Der Empire-Abwickler

Er war eines der größ­ten Ener­gie­phä­no­me­ne der neue­ren Geschich­te, aber als Poli­ti­ker gehört er zu den Geschei­ter­ten: Anmer­kun­gen zum 50. Todes­tag von Win­s­ton Chur­chill / Ergänzt mit einem Brief des Chur­chill-Bio­gra­phen Tho­mas Kie­lin­ger

Wenn es so etwas wie einen Anek­do­ten­dich­te-Ran­king unter den Staats­män­nern des 20. Jahr­hun­derts gäbe, er wäre wohl der kla­re Sie­ger. Der jun­ge Offi­zier, der wäh­rend des Buren­kriegs in Gefan­gen­schaft gerät und sich in einer spek­ta­ku­lä­ren tage­lan­gen Flucht von Süd­afri­ka nach Mosam­bik durch­schlägt. Der jun­ge Poli­ti­ker, den man dabei beob­ach­tet, wie er eine Napo­le­on-Büs­te anstarrt und das stum­me tête-à-tête schließ­lich mit den Wor­ten „Lang­sam, Win­s­ton, lang­sam!“ been­det. Der Unter­haus-Abge­ord­ne­te, der im Par­la­ment ein­fach auf­steht und von den Kon­ser­va­ti­ven auf die Sei­te der Libe­ra­len spa­ziert. Der Diplo­mat, der, als Gast im Wei­ßen Haus logie­rend, US-Prä­si­dent Fran­k­lin D. Roo­se­velt ver­se­hent­lich nackt über den Weg läuft, und als die­ser pie­tät­voll sei­nen Roll­stuhl wen­det, aus­ruft: „Aber nicht doch, ich habe vor dem Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten nichts zu ver­ber­gen!“ Der Welt­kriegs­stra­te­ge, der mit­ten im Win­ter in einem unge­heiz­ten Bom­ben­flug­zeug in 3000 Meter Höhe zum Schla­fen auf einer Matrat­ze sein Sei­den­nacht­hemd anzieht, weil er das eben immer tut. Der Frie­dens­ver­mitt­ler, der Weih­nach­ten 1944 in Athen einen Bür­ger­krieg ver­hin­dern will, dabei an Bord eines bri­ti­schen Kriegs­schif­fes selbst unter das Feu­er von grie­chi­schen Par­ti­sa­nen gerät und auf die Fra­ge des Kapi­täns, ob man zurück­schie­ßen sol­le, die unsterb­li­che Ant­wort gibt: „Ich bin hier auf einer Mis­si­on des Frie­dens, Kapi­tän. Ich tra­ge den Oli­ven­zweig zwi­schen mei­nen Zäh­nen. Es sei mir fern, mich in mili­tä­ri­sche Not­wen­dig­kei­ten ein­zu­mi­schen. Erwi­dern Sie das Feu­er!“ Und, und, und.

Vor 50 Jah­ren, am 24. Janu­ar 1965, starb Sir Win­s­ton Chur­chill 90jährig in Lon­don. Eine Umfra­ge der BBC anno 2002 kür­te ihn zur „größ­ten Figur der bri­ti­schen Geschich­te“. Tat­säch­lich war alles an ihm maß­los, er war, mit einer Wen­dung Sebas­ti­an Haff­ners, „stän­dig geneigt, über sei­ne Ufer zu tre­ten“. Vor der schie­ren Ener­gie­bi­lanz die­ses Lebens steht man wie vor einem Naturereignis. 

Chur­chill nahm als jun­ger Offi­zier an fünf Kolo­ni­al­krie­gen teil, und zwar immer mit­ten im Getüm­mel; so ritt er am 2. Sep­tem­ber 1898 in Omdurman am lin­ken Nil­ufer eine der letz­ten gro­ßen Kaval­le­rie­at­ta­cken der eng­li­schen Geschich­te mit. Zeit­le­bens soll­te es einer sei­ner gewin­nen­den Züge blei­ben, dass er nicht nur Män­ner in den Tod zu schi­cken wuss­te, son­dern sich auch noto­risch sel­ber in Gefahr begab. 

Er beklei­de­te zwi­schen 1908 und 1929 sie­ben ver­schie­de­ne Minis­ter­äm­ter, war danach zwei­mal Pre­mier­mi­nis­ter, das ers­te Mal in den Schick­sals­jah­ren 1940 bis 1945. Als Wirt­schafts­mi­nis­ter führ­te er die Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung und Arbeits­äm­ter ein, als Innen­mi­nis­ter schlug er Streiks nie­der, als Mari­ne­mi­nis­ter zog er in den Ers­ten Welt­krieg, ließ sich nach dem Fias­co der bri­ti­schen Expe­di­ti­ons­trup­pen auf der tür­ki­schen Halb­in­sel Gal­li­po­li und dem Schei­tern sei­ner Süd­front-Stra­te­gie als Oberst­leut­nant an die Front ver­set­zen, wur­de 1917 wie­der Minis­ter, dies­mal für Rüs­tung, und setz­te den Tank als neue Waf­fe („Land­schiff“) durch. Als Kolo­ni­al­mi­nis­ter ließ er ira­ki­sche Auf­stän­di­sche bom­bar­die­ren, als Schatz­kanz­ler ram­po­nier­te er durch sein Behar­ren auf dem Gold­stan­dard die bri­ti­sche Wirt­schaft, als Pre­mier­mi­nis­ter kämpf­te er gegen Hit­ler, hol­te sich Ame­ri­ka als Ver­bün­de­ten ins Boot und ver­ant­wor­te­te den Bom­ben­ter­ror gegen die deut­sche Zivil­be­völ­ke­rung (der Begriff „Ter­ror“ in die­sem Zusam­men­hang stammt übri­gens von Sir Win­s­ton hims­elf). Er gilt zudem als einer der größ­ten poli­ti­schen Red­ner aller Zei­ten, vie­le sei­ner Sät­ze sind in der eng­lisch­spra­chi­gen Welt sprich­wört­lich geworden.

Sein Aus­kom­men ver­dien­te Chur­chill vor allem als Schrift­stel­ler. Zu sei­ner Zeit gab es noch kei­ne Abge­ord­ne­ten-Diä­ten; man erwar­te­te von einem Gen­tle­man, der in die Poli­tik ging, dass er sei­nen Lebens­un­ter­halt sel­ber bestritt. Er ver­fass­te einen Best­sel­ler nach dem ande­ren, und zwar in einem so blen­den­den Stil, wie er seit Bis­marck von kei­nem Poli­ti­ker und nur von weni­gen Berufs­schrift­stel­lern unter sei­nen Zeit­ge­nos­sen erreicht wur­de. Er schrieb einen Roman, meh­re­re Bücher über sei­ne Kolo­ni­al­kriegs­aben­teu­er und vor allem bedeu­ten­de Geschichts­wer­ke, dar­un­ter eine Bio­gra­phie sei­nes Ahn­herrn John Marl­bo­rough, der im Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krieg gegen Lud­wig XIV. gekämpft hat­te, eine Geschich­te der eng­lisch­spra­chi­gen Völ­ker sowie viel­bän­di­ge Dar­stel­lun­gen bei­der Welt­krie­ge, fer­ner zahl­rei­che Essays und noch mehr Zei­tungs­ar­ti­kel – allein in den Jah­ren 1929–39 über 700. Sein Gesamt­werk beläuft sich auf 35 Bän­de; 1953 erhielt er den Literaturnobelpreis.

Chur­chill mal­te 500 Gemäl­de in spät­im­pres­sio­nis­ti­schem Stil und hat­te auf Rei­sen immer meh­re­re Staf­fe­lei­en, etli­che Rah­men und Dut­zen­de Lein­wän­de im Gepäck. Er führ­te eine soli­de Ehe, zeug­te fünf Kin­der, lern­te das Mau­rer­hand­werk und wie man ein Flug­zeug fliegt, pflanz­te Gär­ten, züch­te­te exo­ti­sche Tie­re und rauch­te mehr Zigar­ren als jeder ande­re Sterb­li­che. Außer­dem trank er so viel Whis­ky, dass bei sei­ner Ernen­nung zum Pre­mier im Mai 1940 eine der größ­ten Sor­gen in offi­zi­el­len Krei­sen dar­in bestand, er wer­de „auf Grund sei­ner Trunk­sucht der Auf­ga­be mög­li­cher­wei­se nicht gewach­sen sein“, schreibt David Can­na­di­ne, lang­jäh­ri­ger Direk­tor des Insti­tu­te of His­to­ri­cal Rese­arch an der Uni­ver­si­tät Lon­don. Alko­ho­li­ker aber war er nicht, spöt­tel­ten sei­ne Mit­ar­bei­ter – kein Alko­ho­li­ker kön­ne so viel trinken. 

Trotz all sei­ner her­aus­ra­gen­den Fähig­kei­ten haf­te­te an Chur­chill nahe­zu zeit­le­bens ein Haut­gout des Anrü­chi­gen und Zügel­lo­sen. Das lag bei ihm sozu­sa­gen in der Fami­lie. Die hoch­ade­li­gen Marl­bo­roughs mach­ten sich über Genera­tio­nen durch Ver­schwen­dung, Spiel­sucht, Alko­ho­lis­mus, Schei­dun­gen und Schul­den gesell­schaft­lich unmög­lich. Auch drei von Chur­chills Kin­dern ver­fie­len dem Alko­hol, eine Toch­ter brach­te sich um.

Chur­chills Vater, Lord Ran­dolph Chur­chill, ein Exzen­tri­ker und begab­ter poli­ti­scher Dem­ago­ge, wur­de nur 45 Jah­re alt und starb in geis­ti­ger Umnach­tung. Er brach­te es in sei­ner kur­zen poli­ti­schen Kar­rie­re bis zum Schatz­kanz­ler und Minis­ter für das Unter­haus unter Lord Salis­bu­ry, trat jedoch weni­ge Mona­te nach sei­ner Ernen­nung plötz­lich unter skur­ri­len Geba­ren von bei­den Ämtern zurück. Schon vor­her galt er, bei allen sei­nen Ver­diens­ten um die Rück­kehr der Tories an die Macht, als min­des­tens ver­schro­ben. Die alte Köni­gin Vic­to­ria sag­te lako­nisch: „Der Mann ist geis­tes­krank.“ Zu sei­nem älte­ren Sohn Win­s­ton pfleg­te Lord Ran­dolph ein unter­kühl­tes Ver­hält­nis, sehr zum Tort des Jun­gen, des­sen unbän­di­ger Ehr­geiz ver­mut­lich zu einem erheb­li­chen Teil aus dem Wunsch her­rühr­te, dem abwei­sen­den Vater gefal­len zu wol­len, auch nach des­sen Tod. Ein­mal erschien der tote Vater dem jun­gen Mann leib­haf­tig wie der Teu­fel in Tho­mas Manns Faus­tus-Roman Adri­an Lever­kühn, und Chur­chill juni­or ver­such­te den ruier­ten Ruf sei­nes alten Her­ren post mor­tem mit einer zwei­bän­di­gen Bio­gra­phie zu ret­ten. Es han­del­te sich um eine beson­ders exal­tier­te Ver­si­on des sehr all­täg­li­chen Dra­mas vom väter­li­cher­seits zurück­ge­wie­se­nen Sohn. 

Chur­chills Mut­ter war eine wun­der­schö­ne Ame­ri­ka­ne­rin aus begü­ter­tem Hau­se, die nach Lord Ran­dolphs Hin­gang noch zwei­mal hei­ra­te­te, aber schon zu des­sen Leb­zei­ten zahl­rei­che Affä­ren pfleg­te. Als Ver­schwen­de­rin größ­ten Kali­bers hin­ter­ließ sie ihren Kin­dern so gut wie nichts. Zeit­le­bens plag­ten Chur­chill Schul­den, und zwar unab­hän­gig davon, was er ver­dien­te – als ein Barock­mensch, der er nun ein­mal war, fand er stets Wege, noch mehr aus­zu­ge­ben. Zeit­le­bens hat­te er Bediens­te­te, bis hin zum But­ler und zum Sekre­tär für sei­ne per­sön­li­chen Dik­ta­te, und leb­te in hoch­herr­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen. „Er wuss­te buch­stäb­lich nichts über das Leben nor­ma­ler Män­ner und Frau­en“, notiert Can­na­di­ne. „Nie betrat er ein Geschäft oder fuhr im Omni­bus, und das ein­zi­ge Mal, daß er die Lon­do­ner U‑Bahn benutz­te, geriet er auf die Cir­cle Line und fuhr hilf­los eine Run­de nach der ande­ren, bis ihn nach meh­re­ren Stun­den ein Freund von die­ser Tor­tur erlöste.“

Das bril­lan­tes­te Mit­glied der Fami­lie Marl­bo­rough war ein Nepo­tist durch und durch, außer­dem „ein scham­lo­ser Schnor­rer und unver­bes­ser­li­cher Nas­sau­er“ (Can­na
dine). Chur­chill ver­schaff­te noch ent­fern­tes­ten Ver­wand­ten Pos­ten oder Vor­tei­le. Er sel­ber ließ sich aus­hal­ten, wo es nur ging: Geschen­ke, Schul­den­über­nah­men, Rei­sen, Über­nach­tun­gen in Pri­vat­vil­len, Fahr­ten in pri­va­ten Eisen­bahn­wag­gons. Zu sei­nen Gön­nern gehör­ten unter ande­rem zwei jüdi­sche Ban­kiers – Sir Ernest Cas­sel und Hen­ry Stra­kosch –, im Welt­krieg ein gefun­de­nes Fres­sen für die Goe­b­bels-Pres­se. Cas­sel möblier­te ihm bei­spiels­wei­se den Salon sei­nes Land­sit­zes. Was Chur­chill annahm, wür­de unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen für den Rück­tritt eines hal­ben Par­la­ments ausreichen.

Als Autor dage­gen war der Mann ohne Tadel. Sein Zei­tungs­de­büt begann mit den Wor­ten: „Ers­te Sät­ze sind etwas Schwie­ri­ges – in einem Zei­tungs­ar­ti­kel nicht weni­ger als in einer Lie­bes­er­klä­rung.“ Im Buch „Kreuz­zug gegen das Reich des Mah­di“ schil­der­te er die die „tel­ler­fla­chen Sand­wei­ten“ des Sudan („etwas rosi­ger als hel­les Leder, etwas blei­cher als Lachs“) so: „Tro­cke­ne Wind­ho­sen tan­zen uner­müd­lich über die glut­hei­ße Ober­flä­che des Wüs­ten­bo­dens und sam­meln zwi­schen den dunk­len Fels­spit­zen an den Hügel­käm­men den fei­nen Sand zu Zun­gen und Wäch­ten, genau wie sich auf einem Alpen­gip­fel die Schnee­mas­sen wöl­ben; bloß ist es ein feu­ri­ger Schnee von einer Art, wie er in der Höl­le fal­len könn­te. Die Erde brennt mit dem unaus­lösch­li­chen Durst gan­zer Weltalter.“

Über Law­rence von Ara­bi­en schrieb er: „Die Welt blickt begreif­li­cher­wei­se mit einer gewis­sen stau­nen­den Ehr­furcht auf einen Mann, dem ein Heim, Geld, Bequem­lich­keit, Rang und Stel­lung oder sogar Macht und Ruhm nicht das min­des­te bedeu­ten. Die Welt spürt, nicht ohne eine gewis­se Besorg­nis, dass sie jeman­den vor sich hat, der sich außer­halb ihrer Rechts­zu­stän­dig­keit befindet.“ 

Den eins­ti­gen Pre­mier­mi­nis­ter Her­bert Hen­ry Asquith cha­rak­te­ri­sier­te er wie folgt: „Er war ein Mann, der in jeder Fra­ge des Lebens und der Staats­ge­schäf­te in unge­wöhn­lich hohem Maße wuss­te, wo er stand. Wis­sen­schaft, Poli­tik, Phi­lo­so­phie, Recht, Reli­gi­on waren sämt­lich Gebie­te, auf denen er sich end­gül­ti­ge Ansich­ten gebil­det zu haben schien. Auf all die­sen Gebie­ten öff­ne­te und schloss sich sein Ver­stand, wenn die Not­wen­dig­keit es erfor­der­te, glatt und rei­bungs­los wie das Ver­schluss­stück eines Gewehrs.“

Zum Ruhm des deut­schen Hee­res im Ers­ten Welt­krieg wie­der­um metz­te er Sät­ze wie die­se: „In der Sphä­re von mili­tä­ri­scher Kraft ver­zeich­net die Spur der Mensch­heit nichts, was der Erup­ti­on des deut­schen Vul­kans gleich­kä­me. Vier Jah­re lang bot Deutsch­land den fünf Erd­tei­len zu Land, zu Was­ser und in der Luft kämp­fend die Stirn. Die deut­schen Hee­re (…) füg­ten ihren Fein­den mehr als den dop­pel­ten Blut­ver­lust zu, den sie selbst erlit­ten. (…) Über­wäl­ti­gen­de Völ­ker­zahl, unbe­grenz­te Hilfs­mit­tel, uner­mess­li­che Opfer, die See­blo­cka­de ver­moch­ten fünf­zig Mona­te lang nichts gegen sie aus­zu­rich­ten.“ Das nach­träg­li­che Kom­pli­ment an den geschla­ge­nen Kriegs­geg­ner schließt mit dem Ruf: „Für­wahr, ihr Deut­schen, für die Geschich­te reicht das aus!“

Anfangs der 30er Jah­re galt der anrü­chi­ge Exzen­tri­ker und unzu­ver­läs­si­ge Frak­ti­ons­wechs­ler (sogar dop­pelt – 1924 war er wie­der zu den Tories zurück­ge­kehrt) als poli­ti­sches Aus­lauf­mo­dell. Sei­ne gro­ße Stun­de schlug mit dem deut­schen Angriff auf Polen 1939, als die Kon­ser­va­ti­ven den radi­kals­ten Kri­ti­ker der Appease­ment-Poli­tik von Pre­mier
minis­ter Nevil­le Cham­ber­lain zurück ins Kabi­nett hol­ten, anfangs als Ers­ten Lord der Admi­ra­li­tät, bis er schließ­lich Cham­ber­lain als Pre­mier ablös­te. Auf dem „Kriegs­lieb­ha­ber“ (Sebas­ti­an Haff­ner) ruh­ten plötz­lich die Hoff­nun­gen des Empi­re. Dass er mehr als ein Jahr lang Hit­ler qua­si allein die Stirn bot, ver­schaff­te ihm jenen Ruhm, der bis heu­te fort­dau­ert. Es war, wie er sel­ber for­mu­lier­te, „Eng­lands größ­te Stun­de“. Sie läu­te­te frei­lich auch das Ende des Empi­re ein.

Als eine sei­ner ers­ten Amts­hand­lun­gen ließ der Kriegs­pre­mier die Flot­te des geschla­ge­nen fran­zö­si­schen Ver­bün­de­ten ver­sen­ken, damit sie nicht den Deut­schen in die Hän­de fiel; 1297 fran­zö­si­sche Matro­sen star­ben, vom Feu­er des eige­nen Ver­bün­de­ten über­rascht – eine Akti­on von fata­ler Grandiosität.

„Wenn Hit­ler eine Inva­si­on der Höl­le plant“, erklär­te Chur­chill, „wer­de ich mich im Par­la­ment sogar freund­lich über den Teu­fel äußern.“ Und genau das tat er, vier­ein­halb Jah­re lang, er ver­bün­de­te sich sogar mit ihm. Am Ende muss­te er Sta­lin halb Euro­pa über­las­sen. „Sieg um jeden Preis“ hat­te Chur­chill 1940 gefor­dert. Nach dem Sieg war tat­säch­lich die Zeit gekom­men, den Preis zu bezah­len. Die stol­ze Welt­macht Eng­land schrumpf­te zusam­men auf eine eher unbe­deu­ten­de Insel­grup­pe am Nord­west­rand Euro­pas. Ame­ri­ka und Sowjet­russ­land über­nah­men die pla­ne­ta­ri­sche Herr­schaft. „Der über­ra­gen­de Dienst, den er der Sache der Frei­heit leis­te­te, bewog ihn, sein Her­zens­an­lie­gen, das Empi­re, hint­an­zu­stel­len“, notiert Chur­chills aktu­el­ler Bio­graph Tho­mas Kielinger. 

Die Appea­ser um Cham­ber­lain waren davon aus­ge­gan­gen, „dass sich Eng­land einen wei­te­ren Krieg nicht leis­ten konn­te und dass man, selbst wenn es auf der Sei­te der Gewin­ner aus dem Krieg her­vor­ge­hen soll­te, schwer­lich von einem ‚Sieg‘ spre­chen könn­te. Dem ließ sich kaum etwas ent­ge­gen­hal­ten“, resü­mier­te der eng­li­sche His­to­ri­ker John Charm­ley. Cham­ber­lain, der auch ein lang­jäh­ri­ger und im Gegen­satz zu Chur­chill sehr kun­di­ger Schatz­kanz­ler war, wuss­te, dass Eng­land sei­ne Finanz­re­ser­ven im Ers­ten Welt­krieg erschöpft hat­te und sogar einen sieg­rei­chen zwei­ten Krieg nur rui­niert über­ste­hen wür­de – und so war es ja auch. „Chur­chills Füh­rung“, so Charm­ley, „führ­te nirgendwohin.“

Eng­land war angeb­lich um der Frei­heit Polens wil­len in den Krieg ein­ge­tre­ten (wobei erklä­rungs­be­dürf­tig bleibt, wie man mit dem Dik­ta­tor ein Bünd­nis hat­te schlie­ßen kön­nen, der 1939 gleich­zei­tig mit Hit­ler in Polen ein­ge­fal­len war), doch Polen war am Ende so unfrei wie zuvor. Das­sel­be galt für die Tsche­chei. Chur­chill hat­te ver­hin­dern wol­len, dass eine ein­zel­ne Macht mit einem blut­rüns­ti­gen Allein­herr­scher an der Spit­ze den Kon­ti­nent domi­niert, und genau dies war ein­ge­tre­ten. Was aber, wenn Eng­land mit Hit­ler­deutsch­land einen Sepa­rat­frie­den geschlos­sen hät­te? Hät­te Hit­ler trotz­dem Russ­land ange­grif­fen? Hät­ten sich die bei­den Dik­ta­to­ren gegen­sei­tig neu­tra­li­siert? Dar­über kann nur spe­ku­liert werden.

Die his­to­ri­schen Schu­len strei­ten, war­um die Wehr­macht in Russ­land ein­mar­schiert ist. Die einen zie­hen ihre Argu­men­te aus Hit­lers Ideo­lo­gie und sagen, er habe von Anfang an sein Lebens­ziel in der Erobe­rung von Lebens­raum im Osten und der Zer­schla­gung des Bol­sche­wis­mus gese­hen. Ande­re argu­men­tie­ren prag­ma­ti­scher und sehen den Anlass für den Ost­feld­zug im Schei­tern von Hit­lers Eng­land-Stra­te­gie: Da es ihm nicht gelang, die Bri­ten in die Knie zu zwin­gen, kehr­te ange­sichts der sowje­ti­schen Hoch­rüs­tung und des Auf­marschs der Roten Armee an der deutsch-rus­si­schen Gren­ze die alte Angst vor dem Zwei­fron­ten­krieg zurück, Hit­ler habe die Flucht nach vorn gewählt und dar­auf spe­ku­liert, wenn er die Sowjet­uni­on besie­ge, wer­de Eng­land end­lich einknicken.

Der deut­sche Angriff auf die UdSSR ver­schaff­te Chur­chill die Gele­gen­heit, sich sowohl mili­tä­risch als auch mit flam­men­der Rhe­to­rik auf die Sei­te Russ­lands und damit Sta­lins zu stel­len, was zumin­dest bemer­kens­wert war für einen Men­schen, der 1918 getönt hat­te, man müs­se „die bol­sche­wis­ti­sche Nat­ter schon in der Wie­ge erwür­gen“, und bei sei­nem Ita­li­en­be­such 1927 Mus­so­li­ni gegen­über ver­si­cher­te, der ita­lie­ni­sche Faschis­mus, sei „die not­wen­di­ge Kur gegen den rus­si­schen Virus“. Chur­chill hass­te den Bol­sche­wis­mus, wie Hit­ler ihn hass­te. „Der Sache nach war der Chur­chill der zwan­zi­ger Jah­re ein Faschist; nur sei­ne Natio­na­li­tät ver­hin­der­te, daß er es auch dem Namen nach wur­de“, brach­te Sebas­ti­an Haff­ner die Ange­le­gen­heit auf den wun­den Punkt. 

Als Chur­chill mit dem roten Dik­ta­tor ins Koali­ti­ons­bett stieg, stand der deut­sche Füh­rer erst am Anfang sei­ner Mas­sen­mör­der­kar­rie­re, wäh­rend „Onkel Joe“ bereits Mil­lio­nen Men­schen­le­ben auf sei­nem elas­ti­schen Gewis­sen hat­te. War­um wähl­te der eng­li­sche Aris­to­krat und dezi­dier­te Anti­kom­mu­nist aus­ge­rech­net die­sen Ver­bün­de­ten? Geo­stra­te­gisch betrach­tet war Deutsch­land für die Bri­ten gefähr­li­cher und außer­dem, im Gegen­satz zu Russ­land, besieg­bar. Über­dies hat­te Hit­ler mit dem „Blitz“ über Lon­don und dem Ein­marsch in Russ­land die Fein­ko­ali­ti­on qua­si sel­ber geschmiedet.

Chur­chills Haupt­ziel blieb frei­lich, die USA in den Krieg zu lot­sen, dazu umgarn­te er Roo­se­velt mit Dut­zen­den Brie­fen wie eine Ange­be­te­te, und als sich die Ame­ri­ka­ner schließ­lich bereit­fan­den, das See­recht so lan­ge zu bre­chen, bis Hit­ler ihnen end­lich den Krieg erklär­te, jubel­te der erfolg­rei­che Braut­wer­ber zukunfts­ge­wiss: „Wir haben gewonnen!“ 

Zugleich fürch­te­te er aller­dings stän­dig, dass die bizar­re Ména­ge-à-trois schei­tern könn­te, indem Sta­lin mit Hit­ler einen Sepa­rat­frie­den schloss, denn was die Angel­sach­sen den Rus­sen an mili­tä­ri­scher Unter­stüt­zung offe­rier­ten, war anfangs recht dürf­tig. Unter die­sem Aspekt muss man wohl die Luft­an­grif­fe auf deut­sche Städ­te vor allem betrach­ten. Wäh­rend der deut­schen Bom­bar­die­run­gen Lon­dons hat­ten die eng­li­schen Mili­tärs längst begrif­fen, dass die Theo­rie des „moral bom­bing“ kei­ne Ent­spre­chung in der Rea­li­tät fand. Wie spä­ter die Deut­schen hat­ten die Eng­län­der den Luft­ter­ror nicht nur zäh erdul­det, er hat­te sogar ihren Wider­stands­wil­len erhöht. Aber irgend­ei­ne Kampf­leis­tung gegen den gemein­sa­men Feind muss­ten die Bri­ten ihrem aus tau­send Wun­den blu­ten­den Ver­bün­de­ten im Osten anbie­ten. Also ver­schärf­ten sie den Luft­krieg gegen das Reich. Bei einem Mos­kau-Besuch über­reich­te Sir Win­s­ton „Onkel Joe“ ein Album mit Foto­gra­fien zer­stör­ter deut­scher Städ­te als Gast­ge­schenk, wel­ches bei­de bei einem Gläs­chen genüss­lich durchblätterten. 

Mit der Eröff­nung der zwei­ten Front in der Nor­man­die war der Grund für die Luft­an­grif­fe auf zivi­le deut­sche Zie­le mit­hin ent­fal­len. Alles was nun folg­te, gehört ohne Wenn und Aber in die Kate­go­rie Kriegs­ver­bre­chen, spe­zi­ell die Zer­stö­rung Dres­dens, bei der wohl auch der Hin­ter­ge­dan­ke mit­spiel­te, dem rus­si­schen Noch-Ver­bün­de­ten aber Bald-Feind in sei­nem zukünf­ti­gen Besat­zungs­ge­biet die Zer­stö­rungs­kräf­te der ver­ei­nig­ten angel­säch­si­schen Luft­flot­ten nach­drück­lich vor Augen zu führen.

Es gibt zwei denk­wür­di­ge Par­al­le­len im stra­te­gi­schen Erwä­gen und Han­deln Chur­chills in den bei­den Welt­krie­gen. 1915 woll­te er über die erwähn­te Halb­in­sel Gal­li­po­li Kon­stan­ti­no­pel angrei­fen, die Dar­da­nel­len unter bri­ti­sche Kon­trol­le brin­gen und eine siche­re See­ver­bin­dung mit Russ­land her­stel­len, um mit Waf­fen­lie­fe­run­gen die Offen­siv­kraft des öst­li­chen Ver­bün­de­ten wie­der­zu­be­le­ben. Zugleich soll­te der Bal­kan erneut zum Auf­lo­dern gebracht wer­den. Am Ende sei­ner Pla­nung stand ein Drei­fron­ten­krieg gegen das Kai­ser­reich. Als die­ser Plan blu­tig fehl­schlug, muss­te Chur­chill am 17. Mai 1915 als Minis­ter zurück­tre­ten. (Danach begann er übri­gens zu malen, um nicht vor Untä­tig­keit ver­rückt zu wer­den.) Im Zwei­ten Welt­krieg ver­folg­te er neu­er­lich eine Süd­stra­te­gie, bis sei­ne bei­den gro­ßen Ver­bün­de­ten ein Macht­wort spra­chen – all­zu lang­sam kamen die Bri­ten in Ita­li­en vor­an – und die zwei­te Front end­gül­tig in Frank­reich eröff­net wur­de. Auch dies­mal war der Gedan­ke an sich gold­rich­tig; Chur­chill hat­te längst die Zeit nach der Nie­der­wer­fung Hit­lers im Kopf und woll­te Sta­lin mög­lichst weit aus Euro­pa her­aus­hal­ten. Roo­se­velt indes waren der­glei­chen Erwä­gun­gen egal; er gedach­te den Krieg in Euro­pa mög­lichst schnell zu been­den, um sich wie­der ganz den Japa­nern wid­men zu können. 

Die zwei­te Par­al­le­le betrifft Chur­chills dop­pel­te Wen­dung gegen den eins­ti­gen rus­si­schen Ver­bün­de­ten. 1945 woll­te er den Krieg wei­ter­füh­ren, wie er ihn bereits 1918 fort­set­zen woll­te, wie­der unter Ein­be­zie­hung der geschla­ge­nen Deut­schen, aber noch weni­ger als damals, als immer­hin ein Inter­ven­ti­ons­krieg gegen Lenins jun­ges Ter­ror­reich statt­fand, woll­te ihm im aus­ge­blu­te­ten und kriegs­mü­den Wes­ten auch nur irgend­wer fol­gen. „Wir haben“, schnaub­te er, „das fal­sche Schwein geschlachtet.“

Letzt­lich erleb­te Chur­chill das Kriegs­en­de als ein Geschei­ter­ter: So viel Geld, so vie­le Men­schen­le­ben hat­te die Nie­der­wer­fung Hit­ler­deutsch­lands gekos­tet, und das Ergeb­nis war, dass halb Euro­pa hin­ter jenem „eiser­nen Vor­hang“ ver­schwand, den Sir Win­s­ton aus der Meta­phern­kis­te des inzwi­schen zur Höl­le gefah­re­nen Josef Goe­b­bels her­vor­kram­te (viel­leicht kann­te er das Ori­gi­nal aber auch nicht). Nun woll­te er den Krieg in umge­kehr­ter Rich­tung fort­set­zen und erteil­te dem eng­li­schen Gene­ral­stab den Auf­trag, kon­kre­te Angriffs­plä­ne zur Befrei­ung Polens zu ent­wi­ckeln, die von den Mili­tärs dann unter dem bezeich­nen­den Namen „Ope­ra­ti­on unt­hin­ka­ble“ vor­ge­legt wur­den. Hier offen­bar­te sich Chur­chills eigent­li­cher Makel: Er betrach­te­te das Leben inzwi­schen als einen end­lo­sen Kampf, Durch­hal­ten galt ihm als Ulti­ma ratio. Bereits im Ers­ten Welt­krieg hat­te er zu den­je­ni­gen gehört, die kei­nen Gedan­ken dar­auf ver­schwen­den woll­ten, wie das Blut­ver­gie­ßen zu been­den sei und statt­des­sen auf des­sen Ver­schär­fung bis zum bit­te­ren Ende dräng­ten. Sieg um jeden Preis, das hieß für ihn zuletzt sogar, dass er einen Atom­schlag gegen die UdSSR emp­fahl. Der Manichä­er in ihm woll­te durch­aus über Lei­chen­ber­ge gehen, im Namen hei­ligs­ter Wer­te ver­steht sich. 

Chur­chills zwei­ter Koali­ti­ons-Irr­tum bestand dar­in, dass er glaub­te, Ame­ri­ka und Eng­land besä­ßen iden­ti­sche Inter­es­sen, eine nahe­zu roman­ti­sche Anwand­lung des alten Käm­pen. Doch wie bereits nach dem Ers­ten Welt­krieg dach­ten die Ame­ri­ka­ner gar nicht dar­an, ihren Ver­bün­de­ten die Schul­den zu erlas­sen. Statt­des­sen über­nah­men sie im Lau­fe der Zeit die bri­ti­sche Herr­schaft über die Welt­mee­re und dehn­ten sie oben­drein auf den Him­mel aus. Ame­ri­kas Auf­stieg ist untrenn­bar mit Euro­pas Nie­der­gang ver­bun­den, nicht allein der unge­heu­er­li­chen Selbst­zer­stö­rung der Alten Welt wegen, son­dern auch ganz prak­tisch-geschäft­lich. Die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft ver­dien­te präch­tig an den bei­den gro­ßen Krie­gen, und am Ende konn­te sich Uncle Sam vor bet­teln­den Vasal­len kaum ret­ten. Mit ihrer Stra­te­gie des Demo­kra­tie-Exports, der welt­wei­ten Ein­mi­schung im Namen der Men­sch­rech­te, der Ver­wei­ge­rung von Frie­dens­schlüs­sen mit nie­der­ge­wor­fe­nen Natio­nen und der Eta­blie­rung von Mili­tär- und Spio­na­ge­stütz­punk­ten aller­orts und auf unbe­gren­te Zeit lös­ten die USA das zwar kul­ti­vier­te­re, aber ver­al­te­te bri­ti­sche Kolo­ni­al­sys­tem ab und ersetz­ten es durch eine smar­te­re Ver­si­on pla­ne­ta­ri­scher Vorherrschaft. 

Chur­chills Nach­ruhm grün­det ein­zig dar­auf, dass er dem Teu­fel Hit­ler wider­stand. Dafür war man im Lau­fe der Zeit zu ver­ges­sen bereit, dass er den Beel­ze­bub Sta­lin in die Arme geschlos­sen hat­te. „Wäh­rend sich der Nie­der­gang der bri­ti­schen Macht beschleu­nig­te, nahm das Bedürf­nis nach dem Bild Chur­chills offen­bar zu“, resü­miert John Charm­ley. „Solan­ge er, von der Glo­rio­le des Ruhms umge­ben, leb­te, war der Glanz des Empi­re noch nicht ganz verblasst.“

Dass der Wes­ten den Kal­ten Krieg gewon­nen hat, mag Chur­chill im Nach­hin­ein Recht geben. Zwei Aspek­te spre­chen aller­dings dage­gen. Zum einen war es blo­ßem Glück und Zufall zu ver­dan­ken, dass die Welt der ato­ma­ren Kata­stro­phe ent­ging. Zum ande­ren kos­te­ten die bei­den Welt­krie­ge Euro­pa einen Blut­zoll, der den Kon­ti­nent heu­te zum demo­gra­fisch erschöpf­ten Spiel­ball vita­le­rer Völ­ker­schaf­ten macht, von deren gutem Wil­len es abhän­gen wird, ob er ein frei­heit­li­cher Erd­teil bleibt. Was ein Chur­chill dazu sagen wür­de, dass im Her­zen des Mut­ter­lands paki­sta­ni­sche Zuwan­de­rer hun­der­te bri­ti­sche Mäd­chen als Sex-Skla­vin­nen hal­ten und zum Teil in den Sui­zid trei­ben kön­nen, weil die Behör­den die­ses Ver­bre­chen aus Angst, als Ras­sis­ten zu gel­ten, beschwei­gen, mag sich jeder sel­ber ausmalen.

Chur­chill war ein Mann extre­mer Wider­sprü­che. Als Kolo­ni­al­mi­nis­ter schrieb im August 1926 an den Ober­be­fehls­ha­ber der bri­ti­schen Streit­kräf­te im Irak: „Mei­ner Mei­nung nach soll­ten Sie unbe­dingt mit den Gas­bom­ben-Ver­su­chen fort­fah­ren, vor allem mit Senf­gas, um auf­säs­si­ge Ein­hei­mi­sche zu bestra­fen.“ In einem frü­he­ren Memo­ran­dum hat­te er sich „aus­drück­lich für den Ein­satz von Gift­gas gegen unzi­vi­li­sier­te Volks­stäm­me“ aus­ge­spro­chen. Er brach­te Sät­ze über die Lip­pen wie am 
17. Okto­ber 1940 im Rau­cher­zim­mer des Unter­hau­ses: „Sie und ande­re haben viel­leicht den Wunsch, Frau­en und Kin­der zu töten. Wir haben den Wunsch und haben dabei Erfolg, mili­tä­ri­sche Objek­te der Deut­schen zu zer­stö­ren. Mein Wahl­spruch ist: Erst die Arbeit, dann das Ver­gnü­gen!“ Als aber Sta­lin in Tehe­ran 1943 beim Kon­fe­renz­din­ner vor­schlug, nach Kriegs­en­de 50000 füh­ren­de deut­sche Mili­tärs und Tech­ni­ker umzu­brin­gen, um das Land nach­hal­tig zu schwä­chen, braus­te Chur­chill auf, er wür­de sich lie­ber hier und auf der Stel­le erschie­ßen las­sen, „als mei­ne Ehre und die mei­nes Lan­des durch eine sol­che Infa­mie beschmut­zen zu las­sen“. Lord Alan­broo­ke, sein Gene­ral­stabs­chef im Zwei­ten Welt­krieg, schrieb in sei­nem Tage­buch: „Noch nie habe ich einen Men­schen mit glei­cher Inbrunst bewun­dert und verachtet.“

Im August 1941 ver­ab­schie­de­ten Roo­se­velt und Chur­chill im Namen ihrer Län­der die Atlan­tik-Char­ta. Dar­in ver­kün­de­ten sie, alle Völ­ker besä­ßen das Recht, „sich jene Regie­rungs­form zu geben, unter der sie zu leben wün­schen“. Zurück daheim, erklär­te Chur­chill, dass dies für die eng­li­schen Kolo­nien und beson­ders für Indi­en natür­lich nicht gel­te. So ver­ur­teil­te die bri­ti­sche Kolo­ni­al­re­gie­rung Jawa­harl­al Neh­ru, den Prä­si­den­ten des indi­schen Kon­gres­ses, wegen einer pazi­fis­ti­schen Rede im Okto­ber 1940 zu vier Jah­ren Zwangs­ar­beit. „We are supe­ri­or“, begrün­de­te Chur­chill gegen­über Roo­se­velt die eng­li­sche Indi­en-Poli­tik, Gan­dhi nann­te er einen „auf­säs­si­gen Advo­ka­ten“, und  „halb­nack­ten Fakir“. Nach heu­ti­gen Maß­stä­ben war er ein Ras­sist. Frei­lich wären wir Heu­ti­gen nach sei­nen Maß­stä­ben kaum mehr als domes­ti­zier­te Zwerge. 

„In der Rei­he der eng­li­schen Pre­mier­mi­nis­ter des 20. Jahr­hun­derts“, schrieb Sebas­ti­an Haff­ner, „steht er wie ein Fremd­ling aus einer ande­ren Welt.“ Er gehö­re eher in die Ahnen­rei­he der Gus­tav Adolf, Crom­well, Prinz Eugen, Fri­de­ri­cus, Napo­le­on. Wie auch immer: Im ewi­gem Buch der Geschich­te hat Sir Win­s­ton längst sei­nen Platz unter den aus­ge­stor­be­nen Rie­sen eingenommen.

Eine Kurz­ver­si­on des Tex­tes ist erschie­nen in: Focus 5/2015, S. 88–91

Nach­dem ein Leser moniert hat­te, der Satz „Wir haben das fal­sche Schwein geschlach­tet” wer­de zwar stän­dig kol­por­tiert (und miss­braucht), stam­me aber wahr­schein­lich gar nicht von Chur­chill, bat ich des­sen Bio­gra­phen Tho­mas Kie­lin­ger („Win­s­ton Chur­chill: Der spä­te Held”, C.H. Beck 2015) um Aus­kunft. Kie­lin­ger las zuvor mei­nen Text und schrieb dann folgendes:

Chur­chills Zitat „Wir haben das fal­sche Schwein geschlach­tet“ wird „kol­por­tiert”, wie man so sagt, ist also nicht belegt, und wie ande­re sol­cher Zita­te aus dem Halb­schat­ten der Geschich­te habe ich es in mei­ner Bio­gra­phie daher nicht ver­wen­det. Bei Chur­chill muss man beson­ders auf­pas­sen – er war schon zu Leb­zei­ten eine Legen­de, um die sich Sprü­che rank­ten, die man ihm ger­ne zudich­te­te. Er hat sie lau­fen las­sen, da es ihm schmei­chel­te, zu einem Gro­ßen selbst in der Fik­ti­on auf­ge­stie­gen zu sein. Im Übri­gen gab es aus­rei­chend Zita­te und Anek­do­ten, die durch­aus ihm zuge­schrie­ben wer­den durf­ten. Also war­um nicht eini­ge ande­re aus dem Ondit mit­lau­fen lassen?!

Soviel vor­aus­ge­schickt, darf dem zitier­ten Satz den­noch ein hoher Grad der Glaub­wür­dig­keit zuge­mes­sen wer­den. Auf S. 326 mei­nes Buches beginnt der Bericht über die auch von Ihnen erwähn­te aben­teu­er­li­che „Ope­ra­ti­on Unt­hin­k­abk­le”, gebo­ren aus Chur­chills maß­lo­ser Ent­täu­schung über Sta­lins Ver­rat an Polen und dem Bruch sei­ner übri­gen Ver­spre­chun­gen – Polen war immer­hin jenes Land, für des­sen Frei­heit Eng­land in den Krieg gezo­gen war; nun ging es mit dem von der Roten Armee besetz­ten Ost­eu­ro­pa ver­lo­ren. Da woll­te Chur­chill noch im Mai 1945 den Hebel her­um­wer­fen: Krieg gegen die Sowjet­uni­on, als einen Weg, „den Rus­sen den Wil­len der USA und des bri­ti­schen Empi­re auf­zu­zwin­gen, um einen ehr­li­chen Deal für Polen zu sichern.” (S. 328) Das ist der Hin­ter­grund, vor dem jener viel­fach kol­por­tier­te Satz durch­aus gefal­len sein könn­te, in der Hit­ze des Augen­blicks, dem Sin­ne nach: „Wir haben Deutsch­land geschlach­tet, aber es war das fal­sche Schwein, das rich­ti­ge ist die Sowjetunion.” 

Den­noch war­ne ich vor Über­nah­me der Ver­ge­gen­wär­ti­gung jenes Augen­blicks als einer Ansicht, die Chur­chills inne­rer Über­zeu­gung ent­sprach. Denn sie war es nicht. Der Kampf gegen Hit­ler war nicht „das fal­sche Schwein”, son­dern Chur­chills in allen Kriegs­re­den beleg­tes Cre­do, für die Befrei­ung der durch den Nazis­mus unter­drück­ten Völ­ker Euro­pas zu kämp­fen. „Wir kämp­fen gegen die Nazis, nicht gegen Deutsch­land. Deutsch­land hat es schon vor der Gesta­po gege­ben”, meint er gegen­über Charles de Gaul­le im Dezem­ber 1940 in einem Gespräch auf dem Land­sitz Che­quers. (S. 255).

Dass Polen und ande­re Staa­ten einer neu­en Tyran­nei anheim fie­len, war tra­gisch, ent­wer­te­te aber nicht Chur­chills fun­da­men­ta­le Geg­ner­schaft zu Hit­ler und die Nazis, war also nicht „das fal­sche Schwein”. Nur lei­der ging mit der Befrei­ung Deutsch­lands und West­eu­ro­pas nicht auch die Befrei­ung Polens Hand in Hand. Polen ver­lo­ren zu haben hat er tie­fer beklagt als den Ver­lust des Empi­re, wie ich in mei­nem Buch schrei­be. Letz­te­res war bereits so gut wie pas­sé, es stand nicht in sei­nem Ver­mö­gen, den Ver­lust auf­zu­hal­ten. Aber Polen ging qua­si „in sei­ner Amts­zeit” ver­lo­ren, das Resul­tat eines tie­fen Zer­würf­nis­ses mit den Ame­ri­ka­nern, die er nicht von sei­ner Ana­ly­se, was nach 1945 her­auf­zog, und wie man Sta­lin in den Weg tre­ten müs­se, über­zeu­gen konnte.

Daher kann ich auch John Charm­leys Resum­mé in des­sen „Chur­chill – The End of Glo­ry“ nur wider­spre­chen, wenn er schreibt, „Chur­chills Füh­rung führ­te nir­gend­wo­hin“, er habe das Empi­re „ver­lo­ren“, sei somit 1945 als Geschei­ter­ter geen­det. Mit Ver­laub – dem „geschei­ter­ten“ Chur­chill und sei­nem Wider­stand ver­dank­ten vie­le west­eu­ro­päi­sche Völ­ker nach 1945 den Wie­der­ge­winn ihrer Frei­heit, auch wenn das erst durch die Über­macht der Ame­ri­ka­ner mög­lich wurde. 

Das Empi­re? In einem Gespräch mit sei­nem letz­ten Pri­vat­se­kre­tär Antho­ny Mon­ta­gue-Brow­ne mein­te Chur­chill (ca. 1958), er hät­te „das Empi­re gegen jeden ver­tei­di­gen kön­nen, nur nicht gegen die Bri­ten sel­ber.“ Die waren näm­lich heil­froh, dass sie die Last der Kono­ni­al­ver­ant­wort­lich­kei­ten all­mäh­lich los wur­den; rea­lis­ti­scher als Chur­chill sel­ber sahen sie ein, was die Stun­de post-1945 geschla­gen hatte.

Aber die Stun­de der Frei­heit ist und bleibt Chur­chills wich­tigs­tes Ver­mächt­nis, trotz Polen, trotz Eiser­ner Vor­hang, trotz Blut und Trä­nen für Mil­lio­nen, die dem Kon­ti­nent durch Hit­ler auf­ge­zwun­gen wur­den, ein­schließ­lich all die­ser wider­sprüch­li­chen Kom­pro­mis­se (Pakt mit Sta­lin) und Kriegs­maß­nah­men (Flä­chen­bom­bar­die­rung deut­scher Zivil­be­völ­ke­rung), die Chur­chill zur Nie­der­rin­gung Hit­lers ein­zu­ge­hen bereit war. 

Der viel­fach durch­ge­spiel­te kon­tra­fak­ti­sche Gedan­ke, Eng­land hät­te 1940 einen Frie­den mit Deutsch­land schlie­ßen sol­len, was mög­li­cher­wei­se Hit­lers Angriff auf die Sowjet­uni­on ver­mie­den hät­te, beschreibt eine Mög­lich­keit, die sich nicht aus Hit­lers Geba­ren erschließt. Im Gegen­teil: Dass Chur­chill Ende Mai 1940 sein Kabi­nett davon über­zeu­gen konn­te, nicht in Ver­hand­lun­gen mit Hit­ler ein­zu­tre­ten, beruh­te vor allem auf der Erkennt­nis, dass man der Ver­trags­treue des deut­schen Dik­ta­tors (sie­he Mün­chen!) nicht trau­en konn­te, son­dern eher anneh­men muss­te, er wer­de nach einem Frie­dens­schluss die nächs­te sich bie­ten­de Gele­gen­heit wahr­neh­men, auch gegen das Empi­re vor­zu­ge­hen, um des­sen Domi­nanz zu bre­chen. Hit­lers Feind­schaft zum Bol­schwis­mus bestand a prio­ri und war auch nicht ver­söhn­bar durch einen even­tu­el­le Frie­den mit der Insel. Eher darf man davon aus­ge­hen, es hät­te sei­nen Appe­tit auf die Agres­si­on nach Osten eher gestärkt. 

Sie­he das berühm­te Gespräch Rib­ben­trop-Chur­chill im Okto­ber 1937 in Lon­don, in des­sen Ver­lauf Rib­ben­trop dar­leg­te, Deutsch­land brau­che für sei­ne wach­sen­de Bevöl­ke­rung Lebens­raum im Osten, „Weiß­russ­land und die Ukrai­ne sei­en für die künf­ti­ge Exis­tenz Groß­deutsch­landss (…) unent­behr­lich.“ Von Eng­land und dem Empi­re ver­lan­ge man nur Nicht-Ein­mi­schung, ergo: frei Hand für die deut­schen Plä­ne. Als Chur­chill dem Bot­schaf­ter dies als unzu­mut­bar dar­leg­te, gab Rib­ben­trop zur Ant­wort, in dem Fall sei Krieg unver­meid­lich: „Es gibt kei­nen Aus­weg. Der Füh­rer ist ent­schlos­sen. Nichts wird ihn auf­hal­ten, und nichts wird uns aufhalten.“


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