„Eine politisch betriebene Diskussion”


Fein­staub, spe­zi­ell aus Auto­ab­ga­sen, ist eine wis­sen­schaft­lich beleg­ba­re Gefahr, NO2 nicht. Beim Umstieg auf e‑Mobile wird sich die Fein­staub­be­las­tung nicht wesent­lich ändern, mit NO2-Grenz­wer­ten trifft man gezielt den Ver­bren­nungs­mo­tor / Ein Brief des Bio­lo­gen Rudolf A. Jör­res, Lei­ter der AG „Expe­ri­men­tel­le Umwelt­me­di­zin” an der LMU München

Sehr geehr­ter Herr Klonovsky,

hier­mit bezie­he ich mich auf Ihre Bemer­kun­gen vom 22. Novem­ber 2018 zu Luft­schad­stof­fen und schrei­be Ihnen als jemand, der seit mehr als 30 Jah­ren über deren Wir­kung beim Men­schen arbei­tet und ver­mut­lich der­je­ni­ge ist, der dazu in D. am längs­ten und umfang­reichs­ten eige­ne wis­sen­schaft­li­che, v.a. expe­ri­men­tel­le Erfah­rung vor­zu­wei­sen hat. Die sog. Dis­kus­si­on um NO2 ist tat­säch­lich in mei­nen Augen absurd, die um Fein­staub nicht. Ein ande­res wie­der­um sind die Fol­ge­run­gen, die man aus Daten zieht (sie­he 1.). Viel­leicht ist es für Sie in die­sem Zusam­men­hang inter­es­sant, zu erfah­ren, dass ich der­je­ni­ge bin, der ursprüng­lich die „men­schen­ver­ach­ten­den Ver­su­che” zum NO2, die in Aachen erfolg­ten, geplant hat. Die Auf­trit­te und Aus­las­sun­gen eini­ger Jour­na­lis­ten, die ich danach erle­ben konn­te, über­tra­fen an Aber­witz alles, was man sich vor­stel­len kann (beson­ders mali­gne NDR, WDR, Stern, Mül­ler-Jung von der FAZ), und sie ergä­ben genug Mate­ri­al für kaba­ret­tis­ti­sche Auftritte.

(1) Der ers­te Grund für die Absur­di­tät ist ganz all­ge­mein und tri­vi­al, näm­lich, dass Sein nie­mals Sol­len impli­ziert. Die Wis­sen­schaft kann nur sagen, dass etwas so und so (ver­mut­lich) ist, oder dass dann, wenn man so und so han­delt, ver­mut­lich die­se und jene Fol­gen ein­tre­ten wer­den. Die Ent­schei­dung über das Han­deln jedoch wird über exter­ne Kri­te­ri­en bestimmt, und dabei geht es immer um die Abwä­gung der Kon­se­quen­zen, allein das ist von Rele­vanz. Nie­mand bei­spiels­wei­se argu­men­tiert für die Abschaf­fung des Indi­vi­du­al­ver­kehrs auf­grund von ca. 3200 Ver­kehrs­to­ten pro Jahr (2017). Dies wäre offen­bar direkt und indi­rekt mit mas­si­ven Ein­bu­ßen an Wohl­stand ver­bun­den, der in sum­ma vie­len ein gutes, lan­ges Leben sichert. Es ist kei­nes­wegs para­dox, bei einer ins­ge­samt stei­gen­den Lebens­er­war­tung zugleich lebens­ver­kür­zen­de Fak­to­ren zu indu­zie­ren oder in Kauf zu neh­men, und umge­kehrt es ist abwe­gig, die Exis­tenz lebens­ver­kür­zen­der Fak­to­ren mit dem Argu­ment einer stei­gen­den Lebens­er­war­tung leug­nen zu wol­len. Die lebens­ver­län­gern­den über­wie­gen halt.

Umge­kehrt könn­te das Bestre­ben, die lebens­ver­kür­zen­den zu eli­mi­nie­ren, bedeu­ten, zugleich – in sum­ma stär­ker zu Buche schla­gen­de – lebens­ver­län­gern­de zu eli­mi­nie­ren, mit dem Ergeb­nis einer Lebens­zeit­ver­kür­zung. Man kann nun ein­mal nicht alles zugleich haben. Die­ses Abwä­gen scheint in dem herr­schen­den, gera­de­zu reli­giö­sen poli­ti­schen Eifer ver­lo­ren gegan­gen. Aus Tat­sa­chen unmit­tel­bar, ohne Abwä­gen ein Han­deln ablei­ten zu wol­len, sowie als Tat­sa­chen nur das zu akzep­tie­ren, was bestimm­te, gewünsch­te Hand­lun­gen recht­fer­tigt, scheint mir ein cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal einer tota­li­tä­ren, ein­di­men­sio­na­len Men­ta­li­tät, gleich wel­cher Couleur.

(2) Der zwei­te Punkt betrifft die Wis­sen­schaft selbst. Ich hat­te kürz­lich eine Pro-Con-Ver­an­stal­tung zur Gefähr­lich­keit von Die­sel­ab­ga­sen. Hier­bei ver­trat ich die Posi­ti­on, dass Fein­staub, spe­zi­ell aus Auto­ab­ga­sen, eine wis­sen­schaft­lich sehr wohl beleg­ba­re Gefahr dar­stellt, wäh­rend das für NO2 im All­ge­mei­nen nicht gilt, und habe das in aller Aus­führ­lich­keit anhand von Daten belegt. NO2 dürf­te pri­mär ein Mar­ker einer Umwelt­be­las­tung sein, ist selbst aber ohne oder nur von gerin­ger Wirkung.

Die epi­de­mio­lo­gi­schen Beob­ach­tun­gen zum Fein­staub, spe­zi­ell Par­ti­keln aus Auto­ab­ga­sen, kann man inzwi­schen gut beim Men­schen plau­si­bel machen und expe­ri­men­tell nach­voll­zie­hen, dazu gibt es vie­le Arbei­ten vor allem aus einer schwe­di­schen Arbeits­grup­pe. So kann man zei­gen, dass es u.a. um Effek­te auf die Gefäß­funk­ti­on geht, dass es sich um die (ultra­fei­ne) Par­ti­kel­frak­ti­on aus Auto- und spe­zi­ell aus Die­sel­ab­ga­sen han­delt, nicht um die Gase und auch nicht um ande­re Umwelt­par­ti­kel, usw. Zwar sind die gewähl­ten Kon­zen­tra­tio­nen viel höher (8–10x) als die­je­ni­gen in der Umwelt, doch ist der Abstand zu den Umwelt­kon­zen­tra­tio­nen nicht extrem groß (sie­he Anmer­kun­gen zum NO2 unten). Fer­ner schei­nen die Pathome­cha­nis­men, die anzu­neh­men oder zu detek­tie­ren sind, plau­si­bel, vor allem sind auch expe­ri­men­tell Per­so­nen, die Vor­er­kran­kun­gen des Herz-Kreis­lauf­sys­tems auf­wei­sen, empfindlicher.

Das alles passt aus der Sicht eines (expe­ri­men­tell ver­sier­ten) Wis­sen­schaft­lers der­art zusam­men, dass man den epi­de­mio­lo­gi­schen Daten im Wesent­li­chen glau­ben kann, wenn auch mit jener gewis­sen Reser­ve, die jeder haben muss, der die­se ana­ly­ti­schen Pro­ze­du­ren und ihre Schwä­chen kennt; wir haben aber nichts Bes­se­res. Aus die­sen Grün­den sind wir bei Par­ti­keln längst über das Sta­di­um der Kor­re­la­ti­on hin­aus und kön­nen von Kau­sa­li­tät ausgehen.

(3)  Für NO2 gilt das nicht, außer ver­mehr­ten Sym­pto­men bei Kin­dern mit Asth­ma bei hoher Innen­raum­be­las­tung durch Gas­öfen und ‑her­de; das ist seit ca. 30 Jah­ren bekannt, wird durch neue Daten gestützt und ist pri­mär ein US-Pro­blem. Es passt zu den expe­ri­men­tel­len Befun­den, dass NO2 bei Asth­ma­ti­kern die Atem­wegs­emp­find­lich­keit ver­stär­ken kann. Soli­de Hin­wei­se auf Zusam­men­hän­ge mit der Mor­ta­li­tät und ein Neu­auf­tre­ten von Erkran­kun­gen gibt es jedoch von die­ser Sei­te nicht.

Sie stel­len eini­ge Über­le­gun­gen zu den NO2-Grenz­wer­ten an, die ich beacht­lich fin­de, weil Sie als Laie auf der rich­ti­gen Spur sind, denn die ger­ne vor­ge­brach­te und akzep­tier­te Argu­men­ta­ti­on z.B. des UBA, dass der eine Wert für gesun­de Arbei­ter und der ande­re für emp­find­li­che Per­so­nen gel­te, ist m.E. irre­füh­rend. Die ent­schei­den­de Fra­ge (jeden­falls für sol­che, die sel­ber den­ken und das auch kön­nen) ist näm­lich nicht, ob jemand sol­che Unter­schie­de macht, son­dern ob sie berech­tigt sind, umso mehr, als der poli­ti­sche Ein­fluss auf die Grenz­wert­fest­set­zung mit Hän­den zu grei­fen ist.

Zum Arbeits­platz­grenz­wert ist fol­gen­des fest­zu­stel­len. Der Wert lag in Deutsch­land bis vor weni­gen Jah­ren bei 5 ppm, d.h. dem Zehn­fa­chen des heu­ti­gen Grenz­wer­tes von 0,5 ppm (ca. 950 µg/cbm), ohne dass Pro­ble­me bekannt gewor­den wären, der Grenz­wert durf­te und darf ja sogar mehr­fach am Tage kurz­zei­tig über­schrit­ten wer­den. Die Absen­kung erfolg­te im Wesent­li­chen auf der Basis von Tier­ver­su­chen, soli­de Daten beim Men­schen lie­gen nicht vor (ich hielt und hal­te die Absen­kung in die­ser Höhe für über­trie­ben und nicht gut begrün­det). Expe­ri­men­tell beob­ach­tet man beim Men­schen nur gerin­ge oder gar kei­ne Effek­te von NO2 auch bei hohen Kon­zen­tra­tio­nen, vor allem kei­ne, die man sinn­voll mit Erkran­kun­gen in Ver­bin­dung brin­gen könn­te, es ist alles kom­plett unspe­zi­fi­sche Reizwirkung.

So ist es kom­plett unplau­si­bel, dass laut UBA NO2 für 400.000 Dia­be­tes­fäl­le in Deutsch­land ver­ant­wort­lich sein soll. Dafür gibt es kei­nen bekann­ten, ein­leuch­ten­den Pathome­cha­nis­mus, und der ger­ne (in Kom­pe­tenz-Pose) vor­ge­brach­te Aus­druck „sys­te­mi­sche Ent­zün­dung” ist nur eine Phra­se, es fehlt alles Kon­kre­te, Detail­lier­te. NO2 wird an der Ober­flä­che der Atem­we­ge absor­biert, und wir haben kei­ne Hin­wei­se auf rele­van­te, sys­te­mi­sche, außer­halb der Lun­ge ablau­fen­de Reak­tio­nen, die einen Dia­be­tes ver­ur­sa­chen könn­ten (eine mehr als 25 Jah­re alte Arbeit, die einen – anders­ge­ar­te­ten – sys­te­mi­schen Effekt fand, ver­wen­de­te eine Kon­zen­tra­ti­on von ca. 4000 µg/cbm NO2). Anders ist das beim Fein­staub, bei dem es gute Daten gibt, dass ultra­fei­ne Par­ti­kel in die Zir­ku­la­ti­on über­tre­ten und in ande­ren Orga­nen sowie im Gefäß­sys­tem abträg­lich wir­ken kön­nen. Ent­spre­chend kann man leich­te Erhö­hun­gen von Indi­ka­to­ren einer sys­te­mi­schen Ent­zün­dung inner­halb weni­ger Tage nach einer ver­mehr­ten Fein­staub­be­las­tung in der Umwelt messen.

(4) Das Haupt­pro­blem des NO2 in der epi­de­mio­lo­gi­schen Ana­ly­se ist sei­ne enge Kor­re­la­ti­on mit ande­ren Schad­stof­fen, die es sehr schwie­rig macht, sei­ne Effek­te zu iso­lie­ren. Daher kommt den genann­ten patho­phy­sio­lo­gi­schen Plau­si­bi­li­täts­über­le­gun­gen eine beson­de­re Bedeu­tung zu. Hier macht sich bemerk­bar, dass m.E. in der hier rele­van­ten Epi­de­mio­lo­gen-Sze­ne nur (noch) wenig oder kei­ne spe­zi­fi­sche patho­phy­sio­lo­gi­sche Kom­pe­tenz vor­han­den und daher Absur­di­tä­ten Tür und Tor geöff­net ist, mögen die auch mit wis­sen­schaft­lich klin­gen­den All­ge­mein­hei­ten kaschiert wer­den. Man hat den Ein­druck, dass da oft bloß noch gerech­net wird, in einem über­mä­ßi­gen Ver­trau­en auf sta­tis­ti­sche Model­le, und fühlt sich an das klas­si­sche Bei­spiel erin­nert: ein Rad­fah­rer fährt von A nach B und zurück und ver­liert dabei 1 kg pro Fahrt. Der Rad­fah­rer wiegt 70 kg. Wie oft kann er fah­ren? Na klar: 70mal.

In die­ser Hin­sicht hat Die­ter Köh­ler recht, es gibt da teils eine bemer­kens­wert unkri­tisch lau­fen­de (und in mei­nen Augen über die För­de­rungs­ver­ga­be teils auch poli­tisch kor­rup­te) Maschi­ne­rie. Wir selbst haben vor mehr als 10 Jah­ren Ana­ly­sen auf der Ebe­ne ein­zel­ner Per­so­nen durch­ge­führt, denn wir hat­ten das Glück, auf einen Daten­satz zugrei­fen zu kön­nen, in dem für ein­zel­ne Pati­en­ten (fast) täg­li­che Mes­sun­gen über einen lan­gen Zeit­raum vor­la­gen. Dabei zeig­te sich, dass sie ganz unter­schied­lich, ja ent­ge­gen­ge­setzt auf Luft­schad­stof­fe und Wit­te­rungs­be­din­gun­gen reagier­ten. Das mag intrinsi­sche Cha­rak­te­ris­ti­ka der Pati­en­ten wider­spie­geln, es kann aber auch auf den Zufall ver­wei­sen, der sol­chen Ana­ly­sen trotz aller for­ma­len sta­tis­ti­schen Qua­li­täts­kon­trol­le inhä­rent ist. In jedem Fall ste­he ich Pau­scha­l­ana­ly­sen seit­dem noch skep­ti­scher gegen­über als vorher.

In Über­ein­stim­mung damit ist es auch unplau­si­bel (selbst wenn man Aus­wahl­ef­fek­te beson­ders robus­ter Per­so­nen am Arbeits­platz in Rech­nung stellt, healt­hy worker effect), dass eine Belas­tung mit 950 µg/cbm ent­spre­chend 0,5 ppm (oder gar 5 ppm) über 40 Jah­re an 5 Tagen die Woche für jeweils 8 Stun­den bei einem Arbei­ter fol­gen­los bleibt, wäh­rend die nur tem­po­rä­ren Belas­tun­gen der All­ge­mein­be­völ­ke­rung, auch Kran­ker, Alter und Kin­der mit 40 µg/cbm dele­tä­re Effek­te haben.

Das genau ist der Punkt. Damit zu argu­men­tie­ren, dass die Unter­schie­de der Grenz­wer­te so und so gedacht sind, heißt die Berech­ti­gung die­ser Unter­schie­de vor­aus­set­zen, und die scheint mir nicht gege­ben. Der Arbeits­platz­grenz­wert bezieht sich exakt auf NO2, und nichts sonst, und sei­ne Höhe spie­gelt pri­mär die sehr gerin­gen Effek­te von NO2 wider. In der Umwelt jedoch ist NO2 pri­mär ein Mar­ker einer Gesamt­be­las­tung, den selbst zu regu­lie­ren wenig Sinn ergibt. Dies gilt erst recht, wenn man auf­grund von Ände­run­gen der Moto­ren­tech­no­lo­gien davon aus­ge­hen muss, dass sei­ne Bezie­hung zu ande­ren Luft­schad­stof­fen sich ver­än­dert, erst recht ver­gli­chen mit den Daten, auf denen die Mas­se der epi­de­mio­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen basiert. Aus die­ser Sicht ist der Wert von ca. 100 µg/cbm der ame­ri­ka­ni­schen Umwelt­be­hör­de EPA, den die­se auf der Basis einer sorg­fäl­ti­gen, peni­blen, selbst­kri­ti­schen Ana­ly­se vor­schlug, viel bes­ser begrün­det als die 40 µg/cbm und ent­hält genug Sicher­heits­mar­ge. Und natür­lich ist der Abstand von 950 oder 9500 zu 40 µg/cbm per se so gigan­tisch, dass er durch sehr gute expe­ri­men­tel­le Befun­de plau­si­bel gemacht wer­den müss­te; das ist nicht der Fall. Man kann sich inter­es­san­ter­wei­se viel eher einen patho­phy­sio­lo­gi­schen Mecha­nis­mus über­le­gen, durch den Stick­stoff­mon­oxid (NO, nicht NO2) bei Pati­en­ten mit einer bestimm­ten Kom­bi­na­ti­on schwe­rer Grund­er­kran­kun­gen einen dele­tä­ren Effekt haben könn­te, aber das ist ein ande­res The­ma, und dazu gibt es kei­ne hin­rei­chen­den Daten.

(5) Man­cher wird sich noch an die Ozon­hys­te­rie in den 1990er-Jah­ren erin­nern, doch von Ozon spricht heu­te nie­mand mehr, und das, obwohl eine ratio­na­le Ana­ly­se der wis­sen­schaft­li­chen Daten dem Ozon eine viel grö­ße­re Bedeu­tung als dem NO2 zuschrei­ben muss. Ver­gli­chen mit NO2 ist der Abstand zwi­schen expe­ri­men­tell wirk­sa­men und epi­de­mio­lo­gisch als wirk­sam behaup­te­ten Kon­zen­tra­tio­nen für Ozon viel klei­ner. Die­se unter­schied­li­che Behand­lung scheint mir ein wei­te­rer Aus­druck der Irra­tio­na­li­tät in der öffent­li­chen, poli­tisch getrie­be­nen Behand­lung des Themas.

(6) Und damit kom­me ich zu den Kri­ti­kern der öffent­li­chen Hys­te­rie, ins­be­son­de­re Herrn Köh­ler und Herrn Het­zel, die es in mei­nen Augen eben­falls zumin­dest teil­wei­se über­trei­ben und vor allem – das ist für mich die Haupt­sa­che – Kri­ti­kern der Hys­te­rie schlech­te Argu­men­te an die Hand lie­fern, die es ande­ren wie­der­um leicht­ma­chen, sie als Wis­sen­schafts­fein­de abzu­tun. Ich ken­ne und schät­ze Die­ter Köh­ler als umfas­send gebil­de­ten, intel­li­gen­ten, intel­lek­tu­ell eigen­stän­di­gen Den­ker, kei­nes­wegs eine Selbst­ver­ständ­lich­keit heu­te, but in this case he seems to be going astray. Weder Herr Köh­ler noch Herr Het­zel ver­ste­hen genug von epi­de­mio­lo­gi­schen und expe­ri­men­tel­len Stu­di­en zum The­ma, um die Sache aus eige­ner Erfah­rung beur­tei­len zu kön­nen. Das muss ich sagen, auch wenn mir bei­de sym­pa­thisch sind als sol­che, die einem dreis­ten, selbst­ge­fäl­li­gen Kon­for­mis­mus, der sich breit­ge­macht hat, widersprechen.

Auf der genann­ten Ver­an­stal­tung ope­rier­te Herr Köh­ler mono­ton mit dem Argu­ment über­se­he­ner ande­rer Ein­fluss­grö­ßen (v.a. Lebens­stil­fak­to­ren, Rau­chen), hat­te aller­dings dem ent­schei­den­den Argu­ment, dass man auch im zeit­li­chen Ver­lauf am glei­chen Ort Kor­re­la­tio­nen beob­ach­tet, nichts Sub­stan­zi­el­les ent­ge­gen­zu­set­zen. Es ist näm­lich extrem unwahr­schein­lich, dass die Leu­te ihren Lebens­stil kurz­zei­tig in Abhän­gig­keit davon ändern, was gera­de in der Luft ist, vor allem wenn es unter­halb der Wahr­neh­mungs­schwel­le liegt. Auch unter­schät­zen bei­de die Kon­sis­tenz der Mas­sen von vor­lie­gen­den Daten, sie sind halt Kli­ni­ker, deren Blick pri­mär auf ein­zel­ne Pati­en­ten geht. Dem Argu­ment, dass dann auch die Effek­te des Pas­siv­rau­chens, die klar nach­ge­wie­sen und patho­phy­sio­lo­gisch plau­si­bel sind, abzu­strei­ten wären, hat­te Herr Köh­ler eben­falls nichts ent­ge­gen­zu­set­zen. Die (frü­her stär­ke­re) Pas­siv­rauch­be­las­tung ent­spricht näm­lich im Mit­tel unge­fähr der heu­ti­gen Ver­kehrs­be­las­tung, und die Ergeb­nis­se für das Gesund­heits­ri­si­ko sind ähn­lich, soweit es ver­gleich­ba­re Daten gibt (v.a. Lun­gen­krebs). Das spricht für die Rich­tig­keit der Befunde.

(7) Die Ver­gleichs­rech­nun­gen mit kumu­la­ti­ven Belas­tun­gen des Ziga­ret­ten­rau­chens igno­rie­ren völ­lig die Tat­sa­che, dass Orga­nis­men adap­ti­ve, indi­vi­du­ell ver­schie­de­ne Sys­te­me sind, ein mul­ti­pel reagie­ren­des Geflecht von Fak­to­ren, die sich auch zufäl­lig in die eine oder ande­re Rich­tung zusam­men­fü­gen, vor allem, solan­ge wir es mit nied­ri­gen Risi­ken zu tun haben. Meist läuft alles gut, aber es kann auch rein durch Zufall schief­ge­hen, und zufäl­li­gen Ereig­nis­sen, tem­po­rä­ren Fehl­re­gu­la­tio­nen müs­sen wir bei­spiels­wei­se bei der Krebs­ent­ste­hung eine gro­ße Rol­le zuschrei­ben. In wel­che Rich­tung der Zufall neigt, dar­über ent­schei­den Umwelt­fak­to­ren mit. Wir sehen die­ses Zusam­men­spiel gering­fü­gi­ger Ände­run­gen in kli­nisch-epi­de­mio­lo­gi­schen Ana­ly­sen laufend.

Um es in einem Bild zu ver­an­schau­li­chen: Wir wer­den sozu­sa­gen mit einer rie­si­gen Revol­ver­trom­mel zum Rus­si­schen Rou­let­te gebo­ren, die jeden Tag ohne unser Zutun gedreht wird. Risi­ken ein­ge­hen bedeu­tet, Patro­nen ein­zu­fül­len, schüt­zen­de Fak­to­ren zu imple­men­tie­ren bedeu­tet, Patro­nen her­aus­zu­neh­men. Ab einem bestimm­te Alter wird sogar jedes Jahr stan­dard­mä­ßig eine Patro­ne ein­ge­füllt. Am Ende aber ist die rie­si­ge Trom­mel so oft gedreht wor­den, dass kei­ner mehr weiß, wel­che Patro­ne es denn war. Was zählt, ist die Gesamt­zahl der Patro­nen, die bestimmt das Risi­ko. Und selbst wenn nur eine ein­zi­ge Kam­mer der Trom­mel leer bleibt, kann man 100 Jah­re alt wer­den, falls man Glück hat.

Die­ser Ver­gleich mag man­chen bru­tal erschei­nen, er trifft aber die Sache sehr genau. Auch sehr klei­ne Bei­trä­ge kön­nen für das Indi­vi­du­um rele­van­te Kon­se­quen­zen haben, selbst dann, wenn man einen nai­ven, direk­ten Kau­sa­li­täts­nach­weis nicht zu füh­ren imstan­de ist. So bestehen an den man­nig­fa­chen, kumu­la­ti­ven, aber auch von Zufäl­lig­kei­ten abhän­gi­gen abträg­li­chen Effek­ten des Ziga­ret­ten­rau­chens kei­ne Zwei­fel, auch wenn noch nie jemand nach dem Ziga­ret­ten­rau­chen tot umge­fal­len oder in kur­zer Zeit gestor­ben ist. (Beim Ziga­ret­ten­rau­chen ist in mei­nen Augen die wirk­lich wis­sen­schaft­lich inter­es­san­te, nicht unter­such­te Fra­ge, war­um es bei vie­len so ver­blüf­fend wenig macht, und mir scheint es auch aus ande­ren Grün­den abwe­gig, mit ihm für die Harm­lo­sig­keit von Fein­staub zu argumentieren.)

Ich den­ke daher, wer gegen Fein­staub so wie Herr Köh­ler oder Herr Het­zel argu­men­tiert, hat am Ende schlech­te Kar­ten. Beim NO2 ver­hält es sich anders (sie­he 3. und 4.). Was man aus den geschätz­ten Risi­ken fol­gert und wel­che davon man in Kauf nimmt, ist aller­dings eine ganz ande­re Sache (sie­he 1.). Ich per­sön­lich sehe zum Bei­spiel ganz klar kei­nen Hand­lungs­be­darf für NO2.

(8) Aus die­sen Grün­den ent­behrt m.E. die öffent­li­che Dis­kus­si­on über NO2 auch wis­sen­schaft­lich der Grund­la­ge. Sie ist offen­bar poli­tisch getrie­ben, von typisch deut­schen Prot­ago­nis­ten der Welt­ver­bes­se­rung und des hohen mora­li­schen Tons. Es geht gegen den Indi­vi­du­al­ver­kehr als sol­chen, das zu erken­nen braucht es kei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rien, man muss nur die Ver­laut­ba­run­gen der Prot­ago­nis­ten lesen. Die Auto­ab­ga­se stel­len nur einen, wenn auch beson­ders wirk­sa­men, Teil des Fein­staubs, und beim Umstieg auf e‑Mobile wird sich die Gesamt­be­las­tung nicht wesent­lich ändern. Mit NO2 hin­ge­gen trifft man gezielt den Ver­bren­nungs­mo­tor und kann die­sen eli­mi­nie­ren, und damit den Indi­vi­du­al­ver­kehr – ohne dass man aller­dings eine ernst­zu­neh­men­de Alter­na­ti­ve hät­te. Denn natür­lich wis­sen die Prot­ago­nis­ten, dass die e‑Mobile kein Mas­sen­gut wer­den kön­nen. Aber hier gilt schein­bar das roman­tisch-revo­lu­tio­nä­re Prin­zip: erst ein­mal zer­stö­ren, dann sehen wir weiter.

(9) Als Fol­ge des Gan­zen sehe ich mit Bedau­ern, dass eine ver­fah­re­ne Situa­ti­on ein­ge­tre­ten ist. Da sind auf der einen Sei­te die Fana­ti­ker, die NO2 als Vehi­kel ihrer Öko- und Welt­ret­tungs­phan­ta­sien benut­zen, und lei­der sind auch oppor­tu­nis­ti­sche Wis­sen­schaft­ler dabei. Auf der ande­ren Sei­te ste­hen Leu­te wie Die­ter Köh­ler, die mit teils über­trie­be­nen, unhalt­ba­ren Pau­sch­a­lar­gu­men­ten skep­ti­sche Lai­en, die sich von der Poli­tik ver­al­bert füh­len, zu über­zeu­gen ver­su­chen und die­se ihrer­seits aufs Glatt­eis füh­ren. Der lan­gen Rede kur­zer Sinn: Ich wür­de zwi­schen (a) Fein­staub und (b) NO2 genau dif­fe­ren­zie­ren und sehr anra­ten, nicht das Kind mit dem Bade aus­zu­schüt­ten. Am wich­tigs­ten scheint mir Punkt (1), d.h. dass ratio­na­le Abwä­gun­gen statt hys­te­ri­scher Anfäl­le die Poli­tik bestim­men soll­ten. Sonst wird es für die­ses Land und sei­ne öko­no­mi­sche Zukunft düs­ter aus­se­hen, zumal es ja noch genug ande­re Bau­stel­len gibt, an denen sich der Fort­be­stand einer moder­nen Wis­sens- und Tech­no­lo­gie­ge­sell­schaft entscheidet.

In der Hoff­nung, Ihnen mit die­sen Anmer­kun­gen bei der Ein­schät­zung der Sache gehol­fen zu haben, ver­blei­be ich

mit freund­li­chen Grüßen

Rudolf A. Jör­res
Expe­ri­men­tel­le Umwelt­me­di­zin
Insti­tut und Poli­kli­nik für Arbeits‑, Sozi­al- und Umwelt­me­di­zin, Kli­ni­kum der LMU München

25. Novem­ber 2018

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