Giacomo Puccini: Madama Butterfly

„Madama But­ter­fly“ ist die Geschich­te einer kolo­nia­li­sier­ten Medea, die Chro­nik einer Lie­bes­psy­cho­se mit töd­li­chem Aus­gang, die Beschrei­bung eines Zusam­men­pralls der Kul­tu­ren. Vor allem aber betritt in die­sem Werk der Arche­typ der ver­las­se­nen Frau die Büh­ne. Die Musik dazu ist der­ma­ßen anrüh­rend, ergrei­fend und „herz­zer­knül­lend“ (Eck­hard Hen­scheid), dass kaum jemand tro­cke­nen Auges aus einer Auf­füh­rung kommt. 

Gleich­wohl hört man zuwei­len, Puc­ci­nis „Tra­ge­dia giap­po­ne­se“ sei ein sen­ti­men­ta­les und leicht kit­schi­ges Werk. Völ­li­ger Unsinn. Hier ist alles wahr­haf­tig. Die Par­tie der Cio-cio-san ist die längs­te, innigs­te und berü­ckends­te, die der Maes­tro geschrie­ben hat. Die bei­den Ari­en der Titel­fi­gur, des über­ir­disch-hoff­nungs­be­sof­fe­ne „Un bel di vedre­mo“ und das nie­der­schmet­tern­de „Che tua madre“, sind völ­lig kon­kur­renz­los und, was ers­te­re angeht, oben­drein abnut­zungs­re­sis­tent gegen ihre Wunschkonzertdauerverwurstung. 

Das War­ten ist das The­ma des zwei­ten Aktes, inso­fern ähnelt „But­ter­fly“ dem drit­ten Auf­zug von Wag­ners „Tris­tan“. Auch die den Akt jeweils prä­gen­de Ges­te, das augen­wun­de Star­ren aufs Meer, ver­bin­det bei­de Wer­ke. Bei­de Figu­ren erle­ben end­lich die ersehn­te Ankunft des Schif­fes, bei­de ster­ben, die eine erlöst, die ande­re ver­nich­tet. Kon­se­quen­ter­wei­se zitiert Puc­ci­ni mehr­fach aus dem „Tris­tan“. Kaum jemand hat’s bemerkt. Bewun­derns­wert ist die Meis­ter­schaft, mit der Puc­ci­ni durch Zita­te von Ori­gi­nal­me­lo­dien, „unech­te“ Pen­ta­to­nik, die Ver­wen­dung der Ganz­ton­lei­ter und eine exo­tisch wir­ken­de Instru­men­tie­rung die Musik „japa­ni­siert“.

Im drit­ten Akt zer­fällt But­ter­flys Ich förm­lich, was mit dem Zer­fal­len ihrer Musik illus­triert wird. Es gibt in der Opern­ge­schich­te wohl kein zwei­tes Bei­spiel, wo dem Publi­kum die Demon­ta­ge einer Illu­si­on und schließ­lich die Aus­lö­schung der von ihr beherrsch­ten Per­son der­ma­ßen peni­bel vor­ge­führt wird. In ihrem Ent­schluss, sich auf tra­dio­nel­le japa­ni­sche Wei­se zu töten, fügt sich die jun­ge Frau wie­der zur Per­son. Was dann folgt, ist das Aller­schlimms­te. Hät­te Puc­ci­ni nur den Abschied der Ghei­sa von ihrem Kind kom­po­niert und nichts außer­dem, man wür­de ihn zu den Unsterb­li­chen zäh­len müssen.

Gia­co­mo Puc­ci­ni: Madama But­ter­fly. Rena­ta Scot­to, Anna di Sta­sio, Car­lo Ber­gon­zi, Rolan­do Pane­rai; Coro e Orches­tra del Tea­tro dell’Opera di Roma; John Bar­bi­rol­li (EMI)

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei 166

Total
0
Shares
Vorheriger Beitrag

Sagen Sie mal, Ernst Nolte...

Nächster Beitrag

"Der ganz Europa destabilisierende Wahnsinn der Grenzöffnung"

Ebenfalls lesenswert