Die Tories und die AfD

Zwei Leser­brie­fe

Mei­ne Aus­sa­ge, die AfD möge, wenn es nach mir gin­ge, ihren poli­ti­schen Weg in Rich­tung einer Art deut­scher Tories ein­schla­gen (s. den Link am Ende des Acta diur­na-Ein­trags vom 6. Mai) fand erheb­li­chen Wider­spruch sei­tens meh­re­rer Leser; den expo­nier­tes­ten zitier­te ich mit dem Ein­trag vom 7. Mai. Am 9. Mai folg­te der zunächst zitier­te Brief, der mei­ne Ver­gleich wie­der­um ver­tei­dig­te, weni­ge Stun­den spä­ter und davon unab­hän­gig prä­zi­sier­te *** noch ein­mal sei­ne Posi­ti­on. Bei­de Schrei­ben sind als Gast­bei­trä­ge für die Acta zu lang, aber viel zu intel­li­gent und als Zeug­nis­se frei­en Den­kens emi­nent ver­brei­ten­s­wert, wes­halb ich ihnen (und womög­lich noch der einen oder ande­ren Zuschrift) die­se sepa­ra­te Sei­te ein­rich­te.

Also denn:

Ver­ehr­ter Herr Klo­n­ovs­ky,
 
da Sie Ihrer Aus­sa­ge wegen, die AfD kön­ne eine Art deut­scher Tories wer­den, von einem auf ein Wort gebe­ten wur­den, der kein Anglo­pho­ber sein, son­dern nur polit­kul­tu­rel­le Dif­fe­ren­zen fest­stel­len will, obgleich sei­ne durch­aus kennt­nis­rei­chen Dar­le­gun­gen den Geist des alt­deut­schen Res­sen­ti­ments gegen das per­fi­de Krä­mer­see­len­al­bi­on atmen, möch­te ich mir auch ein Wort (oder zwei) erlau­ben.
 
Ich tue dies 1. in der Hoff­nung, einen Mann von Ihrer sou­ve­rä­nen Bil­dung nicht mit Wohl­be­kann­tem zu ennuy­ie­ren und 2. in Fest­stel­lung des erfreu­li­chen Umstan­des, daß Ihr Dia­ri­um durch häu­fi­ge Bezug­nah­men auf Jün­ger, Speng­ler, Benn usf. davon Zeug­nis ablegt, daß Sie in der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on, wie offen­kun­dig in so vie­lem, bewan­dert sind.
 
Nun ver­wie­sen Sie zwar in Ihrer Erwi­de­rung auf das Wort des bewuß­ten Lesers völ­lig zurecht durch Anspie­lung auf die Tage Queen Annes dar­auf, daß man die Geschich­te des Tory­ism, den man wohl mit Recht als den euro­päi­schen Urkon­ser­va­ti­vis­mus anspre­chen könn­te, nicht auf den heu­ti­gen Pre­mier, sei­ne Gefolgs­leu­te und Poli­ti­ken ver­kür­zen soll­te. Allein es schmerzt mich in mei­ner Splee­nig­keit, daß Ihnen, zwei­fel­los abge­lenkt durch die Last Ihrer vie­len Pflich­ten, ent­fiel, auch dar­auf zu ver­wei­sen, daß die Dif­fe­renz zwi­schen den poli­ti­schen Kul­tu­ren (und ihren je spe­zi­fi­schen Kon­ser­va­ti­vis­men) der mari­tim­merkan­ti­len Bri­tan­nia, der es allein um Geld­beu­tel und Akti­en­port­fo­lio zu tun ist, ohne allen Sinn für den Adel des Geis­tes, und der kon­ti­nen­ta­lidea­lis­ti­schen Ger­ma­nia, der es stets um das trans­per­so­na­le Gan­ze zu tun ist, ganz ohne alles mate­ri­el­le Eigen­in­ter­es­se, doch so gewal­tig nicht sein kann, wenn es sich so ver­hält – und das tut es – daß kein gerin­ge­rer als nun gera­de der zeit­wei­li­ge DNVP-Vor- und Tief­den­ker Georg Quab­be in sei­nem gro­ßen Welt­an­schau­ungs­es­say „Tar a Ri. Varia­tio­nen über ein kon­ser­va­ti­ves The­ma“, der Wesen und Wer­den des kon­ser­va­ti­ven Gedan­kens in Euro­pa in kon­zi­ser Form meis­ter­haft dar­stellt, das Lob­lied der Tories im all­ge­mei­nen und Edmund Bur­kes im beson­de­ren singt.
 
Ich weiß aus eige­ner Erfah­rung, daß es uns, die wir das eine oder ande­re Buch gele­sen haben, gar häu­fig so ergeht, daß uns das selbst­ver­ständ­lichs­te ad hoc nicht bei­fällt. Und was wäre uns selbst­ver­ständ­li­cher als Quab­bes „Tar a Ri“, des­sen Kern­pas­sa­gen wir als Ken­ner der KR noch im Voll­suff jeder­zeit rück­wärts auf­zu­sa­gen wüß­ten? Allen­falls doch sei­ne bril­lan­ten Aus­füh­run­gen zu Oth­mar Spann in sei­nem Uto­pie-Buch oder viel­leicht sein  geist­vol­ler Auf­satz über die Wet­ten in Goe­thes Faust.
 
Ich brau­che daher nicht eigens in Erin­ne­rung zu rufen, daß der Deutsch­na­tio­na­le daselbst erklärt, er „nei­ge mit vie­len dazu, in den Eng­län­dern eine beson­ders begab­te Nati­on zu sehen“, da „ihre Mei­nun­gen und Taten […] immer eben­mä­ßig“ sind und daß er die Burk’sche Leh­re mit weni­gen Sät­zen tref­fend wie folgt para­phra­siert:
 
„Der Staat ist die Gemein­schaft der Leben­den, die die Auf­ga­be hat, die über­kom­me­ne Kul­tur als Treu­hän­de­rin zu bewah­ren, um sie der nächs­ten Genera­ti­on, unan­ge­tas­tet ihrem Wesen nach, ergänzt und ver­bes­sert in Ein­zel­hei­ten, wei­ter­zu­rei­chen. […] Das Volk behan­delt sei­ne Auf­ga­be unter den Gemüts- und Denk­be­din­gun­gen einer Fami­lie mit Ehr­furcht vor Tra­di­ti­on und Sit­te und dem natür­li­chen Zuge der Pie­tät, das Werk der Vor­fah­ren so zu ach­ten, wie sie sel­ber wünscht, von den Nach­kom­men betrach­tet zu wer­den; sie braucht und sucht wie jede Gemein­schaft zur Erfül­lung die­ser Zwe­cke eine Auto­ri­tät, aber es ist ein revo­lu­tio­nä­rer Aber­glau­be, daß die­se Auto­ri­tät, näm­lich die Regie­rung, und die Regier­ten in einem natür­li­chen Gegen­satz zu ein­an­der zu sehen.“ (Georg Quab­be. „Tar a Ri. Varia­tio­nen über ein kon­ser­va­ti­ves The­ma“. Top­pen­s­tedt, 2007: S. 30 u. 51 [= Quellen­tex­te zur Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on. Die Jung­kon­ser­va­ti­ven: Bd. 2].)
 
In der Tat eine dem deut­schen Wesen gänz­lich frem­de und unan­nehm­ba­re Leh­re.
 
Auch brau­che ich nicht zu erläu­tern, daß der Titel des Buches den lang ver­klun­ge­nen, gäli­schen Lie­bes- und Schlacht­ruf der Stuart-Cava­liers auf­greift, der da „Komm, oh König“ bedeu­tet und von dem der Par­tei­na­me der Tories sich her­schreibt. Doch frei­lich waren die diver­sen eng­li­schen Bür­ger- und Reli­gi­ons­krie­ge des 16. und 17. Jahr­hun­derts Peti­tes­sen, wes­halb es ganz rich­tig ist, kul­tu­rel­le Unter­schie­de damit zu erklä­ren, daß Deutsch­land den 30jährigen Krieg erleb­te, wäh­rend Eng­land sich zeit­gleich nach­ge­ra­de augus­tei­schen Frie­dens und buco­li­scher Idyl­lik erfreu­te.
 
Noch zwei à pro­pos zum „Komm, oh König“.
 
Ers­tens besuch­te ich vor zwei Wochen unse­re alte Kai­ser­stadt Wien und besah im kunst­his­to­ri­schen Muse­um die Aus­stel­lung „Fes­te fei­ern“, die einen Bogen von den Tur­nie­ren Kai­ser Max‘ bis zu höfi­schen Fes­ten um 1800 schlägt. Der Audio Gui­de beton­te übri­gens ein­lei­tend, daß Fes­te stets mit der Über­schrei­tung stän­di­scher und geschlechts­spe­zi­fi­scher Gren­zen ein­her­gin­gen, wäh­rend nahe­zu alle Expo­na­te erwar­tungs­ge­mäß das genaue Gegen­teil beleg­ten, so auch eine rie­si­ge Damast­tisch­de­cke, ange­fer­tigt 1527 in Mecheln für Karl V. anläß­lich des Ordens­ka­pi­tel des Ordens vom Gol­de­nen Vlies im Jah­re 1531, bestickt mit den Wap­pen aller Ordens­rit­ter, die „nach strikt gere­gel­ter Ord­nung […] in ihren roten Fest­or­na­ten Platz“ neh­men muß­ten, wie es im Kata­log heißt. (Mario Döberl. „Zu Tisch mit Kai­ser Karl dem V. Das Tafel­tuch für den Rit­ter­tisch bei Fest­ban­ket­ten des Vlies­or­dens“. In: Sabi­ne Haag/Gudrun Swo­bo­da (Hgg.), Fes­te fei­ern. 125 Jah­re Jubi­lä­ums­aus­stel­lung. Wien, 2016: 89f.)
 
Mit dem Kata­log unter dem Arm schlen­der­te ich im Anschluß an den Besuch der Aus­stel­lung zurück zur U‑Bahn am Ste­phans­dom.
 
Es war der 22.4., zwei Tage vor dem ers­ten Wahl­gang der öster­rei­chi­schen Prä­si­den­ten­wahl, und jus­ta­ment als ich am Steffl ankam, geriet ich in die soeben begin­nen­de Wahl­kampf-Abschluß­kund­ge­bung von Nor­bert Hofer, die ich mir zumin­dest teil­wei­se anschau­en woll­te. Nun ist mir völ­lig klar, daß Par­tei­en Mehr­hei­ten orga­ni­sie­ren müs­sen und daß man die Mas­sen eher nicht mit der Gemäl­de­samm­lung des Hau­ses Habs­burg in Eksta­se ver­set­zen kann (mögen die von van Dyck gemal­ten Cava­liers auch noch so dashing daher­kom­men) oder sie mit Beethoven’schen Kla­vier­so­na­ten zu begeis­tern ver­mag, jedoch der Ski­hüt­ten-Aus­tro­pop der FPÖ-Anhei­zer hät­te ins­be­son­de­re einem Musik­lieb­ha­ber wie Ihnen die Trä­nen in die Augen getrie­ben – und nicht vor Freu­de oder Ergrif­fen­heit. Als dann ein jun­ger Mann rus­ti­ka­len Aus­se­hens, der unmit­tel­bar neben mir stand, auf eine direkt vor der Büh­ne wehen­de unga­ri­sche Fah­ne zeig­te, auf der zu allem Über­fluß groß und deut­lich die Hei­li­ge Ste­phans­kro­ne abge­bil­det war, und sei­nen Beglei­ter frag­te: „Wos isa dehs fira Foh­ne? Is dehs Ita­li­en?“, über­leg­te ich mir zu  ers­ten Mal in mei­nem Leben, auf einer poli­ti­schen Ver­an­stal­tung eine Hand­greif­lich­keit vom Zau­ne zu bre­chen, ent­schied mich dann aber um, da für einen pen­cil pusher wie mich gegen die bei­den Bau­ern­bur­schen aus dem nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Wald­vier­tel (so mut­maß­te ich) nichts zu gewin­nen gewe­sen wäre.
 
Glau­ben Sie mir: Nie­mand, der Ihr Dia­ri­um regel­mä­ßig liest, möch­te mit die­ser Kli­en­tel im sel­ben Boot – oder öster­rei­chisch: im sel­ben Schi­na­kel – sit­zen.
 
Zwei­tens ver­nahm ich unlängst in einer älte­ren Fern­seh­do­ku­men­ta­ti­on zum bereits erwähn­ten Orden vom Gol­de­nen Vlies, der sich bekannt­lich der christ­li­chen Rit­ter­schaft, ja, dem Kamp gegen das Moham­me­da­ner­tum, ver­schrie­ben hat­te, wel­che Doku­men­ta­ti­on man auf einem bekann­ten und belieb­ten Video­por­tal anschau­en kann (hier) , fol­gen­de, bemer­kens­wer­te Wor­te aus dem Mun­de des letz­ten Kron­prin­zen Öster­reich-Ungarns, vor­let­zen Sou­ve­räns des Vlies­or­dens und lang­jäh­ri­gen CSU-Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten bei Minu­te 9:12ff.:
 
„Wer sich ein biß­chen mit der Geschich­te befaßt, der weiß, daß Bur­gund sozu­sa­gen der Aus­gangs­punkt der gan­zen Ent­wick­lun­gen auch bei uns, in unse­rem Raum, also im Donau­raum, gewe­sen ist, denn wir sind ja eigent­lich nur­mehr Erben der bur­gun­di­schen Tra­di­ti­on gewe­sen. Und nach­dem eines der Zen­tral­stü­cke die­ser bur­gun­di­schen Zivi­li­sa­ti­on und die­ser bur­gun­di­schen Kul­tur der Orden des Gol­de­nen Vlie­ses war, den ich ja sehr stark als eine Inte­gra­ti­on des bur­gun­di­schen Geis­tes betrach­te, muß ich sagen, daß ich die Auf­ga­be eines Sou­ve­räns des Ordens vom Gol­de­nen Vlies gera­de in der jet­zi­gen Zeit, wo wir ja wie­der die­se Tra­di­ti­on über­tra­gen auf die euro­päi­sche Eini­gung, daß das eine selbst­ver­ständ­li­che Funk­ti­on ist, natür­lich immer mit einer Ver­pflich­tung, daß wir dar­in den Sinn für Geschich­te und den Sinn für Tra­di­ti­on erhal­ten.“
 
Daß ich den letz­ten Teil­satz für beson­ders her­vor­he­bens­wert betrach­te, ver­steht sich von selbst.
 
Viel­leicht, da Sie nun das Ohr der Par­tei­spit­ze der AfD haben, regen Sie ein­mal an, daß Frau v. Storch, als Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te und gebo­re­ne Her­zo­gin von Olden­burg aus dem alten, däni­schen Königs- und rus­si­schen Kai­ser­hau­se derer von Schles­wig-Hol­stein-Got­torp (auch für den Thron Eng­lands wäre sie ja unter gewis­sen Vor­aus­set­zun­gen erb­be­rech­tigt) den gegen­wär­ti­gen CSU-Spit­zen­eu­ro­pä­er Man­fred Weber, sei­nes Zei­chens immer­hin Chef der stärks­ten Frak­ti­on, mit Otto v. Habs­burgs EU-bezo­ge­ner trans­la­tio impe­rii-Theo­rie kon­fron­tiert. Viel­leicht gewän­ne die Sache ja so Sinn, Gehalt und Ziel.
 
Schwen­ken Sie nur ruhig im beschrie­be­nen Sin­ne viel­leicht nicht den Uni­on Jack, wohl aber die Roy­al Stan­dard.
 
Hoch­ach­tungs­voll
Ihr
***

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Nun haben Sie, ver­ehr­ter Herr Klonovsky,

es in der Tat nicht so leicht, eine voll­kom­men pas­sen­de weib­li­che Füh­rungs­fi­gur in der Geschich­te zu fin­den. Köni­gin Lui­se ist gewiss zu mon­ar­chisch, so dass der Blick natür­lich zu schwei­fen beginnt…

Viel­leicht ist mein klei­ner ‚Leser­schnau­ber’ den­noch zu etwas gut: zur wei­te­ren Ver­deut­li­chung des Grun­des für den zugrun­de­lie­gen­den Niesreiz.

Mei­ne Fra­ge, ob es denn sinn­voll sei, AfD und Tories in einem Atem­zug zu nen­nen, war näm­lich mehr als eine Geschmäcklerischkeit.

Natür­lich habe ich Ihre For­mu­lie­rung, fai­rer­wei­se sogar an der Gren­ze zum Hin­ein­le­sen auf die Gold­waa­ge gelegt, aber das machen in der poli­ti­schen Are­na, in der Sie jetzt auch unter­wegs sind, eben lei­der und Gott sei Dank nicht nur die Keu­lenun­ken, son­dern auch die Sympathisanten.

Der Punkt ist über­spitzt gesagt der: die AfD wur­de vom „inne­ren Eng­land” gegrün­det, von Men­schen, die sich außer libe­ra­ler Öko­no­mie über­haupt nichts vor­stel­len und den­ken kön­nen – und die­sem Milieu dann gekonnt entwunden.

Als Herr Lucke und Co damals gehen muss­ten, waren es die vie­len „klei­nen Leu­te” unter den Dele­gier­ten mit teils kon­ser­va­ti­ven, teils „sozia­lis­ti­schen” (kol­lek­ti­ven, koope­ra­ti­ven, sozi­al­po­li­ti­schen) Antrie­ben, die das auf dem Par­tei­tag mit ihrer Stim­me mög­lich machten.

Die Par­tei­ge­schich­te: Einer Grup­pie­rung Wirt­schafts­li­be­ra­ler und Adam-Smith-Freaks mit im wesent­li­chen noch deut­schem Pass war aus Ver­se­hen, über einer Wäh­rungs­fra­ge, und ohne es recht zu mer­ken, am Abend der alten Bun­des­re­pu­blik unter der Hand eine Deutsch­land­par­tei ent­stan­den, genau in dem Moment als ob der Selbst­de­mon­ta­ge der Uni­on und des Selbst­mor­des der ehe­dem durch­aus lan­des­in­ter­es­sen­af­fi­nen SPD plötz­lich eine gro­ße Nach­fra­ge danach da war.

In letz­ter Kon­se­quenz emp­fin­den jene, die in der AfD die Luckes zuletzt raus­ge­stimmt haben und die kei­nes­wegs allein flüch­ti­ges Uni­ons­mi­lieu sind, in die­sem Sin­ne als „kon­ser­va­tiv-sozia­lis­tisch” (jedoch ohne Ple­be­je­r­tum und rote Fah­ne), aber eben nicht pri­mär libe­ral, schon gar nicht im Sin­ne des (vor­herr­schen­den) rei­nen Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus angel­säch­si­scher Provenienz.

Das Wort „libe­ral”, es klingt auch so fein: das heu­ti­ge AfD-Publi­kum wird wenig gegen eine effi­zi­ent orga­ni­sier­te Müll­ab­fuhr haben, den homo oeco­no­mic­us, den Gedan­ken vom „Jeder gegen Jeden” als Lebens­sinn, dem Leben als Geld­sam­mel­sport­ver­an­stal­tung und Omas iro­ni­schem „Wenn jeder an sich denkt, ist doch an jeden gedacht” hin­ge­gen ziem­lich skep­tisch sehen. Und zwar, das ist der Punkt, sowohl aus kon­ser­va­ti­ven wie aus „sozia­lis­ti­schem” Impe­tus. Den einen sind die Nadel­stei­f­lin­ge peku­ni­är zuwi­der, den ande­ren ideell.

Auf den Spu­ren des Libe­ra­lis­mus in Deutsch­land, da ist man eher auf den Spu­ren von Theo­dor Kör­ner, der Schwarz-Rot-Gol­de­nen Fah­ne, Lud­wig Uhland oder der Pauls­kir­che unterwegs.

Auf der deut­schen Rech­ten libe­ral-kon­ser­va­tiv akzep­ta­bel (für die Indus­trie und das Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um usw. natür­lich unver­zicht­bar) ist hier­zu­lan­de der schwarz­rot­gol­de­ne Zah­len­be­gab­te – nicht der glo­bal aus­tausch­ba­re und kul­tura­sep­ti­sche Zah­len­funk­tio­när. Man ver­glei­che ein­mal Karl Schil­ler und Mario Draghi.

Bri­ti­scher Libe­ra­lis­mus und bri­ti­scher Kon­ser­va­tis­mus sind kom­pa­ti­bel. Wobei auch die „Con­ser­va­ti­ve Par­ty” erz­li­be­ral ist – und zwar im sel­ben Sinn des 19. Jahr­hun­derts. Deut­scher Libe­ra­lis­mus und Kon­ser­va­tis­mus sind eben­falls kom­pa­ti­bel. Nur das hier die Kon­ser­va­ti­ven den Ton ange­ben und kei­nes­wegs pri­mär eine Wirt­schafts­phi­lo­so­phie im Sinn haben.

Die bei­den poli­ti­schen Lebe­we­sen, das insu­la­re und das kon­ti­nen­ta­le, sie sind bei­de „ok”, aber nicht ver­misch­bar. Sowe­nig wie der Uti­li­ta­ris­mus und der Geist von Pots­dam, sowe­nig wie Blut­grup­pe A und B. Sie kön­nen koexis­tie­ren, sie kön­nen auch koope­rie­ren. Aber man kann sie auf gar kei­nen Fall ineinanderkippen.

Die Ver­klum­pung, und es gab sie in der AfD, sie ist erst durch den Abgang der geis­tig Fremd­loya­len geheilt worden.

Die jet­zi­ge AfD-Füh­rung wur­de, das ist der ent­schei­den­de Punkt, nicht für und nicht mit, son­dern ein­deu­tig gegen das inne­re Eng­land an die Par­tei­spit­ze gewählt. Das hat­te eine gro­ße Bedeu­tung: Erst mit die­sem Schritt wur­de die AfD zur brauch­ba­ren Par­tei für die all­ge­mei­nen deut­schen Ange­le­gen­hei­ten außer­halb der EURO-Frage.

Wenn Sie das schlimms­te Gift suchen, das Sie dem kon­ser­va­tiv-sozia­lis­ti­schen (koope­ra­ti­ven) Kris­tall, wie er hin­ter der AfD steht, nebst sei­nem akzep­ta­blen halb­wegs schwarz­rot­gol­den-libe­ra­len Bei­boot inji­zie­ren kön­nen, dann fin­den Sie es in Ver­tre­tern und Denk­mus­tern oder auch nur Images der insu­la­ren Staats- und Wirtschaftsphilosophie.

Hier­aus ent­stand die Ver­wun­de­rung, die heu­ti­ge, in ihren geis­ti­gen Grund­la­gen ja nun eini­ger­ma­ßen lan­des­kul­tur­kom­pa­ti­bel daste­hen­de AfD in der Nähe des Wor­tes „Tories” zu lesen.

In einer Hin­sicht war die Anmer­kung weni­ger fein­sin­nig, als Sie ver­mu­te­ten. Es ging mir nicht um Tories im Sin­ne von Tories und Whigs. Da hät­te auch Lib­Dems ste­hen kön­nen – oder Alfa. Ganz egal. Der Punkt ist: Es hät­te mit Blick auf das, was die AfD ist, in jedem Fall wie „Glück und Blubb” geklungen.

Jedes Mil­li­gramm aus dem Geist von Lucke und Hen­kel und deren „Hel­den” wirkt für die AfD wie ein schwe­res Senk­blei in Rich­tung poli­ti­schem Nir­wa­na. Es gibt in der AfD star­ke sozia­lis­ti­sche Instink­te und star­ke kon­ser­va­ti­ve. Es gibt auch star­ke libe­ra­le, aber nicht im Sin­ne der Aus­beu­tung Schott­lands, son­dern allein schwarzrotgoldene.

Man tut der AfD-Füh­rung vor die­sem Hin­ter­grund kei­nen Gefal­len, wenn man sie auch nur hauch­wei­se aus einer freund­li­chen Lau­ne her­aus finanz­na­del­strei­fen­in­su­lar affiziert.

Die Kon­ser­va­ti­ven gehen dann auf die Bar­ri­ka­den, weil es kul­turun­stim­mig ist und den deut­schen Geist mit Buch­hal­ter­ho­ri­zon­ten zu über­la­gern droht; die Sozia­lis­ten, weil es aso­zi­al und der Staat für sie kein mate­ria­lis­ti­scher Trans­mis­si­ons­rie­men ist.

Wenn Sie gefragt wur­den, ob Sie die „klei­nen Leu­te” zur Links­par­tei zurück­brin­gen wol­len, so kann die AfD das tat­säch­lich nur ver­mei­den, wenn sie Sozi­al­po­li­tik betreibt, nicht indem sie Sozi­al­po­li­tik unter­mi­niert (ein Tory-Hob­by übrigens).

Eine gesell­schafts­po­li­tisch reak­tio­nä­re Poli­tik (für Gott und gegen Gen­der etc.) kann die deut­sche Rech­te über­haupt nur machen, wenn sie die­se mit einer pro­gres­si­ven Sozi­al­po­li­tik ver­bin­det. „Der klei­ne Mann” ist (außer er ist cha­rak­ter­lich min­der­wer­tig und bol­sche­wis­tisch ver­dor­ben, was aber sel­ten ist) eben nicht der Feind des Rech­ten, son­dern sein natür­li­cher Ver­bün­de­ter. Die SPD bekommt das gera­de sehr schmerz­lich zu spü­ren. ER, der klei­ne Mann, bringt die Man­power an die Wahl­ur­ne. Bei­der Geg­ner ist, wenn auch aus unter­schied­li­chen Grün­den – Welt­an­schau­ung und Über­le­ben – der Homo Oeco­no­mic­us, der kate­go­rien­re­du­zier­te Wirtschaftsegoist.

Die „Wirt­schafts­in­nen­po­li­tik” angel­säch­si­scher Län­der ist ein Kampf oben gegen unten. DAS auch nur ansatz­wei­se in eine deut­sche Rechts­par­tei getra­gen und der Laden zer­springt im Klas­sen­kampf in alle Rich­tun­gen. Es ist unschwer vor­stell­bar, wie die AfD in Rich­tung FDP und in Rich­tung Links­par­tei aus­ein­an­der­fliegt. Und weil das so leicht ist, muss man sie von allem frei­hal­ten, was auch nur ansatz­wei­se dazu bei­tra­gen kann, den Bund (…) zu spren­gen. Eine sol­che Par­tei mag ein paar kom­pa­ti­ble (eige­ne) Libe­ra­le ver­tra­gen und braucht sie auch für bestimm­te Res­sorts, will sie regie­ren. Aber wenn sie es nicht schafft, sich von den geis­ti­gen Nie­de­run­gen ihrer Fein­de frei zu hal­ten, fliegt ihr der Laden irgend­wann um die Ohren.

Es ist nicht Ihr Vor­ha­ben, ich weiß es. Aber Sie kön­nen ent­lang von E‑Mails wie die­ser hier, die ja von kaum mehr als Nichts aus­ge­löst wer­den, ermes­sen, was für ein Kra­ter vol­ler Pfäh­le sich auf­tut, wenn man von der inte­gra­ti­ven und ideel­len kon­ti­nen­ta­len Linie abrückt.

Das Sum­men der Mar­seil­lai­se im spa­ni­schen Wahl­kampf ist eine Klei­nig­keit ver­gli­chen mit der Pro­jek­ti­on der Poli­tik einer deut­schen Volks­par­tei auf die poli­ti­sche Kul­tur der Insel.

Ihrem Nach­trag nach zu Urtei­len war ich ja auch nicht die ein­zi­ge „Beschwer­de”…

Viel­leicht pus­ten Sie an einem Muße­tag mit Blick auf den „Mas­sen­kris­tall” ein­mal den Staub von Speng­lers ‚Preu­ßen­tum und Sozia­lis­mus’. Der beschrieb es auch ganz gut, etwas „frit­zi­scher” als in der hier gestreif­ten schwarz­rot­gol­de­nen Linie, wei­ter im Blick, ist dafür frei­lich nur mit Ver­dün­nungs­fak­tor zehn hin­sicht­lich der Schluß­fol­ge­run­gen zu gebrau­chen. Den Par­la­men­ta­ris­mus als mate­ria­lis­ti­sche Volks­ver­rats­or­ga­ni­sa­ti­on angrei­fen wie die Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on ist natür­lich Unfug, weil dann der Rechts­staat verschwindet.

Aber inner­halb erneu­er­ter Par­la­men­te in Deutsch­land auch ein­mal nicht bloß geschei­te, son­dern geis­tig rele­van­te Debat­ten ober­halb der Mate­ria­lis­ten­ho­ri­zon­te von FDP und Links­par­tei zu füh­ren – DAS wäre phan­tas­tisch und ist a.m.S. eine sehr wesent­li­che Auf­ga­be und ein Poten­zi­al der AfD.

So, nun tau­che ich wie­der ein in mein stil­les Dasein, das dem Lin­ken als das eines Snobs erscheint, dem Libe­ra­len als das eines Tau­ge­nichts und dem Rech­ten als das eines (klei­nen) Pri­vat­ge­lehr­ten. Hier habe ich ich aller­dings tat­säch­lich ein wenig die Pflicht emp­fun­den, zur minen­feld­ma­xi­mal­ent­fern­ten Posi­tio­nie­rung der größ­ten poli­ti­schen Bega­bung in Deutsch­land mein beschei­den Scherf­lein bei­zu­tra­gen, und hof­fe auch dann auf Ihr Ver­ständ­nis, wenn dies gar nicht nötig war.

Eine gute Zeit und Got­tes Segen wünscht Ihnen und ihr

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