Wagner: Lohengrin

 

In der momen­tan an der Münch­ner Staats­oper lau­fen­den „Lohengrin“-Inszenierung tre­ten Elsa und ihr Schwa­nen­rit­ter als Eigen­heim­bau­er auf, und die bra­ban­ti­schen Edlen umsprin­gen sie in Rat­ten­kos­tü­men. Sol­che Kas­pe­rei­en des soge­nann­ten Regie­thea­ters las­sen mich immer wie­der an mei­ne zumin­dest in die­sem Belang gar nicht so unglück­li­che Ost­ber­li­ner Jugend den­ken, wo die Blaue Blu­me der Roman­tik auf der Büh­ne zuwei­len noch erblü­hen durf­te. Nament­lich bei der viel­leicht roman­tischs­ten aller Opern scheint mir dies ange­zeigt. Gott­lob gibt es die Tonkonserven. 

Redu­zie­ren wir die­se Emp­feh­lung aus Platz­grün­den auf den Gesang. Das eigent­li­che „Lohengrin“-Problem ist die Beset­zung der Titel­par­tie. Ein pas­sa­bel brum­mel­d­röh­nen­der Hein­rich, ein fins­te­rer Telra­mund, eine mor­mo­nen­bett­la­ken­rei­ne Elsa und sogar eine hin­rei­chend dämo­ni­sche Ortrud las­sen sich immer irgend­wie auf­trei­ben, wäh­rend ein idea­ler Lohen­grin nie gefun­den, viel­leicht nie gebo­ren wur­de. Fast alle gro­ßen Wag­ner-Tenö­re haben sich am Schwa­nen­rit­ter ver­sucht, aber es han­delt sich eben nicht um eine typi­sche Wag­ner-Tenor-Rol­le, dafür ist sie einer­seits zu „ita­lie­nisch“, and­rer­seits zu welt­ent­rückt ange­legt. Der blau­sil­ber­ne, nicht mehr ganz mensch­li­che A‑Dur-Glanz, in wel­chem der Grals­bo­te gehüllt ist, hät­te viel­leicht in der Stim­me Jus­si Björ­lings das kon­ge­nia­le Organ gefun­den, der aber nur die Gral­s­er­zäh­lung aus dem 3. Akt gesun­gen hat; wer in die­ser Rich­tung sucht, soll­te eine Auf­nah­me mit San­dor Konya wäh­len. Momen­tan dürf­te Jonas Kauf­mann der ein­drucks­volls­te Inter­pret sein. Es gibt fer­ner eine Ein­spie­lung mit Pla­ci­do Dom­in­go und Jes­sye Nor­man, unter dem Diri­gat des bekannt­lich jeder­zeit kra­wall­be­rei­ten Sol­ti, die gesang­lich umwer­fend ist, nur kaum mehr deutsch-roman­tisch klingt. Mei­ne Refe­renz­auf­na­me ist die unter dem famo­sen Rudolf Kem­pe, mit einem viel­leicht etwas wat­ti­gen Lohen­grin (Jess Tho­mas), aber einer berü­ckend inni­gen Elsa (Eli­sa­beth Grüm­mer), einer wil­den Ortud (Chris­ta Lud­wig – ihr „Fahr hin!“ jagt einem Schau­er über den Rücken) und dem gewal­tigs­ten Bass deut­scher Zun­ge (Gott­lob Frick) als König Heinrich. 

Richard Wag­ner: Lohen­grin; Rudolf Kem­pe; Grüm­mer, Lud­wig, Tho­mas, Frick, Fischer-Dies­kau; Wie­ner Staats­opern­chor, Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker (EMI)

 

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, Mai 2011

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