Brahms: Ein deutsches Requiem

Brahms’ „Deut­sches Requi­em“ ist das Werk eines noch ver­gleichs­wei­se jun­gen Man­nes Anfang drei­ßig auf dem Sprung zum Ruhm und vor allem von der Kön­ner- zur Meis­ter­schaft. Der Wie­ner Musik­kri­ti­ker Edu­ard Hanslick, zuwei­len noch bekannt durch sei­ne Wag­ner- und Bruck­ner-Ver­ris­se, mein­te, seit Bachs h‑Moll-Mes­se und Beet­ho­vens Mis­sa solem­nis sei „auf die­sem Gebie­te“ nichts Ver­gleich­ba­res geschrie­ben wor­den, und hier kann man dem Beck­mes­ser abwechs­lungs­hal­ber mal bei­pflich­ten. Der Kom­po­nist ver­stand sich als bibel­fes­ter Hei­de, was sich zunächst an der deli­ka­ten Text­aus­wahl zeigt. Sein Requi­em folgt weder inhalt­lich noch inten­tio­nal der latei­ni­schen Toten­mes­se, son­dern ist ein zwi­schen irdi­scher Pla­ge und Jen­seits­hoff­nung, zwi­schen geist­li­cher und welt­li­cher Sphä­re aus­ge­spann­tes, in sei­ner eige­nen Tota­li­tät ruhen­des Opus.

Die musi­ka­li­sche Grund­stim­mung ent­spricht der fata­lis­ti­schen des Buches Kohe­let (Pre­di­ger), obgleich kei­ne ein­zi­ge Zei­le dar­aus vor­kommt, mit regel­mä­ßi­gen Auf­hel­lun­gen ins Tröst­li­che und Ver­hei­ßungs­vol­le („Ich will euch trösten/wie einen sei­ne Mut­ter trös­tet“, heißt es im fünf­ten Stück nach Jesa­ja 66,13). So folgt im gewal­tig-düs­te­ren zwei­ten Stück „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ (aus dem ers­ten Petrus-Brief), halb Trau­er­marsch, halb Toten­tanz – es herrscht ¾‑Takt –, der Wech­sel von b‑Moll nach Ges-Dur zu den Wor­ten „So seid nun gedul­dig, lie­be Brü­der, bis auf die Zukunft des Herrn“ (Jako­bus 5,7). Brahms hat geäu­ßert, die sie­ben Num­mern könn­ten auch jeweils ein­zeln auf­ge­führt wer­den, aber das gan­ze Werk strebt doch letzt­lich zur Erup­ti­on des sechs­ten Tei­les hin, der eksta­ti­schen Chor­pas­sa­ge zu den Wor­ten: „Der Tod ist ver­schlun­gen in den Sieg./Tod, wo ist dein Sta­chel? Höl­le, wo ist dein Sieg?“ aus dem ers­ten Korin­ther­brief. Wobei ich am liebs­ten das drit­te Stück habe, die Ver­se aus Psalm 39, vor­ge­tra­gen vom Bari­ton: „Herr, leh­re mich doch,/ daß ein Ende mit mir haben muß,/ und mein Leben ein Ziel hat,/ und ich davon muß“. Es wird dies eine mei­ner Optio­nen sein, so mir das Schick­sal die Demenz erspart, die ich hören wer­de, so kurz wie mög­lich bevor ich sel­ber davon muss.

Brahms: Ein deut­sches Requi­em; Genia Küh­mei­er, Tho­mas Hamp­son; Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, Arnold-Schön­berg-Chor; Niko­laus Har­non­court (RCA)

Erschei­nen in: eigen­tüm­lich frei, März 2014

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