Wilhelm Furtwängler: Aufnahmen 1942–1944

Spricht man mit mit Diri­gen­ten über die mehr oder weni­ger heim­li­chen Herr­scher im Reich der Kapell­meis­ter, fal­len eini­ge Namen, doch mit abso­lu­ter Sicher­heit zwei: Wil­helm Furtwäng­ler und Car­los Klei­ber. Wäh­rend Klei­ber die Orches­ter zu einer beseel­ten Klar­heit des Musi­zie­rens mehr zog denn trieb (ver­gli­chen etwa mit der kal­ten Per­fek­ti­on Tos­ca­ni­nis), steckt in den geheim­nis­vol­len, rausch­haf­ten, mit­un­ter gera­de­zu bar­ba­ri­schen Auf­nah­men Furtwäng­lers immer etwas Uner­klär­li­ches, steht man als Hörer stän­dig vor dem Rät­sel, wie er die­sen Zau­ber­klang oder jene Erup­ti­on wie­der hin­be­kom­men hat und wel­che Wir­kun­gen sich der Pati­na des His­to­ri­schen ver­dan­ken. Beson­ders die Kriegs­auf­nah­men umgibt ein eso­te­ri­scher Ruhm; sie gel­ten vie­len als das Bes­te, was über­haupt je auf der Schall­plat­te fest­ge­hal­ten wur­de. Furtwäng­ler und die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker musi­zie­ren mit einer uner­bitt­li­chen Inten­si­tät. Jeder Takt spricht von einer exis­ten­ti­el­len Erschüt­te­rung. Die Gewalt­tä­tig­keit der Zeit scheint in die­se Musik ein­ge­drun­gen zu sein. Bru­ta­li­tä­ten und Zärt­lich­kei­ten fol­gen im jähen Wech­sel. Es ist beim Hören mehr­fach vor­ge­kom­men, dass ich mein Gesicht in den Hän­den ver­grub, die Hand­bal­len auf die Schlä­fen press­te und was der­glei­chen ohn­mäch­ti­ge Ges­ten der Ergrif­fen­heit mehr sind.

Hän­dels Con­cer­to gros­so in d‑Moll, zehn­mal „dicker“ gespielt als heu­te üblich, ist ein Gang über ein Schlacht­feld am Mor­gen danach; Mozarts Es-Dur-Sin­fo­nie (KV 543) klingt wie Beet­ho­ven, pas­sa­gen­wei­se wie Bruck­ner – wo die Feld­post die Todes­nach­rich­ten säcke­wei­se bringt, gibt es kein fal­sches Pathos. Durch das Andana­te con moto von Schu­berts „gro­ßer“ C‑Dur-Sin­fo­nie schnei­den die Strei­cher wie Mes­ser, das Fina­le ist ein Hexen­sab­bat, wie auch jenes von Beet­ho­vens Sieb­ter einem Ritt in den Abgrund gleicht. Über­haupt, die­se Sieb­te, sie offen­bart die rät­sel­haf­te Grö­ße und Urge­walt Furtwäng­lers wie wenig sonst, in der Viva­ce-Orgie des ers­ten Sat­zes eben­so wie im Alle­gret­to, ohne­hin das gewal­tigs­te Cre­scen­do der Musik, aber was Furtwäng­ler hier aus Not und Hoff­nung gemischt anschwel­len und auf den Hörer ein­bre­chen lässt – man ver­steht, war­um vie­le Besu­cher der Urauf­füh­rung nicht auf ihren Stüh­len sit­zen­blei­ben konnten… 

Wil­helm Furtwäng­ler: Record­ings 1942–1944, Vol. 1, Beet­ho­ven, Hän­del, Mozart, Schu­bert, Weber, Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker (Deut­sche Grammophon)

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, März 2016

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