Richard Wagner: Die Walküre

 

Die Fra­ge, wel­cher Ring der rech­te sei, ken­nen vie­le aus Les­sings „Nathan der Wei­se“. Eine beacht­lich gro­ße Kli­en­tel dis­ku­tiert die­se Fra­ge seit mehr als einem hal­ben Jahr­hun­dert aller­dings unter noch etwas eso­te­ri­sche­ren Gesicht­punk­ten: die Wag­ne­ria­ner. All­zeit ganz oben fir­miert bei den wirk­li­chen Ken­nern Wil­helm Furtwäng­lers Gesamt­ein­spie­lung von 1953, die frei­lich zwei Makel hat: Das Orches­ter – es han­delt sich um das Sin­fo­nie­or­ches­ter des ita­lie­ni­schen Rund­funks – ist nicht wirk­lich erst­klas­sig, und die Ton­qua­li­tät der kon­zer­tan­ten Live-Auf­nah­men lässt etwas zu wün­schen übrig (frei­lich nicht so sehr wie bei der 1950er Gesamt­auf­nah­me an der Mai­län­der Scala). 

Von einem geplan­ten „Ring“ im Stu­dio und mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern war Ende 1954, als Furtwäng­ler an einer Lun­gen­ent­zün­dung starb, nur die „Wal­kü­re“ fer­tig gewor­den. Ich mag mich nicht dar­über strei­ten, wel­che Gesamt­ein­spie­lung der Tetra­lo­gie die gelun­gens­te sei – aber wenn es um die voll­endungs­na­hes­te Ein­zel­auf­nah­me geht, ragt für mei­ne Begrif­fe ein­sam über allen ande­ren die­se „Wal­kü­re“. Das liegt zum einen dar­an, dass man nie mehr einen bes­se­ren Wotan als Fer­di­nand Frantz, einen bes­se­ren Hun­ding als Gott­lob Frick und sel­ten eine bes­se­re Sieg­lin­de als Leo­nie Rys­anek gehört hat (das ist übri­gens die­sel­be Beset­zung wie beim RAI-Ring), vor allem aber am Sieg­mund von Lud­wig Sut­haus (der Sieg­fried der RAI-Auf­nah­me), den ich ohne mit der Wim­per zu zucken noch über den von Lau­ritz Mel­chi­or stel­len wür­de. Schö­ner kann ein schwe­rer Hel­den­te­nor ein­fach nicht sin­gen. (Die Mödl ist eher nicht mein Fall mit ihrer in der Höhe plötz­lich wie weg­ge­schnit­te­nen Stimme.) 

Mit den Wie­ner Phil­har­mo­ni­kern kann bei Wag­ner ohne­hin nichts schief­ge­hen. Furtwäng­lers Diri­gat hält die Ide­al­li­nie zwi­schen Zau­ber und und Mar­tia­li­tät, indem es bei­des aus­reizt. Furtwäng­ler war ein Ästhet mit Mut zum Bar­ba­ri­schen. Ich habe kei­ne Ahnung, war­um er zugleich wär­mer, här­ter und struk­tu­rier­ter klingt als sei­ne Kol­le­gen. Es muss Hexe­rei sein, wie sich bei­spiels­wei­se bei den Vor­spie­len zum ers­ten und zwei­ten Auf­zug zeigt. Eigent­lich ist da nichts. Und doch stellt er sie alle in den Schatten. 

Richard Wag­ner: Die Wal­kü­re; Mar­tha Mödl, Leo­nie Rys­anek, Fer­di­nand Frantz, Lud­wig Sut­haus, Gott­lob Frick; Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker, Wil­helm Furtwän­ger (EMI)

 

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