Deutsche Erfindungen

Im Dezem­ber 2018 beschloss ich, einen Gesprächs­ro­man, an dem ich damals arbei­te­te – ein ger­ma­no­phi­ler Chi­ne­se, der wäh­rend der Mer­kel­jah­re in Deutsch­land stu­dier­te, erzählt sei­nem Enkel vom „erstaun­lichs­ten Volk der Erde”; es soll­te eine Art Jugend­buch aus der Zukunft wer­den –, nicht wei­ter­zu­schrei­ben (über die Grün­de sie­he Acta diur­na vom 27. Dezem­ber). Hier folgt ein Aus­zug aus dem Frag­ment, der kei­ner Ein­füh­rung bedarf

„Mei­ne Auf­zeich­nun­gen sind nach der Jah­res­zahl geord­net”, begann Chen Hong­cai. „Gehe davon aus, dass es in die­ser Lis­te etwas durch­ein­an­der geht und dass sie höchst unvoll­stän­dig ist. Um mit der für die euro­päi­sche Neu­zeit wich­tigs­ten Ent­de­ckung zu begin­nen: 1440 erfand der Deut­sche Johan­nes Guten­berg den Buch­druck. Ich weiß, du wirst jetzt ein­wen­den, dass das Papier in Chi­na erfun­den wor­den ist, dass ers­te Druck­plat­ten schon wäh­rend der Tang-Dynas­tie ver­wen­det wur­den, dass Bi Sheng unter den Song-Kai­sern, also vier Jahr­hun­der­te frü­her als der Deut­sche, ein Druck­ver­fah­ren mit aus­tausch­ba­ren Zei­chen erfun­den hat. Alles rich­tig. Und doch lös­te Guten­bergs Erfin­dung eine Wis­sens­ex­plo­si­on aus, der bei uns nichts ent­spro­chen hat. Die Aus­brei­tung des gedruck­ten Buches bedeu­te­te für die Geschich­te der Infor­ma­ti­ons­über­mitt­lung einen ähn­li­chen Ein­schnitt wie die Erfin­dung der Schrift und die Erfin­dung des Com­pu­ters. Das waren drei fun­da­men­ta­le Sprün­ge in der Ent­wick­lung der Mensch­heit, und zwei­mal hat­te Deut­sche dabei ihre Hän­de im Spiel.”

„Ich lese jetzt ein­fach mei­ne Lis­te vor”, fuhr der Alte fort. „Im Jahr 1427 erfand ein Mann namens Hein­rich Arnold die Uhr­fe­der. Der Nürn­ber­ger Peter Hen­lein kon­stru­ier­te 1510 die ers­te trag­ba­re Uhr. Der Astro­nom und Arzt Niko­laus Koper­ni­kus hin­ter­ließ bei sei­nem Tod 1543 eine voll­stän­di­ge Theo­rie vom Umlauf der Pla­ne­ten um die Son­ne und der Erd­dre­hung. Was er zu Papier gebracht hat­te, stieß das gesam­te dama­li­ge Welt­bild um, in dem die Erde den Mit­tel­punkt des Uni­ver­sums bil­de­te. Hans Lip­per­hey, Bril­len­ma­cher aus Wesel, führ­te 1608 das ers­te Fern­rohr der Welt vor. Gali­leo Gali­lei benutz­te die­ses Tele­skop unter ande­rem bei sei­ner Ent­de­ckung der Jupi­ter­mon­de. 1609 publi­zier­te der Astro­nom und Mathe­ma­ti­ker Johan­nes Kep­ler die ers­ten bei­den sei­ner drei Kep­ler­schen Geset­ze für die Umlauf­bah­nen der Pla­ne­ten um die Son­ne. 1650 bewies der Mag­de­bur­ger Bür­ger­meis­ter Otto von Gue­ri­cke die Exis­tenz des Vaku­ums. Er pump­te die Luft aus zwei stäh­ler­nen Halb­ku­geln, die dar­auf­hin der Kraft zwei­er Pfer­de­ge­span­ne wider­stan­den und sich nicht von­ein­an­der tren­nen lie­ßen. Die­ser Mann erfand außer­dem die Luft­pum­pe, das Mano­me­ter und das Was­ser­ba­ro­me­ter. Am bemer­kens­wer­tes­ten scheint mir, dass er der Bür­ger­meis­ter einer Stadt gewe­sen ist, die kurz zuvor in einem gräss­li­chen Krieg schwer zer­stört und nahe­zu voll­stän­dig ent­völ­kert wurde.

Eben­falls 1650 erfand der Mönch und Gelehr­te Atha­na­si­us Kir­cher das ers­tes Hör­ge­rät, ein Hör­rohr. 1665 kon­stru­ier­te Ste­phan Far­f­ler, ein gelähm­ter Uhr­ma­cher, den ers­ten Roll­stuhl, mit dem sich ein Mensch aus eige­ner Kraft fort­be­we­gen konn­te; mit einer Hand­kur­bel trieb er über ein Zahn­rad das Vor­der­rad an. 1756 schuf Phil­ipp Pfaff den ers­ten Zahn­ersatz nach der Vor­la­ge eines Kie­fer­ab­drucks. 1767 kon­stru­ier­te der Regens­bur­ger Jacob Chris­ti­an Schäf­fern die ers­te Wasch­ma­schi­ne mit Rühr­flü­geln. 1811 prä­sen­tier­te der Schnei­der Albrecht Lud­wig Berb­lin­ger, in Deutsch­land bekannt als der Schnei­der von Ulm, der Öffent­lich­keit den ers­ten Hän­ge­glei­ter, mit dem er zuvor bereits erfolg­rei­che Flug­ver­su­che unter­nom­men hat­te. Bei sei­nem Schau­flug stürz­te Berb­lin­ger in die Donau. Drei Jah­re zuvor hat­te die­ser erstaun­li­che Mann übri­gens die ers­te Bein­pro­the­se mit beweg­li­chem Gelenk gebaut.”

Ein geti­ger­ter Kater kam wür­de­voll vom Gar­ten ins Haus geschritten.

„Seit wann hast du denn eine Kat­ze?”, frag­te der Junge.

„Das ist ein Kater”, erklär­te Chen Hong­cai. „Er ist mir vor kur­zem zuge­lau­fen und will mich anschei­nend nicht mehr ver­las­sen. Ich habe ihn Kater Murr genannt.”

„Murr?”

„Ja, Murr. Aber lass uns fort­fah­ren. 1817 kon­stru­ier­te Karl Frei­herr von Drais das Fahr­rad – damals noch als Lauf­rad ohne Peda­le. 1823 erfand der Che­mi­ker Johann Wolf­gang Döbe­r­ei­ner das ers­te Feu­er­zeug. 1834 erschuf der Berg­haupt­mann Wil­helm August Juli­us Albert das ers­te Draht­seil. 1835 nahm Johann Georg von Ruehl den ers­ten Brut­kas­ten für Früh­ge­bo­re­ne in Betrieb. 1851 stell­te der Inge­nieur Wil­helm Bau­er das ers­te U‑Boot der Welt vor. Nach­dem der Phy­si­ker Johann Hein­rich Schul­ze schon 1725 ent­deckt hat­te, dass sich eine bestimm­te Sil­ber­lö­sung unter Licht­ein­fluss dun­kel färb­te, stell­te der Dresd­ner Fried­rich Wil­helm Enz­mann 1839 die ers­ten Foto­ap­pa­ra­te her. Für die wei­te­re Ent­wick­lung der Foto­gra­fie sorg­te übri­gens eben­falls ein Deut­scher: 1925 stell­te Oskar Bar­nack auf der Leip­zi­ger Früh­jahrs­mes­se den Foto­ap­pa­rat ‚Lei­ca’ vor. Mit ihm begann das Zeit­al­ter der Klein­bild­fo­to­gra­fie, das erst um die Jahr­tau­send­wen­de von den Digi­tal­ka­me­ras been­det wur­de. 1843 ent­deck­te Fried­rich Gott­lob Kel­ler Holz­fa­ser als Papier-Roh­stoff und ent­wi­ckel­te ein Ver­fah­ren zur Mas­sen­pro­duk­ti­on von Papier. 1854 erfand Hein­rich Göbel die Glüh­bir­ne. 1858 kon­stru­ier­te der Glas­blä­ser Hein­rich Geiß­ler eine Glas­röh­re zur che­mi­schen Ana­ly­se von Gasen, in der er ver­dünn­te Gase durch Strom zum Leuch­ten brach­te. Er gilt als der Vater der Ener­gie­spar­lam­pe. 1859 erfand der Phy­sik­leh­rer Phil­ip Reis das Tele­fon. Ihm gelangt es als ers­tem, Töne in elek­tri­schen Strom und wie­der zurück zu ver­wan­deln. ‚Das Pferd frisst kei­nen Gur­ken­sa­lat’, lau­te­te der ers­te tele­fo­nisch über­mit­tel­te Satz der Geschich­te. Reis gab sei­nem Appa­rat auch den Namen Tele­phon. 1875 mel­de­te der Ame­ri­ka­ner Gra­ham Bell die Erfin­dung zum Patent an; er gilt bis heu­te irri­ger­wei­se als der Erfin­der des Tele­fo­nie­rens. Eine wei­te­re Erfin­dung des Johann Phil­ipp Reis waren die Roll­schlitt­schu­he, die als Vor­läu­fer der Inline­skates gel­ten kön­nen. 1866 ent­deck­te Wer­ner von Sie­mens das dyna­mo­elek­tri­sche Prin­zip und kon­stru­ier­te den ers­ten Gene­ra­tor; er ist der Vater des Elek­tro­mo­tors. 1876 erfand Carl von Lin­de den Kühl­schrank mit Wär­me­pum­pe. Im sel­ben Jahr kon­stru­ier­te Niko­laus August Otto den Ben­zin­mo­tor. Eben­falls im sel­ben Jahr ent­deck­te der Arzt Robert Koch unter dem Mikro­skop erst­mals Bak­te­ri­en und ver­blüff­te die Wis­sen­schaft mit der The­se, dass Krank­hei­ten von ihnen ver­ur­sacht wer­den. 1878 stell­te Wer­ner von Sie­mens ein Tele­fon für Schwer­hö­ri­ge her, Vor­läu­fer des Hör­ge­räts, das auch von sei­ner Fir­ma ent­wi­ckelt wurde.”

„Das hört ja gar nicht auf”, wun­der­te sich der Junge.

„Nein, noch lan­ge nicht. Auch wenn die ers­te U‑Bahn in Lon­don fuhr, 1863 war das – wobei man in Wien bereits 20 Jah­re frü­her mit den Pla­nun­gen einer Unter­grund­bahn begon­nen hat­te –, darf als Erfin­der der Metro der bereits erwähn­te Wer­ner von Sie­mens gel­ten, der 1879 die ers­te elek­tri­sche Loko­mo­ti­ve vor­stell­te. Die war für den Tun­nel­be­trieb selbst­ver­ständ­lich ungleich bes­ser geeig­net als die eng­li­sche Dampf­lo­ko­mo­ti­ve. 1881 fuhr in Ber­lin die ers­te elek­tri­sche Stra­ßen­bahn der Welt. Eben­falls 1881 führ­te der Hei­del­ber­ger Frau­en­arzt Adolf Keh­rer die Ent­bin­dung durch einen waa­ge­rech­ten Schnitt ein, spä­ter Kai­ser­schnitt genannt. 1882 erfand Carl Paul Bei­ers­dorf das Pflas­ter. Im sel­ben Jahr lös­te die ers­te elek­tri­sche Stra­ßen­be­leuch­tung von Sig­mund Schu­ckert in Nürn­berg die Gas­la­ter­nen ab. 1886 gelang dem Phy­si­ker Hein­rich Hertz die Über­tra­gung elek­tro­ma­gne­ti­scher Wel­len von einem Sen­der zum Emp­fän­ger. Damals begann die Nut­zung die­ser Wel­len zur mensch­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on, ohne die Ent­de­ckung von Hertz hät­te es nie Smart­pho­ne, Inter­net und WLAN gegeben.”

Chen Hong­cai sah auf und sagte:

„Gewiss, wenn es ihm es nicht gelun­gen wäre, hät­te es irgend­ein ande­rer getan, das unter­schei­det den Wis­sen­schaft­ler, des­sen Ent­de­ckun­gen und Erfin­dun­gen mit einer gewis­sen Not­wen­dig­keit statt­fin­den, vom Künst­ler, des­sen Wer­ke nie­mand sonst schaf­fen kann. Aber natür­lich ent­schei­det das geis­ti­ge Kli­ma eines Lan­des dar­über, wel­che Leis­tun­gen dort mög­lich sind.”

 Der Alte fuhr fort:

„Eben­falls 1886 absol­vier­te Carl Benz in Mann­heim die ers­te Fahrt mit einem Auto­mo­bil, kurz dar­auf folg­ten Gott­lieb Daim­ler und Wil­helm May­bach in Cann­stadt bei Stutt­gart und Sieg­fried Mar­cus in Wien mit ihren ers­ten Autos. 1896 kon­stru­ier­te Gott­fried Daim­ler den ers­ten Last­kraft­wa­gen – ich rede nach wie vor von Welt­pre­mie­ren. 1887 erfand der Inge­nieur Emil Ber­li­ner den Schall­plat­ten­spie­ler. 1891 begann der Flug­pio­nier Otto Lili­en­thal mit sei­nen Gleit­flü­gen, von denen er mehr als tau­send absol­vier­te, bis er 1896 töd­lich ver­un­glück­te. Er gilt als der eigent­li­che Erfin­der des Flug­zeugs. 1893 kon­stru­ier­te Rudolf Die­sel den Die­sel­mo­tor. Die Lis­te deut­scher Moto­ren­er­fin­der ist impo­sant: Lud­wig Els­bett, Felix Wan­kel, Hugo Jun­kers, Nico­laus Otto, Eugen Lan­gen, Wil­helm May­bach, Sieg­fried Mar­cus. Die Deut­schen kon­stru­ier­ten mehr Moto­ren als die Bewoh­ner aller ande­ren Kon­ti­nen­te zusam­men. 1895 ent­deck­te Con­rad Rönt­gen die nach ihm benann­ten Strah­len. 1897 erfand der Che­mi­ker Felix Hoff­mann das Aspi­rin. Im sel­ben Jahr kon­stru­ier­te der Phy­si­ker Karl Fer­di­nand Braun den Bild­schirm, die soge­nann­te Katho­den­strahl­röh­re oder ‚Braun­sche Röh­re’. Der Flach­bild­schirm, der spä­ter die Röh­re ersetz­te, wur­de eben­falls von einem Deut­schen erfun­den: Es war der Phy­si­ker Otto Leh­mann, der 1904 sei­ne Arbeit über ‚Flüs­si­ge Kris­tal­le’ publi­zier­te. 1900 erfand der Unter­neh­mer Emil Rathen­au, Grün­der der All­ge­mei­nen Elek­tri­ci­täts-Gesell­schaft oder AEG, den Föhn.”

Der Kater sprang auf den Schoß des Alten und begann zu schnur­ren, als die­ser ihm den Nacken kraulte.

„1904 wur­de der Radar von einem Deut­schen erfun­den. Bereits der Phy­si­ker Hein­rich Hertz, von dem ich vor­hin sprach, hat­te ent­deckt, dass elek­tro­ma­gne­ti­sche Wel­len von metal­li­schen Gegen­stän­den refle­k­iert wer­den, und 1904 mel­de­te der Tech­ni­ker Chris­ti­an Hüls­mey­er sein soge­nann­tes Tele­mo­bi­lo­skop zum Patent an. Der Appa­rat mel­de­te ent­fern­te metal­li­sche Gegen­stän­de mit­tels elek­tri­scher Wel­len an den Beob­ach­ter. Im sel­ben Jahr stell­te Her­mann Anschütz-Kaemp­fe den ers­ten Krei­sel­kom­pass vor. Da wir aus einem Land stam­men, in dem der Magnet­kom­pass erfun­den wur­de, soll­ten wir uns das einprägen.”

„Das nimmt ja wirk­lich kein Ende!” rief Chen Li.

„Der Chir­urg Fer­di­nand Sauer­bruch erprob­te zu Anfang des 20. Jahr­hun­derts den soge­nann­ten ‚Sauer­bruch-Arm’, eine Pro­the­se, die die Mus­kel­re­fle­xe des Arm­stumpfs zur Bewe­gung nutz­te. 1902 erfand Robert Bosch die Zünd­ker­ze, 1907 Ott­mar Hein­si­us von May­en­burg die Zahn­pas­ta, 1909 der Che­mi­ker Fritz Hof­mann den syn­the­ti­schen Kau­tschuk. 1912 führ­te der deut­sche Psy­cho­lo­ge Wil­helm Lou­is Stern den Intel­li­genz­quo­ti­en­ten in die Wis­sen­schaft ein. 1916 ließ der Phy­si­ker Alex­an­der Behm das ers­te Echo­lot paten­tie­ren. Das Mobil­te­le­fon wur­de eben­falls in Deutsch­land erfun­den. Bereits 1918 führ­te die Deut­sche Reichs­bahn Expe­ri­men­te mit Funk­te­le­fo­nen durch. 1926 bot sie Rei­sen­den der Ers­ten Klas­se einen mobi­len Tele­fon­dienst an. Auch das Fern­se­hen kommt aus Deutsch­land. Der Stu­dent Paul Nip­kow ließ sich 1883 die Idee paten­tie­ren, ein Bild in Punk­te und Zei­len zu zer­le­gen. Da nie­mand Inter­es­se an der Erfin­dung zeig­te, ver­fiel das Patent, doch 1926 führ­te das Tele­gra­phen­tech­ni­sche Reichs­amt ers­te Fern­seh­ver­su­che durch, und 1931 prä­sen­tier­te Man­fred von Arden­ne das ers­te voll­elek­tro­ni­sche Fern­se­hen. Das regel­mä­ßi­ge öffent­li­che TV-Pro­gramm gab sein Debüt am 22. März 1935 im Ber­li­ner Haus des Rund­funks. Auch die Geburt des Kinos fand in Deutsch­land statt: Am 1. Novem­ber 1895 gaben die Brü­der Max und Emil Skla­danow­sky die ers­te öffent­li­che Vor­füh­rung vor zah­len­dem Publi­kum im Ber­li­ner ‚Win­ter­gar­ten’.”

„Groß­mutter hat mir erzählt, dass ihr euch das ers­te Mal in einem Kino getrof­fen habt”, sag­te der Jun­ge. „Ich ken­ne das ja nicht mehr.”

„Die Kinos sind ver­schwun­den, wie so vie­les”, sag­te Chan Hong­cai. „Lei­der hat auch ein Deut­scher das Wind­rad erfun­den, der Phy­si­ker Albert Betz im Jahr 1920. Vie­le der wun­der­schö­nen deut­schen Land­schaf­ten, die ich von Gemäl­den und Foto­gra­fien kann­te, sind längst durch die­se mons­trö­sen Wind­müh­len ver­un­stal­tet gewe­sen, als ich dort war. 1928 erfand Hans Klenk das Toi­let­ten­pa­pier auf der Rolle.”

Chen Li lach­te. Der Alte stimm­te ein. „Die­ser Mann war ein Wohl­tä­ter der Mensch­heit! Es war übri­gens auch ein Deut­scher, der ein Patent auf das ers­te Papier­ta­schen­tuch anmel­de­te. Ja, sie konn­ten wirk­lich sehr prak­tisch sein, die­se Deut­schen. Aber wei­ter. 1928 erfand Fritz Pfleu­mer das Ton­band, eine Spei­cher­tech­nik, die uns heu­te wie ein Dino­sau­ri­er­ske­lett vor­kommt. Mit­te der 1930er Jah­re prä­sen­tier­ten Hein­rich Focke und Georg Wulf den ers­ten Hub­schrau­ber der Welt. Er erreich­te 2500 Meter Flug­hö­he, das war damals eine Welt­sen­sa­ti­on. Auch das Elek­tro­nen­mi­kro­skop ist eine deut­sche Erfin­dung. Die ers­te auf magne­ti­schen Kräf­ten beru­hen­de Lin­se wur­de 1926 vom Phy­si­ker Hans Busch ent­wi­ckelt. 1931 kon­stru­ier­ten der Phy­si­ker Ernst Rus­ka und der Elek­tro­tech­ni­ker Max Knoll das ers­te Elek­tro­nen­mi­kro­skop. Die Magnet­schwe­be­bahn hat der Deut­sche Her­mann Kem­per erfun­den, 1934 ließ er sei­ne Idee paten­tie­ren. Die Deut­schen – die spä­ten Deut­schen, die Deut­schen mei­ner Zeit – lehn­ten die Magnet­bahn übri­gens ab, in Deutsch­land fuhr sie nie, aber sehr schnell bei uns. 1936 erfand Hans von Ohain das Düsen­trieb­werk. Das ers­te Strahl­flug­zeug, die Hein­kel He 178, flog am 27. August 1939. Der ers­te Über­schall-Düsen­jä­ger hieß Mes­ser­schmidt Me 262, er absol­vier­te 1941 sei­ne ers­ten Flü­ge. Der deut­sche Rüs­tungs­mi­nis­ter Albert Speer plan­te für 1945 auch den ers­ten Pas­sa­gier­flug der Welt mit einer Düsen­ma­schi­ne, aber der Krieg ver­hin­der­te sol­che Pläne.”

Der Alte nahm einen Schluck Tee und fuhr fort:

„1938 ent­deck­ten Otto Hahn und sein Assis­tent Fritz Straß­mann im Kai­ser-Wil­helm-Insti­tut für Che­mie in Ber­lin die Kern­spal­tung. Als Hahn Uran mit Neu­tro­nen beschoss, stell­te er fest, dass die Zahl der Spal­tun­gen sich ver­viel­facht und enor­me Ener­gien frei­ge­setzt wer­den. Mit die­ser Ent­de­ckung ebne­te er sowohl der Kern­ener­gie als auch der Atom­bom­be den Weg. Es waren übri­gens über­wie­gend Deut­sche, die die­se Bom­be schließ­lich in den USA kon­stru­ier­ten. – 1940 schenk­te der Kon­struk­teur Hein­rich Wöhlk der kurz­sich­ti­gen Mensch­heit die Kon­takt­lin­se. 1941 erfand der Inge­nieur Kon­rad Zuse den ers­ten Com­pu­ter, Z3 genannt. Z3 war pro­gram­mier­bar und besaß Spei­cher und Pro­zes­sor. 1942 stieß der deut­sche Inge­nieur Wern­her von Braun, wie man so schön sagt, das Tor ins Welt­all auf. In die­sem Jahr über­schritt ein Pro­to­typ sei­ner V2-Rake­te erst­mals die Höhe von 80 Kilo­me­tern. Die von ihm kon­stru­ier­te Rake­te ‚Aggre­gat 4’ war das ers­te von Men­schen­hand geschaf­fe­ne Objekt, das den Welt­raum erreich­te. Spä­ter bau­te von Braun den Ame­ri­ka­nern die ers­ten Trä­ger­ra­ke­ten für ihre Welt­raum­mis­sio­nen. Übri­gens stammt auch der Count­down aus Deutsch­land, der Regis­seur Fritz Lang hat ihn in sei­nem Film Frau Luna ein­ge­führt. Im April 1945 ent­deck­ten US-Sol­da­ten in Thü­rin­gen ein Düsen­flug­zeug, das anders aus­sah, als alle Maschi­nen, die sie je gese­hen hat­ten: die Hor­ten 229. Es bestand nur aus einem Flü­gel bestand und nahm die soge­nann­ten Tarn­kap­pen­bom­ber vor­weg, die in den USA erst vier­zig Jah­re spä­ter in Dienst gin­gen. Die­ser Jäger wäre allen alli­ier­ten Typen über­le­gen gewesen.

1951 erfand der Elek­tro­tech­ni­ker Rudolf Hell den Scan­ner. 1958 prä­sen­tier­te die Fir­ma Mie­le den Wäsche­trock­ner. 1963 gelang dem Che­mi­ker Hel­mut Zahn die ers­te syn­the­ti­sche Her­stel­lung von Insu­lin. 1969 erfan­den Jür­gen Deth­l­off und Hel­mut Gröt­trup die Chip­kar­te. 1971 wur­de der Air­bag in Deutsch­land paten­tiert; 1980 fuhr eine Limou­si­ne von Mer­ce­des-Benz als ers­tes Auto mit Air­bag. Die heu­te fast ver­ges­se­nen Spei­cher­me­di­en CD, DVD und MP3 sind Anfang der 1980er Jah­re alle­samt in Deutsch­land erfun­den worden.

Übri­gens, habe ich mir noch notiert, kommt auch der Biki­ni aus Deutsch­land, der heu­te in eini­gen Gebie­ten Euro­pas nicht mehr getra­gen wer­den darf, der Frei­bur­ger Valen­tin Lehr hat ihn um 1900 erfun­den, und sogar die typisch ame­ri­ka­ni­sche Base­ball­kap­pe hat sich ein Deut­scher ausgedacht.”

Der Kater ver­ließ mit einem Sprung sei­nen Platz und strich jetzt um die Bei­ne des Jungen.

„In die­ser Lis­te nicht geführt”, fuhr Chen Hong­cai fort, „sind die zahl­lo­sen Erfin­dun­gen der deut­schen che­mi­schen Indus­trie, die am Anfang des 20. Jahr­hun­derts der gesam­ten Welt um Jahr­zehn­te vor­aus war. Selbst die Beschlag­nah­mung deut­scher Indus­trie­pa­ten­te nach dem Krieg nutz­ten den Kon­kur­ren­ten nichts. Die bes­ten ame­ri­ka­ni­schen und eng­li­schen Che­mie­in­ge­nieu­re starr­ten in die deut­schen For­schungs­er­geb­nis­se wie Gym­na­si­as­ten in die Glei­chun­gen der Rela­ti­vi­täts­theo­rie. Auch die gan­ze west­li­che Indus­trie­spio­na­ge war sinn­los, weil nie­mand ver­stand, was die Spio­ne da lie­fer­ten. Man muss­te noch die Wis­sen­schaft­ler dazu kau­fen. Da waren wir aber spä­ter auch nicht besser.”

Der Alte strich sich durch den Bart und lächelte.

„Nicht ent­hal­ten in mei­ner Lis­te sind berühm­te wis­sen­schaft­li­che Theo­rien, etwa die der Plat­ten­tek­to­nik, die Alfred Wege­ner 1915 auf­stell­te, oder das ers­te Peri­oden­sys­tem der Ele­men­te, das Che­mi­ker Juli­us Lothar Mey­er 1864 aus den damals bekann­ten 63 Ele­men­ten ent­warf. Nicht erwähnt sind aber auch die vie­len deut­schen Phy­si­ker, die das moder­ne Welt­bild erschaf­fen haben, von Max Planck, dem Ent­de­cker des Wir­kungs­quan­tums, bis zu Albert Ein­stein, dem Schöp­fer der All­ge­mei­nen und der Spe­zi­el­len Rela­ti­vi­täts­theo­rie und Wer­ner Hei­sen­berg, dem Enecker der Unschär­fe­re­la­ti­on. Nicht erwähnt habe ich, dass Deutsch­land 84 Chemie‑, Phy­sik- und Medi­zin-Nobel­preis­trä­ger her­vor­ge­bracht hat, die meis­ten vor dem zwei­ten Welt­krieg, dazu 18 öster­rei­chi­sche und eine Rei­he deutsch­spra­chi­ge Schwei­zer Nobel­preis­trä­ger in den natur­wis­sen­schaft­li­chen Spar­ten. Nicht erwähnt habe ich den Arzt Para­cel­sus, Ent­de­cker des Was­ser­stoffs und Erneue­rer der Medi­zin im Spät­mit­tel­al­ter. Nicht erwähnt habe ich Gott­fried Wil­helm Leib­niz, den deut­schen Leo­nar­do da Vin­ci. Leib­niz war der letz­te Uni­ver­sal­ge­lehr­te. Er leb­te an der Gren­ze vom 17. zum 18. Jahr­hun­dert, erfand unab­hän­gig von Isaac New­ton die Dif­fe­ren­ti­al­rech­nung, ent­wi­ckel­te ein dua­les Zah­len­sys­tem, mach­te che­mi­sche Expe­ri­men­te, beschäf­tig­te sich mit Geo­lo­gie, Berg­bau und Mecha­nik, kon­stru­ier­te Taschen­uh­ren, Tür­schlös­ser, einen Wind­ge­schwin­dig­keits­mes­ser, eine Rechen­ma­schi­ne und ent­warf Plä­ne für Schif­fe, die unter Was­ser fah­ren konn­ten. Er schrieb mathe­ma­ti­sche, phi­lo­so­phi­sche, his­to­ri­sche, sprach­wis­sen­schaft­li­che, juris­ti­sche und natur­ge­schicht­li­che Abhand­lun­gen und unter­brei­te­te dem fran­zö­si­schen König Lud­wig XIV. in einer Denk­schrift den Plan, Ägyp­ten zu erobern. Der Fran­zo­sen­kai­ser Napo­le­on hat es spä­ter getan. Nicht erwähnt habe ich den berühm­tes­ten Mathe­ma­ti­ker des 19. Jahr­hun­derts, Carl Fried­rich Gaus. Und vie­le ande­re auch nicht.”

„Das sind alles Ereig­nis­se, die ziem­lich weit zurück­lie­gen”, wand­te Chen Li ein.

„Gewiss. Die­se Nati­on, die so vie­le bedeu­tend Erfin­der, For­scher und Kon­struk­teu­re her­vor­ge­bracht hat­te, erzeug­te zuletzt gan­ze Scha­ren von Tech­nik­fein­den und Natur­wis­sen­schafts­ver­leum­ndern. Als ich dort stu­dier­te, ging schon die Kla­ge um, dass sich so weni­ge Stu­di­en­be­wer­ber in Mathe­ma­tik, Phy­sik, Che­mie, Phar­ma­zeu­tik oder Bio­tech ein­schrie­ben. In den Schu­len san­ken die Leis­tun­gen in den natur­wis­sen­schaft­li­chen Fächern kon­ti­nu­ier­lich, was nur des­halb nicht wei­ter auf­fiel, weil auch immer weni­ger deut­sche Abitu­ri­en­ten ein feh­ler­frei­es Deutsch spre­chen und schrei­ben konn­ten. Gan­ze Scha­ren von Nichts­kön­nern ver­lie­ßen die Schu­len und schrie­ben sich in Fächern wie Poli­tik­wis­sen­schaf­ten, Sozi­al­psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie oder Gen­der-Stu­dies ein.”

„Was-Stu­dies?”

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