Giuseppe Verdi: Requiem

Wie Wag­ner kam Ver­di 1813 zur Welt, mit­hin hat­ten wir 2013 auch ein Ver­di-Jahr, wor­auf mit einer Emp­feh­lung hin­zu­wei­sen inzwi­schen zwar eher nach­träg­lich erfolgt – aber wen sche­ren Jubi­lä­en? Eigent­lich schert mich auch Ver­di nur in Maßen, ich weiß bei sei­nen Opern unge­fähr bis „La Tra­via­ta“ nie so rich­tig, ob gera­de eine Figur ihre Lie­be gesteht, die Repu­blik aus­ruft oder ermor­det wird; je frü­her ein Opus datiert ist, des­to mehr Drei­vier­tel­takt-Selig­keit dar­in, und sogar Ver­dis in baby­lo­ni­scher Gefan­ge­nen­schaft schmach­ten­de „Nabucco“-Israeliten kön­nen ihr Leid nicht anders bekla­gen als mit einer Ball­mu­sik. Aber es gibt ja das Spät­werk, „Don Car­los“, „Otel­lo“ und „Fal­staff“! Und die selt­sa­me, für den 1873 gestor­be­nen Ales­san­dro Man­zo­ni geschriebene,1874 urauf­ge­führ­te Toten­mes­se, die ich hier despek­tier­lich als Ver­dis bes­te Oper bezeich­nen woll­te, bis ich im Netz las, dass die­se Sot­ti­se einen noch graue­ren Bart hat als der Alte aus Busseto.

Die­ses Requi­em folgt zwar der latei­ni­schen Lit­ur­gie, ist aber ein säku­la­res Werk. Ein erns­tes, fei­er­li­ches – aber dies­sei­ti­ges. Ver­di war eben ein Opern­kom­po­nist, ein Men­schen­dar­stel­ler, auch in der Mes­se. Sogar das zutiefst anrüh­ren­de „Agnus dei“ gehört in den Kon­zert­saal, womög­lich gar auf die abend­li­che Piaz­za, aber nicht in die Kir­che. Nur beim „Tuba mir­um“ erklin­gen, bis zum Chor­ein­satz, tat­säch­lich die Posau­nen des Jüngs­ten Gerichts…

Außer­dem ist der Tod im Süden ein ande­rer als im Nor­den, so wie im Süden immer lau­ter und ein biss­chen thea­tra­li­scher geklagt wird als bei uns. Freund Hein erscheint bei Ver­di sozu­sa­gen tief­rot geklei­det, er ist nicht der kno­chi­ge, blei­che, ent­setz­li­che Gesel­le, der zum Bei­spiel in Mozarts Requi­em umgeht, und die Kla­ge­wei­ber haben die Lip­pen dick geschminkt. Die Hoff­nung kommt hier nicht aus theo­lo­gi­schen Spe­ku­la­tio­nen über das Jen­seits, son­dern aus der Sinn­lich­keit des Diesseits.

Ver­di hat stets Musik für Stim­men geschrie­ben und damit mehr Sän­ger­kar­rie­ren ermög­licht als jeder ande­re Kom­po­nist. Das größ­te Stim­men­fes­ti­val im Ver­di-Jahr fand unter Baren­bo­im in der Mai­län­der Sca­la statt, mit einem dra­ma­tisch-erup­ti­ven Chor und einem über­wäl­ti­gen­den Sän­ger­ensem­ble. Allein Jonas Kauf­manns „Hos­ti­as” gebie­tet den Erwerb die­ser Auf­nah­me mit aller Dringlichkeit.

Ver­di: Requi­em. Har­te­ros, Garanča, Kauf­mann, Pape; Chor und Orches­ter der Mai­län­der Sca­la; Dani­el Baren­bo­im (Dec­ca)

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, Dezem­ber 2013

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