Richard Strauss: Die Frau ohne Schatten

„Die Frau ohne Schat­ten“ ist eines der reak­tio­närs­ten, sexis­tischs­ten, ja frau­en­feind­lichs­ten Wer­ke der Kunst. Bei­de weib­li­che Haupt­ge­stal­ten, Kai­se­rin und Fär­be­rin, sind über ihre Män­ner und vor allem über ihre Unfrucht­bar­keit defi­niert. Das von Strauss ver­ton­te Mach­werk des Dich­ters Hugo von Hof­manns­thal kennt nur eine Bot­schaft: Wer­det schwan­ger! Die Kai­se­rin, eine Per­son aus der Feen­welt, die den zen­tra­len Kon­flikt der Oper aus­trägt und sich zum Men­schen wan­delt – d.h. einen Schat­ten wer­fen, d.h. schwan­ger, d.h. noch mehr unter­drückt wer­den kann –, tut dies ein­zig des­we­gen, um dem Kai­ser, der sie all­nächt­lich beläs­tigt und tags­über zur Jagd geht, Kin­der zu gebä­ren! Auch der Fär­ber Barak hat nur eins im Kopf: „Gib du mir Kin­der, daß sie mir hocken/ um die Schüs­seln zu Abend,/ und es soll mir kei­nes hung­rig aufstehn./ Und ich will prei­sen ihre Begierde/ und dank­sa­gen im Herzen,/ daß ich bestellt ward,/ damit ich sie stil­le“. Die­ser Kin­der­wunsch-Ter­ro­rist wird als Gut­mensch dar­ge­stellt, denn Strauss hat in ihm, dem duld­sa­men, gut­mü­ti­gen, täg­lich den Buckel krumm machen­den Malo­cher, sich sel­ber kom­po­niert, wäh­rend die zän­ki­sche, lau­ni­sche, bos­haf­te Fär­be­rin sei­ne Frau Pau­li­ne ver­kör­pern soll. Sogar dar unend­lich rüh­ren­de Gesang der drei Nacht­wäch­ter am Ende des Ers­ten Akts pre­digt Hete­ro­nor­ma­ti­vi­tät und Zeugungsbereitschaft. 

Die alte Amme ist die ein­zi­ge vom Patri­ar­chat unkor­rum­pier­te Per­son des Stücks, des­halb muss sie die Böse sein. „Und lechzt dein Herz dar­nach bei Tag und Nacht,/ daß vie­le klei­ne Fär­ber durch dich ein­ge­hen sol­len in die­se Welt?/Soll dein Leib eine Heer­stra­ße werden/ und dei­ne Schlank­heit ein zer­stampf­ter Weg?“ fragt sie, und die Fär­be­rin bestä­tigt: „Mei­ne See­le ist satt gewor­den der Mutterschaft,/ ehe sie davon ver­kos­tet hat.“ Voll­kom­men per­fi­de sind die Gesän­ge der Unge­bo­re­nen („Wäre denn je ein Fest,/ wären nicht insgeheim/ wir die Gela­de­nen“), mit denen nicht nur Kai­se­rin und Fär­be­rin, son­dern auch eman­zi­pier­te Frau­en im Publi­kum kir­re gemacht wer­den sol­len, als gäbe es kei­ne Fris­ten­lö­sung. Dazu das macho­haft prot­zi­ge, der emo­tio­na­len Mani­pu­la­ti­on die­nen­de Orches­ter: geteil­te Strei­cher, Orgel, gro­ßes Schlag­werk, vier­fa­che Blä­ser­be­set­zung, zwölf Fan­fa­ren, C‑Dur-Getö­se im Fina­le. Nein! Frau­en, euer Bauch gehört euch!

Richard Strauss: Die Frau ohne Schat­ten; B. Nils­son, L. Rys­anek, R. Hes­se, J. King, W. Ber­ry; Chor und Orches­ter der Wie­ner Staats­oper, Karl Böhm (Deut­sche Grammophon) 

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, April 2014

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