Lauritz Melchior singt Wagner

Bekannt­lich wan­delt sich das soge­nann­te „Män­ner­bild“ der­zeit emi­nent. Eine ide­al­ty­pi­sche Ver­kör­pe­rung die­ses Wan­dels scheint mir der deut­sche Tenor Klaus-Flo­ri­an Vogt zu sein, des­sen knä­bisch-neu­tra­les, tes­to­ste­ron­frei­es Stimm­chen seit eini­gen Jah­ren als eine völ­lig neue Art des Wag­ner-Gesangs gefei­ert wird, sozu­sa­gen als die schluss­end­li­che Ankunft der Wag­ner­schen Hel­den in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Män­ner­grup­pe. (Jörg Fried­rich hat zu Vogts Lohen­grin die wit­zi­ge Bemer­kung gemacht, nun wis­se man ja, war­um in der Braut­ge­mach­sze­ne nichts pas­sie­re.) Inwie­weit solch post­he­roi­sches Gesäu­sel zum ästhe­ti­schen Trend taugt, wird sich zei­gen – hier soll es nur den Anlass zur Lob­prei­sung des Gegen­teils bilden. 

Wel­ches am wucht­brum­migs­ten ver­kör­pert wur­de durch Lau­ritz Mel­chi­or. Der Däne, anno 1973 knapp 83jährig ver­stor­ben, ver­füg­te über die gewal­tigs­te Män­ner­stim­me der Ton­trä­ger­ge­schich­te. Sei­ne Kar­rie­re dau­er­te von 1924 bis 1950. Er war vom Bari­ton- ins Tenorfach gewech­selt, was sei­ner Stim­me eine bari­to­na­le Grun­die­rung ver­lieh, aus wel­cher ein teno­ra­ler Stahl ohne­glei­chen brach. Die bei­den „Wäl­se!“ Rufe des Sieg­mund auf dem hohen Ges und dem hohen G hielt er 1940 in Bos­ton jeweils 16 Sekun­den  lang (angeb­lich hat­te er mit dem Diri­gen­ten gewet­tet). Zugleich konn­te er unge­mein lyrisch sin­gen, man lau­sche Sieg­munds „Nun weißt du, fra­gen­de Frau/Warum Fried­mund ich nicht hei­ße.“ Kurz­um: eine Stim­me aus einer ande­ren Zeit, über­di­men­sio­niert wie ein Dinosaurierskelett. 

Über­di­men­sio­niert war auch Mel­chi­or sel­ber, ein Manns­bild (kein Män­ner­bild), rie­sig, pfun­dig, fröh­lich und feucht­fröh­lich – der geseg­ne­te Appe­tit und die Zech­lust lachen ihm aus dem Ant­litz. Er stemm­te die schwe­ren Wag­ner­par­tien alle­samt jah­re­lang ohne Mühe und ohne sein erstaun­li­ches Organ zu ram­po­nie­ren. Aben­teu­er­li­che 223mal sang er den Tris­tan, fast 200mal den Sieg­mund, die bei­den Sieg­frie­de, Tann­häu­ser und Lohen­grin jeweils über 100mal, den Par­si­fal knapp 100mal. Dazu stand er auch hin und wie­der als Othel­lo und Radames auf der Büh­ne. Auch wenn man die sei­ner­zeit an der New Yor­ker Met übli­chen Strei­chun­gen ein­rech­net, ist dies wohl die beein­dru­ckends­te ath­le­ti­sche Leis­tung in der Geschich­te des Gesangs. 

Mit zwei eben­falls her­aus­ra­gen­den Sän­ger­kol­le­gen sowie Bru­no Wal­ter am Pult spiel­te Mel­chi­or im Juni 1935 den ers­ten Akt der „Wal­kü­re“ (sowie die Sieg­mund-Sieg­lin­de-Sze­nen des zwei­ten Akts) ein. Die Auf­nah­me konn­te wegen der fol­gen­den Emi­gra­ti­on aller Betei­lig­ten nie voll­endet wer­den. Aber die­ses Frag­ment muss man gehört haben, hier stimmt ein­fach alles. 

Wag­ner: Die Wal­kü­re, 1. Akt; Lot­te Leh­mann, Lau­ritz Mel­chi­or, Ema­nu­el List; Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, Bru­no Wal­ter (EMI)

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, Mai 2015

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