Wagner: Tristan und Isolde

 

Ein Künst­ler von Rang kann das Gesetz, unter wel­chem er steht, nicht bre­chen. Als Richard Wag­ner sei­ne Arbeit am „Sieg­fried“ und damit an der „Ring“-Tetralogie unter­brach, um eine leich­te, publi­kums­freund­li­che, weni­ger auf­wen­di­ge, „ita­lie­ni­sche“ Oper zu schrei­ben, wuchs ihm unter den Hän­den der „Tris­tan“: eine vier­ein­halb­stün­di­ge Satur­na­lie des unge­still­ten Begeh­rens und der Todes­sehn­sucht, ein Fes­ti­val der unauf­ge­lös­ten Akkor­de, auf­ge­lös­ten Ton­ar­ten und in uner­lös­ter Chro­ma­tik quel­len­den Melo­dien, ein Werk in einer bis dato uner­hör­ten musi­ka­li­schen (und dich­te­ri­schen) Spra­che. Der Diri­gent und Pia­nist Hans von Bülow, einer der füh­ren­den musi­ka­li­schen Köp­fe des 19. Jahr­hun­dert – und man kann wohl sagen: ein Her­ren­mensch –, kom­po­nier­te gera­de eine Oper über ein The­ma aus dem kel­ti­schen Sagen­kreis, als er 1859 mit der Her­stel­lung des „Tristan“-Klavierauszugs beauf­tragt wur­de. Die­se Musik erdrück­te ihn und raub­te ihm alle Schöp­fer­kraft. (Drei Jah­re spä­ter über­flog er die noch unvoll­ende­te Par­ti­tur der „Meis­ter­sin­ger“ und woll­te sich gar umbringen.) 

Inzwi­schen ist der „Tris­tan“ kano­ni­siert und bis auf Kom­po­nis­tens­ter­be­bet­ten stu­diert wor­den, sei­ne her­aus­ra­gen­de Stel­lung in der Musik­ge­schich­te steht außer Fra­ge, doch das Pro­blem, wel­ches schon Wag­ner beschäf­tig­te, näm­lich geeig­ne­te Sän­ger auf­zu­trei­ben, ist geblie­ben. Die bes­te Isol­de aller Zei­ten war Kirs­ten Flag­stad (die in der emp­foh­le­nen Auf­nah­me lei­der schon über ihren Zenit hin­aus ist); ihre Stim­me ver­moch­te einst sogar das gewal­ti­ge Organ Lau­ritz Mel­chi­ors, des mäch­tigs­ten Tenors der Ton­trä­ger­ge­schich­te, zu über­kup­peln, sie war gewis­ser­ma­ßen der Dom, in wel­chem Mel­chi­or sang. Noch vor dem gro­ßen Dänen ran­giert in mei­ner Gunst indes Lud­wig Sut­haus, der die stimm­mör­de­ri­sche Par­tie des nihi­li­sier­ten Heros wirk­lich durch­gän­gig s i n g t und Mel­chi­or dabei in punc­to Wohl­klang und Dik­ti­on über­trifft. Sut­haus ist noch bes­ser in der 1947er Live-Auf­nah­me aus dem Ber­li­ner Admi­rals­pa­last, eben­falls unter Furtwäng­ler (mit Erna Schlü­ter als Isol­de), aber da fehlt der 1. Auf­zug. Als äußers­te Pole der „Tristan“-Interpretation ragen die bei­den Genies Furtwäng­ler und Car­los Klei­ber, aller­dings hat Klei­ber die schwä­che­ren Sänger. 

 

Richard Wag­ner: Tris­tan und Isol­de; Flag­stad, Sut­haus, Greindl, Fischer-Dies­kau u.a.; Phil­har­mo­nia Orches­tra, Wil­helm Furtwäng­ler (EMI)

 

Erschie­nen in: eigen­tüm­lich frei, März 2013

 

 

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