Klassik-CD-Kolumnen

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Mozart: Don Giovanni

Wer heu­te im Sin­ne des soge­nann­ten Regie­thea­ters den Don Gio­van­ni insze­nier­te, läge nicht falsch, wenn er den Kom­tur als from­men Mus­lim und die höl­li­schen Rache­geis­ter als Scha­ria-Poli­zis­ten auf die Büh­ne schick­te. „Viva la femmi­ne, viva il buon vino! Sosteg­no e glo­ria d’umanità“ („Es leben die Frau­en, es leben der gute Wein, sie sind Stüt­ze und Glo­rie der Mensch­lich­keit“), das sind die letz­ten Wor­te, die der Schwe­re­nö­ter vor dem Erschei­nen des Stei­ner­nen Gas­tes singt. Sein anschlie­ßen­der Dia­log mit dem toten Kom­tur, der eigent­lich ein Ter­zett ist, weil Don Gio­van­nis unter den Tisch geflo­he­ner Die­ner Lepo­rel­lo die gan­ze Zeit ent­setzt vor sich hin­brab­belt, und an des­sen Ende der Wüst­ling sei­ner Höl­len­stra­fe über­ant­wor­tet wird, die vor­letz­te Sze­ne der Oper also gilt als der unüber­steig­ba­re Höhe­punkt des Gen­res. Theo­dor W. Ador­no hat gefor­dert, die fol­gen­de Schluss­sze­ne zu strei­chen, um dem Publi­kum die­sen Absturz ins Tri­via­le, den fina­len Tri­umph des Mit­tel­ma­ßes zu erspa­ren. Aber das Stück heißt eben Dra­ma gio­co­so, und Mozart war viel zu wei­se, um die Din­ge zu idea­li­sie­ren. Der Held ist tot, die Nul­len sagen, ihm sei recht gesche­hen; so läuft es eben – und basta.

Mit dem dis­so­nan­ten Anfangs­ak­kord (mit den Ohren des 18. Jahr­hun­derts gehört) des gesam­ten Orches­ters in d‑Moll klopft der Tod an die Tür, die Strei­cher­fi­gu­ren ab Takt 13 der Ouver­tü­re beschrei­ben, wie das Blut in den Adern des Don gefriert. Der düs­te­re Zau­ber die­ser Oper hat auch damit zu tun, das in ihr prak­tisch stän­dig Nacht ist. Dem gro­ßen Ver­füh­rer geht zwar ab der ers­ten Sze­ne alles schief, doch er bleibt bis zum letz­ten Takt der Beherr­scher des Gan­zen, ein Arche­typ und Über­mensch. Die drei Frau­en­rol­len decken qua­si das gesam­te weib­li­che Geschlecht ab. Kei­ne der drei wird den Don je ver­ges­sen. Ansons­ten: unsterb­li­che Ari­en, das sprü­hen­de Fina­le des 1. Akts mit drei ver­schie­den­tak­ti­gen Tän­zen gleich­zei­tig, die spre­chen­de Sta­tue auf dem Fried­hof: eine Shake­speare-Sze­ne, über­haupt eine Shakespeare-Oper… 

Wolf­gang Ama­de­us Mozart: Don Gio­van­ni; Lisa del­la Casa, Suzan­ne Dan­co, Hil­de Gue­den, Cesa­re Sie­pi, Wal­ter Ber­ry, Anton Der­mo­ta, Kurt Böh­me; Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, Josef Krips (ZYX)

Erschie­nen in eigen­tüm­lich frei, Nr. 167

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