass die pha­rao­ni­schen Hin­ter­las­sen­schaf­ten ihnen gehö­ren, und sie küm­mern sich immer­hin um deren Pfle­ge. Die Benin-Bron­zen, um zu ihnen zurück­zu­keh­ren, befin­den sich der­zeit in der Sicher­heit west­li­cher Muse­en; was mit ihnen in ihrer Hei­mat Nige­ria gesche­hen wird, steht dahin.

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Hier spricht der Sponsor.

Wenn der Grimm die Feder führt … Die ein­zi­ge wirk­lich zorn­fes­te Com­pu­ter­tas­ta­tur. Eine wah­re Legen­de unter Viel­schrei­bern (und eigent­lich die ein­zi­ge unter den ding­li­chen Her­vor­brin­gun­gen des PC-Zeit­al­ters) ist die Tas­ta­tur IBM Modell M, gebaut von 1984 bis 1999. Sie ver­dankt ihren nie ver­blaß­ten Ruf einer völ­lig über­le­ge­nen Mecha­nik: Ihre Tas­ten lösen mit­tels einer veri­ta­blen Schrau­ben­fe­der aus („buck­ling spring“ oder Knick­fe­der). Der Gegen­druck der Feder und ihr Rück­stell­ver­hal­ten geben eine uner­reicht kla­re tak­ti­le und akus­ti­sche Rück­mel­dung an den Schrei­ber, was die Ein­ga­ben deut­lich beschleu­nigt und die Anzahl der Tipp­feh­ler dras­tisch min­dert. Die deut­sche IT-Sei­te golem.de stellt fest: „Der Buck­ling-Spring-Mecha­nis­mus der Tas­ten ist beson­ders für Viel­schrei­ber ein Traum.” – Zur Buck­ling-Spring geht’s hier.

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(Das war eine Anzeige.)

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Zu den ers­ten ver­bo­te­nen „kul­tu­rel­len Aneig­nun­gen”, von denen ich erfuhr, gehör­te das soge­nann­te „Black­fa­cing“. Wei­ße soll­ten sich nicht als Schwar­ze ver­klei­den, weil das anma­ßend sei, denn, so die Argu­men­ta­ti­on, Wei­ße sei­en pri­vi­le­giert, Schwar­ze wür­den dis­kri­mi­niert, wenn nicht kon­kret, dann zumin­dest „struk­tu­rell“, und ein Wei­ßer dür­fe nicht mal eben so in die schwar­ze Rol­le schlüp­fen, weil er sich gar nicht vor­stel­len kön­ne, was es bedeu­te, schwarz zu sein. Nun – von mir aus. Pro­ble­ma­tisch wur­de es frei­lich, als sich das Tabu auf wei­ße Schau­spie­ler und Tenö­re erstreck­te, denen man ver­bie­ten woll­te, sich für die Rol­le des Ot(h)ello, sei es nun auf der Thea­ter- oder der Opern­büh­ne, schwarz zu schmin­ken. Ein wei­ßer Othel­lo ist aber kei­ner. Sei­ne Haut­far­be vul­go ras­si­sche Anders­ar­tig­keit ist ja gera­de der Kern der rasen­den, von Jago brand­be­schleu­nig­ten Eifer­sucht des vene­zia­ni­schen Moh­ren. Sieg­reich, aber fremd, in Lie­be ent­flammt, aber vol­ler Miss­trau­en: So emp­fin­det sich Othel­lo in sei­ner wei­ßen Umge­bung. Nimmt man die­sen Aspekt weg, fehlt das Entscheidende.

Es kam im Übri­gen nie­mand auf den Gedan­ken, es sei „kul­tu­rel­le Aneig­nung“ gewe­sen, als der Bari­ton Simon Estes als ers­ter Schwar­zer in Bay­reuth den Flie­gen­den Hol­län­der sang, danach den Amfor­tas im „Par­si­fal” und an ande­ren Büh­nen den Wotan. Und das immer­hin ist gut so.

Die bei­den aktu­el­len Fäl­le, die hier­zu­lan­de breit beka­kelt wur­den, ereig­ne­ten sich in Zürich und im ober­schwä­bi­schen Ravens­burg. Eine Bar in Zürich brach das Kon­zert einer Band ab, weil der Sän­ger, ein Wei­ßer, soge­nann­te Dre­ad­locks trägt, übri­gens schon jah­re­lang. Irgend­je­mand im Publi­kum hat­te des­we­gen ein ungu­tes Gefühl, das sich offen­bar im Saal aus­brei­te­te und zum Abbruch führ­te. Unge­fähr zeit­gleich nahm der Ravens­bur­ger Ver­lag sämt­li­che „Winnetou“-Bücher aus sei­nem Pro­gramm. Eigent­lich soll­te das Buch „Der jun­ge Häupt­ling Win­ne­tou“ den gleich­na­mi­gen Kin­der­film beglei­ten, der seit August in deut­schen Kinos läuft. Doch nach­dem in den soge­nann­ten sozia­len Netz­wer­ken der belieb­te Vor­wurf auf­plopp­te, das Buch ver­brei­te ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pe aus der Zeit der Kolo­nia­li­sie­rung indi­ge­ner nord­ame­ri­ka­ni­scher Völ­ker, reagier­te Ravens­bur­ger, wie aus­dres­sier­te deut­sche Ver­lags­pu­del nun mal zu reagie­ren gewohnt sind, und sprang beflis­sen über das hin­ge­hal­te­ne Stöckchen.

„Karl Mays Kul­tur­fi­gur Win­ne­tou wird aktu­ell von vie­len Men­schen kri­ti­siert. Der Vor­wurf gegen die Insze­nie­rung des Häupt­lings: Ras­sis­mus“, assis­tier­te die Web­sei­te des stern. „Auch Micha­el Her­big, Regis­seur der Win­ne­tou-Par­odie ‚Der Schuh des Mani­tu‘ sieht das Gan­ze heu­te kritischer.“

Mehr noch, Micha­el „Bul­ly“ Her­big tat kund, er wür­de sei­ne Karl-May-Par­odie heu­te so nicht mehr dre­hen. War­um? „Die Come­dy-Poli­zei ist so streng gewor­den.“ Das neh­me einem die Unschuld und Frei­heit, erklär­te der Come­di­an. Eine Komö­die zu dre­hen sei heu­te viel schwie­ri­ger als frü­her, „weil man das Gefühl hat, dass man sehr schnell Leu­ten auf die Füße tritt“. Wenn einem das Argu­ment ent­ge­gen­ge­schleu­dert wer­de: „Du hast mei­ne Gefüh­le ver­letzt“, dann kön­ne man nicht sagen: „Das stimmt doch gar nicht.“ Er glau­be, dass künf­tig immer weni­ger Komö­di­en gedreht wer­den, weil vie­le den­ken: „Das ist mir zu heiß.“

Also frei­wil­lig und aus Über­zeu­gung spricht der Mann nicht.

Hal­ten wir zunächst fest: Win­ne­tou und sein Erfin­der Karl May bedie­nen ras­sis­ti­sche Ste­reo­ty­pe und ver­let­zen Gefüh­le. Das emp­fan­den Win­ne­tous india­ni­sche Brü­der – nein, india­nisch darf man nicht mehr sagen –, das emp­fan­den Win­ne­tous Ras­se­ge­nos­sen – nein, das darf man erst recht nicht mehr sagen –, also: Das emp­fan­den ande­re Rot­häu­te vor eini­ger Zeit noch nicht so. Als sich der Zir­kus Sarra­sa­ni 1927 mit sei­nem neu­en Pro­gramm vor­stell­te, befan­den sich unter den Teil­neh­mern sei­ner wahr­schein­lich ras­sis­ti­schen und kul­tur­un­sen­si­blen Völ­ker­schau auch eini­ge Din­gens vom Stam­me der Sioux. Der Zir­kus­grün­der Hans Stosch-Sarra­sa­ni, der zeit­wei­se in Karl Mays letz­ter Hei­mat­stadt Rade­beul leb­te, schrieb des­sen Wit­we Kla­ra am 4. Dezem­ber 1927:

„Es wird Sie sicher inter­es­sie­ren, daß mei­ne India­ner die glei­che Begeis­te­rung für die Wer­ke Ihres Man­nes emp­fin­den wie die deut­sche Leser­schaft und die übri­ge Welt. Die Rot­häu­te haben den Wunsch geäu­ßert, das Heim Ihres Man­nes ken­nen­zu­ler­nen, der ein so glü­hen­der und lei­den­schaft­li­cher Ver­eh­rer ihrer Ras­se war. Vol­ler Dank­bar­keit wol­len sie dem Grab des Man­nes, der ihr tem­pe­ra­ment­volls­ter Bewun­de­rer gewe­sen ist, huldigen …”

Sie mer­ken schon an der Wort­wahl, dass wir uns in fins­te­ren Zei­ten befin­den, die end­lich über­wun­den zu haben unse­ren woken Mit­men­schen immer neue inne­re Reichs­par­tei­ta­ge beschert.

Am 17. Janu­ar 1928 kam es in Rade­beul zu den soge­nann­ten „India­ner­hul­di­gun­gen”. Bereits in Dres­den, wo die Sioux mit vol­lem Feder­schmuck meh­re­re Kraft­wa­gen bestie­gen, hat­te sich eine rie­si­ge Men­schen­men­ge ange­sam­melt, und auf der Fahrt wur­de der Kon­voi von den Anwoh­nern beju­belt. In Rade­beul for­mier­te sich ein Zug zum Fried­hof. Unter Trom­mel­schlag nah­ten die exo­ti­schen Besu­cher der Gruft, dort stimm­ten sie ein indi­ge­nes – also ein india­ni­sches, kein säch­si­sches – Kla­ge­lied an und leg­ten zwei Krän­ze nie­der. Der Häupt­ling Big Sna­ke (Sus­et­scha Tanka) stell­te sich auf die Stu­fen des Grab­mals und sag­te in der Spra­che der Lako­ta – das ist die Spra­che Sit­ting Bulls und Red Clouds, falls das jeman­dem etwas sagt –: „Du gro­ßer toter Freund! … Du hast unse­rem ster­ben­den Volk im Her­zen der Jugend aller Natio­nen ein blei­ben­des Denk­mal errich­tet. Wir möch­ten Dir Totem­pfäh­le in jedem India­ner­dorf auf­stel­len. In jedem Wig­wam soll­te Dein Bild hän­gen, denn nie hat der rote Mann einen bes­se­ren Freund gehabt als Dich …”

„Ame­ri­can India­ns honor Karl May”, mel­de­te tags dar­auf die New York Times.

Es gab übri­gens noch einen zwei­ten india­ni­schen Besuch; der Osa­ge-Häupt­ling White Hor­se Eagle fand sich am 18. Juni 1929 zum glei­chen Zwe­cke am sel­ben Ort ein. Wahr­schein­lich han­del­te es sich bei­de Male um eine Art öffent­lich insze­nier­tes Stock­holm-Syn­drom. Die­se India­ner waren halt noch nicht erweckt (woke).

Gevat­ter „Bul­ly” Her­big hat ein Phä­no­men benannt, das untrenn­bar zur Wokeness gehört und im Grun­de für sich allein aus­reicht, um sie abzu­leh­nen: die Humor­lo­sig­keit. Der ame­ri­ka­ni­sche Autor Tony Hil­ler­man, der vor allem Kri­mi­nal­ro­ma­ne schrieb, aber zugleich als Fach­mann für india­ni­sche Kul­tur galt, erzählt in sei­nen Memoi­ren eine köst­li­che Anek­do­te, die den Humor­ver­lust unse­rer Zeit – ex nega­tivo – wun­der­voll illus­triert. Die Sze­ne spielt in den frü­hen 1970er Jah­ren. An der „Smit­h­so­ni­an Insti­tu­ti­on“ in Washing­ton war eine Abtei­lung for arti­facts from tri­bal histo­ry gegrün­det und ein Indian als Direk­tor ernannt wor­den. Als des­sen Mann­schaft sich der Öffent­lich­keit vor­stell­te, lau­te­te eine der ers­ten Fra­gen aus dem Publi­kum, wel­che Bezeich­nung die Leu­te auf dem Podi­um bevor­zug­ten. Zuerst ant­wor­te­te ein Hopi: „Er sag­te, sein Volk bevor­zu­ge es, als Hopi ange­spro­chen zu wer­den, aber wenn ihr unse­ren Stamm nicht kennt, nennt uns ein­fach India­ner.” Dann mel­de­te sich ein Che­ro­kee und wies auf das Pro­ble­ma­ti­sche am Begriff „Indi­ge­nous Peop­le” hin, er sag­te: „Da die west­li­che Welt kei­ne indi­ge­nen Pri­ma­ten besitzt, von denen die Mensch­heit abstammt, deu­te­te dies dar­auf hin, dass wir uns aus etwas ande­rem ent­wi­ckelt haben könn­ten – viel­leicht aus Kojo­ten…“ Den Abschluss mach­te ein Nava­jo mit der Bemer­kung, „wir sind alle glück­lich, dass Colum­bus nicht geglaubt hat, er sei auf den Jung­fern-Inseln gelandet …”

So locker ging es zu in einer Zeit, als die India­ner noch voll­stän­dig unter­drückt wurden!

Was nun Karl May betrifft, war der selbst­ver­ständ­lich kein Ras­sist im kon­ven­tio­nel­len Sin­ne – also ein Mensch, der Anders­eth­ni­sche sum­ma­risch für min­der­wer­tig erklärt –, son­dern er hat die India­ner idea­li­siert und roman­ti­siert. Das­sel­be geschah übri­gens in den DEFA-India­ner­fil­men, mit denen ich in der DDR auf­ge­wach­sen bin. Sie waren Zeug­nis­se des reins­ten Manichä­er­tums: Die Wei­ßen waren, mit weni­gen Aus­nah­men, die Bösen, die Erobe­rer und kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­ter des Lan­des, die India­ner waren die Guten, die edlen rousseau‘schen Wil­den. Nichts könn­te fal­scher sein. Bereits vor der Ankunft der Wei­ßen bekämpf­ten sich nord­ame­ri­ka­ni­sche India­ner­stäm­me mit bar­ba­ri­scher Wild­heit. Das Mas­sa­krie­ren im gro­ßen Stil, Frau­en, Kin­der und Alte inbe­grif­fen, gehör­te zu den Gepflo­gen­hei­ten india­ni­scher Kriegs­füh­rung wie das Skal­pie­ren, das Ver­stüm­meln und der lang­sa­me Tod von Gefan­ge­nen am Mar­ter­pfahl, eine Mischung aus Blut­süh­ne und Unter­hal­tung. India­ner­ro­man­tik hat­te und hat sehr viel mit abend­län­di­scher Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik zu tun, aber so gut wie nichts mit der Wirk­lich­keit. Die India­ner waren auch in den Krie­gen gegen die wei­ßen Erobe­rer kei­nes­wegs nur Opfer, bei­de Sei­ten radi­ka­li­sier­ten sich durch wech­sel­sei­ti­ge Grau­sam­kei­ten. Zugleich ver­bie­tet sich die Fol­ge­rung, dass der Rote Mann durch phil­an­thro­pi­sches Ver­hal­ten den Ansturm der Wei­ßen hät­te über­le­ben kön­nen; wir haben es also mit einer ech­ten Tra­gö­die zu tun.

Die Geschichts­ver­sim­pe­lung und ‑ver­dre­hung, wie sie in den DDR-India­ner­fil­men zum Aus­druck kam, ließ sich von links nicht mehr top­pen. Es muss­te nach neu­en Punk­ten gesucht wer­den, wo sich der Hebel der Gesell­schafts­ma­ni­pu­la­ti­on anset­zen ließ, und man fand sie in den „ras­sis­ti­schen Ste­reo­ty­pen“ der „kul­tu­rel­len Aneig­nung“. Heu­te dür­fen India­ner über­haupt nicht mehr dar­ge­stellt wer­den – außer eben von indi­ge­nen Ein­woh­nern Nord­ame­ri­kas. Zu mei­nem sechs­ten Geburts­tag, das war im Jah­re der Her­rin 1968, bekam ich eine Feder­hau­be, ein Toma­hawk – natür­lich kein ech­tes, nur aus Plas­tik – und ein Tipi in alters­ge­rech­ter Grö­ße geschenkt. Das gin­ge heu­te nicht mehr. Das war „kul­tu­rel­le Aneig­nung“ schlimms­ter Sorte.

Bemü­hen wir letzt­mals die Schrott­sam­mel­stel­le: „Kul­tu­rel­le Aneig­nung“, heißt es dort, müs­se vom „kul­tu­rel­len Aus­tausch“ abge­grenzt wer­den; dann wird fol­gen­de The­se refe­riert: „Bei kul­tu­rel­ler Aneig­nung wür­den die über­nom­me­nen Bestand­tei­le kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät zur Ware gemacht und damit tri­via­li­siert. Zudem wür­den die ange­eig­ne­ten Kul­tur­ele­men­te oft­mals falsch oder ver­zerrt repro­du­ziert, was zur För­de­rung von Ste­reo­ty­pen füh­ren kön­ne. Kul­tu­rel­ler Aus­tausch dage­gen basie­re auf Wert­schät­zung und Respekt.“

So gese­hen fiel mei­ne India­ner­mon­tur aller­dings unter Wert­schät­zung und damit unter „kul­tu­rel­len Aus­tausch“, auch wenn ich per­sön­lich nichts zurück­ge­ben konn­te. Und die­se Typen wer­den ihre Dre­ad­locks wahr­schein­lich auch nicht aus rei­ner Ver­ach­tung tragen.

Was soll­te ein nord­ame­ri­ka­ni­scher Indi­ge­ner dage­gen haben, dass sich ein deut­sches Kind als India­ner ver­klei­det, weil es India­ner cool fin­det? Er könn­te sagen, dei­ne Ras­sen­ge­nos­sen haben mein Volk ver­drängt und nahe­zu aus­ge­rot­tet, ich emp­fin­de es als Ver­höh­nung, wenn du mei­ne Tracht trägst. Aber der Jun­ge trägt sie ja, weil er so sein will wie ein India­ner. Er ist auf ihrer Sei­te. Er ver­ach­tet ihre Kul­tur nicht, son­dern imi­tiert sie.

Ich kann mir gut vor­stel­len, dass es ein ehe­ma­li­ger KZ-Häft­ling als degou­tant emp­fin­det, wenn jemand im gestreif­ten KZ-Dril­lich eine Par­ty besucht oder zum Fasching geht. Aber gibt es Men­schen, die ihre typi­sche tra­di­tio­nel­le Beklei­dung mit der­ma­ßen nega­ti­ven Asso­zia­tio­nen ver­bin­den? Ich bezweif­le das.

Obwohl Eng­län­der es erfun­den haben, sind wir mit dem KZ auto­ma­tisch bei den Deut­schen, die es sich kul­tu­rell ange­eig­net haben. Nicht­bio­deut­sche bezeich­nen die Almans bekannt­lich gern als „Kar­tof­feln“, zum Bei­spiel tut dies die Dis­kri­mi­nie­rungs­be­auf­trag­te der Bun­des­re­gie­rung, Fer­da Ata­man, die übri­gens eine Bril­le trägt, die sie sich kul­tu­rell ange­eig­net hat, denn in ihrem Her­kunfts­kul­tur­kreis – den ich nie­mals erwäh­nen wür­de, wenn sie es nicht stän­dig sel­ber täte – ist die Bril­le nicht erfun­den wor­den. Die Kar­tof­fel indes stammt aus Süd­ame­ri­ka, die Spa­ni­er brach­ten sie von dort nach Euro­pa, wie auch die Toma­te, die Papri­ka und den Mais, das heißt, sie eig­ne­ten sich die Kar­tof­fel, die Toma­te, die Papri­ka und den Mais kul­tu­rell an. Den­ken Sie dar­an, wenn Sie an einem Mais­feld vor­über­fah­ren, dass dort kul­tu­rel­le Aneig­nung sich frech und womög­lich noch gen­ma­ni­pu­liert in die Höhe reckt und eigent­lich kul­tur­sen­si­bel abge­fa­ckelt wer­den müss­te. Vor allem aber darf man Deut­sche auf kei­nen Fall „Kar­tof­feln“ nennen!

Streng­ge­nom­men dürf­te auch kein Nicht­ju­de Christ wer­den und hät­te es nie­mals wer­den dür­fen, und kein Nicht­ara­ber, vor allem kein wei­ßer Euro­pä­er, dürf­te zum Islam kon­ver­tie­ren, denn das ist „kul­tu­rel­le Aneig­nung“, obwohl es ja eigent­lich der Islam ist, sie­he die erwähn­te Hagia Sophia, der zur Aneig­nung ande­rer Kul­tu­ren ten­diert. Streng­ge­nom­men wäre auch jede Über­set­zung eines Gedich­tes oder eines Romans in eine ande­re Spra­che „kul­tu­rel­le Aneig­nung“. Kein Afri­ka­ner könn­te den Lite­ra­tur­no­bel­preis bekom­men, denn nie­mand im Stock­hol­mer Elfer­rat spricht sei­ne Spra­che und dürf­te sie sich auch nicht auf dem Wege der Erler­nens kul­tu­rell aneignen.

Kurz­um, das Kon­zept der „kul­tu­rel­len Aneig­nung“ ist intel­lek­tu­ell dürf­tig, mora­lisch frag­wür­dig und oben­drein infan­til. Intel­lek­tu­ell dürf­tig, weil sich kul­tu­rel­le Aneig­nung und kul­tu­rel­ler Aus­tausch über­haupt nicht tren­nen las­sen. Die gesam­te mensch­li­che Kul­tur­ent­wick­lung hat sich über Aus­tausch, Aneig­nung, wech­sel­sei­ti­ge Befruch­tung und Ver­mi­schung voll­zo­gen, von oben nach unten und von unten nach oben, mal Mor­pho­se, mal Pseu­do­mor­pho­se. Ein wun­der­ba­res Exem­pel dafür ist der nor­man­nisch-ara­bisch-byzan­ti­ni­sche Misch­stil in der sizi­lia­ni­schen Archi­tek­tur des 11. und 12. Jahr­hun­dert, etwa die Kir­che San­ta Maria dell’Ammiraglio oder der Palaz­zo dei Nor­man­ni in Paler­mo. Aber auch ver­meint­lich rei­ne Sti­le sind adap­tiert, über­nom­men, kopiert wor­den. Die römi­sche Kul­tur war eine radi­ka­le Aneig­nung der grie­chi­schen. War­um die Grie­chen sich damals nicht beklagt haben? Lag es an den Legio­nen? Nein, es war ein­fach nor­mal. Aber natür­lich kön­nen Legio­nen hilf­reich sein, sowohl bei der kul­tu­rel­len Aneig­nung als auch bei der Abwehr des Vor­wurfs der kul­tu­rel­len Aneignung.

Mora­lisch frag­wür­dig ist die­ses „Kon­zept“ wie­der­um, weil es einer ein­zi­gen Ras­se, der wei­ßen, eine uni­ver­sa­le Schuld zuschreibt und deren Ange­hö­ri­gen ver­bie­ten will, sich etwas Frem­des kul­tu­rell anzu­eig­nen, wäh­rend umge­kehrt der Rest der Welt Erzeug­nis­se der wei­ßen Kul­tur unbe­schränkt über­neh­men darf. Da die heu­te auf Erden wal­ten­de Tech­nik fast aus­schließ­lich auf Erfin­dun­gen der Wei­ßen beruht und von Wei­ßen geschaf­fen wur­de, tut die Welt das ohne­hin. Ein Ara­ber, der Mer­ce­des fährt, begeht so wenig das Sakri­leg der kul­tu­rel­len Aneig­nung wie ein Eski­mo, der sich rönt­gen lässt, oder ein Schwar­zer, der in einem eng­li­schen Col­le­ge die Bil­der der dor­ti­gen Grün­der­vä­ter durch afri­ka­ni­sche Kunst ersetzt.

Last but not least: Zu erwar­ten, dass einem im Leben nichts Anstö­ßi­ges wider­fah­re und die Gefüh­le all­zeit unver­letzt blei­ben, ja die­sen Wunsch oben­drein noch in die Ver­gan­gen­heit zu pro­ji­zie­ren, das ist bis in Schwach­sinns­nä­he infantil.

Die Akti­vis­ten der Wokeness, die ich gern die Bol­sche­wo­ken nen­ne, wol­len nicht, dass der Wes­ten sich ande­re Kul­tu­ren aneig­net oder sich mit ihnen ver­mischt. Gleich­zei­tig leh­nen sie die Kul­tur des Wes­tens ab, hier­zu­lan­de eben spe­zi­ell die deut­sche Kul­tur, vom Okto­ber­fest bis zu Richard Wag­ner, vom Fasching bis zum Volks­lied. Der Sati­ri­ker Bernd Zel­ler bringt die Sache auf den wun­den Punkt mit dem Kurzdialog:

Sie: „Alle Kul­tu­ren sind gleichwertig.“
Er: „Mit unse­rer westlichen?“
Sie: „Doch nicht mit der! – Die gibt es gar nicht.“

Die Ableh­nung der eige­nen Kul­tur als post­ko­lo­nia­lis­tisch ist der bana­le Hin­ter­grund des Ideo­lo­gems der „kul­tu­rel­len Aneig­nung“. Es ist ein umge­kehr­ter Kolo­nia­lis­mus. Des­we­gen dür­fen die Kin­der sich nicht mehr zum Fasching als India­ner ver­klei­den. Sie sol­len sich nichts aneig­nen und das Eige­ne los­wer­den. Die Bot­schaft dahin­ter, schrieb Bene­dict Neff in der NZZ, lau­te: „Sei gar nichts. Ver­schwin­de spur­los aus der Geschichte.“

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Hier spricht der Sponsor.

Kraut zu Krauts oder Wir sind stolz dar­auf: Fei­nes Sauer­kraut aus Spitz­kohl von den Fil­dern. Es ist nicht ein­fach nur „Sauer­kraut“, das Ihnen – fein duf­tend, etwas hel­ler und zar­ter als sonst – aus die­ser Dose ent­ge­gen­kommt: Es ist auch nicht nur ein sol­ches, sehr sel­te­nes aus Spitz­kohl, dem edle­ren und fei­ne­ren Ver­wand­ten des derb-rund­köp­fi­gen Weiß­kohls. Es ist aus dem berühm­ten Fil­der­kraut, einem sehr alten, sehr zier­li­chen Mit­glied der gro­ßen Sip­pe der Bras­si­ca ole­racea. Fil­der­kraut wur­de vor 400 Jah­ren von Mön­chen aus Den­ken­dorf gezüch­tet und zwar ganz spe­zi­ell, um dar­aus Sauer­kraut zu machen, und noch ein­mal ganz spe­zi­ell für die Löß­bö­den der Fil­der, einem sehr frucht­ba­ren würt­tem­ber­gi­schen Land­strich zwi­schen dem Schön­buch­wald und Stuttgart

Wegen sei­ner fast trop­fen­för­mi­gen und sehr unre­gel­mä­ßi­gen Gestalt gilt er aber als „nicht maschi­nen­gän­gig“. In den Augen der Sauer­krau­t­in­dus­trie ist er außer­dem wegen sei­nes lan­gen Strunks und sei­ner gerin­gen Blatt­aus­beu­te je Pflan­ze indis­ku­ta­bel. Es gibt in der Fil­der des­halb nur noch 40 Hekt­ar Anbau­flä­che und nur zwei Betrie­be, die aus der Ern­te die­ses Weiß­kohls über­haupt Sauer­kraut berei­ten. Eine Ver­mi­schung mit ande­ren Sor­ten fin­det in der Her­stel­lung nicht statt. Und die­ses rare Kul­tur­gut kön­nen Sie hier bestellen.

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(Das war eine Anzeige.)

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Ich erzäh­le Ihnen jetzt, wie wirk­li­che kul­tu­rel­le Aneig­nung funk­tio­niert. Erin­nern Sie sich noch an die vier Begrif­fe, die Wiki­pe­dia als Medi­en die­ser Aneig­nung nennt? Aus­drucks­for­men, Arte­fak­te, Geschich­te, Wissensformen.

Grei­fen wir die Geschich­te her­aus, die euro­päi­sche wohl­ge­merkt. Ein Lehr­vi­deo der BBC zeig­te vor ein paar Jah­ren einen schwar­zen römi­schen Offi­zier, der den Bau des Hadri­ans­walls beauf­sich­tigt. Nach geta­ner Arbeit kehrt die­ser ver­früh­te Othel­lo zu sei­ner wei­ßen Frau heim und schaut mit ihr gemein­sam dem Kind­lein zu, wie es mit dem Spiel­zeug­schwert han­tiert und sich dar­auf ein­stimmt, der­einst den Wall gegen blü­ten­wei­ße Bri­ten zu ver­tei­di­gen. Bereits 2009 war in einem Robin-Hood-Film ein schwar­zen Bru­der Tuck auf­ge­tre­ten. So etwas nennt sich Umschrei­bung der Ver­gan­gen­heit. Was die UN ganz unver­blümt als „repla­ce­ment migra­ti­on“ bezeich­ne­te – Aus­tauschmi­gra­ti­on –, wie­der­holt sich in sol­chen Fil­men auf sym­bo­li­scher Ebe­ne. Sich Dre­ad­locks „anzu­eig­nen“, geht gar nicht, aber Euro­pa auf­grund der mög­li­chen Exis­tenz ver­ein­zel­ter far­bi­ger Römer eine schwar­ze Ver­gan­gen­heit anzu­dich­ten, ist völ­lig in Ordnung.

2018 strahl­te die BBC eine Serie namens „Troy – Fall of a City” aus, was eigent­lich ein löb­li­ches Unter­fan­gen ist, denn mit den bei­den home­ri­schen Epen über den Tro­ja­ni­schen Krieg beginnt ja prak­tisch das Abend­land. Die Zuschau­er stell­ten frei­lich ver­blüfft fest, dass vier Haupt­fi­gu­ren, Zeus, Achil­les, Patro­klos und Nes­tor, schwarz waren, also von schwar­zen Schau­spie­lern ver­kör­pert wur­den. Ist das scham­los? Skan­da­lös? Ras­sis­tisch gar? Oder ist es viel­mehr ras­sis­tisch, dar­an Anstoß zu nehmen?

Am Kampf um Tro­ja waren sehr vie­le brau­ne und dun­kel­brau­ne Men­schen betei­ligt, „Süd­län­der” eben, doch rich­ti­ge Schwar­ze wohl eher nicht. Wenn wir Homer zu Rate zie­hen, war Achil­les blond: „ξανθῆς δὲ κόμης ἕλε Πηλεΐωνα”: Athe­ne „fass­te am blon­den Haar den Pel­iden” (Ili­as 1. Gesang, 197). Über Zeus ist dies­be­züg­lich nichts Nähe­res über­lie­fert; die Wahr­schein­lich­keit, dass die Achai­er einen schwar­zen Gott ver­ehr­ten, lag zu Homers Zei­ten bei Null, nimmt aber neu­er­dings qua­si täg­lich zu. Natur­ge­mäß erreg­ten sich in Eng­land eini­ge Zuschau­er über die Ver­frem­dung die­ser abend­län­di­schen Basal­erzäh­lung. „War­um sind die Leu­te so ver­är­gert über die Ent­schei­dung der BBC?”, frag­te etwa Radio­T­i­mes und beru­hig­te sogleich: „Gibt es eine Grund­la­ge für eine ‚Blackwashing‘-Verschwörung? Kurz gesagt: abso­lut nicht.“

Als Ent­las­tungs­zeu­ge trat auf Tim Whit­mar­sh, Pro­fes­sor für Grie­chi­sche Kul­tur an der Uni­ver­si­ty of Cam­bridge. Er ver­si­cher­te, die anti­ken Grie­chen sei­en „vom Haut­typ her medi­ter­ran gewe­sen”, was nie­mand bezwei­felt hat, doch in deren Welt sei­en auch „Äthio­pi­er, eine vage Bezeich­nung für dun­kel­häu­ti­ge Nord­afri­ka­ner”, hin­rei­chend prä­sent gewe­sen. Aller­dings sei bereits „die Fra­ge, ob ‚Schwar­ze’ im anti­ken Grie­chen­land leb­ten, feh­ler­haft”. Die grie­chi­sche Welt sei näm­lich viel „flie­ßen­der” gewe­sen als unse­re, „es war eine Welt ohne Gren­zen, ohne Natio­nal­staa­ten. Es war alles mit­ein­an­der verbunden.”

Na ja, die Ver­bun­den­heit hielt sich in Gren­zen, war­um hät­ten die Dana­er Tro­ja sonst zehn Jah­re lang bela­gern müs­sen? Doch mögen die Grie­chen auch zwi­schen sich und den Pria­mos-Leu­ten gewis­se Unter­schie­de gemacht haben, „sie teil­ten die Welt nicht in Schwarz und Weiß“, fuhr Pro­fes­sor Whit­mar­sh fort. „Sie haben sich nicht so ver­stan­den. Alle unse­re Kate­go­rien – zum Bei­spiel Schwarz-Weiß – sind moder­ne Inter­pre­ta­tio­nen his­to­ri­scher Umstände.”

Woher mag der Pro­fes­sor das wis­sen? Will er es aus der Tat­sa­che fol­gern, dass bei Homer kei­ne Schwar­zen auf­tau­chen? Da wüss­te ich noch eine ande­re Erklä­rung. Übri­gens haben auch die Eski­mos die Welt nicht in Schwarz und Weiß auf­ge­teilt, von den Ban­tus der home­ri­schen Zeit ganz zu schwei­gen. Die Achai­er teil­ten aller­dings die Welt in Grie­chen und Bar­ba­ren auf, und zwar sehr rigo­ros. Trotz­dem haben sie auch unter­ein­an­der, Stadt gegen Stadt, erbit­ter­te Krie­ge geführt, in ihrer Welt ohne Gren­zen, ohne Natio­nal­staa­ten, in der alles mit­ein­an­der ver­bun­den war, wie ein trend­kon­for­mer Pro­fes­sor versichert.

Die ein­fa­che Fra­ge lau­tet: Ist ein schwar­zer Achil­les über­haupt denk­bar? Und die Ant­wort heißt: unge­fähr so, wie ein wei­ßer Onkel Tom. Es ist eine Fäl­schung der Geschich­te. Und natür­lich eine Mythen­um­schrei­bung, Mythen­zer­set­zung, Mythen­ok­ku­pa­ti­on, eine Land­nah­me im Symbolischen.

Da Achil­les bei Homer nicht schwarz ist, es aber in der BBC-Serie war, brach­te der Pro­fes­sor nun Odys­seus als phi­lo­lo­gi­schen Joker ins Spiel. Wie jeder weiß, ermun­tert Pal­las Athe­ne im 16. Gesang der „Odys­see” den Laer­tia­den, sich end­lich sei­nem Sohn Tele­ma­chos erken­nen zu geben, um mit ihm gemein­sam den Frei­ern ein blu­ti­ges Ende zu berei­ten. Zu die­sem Zwe­cke ver­wan­delt sie den gött­li­chen Dul­der Odys­seus, der ja bereits vom Alter gezeich­net ist, zurück in einen jun­gen Mann (ich zitie­re die Voß­sche Übersetzung):

„… und rührt’ ihn mit gol­de­ner Rute.
Plötz­lich umhüll­te der schön­ge­wa­sche­ne Man­tel und Leibrock
Wie­der Odys­seus’ Brust, und Hoheit schmückt’ ihn und Jugend;
Brau­ner ward des Hel­den Gestalt, und vol­ler die Wangen;
Und sein sil­ber­ner Bart zer­floß in fins­te­re Locken.”

Im Ori­gi­nal lau­tet das von Voss als „brau­ner“ über­setz­te auf die Haut­far­be bezo­ge­ne Wort: μελαγχροιὴς. Neue­re Wör­ter­bü­cher schla­gen „pig­men­tiert” als Über­tra­gung vor, aber wört­lich über­setzt bedeu­tet es: „schwarz­häu­tig”; μέλας – mélas – heißt „schwarz”. Noch heu­te nen­nen wir die Pig­men­te, wel­che die Fär­bung der Haut und der Haa­re bewir­ken, Mela­ni­ne. War Odys­seus also ursprüng­lich ein Mohr? Pro­fes­sor Whit­mar­sh sug­ge­riert genau das: „Athe­ne mach­te ihn schön, indem sie sei­ne natür­li­che schwar­ze Haut­far­be wie­der­her­stell­te.” Wenn das so ist, dann sind wir einem skan­da­lö­sen kol­lek­ti­ven Über­set­zungs­feh­ler auf der Spur. Immer näm­lich wird die frag­li­che Stel­le mit „braun” über­setzt, vom soeben zitier­ten Johann Hein­rich Voß bis zu Roland Ham­pe, bei dem es heißt: „Braun ward wie­der die Haut, es straff­ten sich wie­der die Wangen”.

Das gro­ße grie­chi­sche Wör­ter­buch von Franz Pas­sow über­setzt das Wort mit: „von schwar­zer oder dunk­ler Far­be, Ober­flä­che, Haut, von der kräf­ti­gen bräun­li­chen Gesichts­far­be des viel im Frei­en leben­den Man­nes”. Der Pas­sus bedeu­tet also – und alle Über­set­zer haben ihn so gele­sen –, dass Odys­seus wie­der die gesun­de dunk­le Haut­far­be des son­nen­ver­brann­ten Hel­den zurück­er­hält. Mela­nin ist für die Pig­ment-Pro­duk­ti­on im Kör­per ver­ant­wort­lich. Wird es nicht mehr gebil­det, fär­ben sich sowohl die Haa­re als auch die Haut grau. Das ist der Grund, war­um man­che älte­ren Men­schen nicht mehr rich­tig braun wer­den. Und wem dann kei­ne Pal­las Athe­ne wie­der­be­le­bend zur Sei­te steht, der gewinnt Pene­lo­pe nim­mer­mehr zurück.

Die Stel­le ist ein Beweis dafür, dass Odys­seus eben gera­de kein Mohr war. Ein Schwar­zer ist immer schwarz, auch als alter Mann. Nicht ein­mal Athe­ne kann sein Gesicht dunk­ler machen. Das­sel­be gilt für des Pro­fes­sors Wor­te, „Äthio­pi­er sei eine vage Bezeich­nung für dun­kel­häu­ti­ge Nord­afri­ka­ner”. Äthio­pi­er heißt wört­lich „Brand­ge­sich­ter“, das heißt, die­se Brand­ge­sich­tig­keit muss sie auf­fäl­lig von den ande­ren Bewoh­nern der grie­chi­schen Welt unter­schie­den haben.

Nächs­tes Bei­spiel. Ein Buch namens „Making Euro­pe“, ver­fasst von einem Autoren­kol­lek­tiv, das an vie­len ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten zur Pflicht­lek­tü­re gehört, zeigt auf dem Titel einen Schwar­zen. Es han­delt sich um Tho­mas Peters, einen befrei­ten Skla­ven aus Nige­ria, der wäh­rend des ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krie­ges in der bri­ti­schen „Black Com­pa­ny of Pioneers“ gedient hat­te, und er trägt auch die rote Uni­form die­ser Trup­pe. Euro­päi­schen Boden hat er nie betre­ten. Das ist, als wenn man eine Geschich­te der india­ni­schen Völ­ker Nord­ame­ri­kas mit dem Kon­ter­fei von Karl Stülp­ner oder mei­net­hal­ben Karl May bebil­der­te. Es ist eine Unver­schämt­heit, der frei­lich die Bot­schaft bei­gesellt ist: Wir kön­nen euch kol­lek­tiv demü­ti­gen, wir kön­nen euch mit dreis­ten Absur­di­tä­ten zuschüt­ten, und doch wird nie­mand dage­gen auf­mu­cken, weil er nicht als Ras­sist gel­ten will. Wir behaup­ten, dass ihr uns unter­drückt, aber wir haben längst die Men­ta­li­täts­macht über euch errun­gen, wir ent­schei­den, was als gut und böse zu gel­ten hat, wir sind mora­lisch immer auf der über­le­ge­nen Sei­te, und ech­te Macht errin­gen wir irgend­wann auch noch.

Der Vor­wurf der „kul­tu­rel­len Aneig­nung“ ist ein Bestand­teil des Kul­tur­krie­ges gegen die west­li­che Kul­tur. Es ist anti­wei­ßer Ras­sis­mus. Anti­wei­ßer Ras­sis­mus ent­steht aus dem Neid auf das, was Wei­ße in den ver­gan­ge­nen 500 Jah­ren geschaf­fen haben: nahe­zu die gesam­te moder­ne Zivi­li­sa­ti­on. Die anti­wei­ße Fron­de behaup­tet nun ein­fach, dass alle Ent­wick­lun­gen der Wei­ßen aus der Unter­drü­ckung und Aus­plün­de­rung der nicht­wei­ßen Völ­ker resul­tie­ren; mit­hin gehen vom atti­schen Tem­pel bis zur Raum­sta­ti­on sämt­li­che Wer­ke der wei­ßen Wöl­fe eigent­lich auf das Kon­to der ande­ren Eth­ni­en. Und der wei­ße Lin­ke glaubt, durch die eif­ri­ge Bezich­ti­gung und Ver­dam­mung ande­rer wei­ßer Män­ner sei­ne blei­che Haut ret­ten und ein biss­chen an künf­ti­gen Umver­tei­lun­gen par­ti­zi­pie­ren zu können.

Die Gegen­stän­de der „kul­tu­rel­len Aneig­nung“ sind also eher belang­los und aus­tausch­bar. Ich, um mit einer per­sön­li­chen Bemer­kung zu schlie­ßen, kom­me kom­plett ohne „kul­tu­rel­le Aneig­nung“ aus. Ich brau­che weder Dre­ad­locks noch Tat­toos, weder Reg­gae noch die Benin-Bron­zen, ich kann ganz ohne Feder­schmuck und exo­ti­sche Klei­dung leben, und wenn es sein muss, kann ich auch auf sämt­li­che außer­eu­ro­päi­schen Küchen und Kunst­wer­ke verzichten.

Alles, was ich lie­be, haben tote wei­ße Män­ner geschaf­fen, ob nun die Ölma­le­rei, das Disti­chon, den Kon­tra­punkt oder die Komö­die, ob Mat­thä­us-Pas­si­on, „Meis­ter­sin­ger” oder Cho­pins Noc­turnes, ob die „Meni­nas“, die „Milch­magd“ oder die Fres­ken der Aren­a­ka­pel­le zu Padua, ob „À la recher­che du temps per­du” oder „Pnin”, ob „Odys­see”, „West-öst­li­cher Divan” oder die Sonet­te des Gro­ßen Ein­zi­gen, ob Châ­teau Mar­gaux oder Châ­teau Lafi­te-Roth­schild, ob Lin­den­oper oder Sca­la, ob die Kathe­dra­le von Ami­ens oder San Fran­ces­co in Assi­si, ob „Clock­work oran­ge” oder „Bar­ry Lyn­don”, zu schwei­gen von Renn­rad, Chai­se­longue, Salon­spei­se­wa­gen, Füll­fe­der­hal­ter, Drei­tei­ler, Cro­ckett & Jones-Schu­hen und hal­ter­lo­sen Damen­strümp­fen. Wenn nun ein paar spe­zi­el­le Hoch­be­gab­te der Mei­nung sind, die Wer­ke der toten wei­ßen Män­ner sei­en aus­zu­son­dern, kann ich das nur glü­hend befür­wor­ten. Weg damit! Die­ses Kul­tur­p­re­ka­ri­at soll das nicht lesen, nicht anse­hen, nicht anhö­ren, nicht benut­zen, nicht beschmut­zen; mögen sol­che Figu­ren auch ästhe­tisch unter ihres­glei­chen blei­ben, damit ist am Ende allen gedient …

 

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