Rameau: Pièces de clavecin

Neben dem Wun­der von Rame­aus Musik ist es bloß eine Peti­tes­se, aber ich muss damit anfan­gen: Sol­len die „Piè­ces pour le cla­vecin” auf dem Kla­vier oder dem Cem­ba­lo gespielt wer­den? Will man die Stü­cke wie ein Zeit­ge­nos­se Rame­aus hören, kann es nur das Cem­ba­lo sein, das dem heu­ti­gen Ohr frei­lich etwas ent­frem­det ist; da der Anschlag weder die Laut­stär­ke noch die Dau­er eines Tons beein­flus­sen kann, wird sein Klang inzwi­schen schnell als ein­tö­nig emp­fun­den. Um einen Ton zu ver­län­gern, muss er auf dem Cem­ba­lo mehr­fach ange­schla­gen wer­den; das ist die Funk­ti­on der soge­nann­ten Ver­zie­run­gen, von denen die Barock­mu­sik voll ist. Das Kla­vier hat natür­lich ganz ande­re Mög­lich­kei­ten der Ton­ge­bung. Dafür ist das Cem­ba­lo glanz­vol­ler und prä­zi­ser; das Kla­vier klingt wegen sei­nes Lega­tos immer wei­cher, „roman­ti­scher”, emo­tio­na­ler, auch spi­ri­tu­el­ler. Anders als bei Bach, wo ich ein­deu­tig das Kla­vier bevor­zu­ge, bin ich bei Rameau so unent­schie­den, dass ich die Ein­gangs­fra­ge nur beant­wor­ten kann mit: Sowohl als auch. 

Die Schön­heit und der Esprit von Rame­aus „Piè­ces” sind im Grun­de kon­kur­renz­los. Lei­der hat der gro­ße Fran­zo­se nur ein sehr schma­les OEu­vre für das Tas­ten­in­stru­ment geschaf­fen, das Gesamt­werk passt auf drei CDs. Für Rameau war die Suite mit ihren sich abwech­seln­den Tän­zen qua­si nur ein Gefäß für sei­ne Inspi­ra­tio­nen. So lässt er die zwei­te Suite in A höchst unge­wöhn­lich mit sechs Varia­tio­nen einer Gavot­te enden. Von Varia­ti­on zu Varia­ti­on reißt das sug­ges­ti­ve The­ma gewis­ser­ma­ßen alle Wider­stän­de ein, um am Ende tri­um­phal durch­zu­bre­chen. Die­se Musik ist der­ma­ßen groß­ar­tig (in dem Ver­gleich siegt wohl doch das Cem­ba­lo), dass sich die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens für min­des­tens die­se neun Minu­ten nicht mehr stellt. 

In letz­ter Zeit sind eini­ge Auf­nah­men mit Pia­nis­ten erschie­nen. Soko­lov gibt’s nur auf You tube, unver­gleich­lich, er kann auf dem Kla­vier sogar Cem­ba­lo spie­len (Suite in G: Les tri­cotets). Der Fran­zo­sen Alex­and­re Tha­r­aud über­zeugt mit sei­nem noblen, kul­ti­vier­ten, fein­sin­ni­gen Spiel. Die Cem­ba­lo-Gesamt­ein­spie­lung von Pie­ter Jan Bel­der ist übri­gens nicht nur exzel­lent, son­dern unschlag­bar günstig. 

Jean-Phil­ip­pe Rameau: Nou­vel­les Sui­tes; Alex­and­re Tha­r­aud, Kla­vier (Har­mo­nia Mundi); 

Rameau: Com­ple­te Works for Harp­s­ichord; Pie­ter Jan Bel­der, Cem­ba­lo (Bril­li­ant Classics) 

 

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, Nr. 111, April 2011

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